nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Na, wenn man sonst nichts zu tun hat….

oder das, was man zu tun hat, vor sich herschiebt, hat man Zeit für allerlei Kram.

Samstags zum Beispiel, wenn eigentlich Arbeiten anstehen wie Putzen oder Unkraut jähten oder den gewünschten Artikel fertig stellen, kann man statt dessen wunderbar durchs Netz surfen und auf Artikel stoßen, die einen zum Nachdenken bringen. Heute habe ich einen Beitrag gefunden, der über zwei Aussteiger aus unserem Ort erzählt. Sie haben ihr Haus ver- und sich ein Segelboot gekauft und steigen aus. Einfach so. Ordentlich vorbereitet, nehmen sie Abschied und hauen ab.
In meinem Alter, den gewohnten Spießeralltag hinter sich lassen und reisen.
Und was mache ich?

Wahlweise abhängen, rumhängen oder durchhängen.

Nicht der Artikel oder die Geschichte der beiden hat mal wieder dazu geführt, dass die Sinnfrage auftaucht, sondern der Alltag in der letzten Zeit.
Ist es die nächste anstehende Depriphase? Oder grundsätzlich eine Krise, weil der 43. Geburtstag ansteht und die Frage, wann man wohl ins Gras beißen wird und was man bis dahin noch für Ziele haben soll?
Ich habe nicht nur keine Chance mehr, sondern auch nicht mehr wirklich Lust, beruflich weiterzukommen bzw. mich in eine andere Richtung zu orientieren. Meine Kraftreserven habe ich in jungen Jahren komplett verschossen, die Tanks sind leer, und ich will mehr oder weniger auf diesem Gebiet einfach nur noch meine Ruhe haben, mein Geld verdienen, damit ich ein Auskommen habe und in der Freizeit einfach leben, ohne büffeln zu müssen für Prüfungen, wie ich das 9 jahre lang getan habe.
Dass ich die Ehre habe, einen Mitarbeiter in gehobener Position zu vertreten, wenn der nicht da ist, tangiert mich mittlerweile peripher. Also zumindest heute.

Aber was mache ich denn sinnvolles mit meiner Freizeit? Meistens bin ich von der Arbeit so erschlagen, dass an Action gar nicht mehr zu denken ist. Ich bewundere ja diejenigen, die dann als Fallschirmspringer oder Freeclimber unterwegs sind oder wenigstens einen Halbmarathon laufen. Ich kann nur noch alle Viere von mir strecken. Und lesen. Halte ich ja für besonders wertvoll. Kann man viel lernen und ausruhen und abschalten und auf andere Gedanken kommen. Nur nicht vor die Tür gehen müssen.

Oh ja, es läuft alles toll.
Vor 2 Wochen hatte ich wieder ein Gespräch mit der Ärztin. Sie ist ja so stolz auf mich, und bald können wir die Medikation reduzieren. Zum Schlafen brauche ich derzeit ja nichts, weil ich halbtot auf der Couch liege, wenn der Feierabend erreicht ist und ich lange vor Mitternacht im Koma liege.
Und so ist halt das Leben, nachmal gibt es Rückschläge, kein Grund für Depressionen, wenn das Auto den Geist aufgibt und gleichzeitig die Waschmaschine, kann man ja alles irgendwie hinkriegen, zur Not mit Ratenzahlung.
Dann lesen wir eben mal wieder ein Yogabuch oder eins über Resilienz und bilden uns ein, das wird schon wieder.

Wir haben doch alles. Netz und doppelten Boden und soziale Absicherung und gut geratene Kinder.

Manchmal ist mir danach, mit einer Axt durch die Welt zu rennen und Mitmenschen, die mir auf den Sack gehen, den Schädel zu spalten, manchmal bin ich der Pausenclown, und dann könnte ich in Tränen ausbrechen.
Ist das jetzt die nächchste Depriphase, oder drohen die Wechseljahre früher zu kommen, als das normal der Fall ist?
Ich werde demnächst 43 und stürze vielleicht deshalb in eine Sinnkrise, weil, wer weiß, ob ich nochmal so viele Jahre vor mir habe, oder ob ich bald den Löffel abgebe und nichts hinterlasse, worüber es sich lohnen würde, ein Wort zu verlieren. Aber das hatte ich ja schon weiter oben.

Vielleicht geht mir auch einfach nur das Wetter auf die Nerven.
Es gibt ja viele Ausreden oder dumme Antworten auf Fragen, die einen so beschäftigen.

Man muss nur lange genug in einem Abgrund blicken, bis der Abrund auch in einen selber blickt.
Oh nein, jetzt auch noch Nietzsche.

Ich muss weg.
Tschö.

Der einzige Mensch, der an mir zweifelte, war ich.

Und dann musste ich mich in meiner Rolle als Vertretung des Chefs beweisen. Und ich bin immer noch überwältigt.
Die drei Wochen, in denen ich alleine als Führungskraft das Team unter mir hatte, sind um. Jetzt habe ich eine Woche Pause, bis ich wieder die Rolle übernehmen muss.
Die Ängste, die mich zu Beginn geplagt hatten, sind verschwunden. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es so gut läuft und ich tatsächlich alle Hürden so nehme, mit Ruhe und Besonnenheit und mit Stärke. Ohne Angst vor der Herausforderung und vor allem bei Problemen von außen, die quasi an der Tagesordnung waren. Ich habe alles geschafft, was verlangt wurde, ohne über Leichen zu gehen. Das Team war einfach nur ein Traum und hat mir zu jeder Zeit Respekt entgegengebracht.

Ich wollte so gerecht sein wie möglich, niemanden bevorzugen, niemanden vernachlässigen, und ich habe mich so verhalten, wie ich mir einen Vorgesetzten wünsche, und es hat geklappt. Ich habe meine Launen nicht an den Mitarbeitern ausgelassen, ich habe versucht, sehr viel Humor einzubringen, was mir gelungen ist. Und dabei war dennoch klar, ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Ich habe keine Diskussionen gescheut und kein Streitgespräch.

Und das größte Geschenk waren die Rückmeldungen der Kollegen und Vorgesetzten ganz oben, die durchweg positiv waren.

Wie kann das sein? Nachdem ich 12 Jahre in einer anderen Position so klein gehalten wurde, bis ich mir selbst rein gar nichts mehr zugetraut habe und wirklich dachte, ich bin einfach nur dumm und kann gar nichts. Erst recht keine Leistung bringen, die zufriedenstellend ist.
Ich hatte keinen Hehl daraus gemacht, weshalb ich krank war, als ich den neuen Job angetreten habe. Und dennoch hat man mir die Chance gegeben, mich zu beweisen. Der einzige Mensch, der Zweifel an meinen Führungsqualitäten hatte, war ich. Deshalb konnte ich kaum noch schlafen, als man mir mitgeteilt hatte, ich werde künftig den Chef vertreten. Am liebsten hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Und ich war mir sicher: das wird gewaltig schief gehen. Ich würde bestimmt beweisen, dass ich nicht in der Lage bin, ein Team zu leiten oder eine ganze Abteilung. Wie können die mir das antun, wo sie doch wissen, was mit mir los ist?
Diese Zweifel habe ich auch laut geäußert, allerdings ging der Chef überhaupt nicht darauf ein. „Ich weiß, dass du das kannst, und du machst das schon! Ende der Diskussion!“

Ich hatte fest damit gerechnet, dass während seiner Abwesenheit alles zusammenbrechen wird und ich die Abteilung herunterwirtschafte und dann mit der Schande leben muss.

Aber nichts dergleichen ist passiert.
Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegen die gößte Rolle bei allem gespielt haben. Hätten Sie mir nicht dieses übermäßige Vertrauen und den Respekt entgegen gebracht, wäre alles niemals so perfekt gelaufen. Sie hätten sich weigern können, mich anzuerkennen, schließlich bin ich noch nicht lange dabei. Sie hätten mir ans Bein pinkeln können, anstatt so hinter mir zu stehen. Dafür bin ich unendlich dankbar, und das habe ich auch so kommuniziert.
Vor allem „nach oben“. Ich stand hinter jedem Mitarbeiter, der seine Arbeit korrekt erledigt hat, wenn von ganz oben irgendwas geprüft wurde und ein Kollege angegriffen wurde. Ich habe kein Blatt vor den Mund genommen, auch die höheren Tiere zu bremsen, ist mir nicht schwergefallen.
Wie kommt das? Woher habe ich auf einmal diese Sicherheit und dieses Selbstbewusstsein? Warum schien anderen von vornherein klar, dass ich diesen Job schaffe, nur mir nicht? Vermutlich, weil jetzt alles stimmt. In meinem alten Job hätte ich erstens niemals diese Chance bekommen und zweitens wäre ich boykottiert worden, da bin ich sicher.
Es spielt also doch eine Rolle, wie das Umfeld mit einem umgeht.

Ich bin unendlich dankbar, dass man mir diese Chance gegeben hat, und dass ich mich beweisen konnte. Nach meiner Vergangenheit mit den Depressionen ist das nicht seblstverständlich und ich hätte nie damit gerechnet. Es ist ein Glücksfall, dass ich in diesem Job und diese Möglichkeit bekommen habe.

Dabei war mir immer klar: du bist nichts, du kannst nichts, man nimmt dich nicht ernst.
Und dann kam ich in diese Abteilung und meine Depressionen haben auf einmal keine Rolle mehr gespielt. Die Kollegen sagen lediglich: Wenn man dich sieht, rechnet man niemals damit, dass du so krank warst.
Kollegen wie Vorgesetzte reden mit mir über ihre Sorgen und sind davon überzeugt, dass es jeden treffen kann. Stellenweise schüttet man mir sein Herz aus, gibt zu, dass man auch Medikamente nimmt oder Angst davor hat, vor lauter Überlastung auch krank zu werden. In Gesprächen mit den Herren der Führungsebene behandelt man mich, als stünde ich auf gleicher Stufe, einer hat mir sein Lob ausgesprochen darüber, wie ich mit der Direktion kommuniziere und Stellung zu meinen Kollegen beziehe.
Oft dachte ich einfach nur: WTF?! Wann reißt ihr euch die Masken runter und schreit: HAHA! Verarscht! Du Null!

Jemand, der nicht in meiner Lange war, kann vermutlich nicht nachvollziehen, was mir die letzten Wochen bedeutet haben und was mir die Arbeit mit den Kollegen bedeutet. Und wenn wir ehrlich sind, ist das vermutlich eine absolute Ausnahme.

Andererseits habe ich aber sehr viel gelernt. Aus den Therapien der vergangenen Jahre, aus den unzähligen Büchern, die ich gelesen habe, aus Gesprächen mit anderen Patienten und Ärzten. Vermutlich ist also auch ein großes Stück mein eigener Verdienst und meine Arbeit an mir selbst.
Nicht zuletzt muss ich mich aber auch fragen: welchen Anteil haben die Medikamente? Hätte ich ohne meine Tabletten auch so ruhig bleiben können? Wäre mein Hirnstoffwechsel ohne chemische Hilfsmittel in der Lage, das alles zu stemmen?

Fakt ist: mein Leben braucht Struktur. Ich brauche Schlaf (der hat gelitten in den vergangenen Wochen, das gebe ich zu, und daran muss ich noch arbeiten).
Alle negativen Einflüsse, wie z. B. Menschen, die mir nicht gut taten, habe ich aus meinem Leben gestrichen.
Ich umgebe mich nicht mehr mit Leuten, die mich permanent schlecht machen und manipulieren wollen. Ich tue nichts mehr, nur weil es von mir verlangt wird, mich aber insgeheim ankotzt.
Ich nehme mir die Freiheit, nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will.
Ich verhalte mich in jeder Situation menschlich, bringe Verständnis auf, verlange das aber auch für mich.
Ich achte darauf, dass ich mich wohl fühle, dann kann ich auch schwere Tage gut überstehen. (Nicht zuletzt, und das mag lächerlich klingen, achte ich darauf, dass ich Klamotten und Schuhe trage, in denen ich mich nicht unwohl fühle und mich ein bisschen Schminke.)
Wenn man selbst mit sich zufrieden ist, fühlt man sich sicherer und zeigt das auch nach außen.
Ich bleibe auch in schwierigen Situationen ruhig, weil ich z.B. Beschwerden von Kunden nicht als persönlichen Angriff auffasse. (Erstaunlich, wie ich in Gesprächen den Kunde am Ende davon überzeugt habe, dass er eigentlich doch zufrieden ist.)

Ich will euch Mut machen mit meinem Bericht, und ich will euch zeigen, dass alles wieder ganz anders werden kann. Dass man nicht für immer in der Depressionshölle schmoren muss.
Ich weiß, wenn man Arschgeigen um sich hat, ist das schwer oder es klappt einfach nicht, das habe ich ja selbst jahrelang erlebt. Aber man MUSS eben was ändern. Eine Depression verschwindet vermutlich so lange nicht, bis man alles, was schädlich ist, aus seinem Leben entfernt hat. Das ist ein langer und verdammt schwerer Weg. Es bedeutet erst mal Verlust und Schmerz, sich von Dingen, Menschen oder Verhaltensweisen, an die man gewöhnt ist, zu verabschieden.
Aber so lange man an Situationen festhält, die einem mehr schaden als nutzen, wird sich genau gar nichts ändern.

Ich wünsche jedem einzelnen, der an Depressionen leidet, dass er gesund werden kann, dass er entdeckt, was ihm schadet, und dass er die Kraft aufbringen kann, das zu ändern.
Und ich wünsche ihm das Glück, das ich hatte, dass solche Menschen in sein Leben treten, wie das bei mir passiert ist.
Nur treten die erst dann in ein Leben, wenn Platz für sie geschaffen wurde – heißt: wenn die schlechten verschwunden sind, weil man sich von ihnen verabschiedet hat.

Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Es ist logisch. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und habe mich selbst in der Depression nicht einlullen lassen von „höheren Mächten“ oder was auch immer.

Geht in eine Kinik, lasst euch helfen, besucht einen Facharzt, macht eine Therapie, sucht euch Hilfe, redet mit Betroffenen, gebt nicht auf! Schämt euch nicht!
(Auch jetzt nicht, bei gegebenem Anlass: wir sind depressiv, keine Killer, die Flugzeuge abstürzen lassen)

Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die euch das Leben kosten kann. Auch ich hatte keine Lust mehr, zu leben.
Aber es kann immer alles wieder gut werden. Nehmt den Kampf auf! Er ist es verdammt nochmal wert.

Ich wünsche euch alles, alles, alles erdenklich Gute!

Depressionsstatus: Sie ist weg

Ganz schön viel Zeit vergangen seit dem letzten Post. Und auch ganz schön viel passiert. Leider nicht ausschließlich schönes. Das vergangene Jahr hat genauso beschissen aufgehört, wie es angefangen hatte, und das neue begann mindestens genauso mies, wenn nicht schlimmer. Jedoch, und das ist das hüpfende Komma: ich habe auf die unschönen, niederschmetternden Ereignisse NICHT MIT EINER DEPRESSION reagiert. Auch wenn ich irre Angst davor hatte, wieder einen Rückfall zu erleiden. Ich gebe zu, ich war zeitweise geschwächt, hätte mich lieber verkrochen, wäre lieber nicht aufgestanden, hätte mich lieber mit Tabletten weggeballert, um das Elend nicht ständig im Kopf zu haben. Das Entscheidende ist aber: ich habe es nicht getan. Ich habe gelitten, und bin dennoch nicht daran zerbrochen. Ich habe stressige Zeiten überstanden und zeitweise nicht zuletzt für mich erstaunlich gelassen reagiert.
Zwar will ich den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, mit ab und an einem schlechten Tag oder auch zwei oder drei, kann ich gut damt leben. Denn: das ist keine Depression mehr, glaube ich. Das sind normale Reaktionen auf Verletzungen, Stress, Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und meinetwegen auch auf hormonelle Schwankungen.
Das Leben ist nicht immer nur Spaß, Friede, Freude, Eierkuchen. Manchmal kriegt man was auf die Fresse. Wenn einen das nicht mehr komplett aus der Bahn wirft, und man alleine wieder aufstehen kann, hat man es evtl. geschafft.

Ich habe zum Ende des Jahres nochmal einiges beenden müssen, was mir nicht gut getan hat. Zum einen hieß das, zum Großteil der Verwandtschaft den Kontakt abzubrechen, mit einem extrem harten Schnitt, sehr unschön. Ich habe auf mein Erbe verzichtet, um Ruhe zu haben und endlich frei zu sein. Die Aktion beim Notar war beschämend, allerdings nicht für mich. Als ich die Kanzlei verlassen hatte, war ein weiterer Knoten in mir drin weg. Ich bin nun kein Teil dieser krankmachenden Seite mehr. Ich bin quasi Halbwaise geworden, obwohl noch niemand gestorben ist. An manchen Tagen tut es noch etwas weh, wenn in meinen Gedanken Fragen auftauchen, warum man sein Kind so sehr hasst, nur weil es ein Mädchen geworden ist und nicht der ersehnte Thronfolger. (Ich gestehe, auch jetzt füllen sich meine Augen mit einer unangenehmen Flüssigkeit).
Gerade, weil ich selbst Mutter bin und meine Tochter über alles liebe, ihr niemals irgendetwas schlechtes wünsche oder antun könnte, kommen mir manchmal Ideen davon, was für ein schrecklicher Mensch ich sein muss, weil der eigene Erzeuger mich schon immer ablehnt. Dabei habe ich doch immer Leistung gezeigt. Geschuftet, es als Frau alleine zu einigem gebracht. Drei Berufe gelernt, mehr verdient als meine Brüder, ein Kind allein erzogen, Haus gebaut, Depressionen überstanden.
Leider hat das nie ausgereicht. Höchstens für Neid, weil man dachte, mir sei alles zugeflogen. Aber das ist nur meine Theorie und muss mit der Wirklichkeit ja nicht unbedingt etwas zu tun haben.

Beruflich sieht es da anders aus. Der neue Job ist um ein vielfaches stressiger als der alte, allerdings gehe ich darin auf. Der Respekt, den man mir immer noch entgegenbringt, ist ein Zugpferd für mich, und immer noch unglaublich. Nicht zuletzt die Tatsache, dass man mich, nachdem ich nach einer langen Arbeitsunfähigkeit wegen Depressionen neu in die Abteilung gekommen bin, zur Vertretung des Chefs gemacht hat, ist für mich einfach unfassbar. Dabei war mir all die Jahre klar, ich werde es nie wieder zu irgendwas bringen und immer nur als die mit den Depressionen bekannt sein. So war es im alten Job. Und jetzt heißt es nur: na und? Jetzt bist du wieder da, und du machst deine Sache gut.
Ich mag die Chefrolle nicht. Ich möchte nicht delegieren und Kollegen, die viel länger da arbeiten und älter sind als ich sagen, was sie zu tun haben. Ich sehe mich nicht aus Autorität. Umso erstaunlicher ist es, dass ich so gesehen werde. Die nächsten Wochen muss ich die Chefin sein, ich hatte panische Angst davor. Aber die Kollegen stehen hinter mir, fragen mich und respektieren meine Entscheidungen. Neben der Chefrolle muss ich noch meinen eigentlichen Arbeitsplatz betreuen, ich bin also ziemlich geschlaucht, wenn ich nach Hause komme. Und ich muss aufpassen, mich nicht wieder dahin drängen zu lassen, woher ich gerade gekommen bin. Ich halte Überstunden in überschaubaren Grenzen, und gehe nach Hause, wenn ich nicht mehr kann. Das ist für die Arbeit nicht förderlich, aber für mich notwendig. Ich werde Fehler machen, das wird nicht ausbleiben. Die werden mich aber nicht umbringen, schlimmstenfalls für Ärger sorgen, den ich dann eben ausbügeln muss.
Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen, sondern motze zurück, wenn ich angezickt werde und habe deshalb auch mal miese Laune.
Was mir aber sehr hilft, ist mein Humor. Egal, wie stressig der Tag ist, wie ernst irgendeine Tagesordnung, oder wie angepisst ein Kunde ist – ich versuche menschlich zu bleiben und ab und an einen Spaß zu machen, die Kollegen zum Lachen zu bringen, und oft gelingt mir das auch bei Kunden.
Mit meinen Depressionen gehe ich nach wie vor offen um, und auch hier sehe ich mittlerweile ab und an Humorpotential. D.h. eigentlich glaube ich, dass ich keine Depressionen mehr habe. Zumindest derzeit nicht.

Was nach wie vor einen großen Teil in meinem Lebenausmacht, sind Bücher. Die helfen in jeder Lebenslage, die sind ein Muss für mich, die brauche ich, wie ich Luft brauche. Wenn ich einen Tag nicht lesen kann, fehlt mir was, und ich bin unzufrieden. Als es mir so schlecht ging, waren Bücher das einzige, was ich ertragen konnte. Gedichte, Biographien, Sachbücher, Krimis, an Büchern habe ich mich festgehalten, egal zu welchem Thema. Bücher tragen einen großen Teil dazu bei, dass es mir gut geht, selbst, wenn es mir schlecht geht.

Ich gehe auch immer noch zu meiner Ärztin in die Klinik und weigere mich, wieder zu dem Arzt zu gehen, bei dem ich die letzten Jahre war. Wir haben quasi nicht mehr zueinander gepasst.
Die Ärztin sagt, sie ist ein Fan von mir, obwohl ich ihr oft widerspreche und dauernd damit ankomme, wann ich endlich die Tabletten reduzieren kann. Zwar bin ich immer noch Anhänger der  unterstützdenden medikamentösen Behandlung, dennoch glaube ich, bei mir ist es nach mittlerweile 6 Jahren Dauermedikation an der Zeit, es einmal ohne zu versuchen. Leider traut sich die Ärztin noch nicht, die Dosis zu verringen, sondern besteht darauf, dass ich bis mindestens ein Jahr nach Klinikentlassung die Tabletten so einnehme, wie in der Klinik verordnet.
D.h. bis Juni.
Nun… man sollte nicht selbst experimentieren, da ich aber fast die Höchstdosis nehmen musste, habe ich beschlossen, von 225gm (letztes Jahr waren es noch 300mg) auf 150 zu reduzieren. Ganz langsam versteht sich. Geschadet hat es nicht. Absetzerscheinungen hatte ich keine, weil ich eben vorsichtig war und das über Wochen gemacht habe. Die 150mg muss ich aber zwingend nehmen, bis ich weiter ausschleichen und auf 75 gehen kann.
Ich hätte das nicht gemacht, wenn es mir nicht so gut ginge!
Ich bin mir sicher, dass die Medikamente letztes Jahr einen noch schwereren Totalabsturz verhindert haben, wobei der erlebte ja schon schlimm genug war. Mag sein, dass ich niemals ganz ohne Antidepressiva auskommen kann. Um das herauszufinden, muss ich es aber versuchen. Ich weiß seit 2009 nicht mehr, wie ich ohne Tabletten agiere und reagiere. Ich will es wissen! Nicht zuletzt deshalb, weil ich mit meinem gestiegenen Gewicht hadere, das gebe ich zu. Ich fühle mich nicht mehr wohl, aber abnehmen fällt mir irre schwer.
Es steht nicht fest, ob die Tabletten an der Gewichtszunahme Schuld haben (die mich zum Fressen bringen), oder ob das jetzt einfach mit dem Alter zusammenhängt, dass ich nicht mehr, wie früher, alles essen kann, ohne dicker zu werden.
Ich möchte auch wissen, ob ich ohne Tabletten fitter bin. Zwar gab es schon viele Tage in Folge, an denen ich nicht dringend nach der Arbeit erst mal schlafen musste, weil ich mich einfach nicht mehr wachhalten konnte, aber Müdigkeit plagt mich eigentlich nach wie vor. Vereinzelt spüre ich schon sehr viel mehr Energie, aber dann muss ich wirklich ein paar Nächte durchgeschlafen und ein Pensum von mindestens 7 Stunden Schlaf pro Nacht erreicht haben. Was nicht einfach ist, da die Tage einfach zu wenig Zeit für ausreichend Schlaf bieten. Oder um den Haushalt ordentlich zu machen. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Oft frage ich mich, wie ich früher alles unter einen Hut bekommen habe. Vollzeitjob, Nebenjob, nebenberufliche Ausbildung, Hausbau, Oma versorgen, Kind erziehen, Haushalt. Nun… irgendwann gar nicht mehr, weil der Zusammenbruch kam.

Fazit: es geht mir viel, viel, viel besser. Ich bin stabil (meistens), lebe ganz gerne (auch meistens), bin belastbarer geworden, sehe aber nicht ein, meine Grenzen komplett auszureizen. Tage mit Struktur sind besser als ohne (im Urlaub oder während der letzten Grippeerkrankung zu Hause, lasse ich mich hängen und komme schneller wieder ins Grübeln). Panikattacken halten sich in Grenzen, die letzte ist eine Weile her. Ängste habe ich nach wie vor, aber die sind zu händeln, bzw. zu verdrängen. Die haben aber meist mit dem ganz normalen Leben zu tun und dürften sich durch die komplette Menschheit ziehen.
Ich weiß nicht, ob es für dieses mal ausgestanden ist, aber ich glaube schon.
Die Depression wird wiederkommen, das ist so gut wie sicher. Ich hatte schon zu viele Rückfälle, als dass man behaupten könnte, ich werde nicht wieder eine Depression durchmachen, bzw. mir wurde ja letztes Jahr schon gesagt, dass das bei mir eine chronische Sache ist.
Dennoch genieße ich jetzt mal eine depressionsfreie Zeit und das Leben als (fast) normaler Mensch. Mit Höhen und Tiefen.

Ich wünschte, ich könnte allen Depressiven sagen, dass alles wieder gut wird. Und dass ihr euch Zeit geben müsst. Ich werde oft gefragt, wie lange es denn noch dauern wird, bis es einem wieder besser geht… und ich kann immer nur die eine Antwort geben: Es dauert so lange, wie es dauert.

Alles Gute für euch❤

 

Vier Wochen später

Mittlerweile sind schon vier Wochen um seit dem ersten Tag im neuen Job.
Es gab noch keinen Tag, an dem ich nicht hin wollte. Klar, manchmal bin ich sehr müde, bedingt durch die Tabletten, und ich würde gerne noch eine Weile schlafen, drücke den Wecker mehrfach aus, allerdings überliste ich mich dadurch, dass ich ihn eine halbe Stunde früher stelle.
Vier Stunden täglich habe ich die letzten beiden Wochen gearbeitet, danach war ich meistens auch ziemlich erschlagen. Aber zufrieden.
Nur einmal bin ich bisher in mein altes Verhaltensmuster gefallen. Ich wurde auf einen angeblichen Fehler angesprochen, den ich gemacht habe. Nach Prüfung hat sich herausgestellt, dass es gar kein Fehler war. Das hat mich stinksauer gemacht und ziemlich aufgeregt, ich bin innerlich sofort an die Decke gegangen, weil ich befürchtet habe, es könne so laufen, wie bei der alten Stelle – sofort wird alles auf mich abgewälzt, ohne genau zu prüfen, was eigentlich Sache ist.
Ich habe mich sofort verteidigt und aufgeklärt, dass ich alles richtig gemacht habe, und klargestellt, dass es mich ärgert, mir etwas anzuhängen, was ich nicht verbockt habe. Die Kollegin ist also gewarnt.
Überhaupt fällt auf, dass es dort oft Missverständnisse gibt, weil man nicht richtig zuhört oder ungenau arbeitet. Die Kollegen sehen das allerdings recht locker und sagen von sich selbst, dass oft Fehler gemacht werden, die man dann wieder ausbügeln muss, aber das sei normal, das passiere allen Kollegen.
Das ist mir absolut fremd. Fehler eingestehen, und überhaupt, Fehler machen – das kenne ich nicht von den alten Kollegen, das wurde grundsätzlich mir in die Schuhe geschoben.

Mittlerweile haben mir die meisten das „Du“ angeboten, jeder erzählt viel Privates von sich, was ich auch nicht kenne. Es wird gelacht, gescherzt, die ganze Stimmung ist äußerst familiär, und der Respekt, der mir entgegen gebracht wird, ist unglaublich.
Selbst der Chef hat mich gefragt, ob es irgendjemanden gibt, mit dem „ich nicht kann“, das würde er bei der Teameinteilung berücksichtigen. Es gibt niemanden, ich komme bisher mit allen klar, und ich habe ich nicht das Gefühl, dass jemand mich ablehnt. Ich fühle mich voll integriert und aufgenommen.

Wenn man meine früheren Beiträge aus den letzten Monaten liest, ist es sogar für mich sebst unfassbar, dass ich seit meinem ersten Arbeitstag keine depressiven Gedanken mehr habe.
Privat ist jetzt wohl auch alles geklärt, Erbverzicht erledigt, Kontakte abgebrochen. Ich habe enorm hohe Kosten am Hals und Rechnungen hier liegen, die mir eigentlich den Magen umdrehen. Aber auch das wird irgendwie funktionieren und treibt mich jetzt nicht wieder in die Tiefen der Depression. (Ehrlichgesagt habe ich das die letzten Tage eher verdrängt.)

Nur körperlich fühle ich mich noch nicht wieder hergestellt. Meine Müdigkeit nervt mich, aber auch da gestehe ich mir zu, eben zu schlafen oder auszuruhen. Das Pensum, das ich geleistet habe, bis ich vor 5 Jahren die Krätsche gemacht habe, werde ich nie wieder erreichen können, aber das muss auch nicht sein.
Wenn ich vom Arbeiten komme, muss ich erst mal schlafen. Dass es hier aussieht, wie Sau, belastet mich, aber ich habe nicht die Kraft, auch noch einen perfekten Haushalt zu führen, und so mache ich nach und nach das Nötigste, und, wenn ich genug Energie habe, auch mal etwas mehr. Was bisher zu selten der Fall war.
Ein anderes Thema ist das Essen. Ich bin von Kleidergröße 32/34 in den extremsten Zeiten auf eine Kleidergröße von aktuell 40 gekommen!! Das kotzt mich ehrlichgesagt etwas an, macht mich jetzt aber auch nicht mehr so fertig, dass ich deswegen Heulkrämpfe bekomme. Ich kann es nicht lassen. Es ist, als würden die Tabletten meinem Hirn den Befehl zum Essen geben. Hauptsächlich Süßes natürlich. Zwischenzeitlich hatte ich den Gedanken, die Medikamente deshalb einfach abzusetzen. ALARM!!!!
Ich kann also entweder dünn und depressiv oder gesund und etwas kräftiger sein. Böse Falle. Derzeit ist es mir wichtiger, dass ich nicht depressiv bin.

In zwei Wochen werde ich wieder Vollzeit arbeiten. Davor habe ich Schiss, muss ich gestehen. Aber es muss wieder vorwärts gehen, und ich brauche mein Gehalt, um auch finanziell wieder auf die Beine zu kommen.

Also kommen wir zum Fazit: Du wirst so lange von Depressionen gebeutelt, bis du kapierst, was dir schadet und das änderst? Bei mir kommt das vermutlich hin.
Ich habe eine Arbeit gemacht, von der ich wusste, es wird sich nie was ändern. Ich habe es gehasst, dort zu arbeiten, es hat mich kaputt gemacht. Aber ich habe 12 Jahre nichts geändert, weil ich keinen Ausweg gesehen habe. Ich dachte, ich kann nichts anderes, und ich hatte Angst vor Neuem. Das alles hat sich auch auf mein Privatleben ausgewirkt und mich immer kleiner werden lassen.
Dennoch kann ich niemandem raten, seine Arbeit einfach hinzuschmeißen, wenn sie ihn krank macht, denn das habe ich selbst nicht getan. Mir wurde die Entscheidung abgenommen und ich habe nachgegeben. Zum Glück!

Für mich heißt das nicht, dass ich wie durch ein Wunder geheilt bin. Ich trage diese Anlage in mir. Es kann, sei es durch einen äußeren Auslöser oder weil mein Serotonin wieder spinnt, jederzeit wieder soweit sein.
Aber aktuell geht es mir gut. Ich warte nicht panisch darauf, dass es wieder losgehhen könnte, und ich habe auch keine Angst davor, dass es bald wieder soweit sein könnte. Ich bin mir sicher, dass das nicht meine letzte Depression war. Aber wann die nächste kommt, weiß ich ja jetzt noch nicht. Deshalb mache ich mich nicht weiter verrückt. Vielleicht dauert es ja viele Jahre, vor allem, wenn ich kapiere, dass ich mich nicht wieder selbst bis weit über meine Grenzen treibe.
Dass ich an mir arbeiten muss, wird nie aufhören. Ich bin so auf Leistung und Schnelligkeit und Verantwortung getrimmt, dass ich wie in der Schule ständig Hausaufgaben machen muss, um mir ins Gedächtnis zu rufen, mich zu bremsen, zu entspannen, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen, usw.

Was mir selbst und auch anderen auffällt, ist mein verändertes Auftreten. Ich verstecke mich nicht mehr, und das kannte ich seit Jahren nicht mehr.

Kämpfen wir also weiter.

To be continued….

Eine neue Arbeit ist wie ein neues Leben, nanananananaaaaa

Ich habe nun also 2 Wochen meiner Wiedereingliederung hinter mir. Anderer Job, andere Stadt, andere Kollegen.
Und was soll ich sagen? Die Kollegen gehen respektvoll miteinander um. Akzeptieren sich gegenseitig. Und mich auch. Neues Gefühl, das ich nicht mehr kannte. Es ist viel Arbeit, keine Frage, und alles ist neu für mich. Zwar scheine ich schnell zu lernen, ich habe mir ein schlaues Buch angelegt, in das ich mir alles, was ich wissen muss, aufschreibe, und das ich immer bei mir habe. Aber die Kollegen sind auch extrem hilfsbereit.
Ich fühle mich selbst ganz anders. Als wäre ich wichtig und gut, so wie ich bin.
Die Kollegen achten und respektieren mich, und in meinem alten Fachgebiet oder in technischen Angelegenheiten kann ich ihnen helfen. Sie sind von meiner Schnelligkeit beeindruckt. Klar strenge ich mich an und will auch einen guten Eindruck machen, gerade, weil das im alten Job alles so anders war, wo man nur runtergebuttert wurde und nichts gezählt hat.

Heute war ich im alten Büro. In der alten Stadt. Schon auf dem Weg dahin hat sich mir der Magen umgedreht. Meine persönlichen Dinge waren schon achtlos und durcheinander in eine Kiste geschmissen worden. Mein Arbeitsbereich wurde jetzt auf drei Leute aufgeteilt. Der Name an meiner Tür ist schon weg.
Zwei Kollegen haben sich wirklich gefreut, mich zu sehen, zumindest dem einen nehme ich ab, dass er mich vermisst, wie er sagt.
Aber ich bin nicht doof, nur depressiv. Ich habe gemerkt, wie die anderen sich schämen. Vermutlich haben einige gegen mich geschossen, damit meine Versetzung auch wirklich durchgeht und ich nicht mehr zurückkommen kann.
El Chefe hat sich nicht mal blicken lassen, sondern sich in seinem Kabuff versteckt. Die anderen konnten mir nicht mal richtig in die Augen sehen.
Ich war auf meine Reaktion gespannt. Ob ich Wehmut verspüre. Aber da war NICHTS. Außer totale Abwehr, an diesen Ort kommen zu müssen. Aber immerhin war es das letzte mal.
Mein Auto ist vollgeladen, einige Dinge sind verschwunden. Wie arm, dass man mir private Dinge klaut. Aber gut. Ich schließe ab.

Was erwähnenswert ist: Ich habe seit dem ersten Arbeitstag keine einzige Panikattacke mehr gehabt. Ich habe keinerlei depressive Gedanken.
Zwar kann ich nach wie vor nicht gut schlafen, ohne Tabletten fast gar nicht, aber ich will mal nicht gleich zu viel auf einmal verlangen.
Mein Umfeld bestätigt, dass ich einen besseren Eindruck mache und lockerer bin, meine Ärztin hat vor einigen Tagen gesagt, dass sie mich kaum wieder erkennt.
Wenn ich vorher nur in schwarz und ziemlich nachlässig gekleidet zur Arbeit ging, Jeans, schwarzes Shirt, Chucks, Haare noch nass, ungeschminkt und schlecht gelaunt, richte ich mich jetzt anders her. Ich probiere mich durch den Kleiderschrank (es passt leider nicht mehr alles, weil ich weiter zugenommen habe), habe sogar schon ein Kleid getragen, und auch noch eins, das figurbetont ist(!), trage Pumps, Blusen, BUNTE Klamotten. Und ich WILL sogar nach was aussehen! Ich mache was aus mir, schminke mich etwas und achte auf mich.
Ich fühle mich nicht mehr unsichtbar, ich werde beachtet und beachte mich selbst.

Ich hätte nie, niemals damit gerechnet, dass die Arbeit einen so riesengroßen Teil meiner Depression ausgemacht hat. Klar wusste ich, dass es mir schlecht geht, wenn ich arbeiten muss, dass ich mit Bauchschmerzen dahingehe, usw. aber mittlerweile dachte ich, das sei normal.

Ich freue mich, wenn ich morgens zur Arbeit fahre, mir ist nicht mehr schlecht, ich grüße freundlich, ich kann reden, ohne, dass mir das auf die Nerven geht.

Ich fühle mich normal. Also wirklich, wann habe ich das zuletzt behaupten können?

Ich weiß nicht, ob es das war, oder ob es nochmal einen Schuss vor den Bug geben wird.
Kommende Woche steht noch einen Termin an, bei dem ich einen Grund für die Depression begegnen werde. Dann unterschreibe ich einen Vertrag, in dem ich auf mein Erbe verzichte und kaufe mich somit von einer Ursprungsfamilie frei, die mir das Leben zur Hölle gemacht hat.
Man rät mir ab, das zu tun, aber es ist meine fest Überzeugung, dass das der letzte Schritt ist, um die ganze Scheiße der letzten 40 Jahre hinter mir zu lassen.
Dann kann ich mich auf den Rest konzentrieren und darauf hoffen, dass dieses beschissene Jahr, das eins der schlimmsten meines Lebens war, schnell vorbeigeht.

Im Moment geht es mir also gut. Ich bin zwar immer noch sehr müde und jetzt bei 4 Stunden Arbeitszeit, aber ich habe die Hoffnung, dass sich das gibt. Die Wiedereingliederung dauert noch vier Wochen. Dann bin ich wieder Vollzeit unterwegs. Ein bisschen fürchte ich mich davor, es nicht zu schaffen, andererseits kann ich es kaum noch erwarten, endlich wieder komplett zu den Gesunden zu zählen und mein Gehalt wieder zu bekommen.

Ich hoffe, dass ich nicht nur jetzt zu Beginn euphorisch bin, sondern dass dieses gute Arbeitsklima auch so bleibt und mir weiter gut tut.

Ich hatte Angst vor diesem Schritt, ich wollte meinen Job nicht aufgeben, weil ich dachte, ich kann nichts anderes, ich habe ihn ja immerhin mehr als 12 Jahre gemacht. Ich habe lieber ausgehalten, als etwas Neues zu wagen.
Aber ich bin heilfroh, dass ich nicht mehr gekämpft, sondern nachgegeben habe, und mir somit selbst die Chance gegeben habe, einen Neuanfang zu machen.
Dafür, dass man mich vergrault hat und mich nicht mehr haben wollte, bin ich wirklich dankbar. Einen größeren Gefallen hätte man mir gar nicht tun können, als mich loswerden zu wollen, weil ich nicht hart genug war.

Ich gehe nach wie vor offen mit der Depression um. In einem Betrieb wird ohnehin gequatscht, und ich will nicht mit Lügen anfangen. Aber entweder höre ich dann, dass andere auch Erfahrung damit haben, oder dass sie jemanden kennen, der auch an Depressionen leidet. Ansonsten ist das überhaupt kein großes Thema. Aber es wird auch nicht totgeschwiegen oder beschämt auf den Boden geblickt. Ich werde nicht auf meine Depressionen reduziert, viel mehr gilt, dass ich die letzten Jahre bekannt war für Zuverlässigkeit und schnelle Hilfe, denn am Rande und aus der Ferne hatte ich mit diesen neuen Kollegen auch die letzten Jahre schon zu tun, und wenn man Unterstützung brauchte, hat man mich angerufen und bei mir nachgefragt.
Es ist einfach nur toll, als vollwertiger Mensch zu gelten, auch vor sich selbst.

Ich kann jedem nur raten, den Schritt zu gehen, wenn er mit seiner Arbeit nicht mehr klarkommt. Anstatt zu leiden, auszuhalten, bis man daran zerbricht, lieber etwas unternehmen, und sich nicht kaputtmachen zu lassen.
Ich habe keine Angst mehr vor diesem neuen Aufgabengebiet und dem neuen Umfeld. Ich kann lernen, man lernt ja nie aus. Dass mein Leben jetzt wieder viel heller ist, als es noch vor Wochen war und vor allem, dass es heller ist, als es die letzten Jahre war, ist es wert, nicht an Gewohnheiten festgehalten zu haben.

Ich will jetzt gar nicht weiter darüber nachdenken, dass ich natürlich auch wieder schlechte Tage haben werde.
Die letzten 2 Wochen waren gut. So lange am Stück ging es mir dieses Jahr noch überhaupt nicht gut.
Ich bin im Moment einfach nur unendlich froh.
Und ich will auch nicht mehr unbedingt aufwachen und tot sein😉

Schönes Wochenende, ihr Lieben❤

 

Nebel im Kopf- Stechen im Herzen. So sehen schlechte Tage aus.

Seit meinem letzten Beitrag war ich fast davon überzeugt, eine schnelle Heilung hingelegt zu haben. Ob der Erleichterung des Jobwechsels habe ich mich wirklich gut gefühlt und hatte ein paar richtig normale Tage ohne das ewige Drücken in mir drin und den Wahnsinn im Kopf.

Bis gestern.
Ich hatte nachts schon zum zweiten mal in letzter Zeit enormes Herzstechen. Wenn ich beim ersten mal vor einigen Wochen auch noch dachte, „Schlaf einfach, vielleicht bleibt dir das Herz stehen und du wachst nicht mehr auf“, war es in dieser Nacht schlimmer. Ich konnte nur schwer atmen, das Stechen im Herzen tat wirklich irre weh, aber da ich es ja gewohnt bin, auszuhalten, wollte ich keine Wellen schlagen. Was sollte ich da auch machen? Den Notarzt rufen? Und wenn dann doch nichts wäre, was für Folgen hätte das? Ausgelacht werden? Neuer Stoff fürs Dorfgespräch?
Ich hatte nur kurz und schlecht geschlafen und musste einen Termin in der Klinik wahrnehmen, es schien mir besser zu gehen, und meine Laune war trotz Müdigkeit ok.
Auch die Fahrt war normal. Bis ich auf dem Parkplatz stand also keine besonderen Vorkommnisse, außer dieses Stechen. Als hielte jemand mein Herz in den Händen und würde es zerquetschen und mit einem Messer darauf einstechen.
Um ins Gebäude zu gelangen, muss man vom Parkplatz ein kleines Stück bergauf gehen. Bei jedem Schritt wurde die Kurzatmigkeit schlimmer, und ich dachte, ich kippe um. Als sei jede Kraft, mich aufrecht zu halten, verloren gegangen, habe ich mich weitergeschleppt. Ich wollte nur bis zur Toilette kommen, um mich da ein wenig auszuruhen, dann würde es schon wieder gehen. So sollte mich keiner sehen. Was, wenn ich umkippe?
Den Tränen nahe, weil sich mein Herz nicht beruhigen konnte und ich es in den Ohren schlagen spürte, setzte ich den Weg fort. Um die Treppe hochzukommen, musste ich mich am Geländer hochziehen. Ich wurde gleich ins Arztzimmer durchgewunken und war mir sicher, keinen Schritt weiter zu schaffen. Mittlerweile war ich überzeugt: es kann nur ein Herzinfarkt sein! Das kommt vom Rauchen. Die Ärztin wird mir helfen, sie muss es mir ansehen, ich bin blass, außer Atem, sicher wird gleich ein EKG angeordnet. Dabei habe ich jetzt so gar keine Zeit für einen Infarkt, mit Krankenhaus und Reha, ich muss doch ab Montag wieder arbeiten.

Ich musste warten, bis sie aus einer Krankenakte etwas in ihren Rechner getippt hatte und wäre in der Zwischenzeit gerne in Tränen ausgebrochen, weil es mir sogar schwerfiel, gerade auf dem Stuhl zu sitzen.
Als ich endlich reden durfte, teilte ich mit, wie schlecht es mir gerade geht. Was der Grund dafür sei, wollte sie wissen. Es gibt keinen Grund. Es ist alles ok. Neue Arbeit in Sicht. Das sei ja gut. Mein Herz spinnt. Vermutlich kriege ich einen Infarkt. So wie es mir jetzt geht, ging es mir in den letzten Monaten nicht. Das ist nicht psychisch, verdammt nochmal, mein Herz gibt auf!
Natürlich wurde ich nicht ernst genommen. Das Grinsen der Ärztin hat mich wütend gemacht. Ich hätte ihr am liebsten ihre Tastatur ins Gesicht gedroschen.
Ich könnte hier verrecken, und es stünde in meiner Akte, das sei nur psychisch.
„Wofor haben  Sie Angst?“
Vor nichts, verdammte Scheiße! Es ist nichts passiert, ich habe gerade alles im Griff, und jetzt gibt mein Herz auf!
Immerhin wurde mein Puls gemessen. 168. Flach.
Und jetzt? Was tun Sie dagegen?
Nichts. Wir haben aneinander vorbeigeredet, ich wurde immer wütender, wollte nur noch nach Hause, mich hinlegen.
Nichts, was ich sagte, schien bei ihr anzukommen. Ich wurde überhört. Dass vor einigen Jahren in der gleichen Klinik festgestellt wurde, dass ich eine Narbe an der Herzwand habe, wurde übergangen. Kein Blutdruck gemessen, kein EKG.
Ich sollte am besten gleich noch ins alte Büro fahren und meine persönlichen Sachen holen. WIE DENN? Bei jedem Schritt schien ich schwächer zu werden. Ich habe mich so hilflos gefühlt und war mir sicher, ich schaffe es nicht zum Auto.
Aber weiter zu reden war sinnlos, ich musste irgendwie zum Parkplatz kommen, aber ich habe den Weg nicht in einem Stück geschafft. Atemnot, zittern, Herzrasen. Der Körperscan, den ich in der Therapie gelernt hatte, brachte nichts. Ich musste mich auf eine Bank setzen. Dort wollte ich mich erholen, um die letzten 50 Meter zum Auto zu kommen. Oder darauf warten, dass mein Herz explodiert.
Im Auto das gleiche. Ehe ich losfahren konnte, erst mal ausruhen. Den Kopf aufs Lenkrad gelegt, habe ich darauf gewartet, dass das Zittern nachlässt und ich wieder atmen kann. Es wurde nicht besser, und doch bin ich losgefahren unter der Prämisse, irgendwo anzuhalten und den Notarzt zu rufen, wenn es gar  nicht besser würde.
Ich war kurz davor, mich zu übergeben, meine Beine und Hände haben gezittert, und doch habe ich mich gezwungen, weiter zu fahren. Zu Hause angekommen, war ich nach dem Treppen steigen wieder so kaputt, dass ich mich erst aufs Bett legen musste, ehe ich weitergehen konnte. Ich war erschlagen. Das Ganze hat sich noch etwa eine Stunde hingezogen, bis sich mein Puls verlangsamt hat. Die Herzschmerzen blieben den ganzen Tag. Heute spüre ich nichts mehr außer Benommenheit von den Beruhigungstabletten.
Es war also eine Panikattacke, sagt die Ärztin.
Aber so heftig ist das selten. So schmerzhaft wie gestern war es noch nie.

Und ich frage mich: wieso jetzt? Wo sich zumindest ein Problem gelöst hatte.
HATTE, weil ich mich jetzt frage, ob ich zu einfach aufgegeben habe. Ob ich mich habe überrumpeln lassen, was die Arbeit angeht. Ob ich darauf hätte bestehen sollen, dass das Gespräch unter vier Augen stattfindet anstatt unter sechs.
Dass ich hätte sagen sollen, wie enttäuscht ich bin, dass trotz des Psychogewäschs durchkommt, dass sich die Vorgesetzten einen Scheißdreck um meine persönliche Situation scheren, dass ich ihnen egal bin. Wobei ich genau weiß, dass ich aus diesem Grund auch besser nichts weiter gesagt habe. Ich hätte vielleicht fragen können, ob ich auch versetzt worden wäre, hätte ich einen Herzinfarkt gehabt oder Krebs. Ob man das so macht mit kranken Mitarbeitern. Weg mit denen, die belasten!
Ich war gut genug, jeden zu vertreten, der, aus welchem Grund auch immer, gefehlt hat. Jahrelang. Ich habe mich für die eingesetzt, über die gelästert wurde, wenn sie nicht da waren. Gerade für die, die psychische Probleme hatten oder überlastet waren. Das war nicht gerne gesehen, dass ich bei Vorgesetzten gesagt habe, wie widerlich es ist, hinter dem Rücken von Kollegen über sie zu hetzen.
Ich habe mich geweigert, andere in die Pfanne zu hauen, Fehler zu sammeln und Kollegen anzuschwärzen, wenn es darum ging, sie aus der Abteilung zu mobben. „Da mache ich nicht mit“, habe ich mehr als einmal gesagt.
Ich habe nicht mal den Vorgestzten angeschwärzt, wenn ich bei noch höheren Vorgesetzen zum Verhör war, der jetzt dafür gesorgt hat, dass ich gehen musste.

Alles, was mir letzte Woche Erleichterung verschafft hatte, ist weg. Es ist nur noch Enttäuschung da, und die Angst vor dem Neuen. Was ist, wenn es mir zu laut ist und ich mich nicht konzentrieren kann? Ich habe kein eigenes Büro mehr, sondern sitzte in einem riesigen Großraumbüro. Von der Arbeit habe ich keinen blassen Schimmer, die neuen Kollegen müssen mich anleiten, ich mache erst mal Widerleingliederung und bringe meinen kompletten Jahresurlaub mit. Und vor allem der Hintergrund: DIE HAT DEPRESSIONEN!
Was, wenn ich nicht kapiere, was die mir erklären? Wenn ich mich nicht einfinde? Wenn ich zu lange brauche?

Und neben der beruflichen Seite bin ich privat noch komplett im Arsch. Mietnomaden, die noch dazu aus der eigenen Familie stammen, haben mich in den finanziellen Ruin getrieben, wer weiß, was für Kosten noch auf mich zukommen? Ich sehe kein Land mehr.
Was, wenn ich mein Darlehen nicht weiter zahlen kann, weil mir alles über den Kopf wächst?
Die Studienkosten fürs Kind rauben mir den Schlaf, ich weiß überhaupt nicht mehr, wie ich das alles finanzieren soll. Die monatlichen Kosten erdrücken mich.
Meine eigene Familie wünscht mir den Tod und hat das auch offen ausgesprochen, weil ich mich geweigert habe, sie weiter zu finanzieren, nicht nur, weil ich mich nicht mehr ausnutzen lassen will, sondern auch, weil ich das gar nicht kann. Wie soll ich mit meinem Einkommen, mein Haus abzahlen, Studium finanzieren, und noch eine vierköpfige Familie unterstützen, weil ich mich hochgearbeitet habe, und die keinen Bock haben, irgendwas zu leisten?
Mein eigener Vater hätte mich früher für einen Kasten Bier verkauft und zerstört jetzt alles, was mir gehört, um mich zugrunde zu richten, weil ich nicht mehr spure, wie er sich das vorstellt.

Ich muss ein furchtbarer Mensch sein.
Jedenfalls so einer, der anderen Signale sendet wie „mach mich zum Opfer“, so erklärt das zumindest meine Ärztin.
Ich bin durcheinander, habe Kopfschmerzen, Nebel im Kopf, bin mutlos und sehe gerade kein Land mehr.

Ich dachte, ich habe es endlich geschafft, mich wieder hochzukämpfen, dabei hat mir der Tag gestern gezeigt, ich habe gar nichts geschafft. Ich bekomme bei jedem Scheiß, der ansteht, Panik, bis ich keine Luft mehr bekomme und zusammenbreche. Ich kann meine eigenen Sognale nicht deuten.
Was habe ich also in den letzten Wochen gelernt? Gar nichts?
Mein Motto, nichts mit Gewalt, sondern alles mit Ruhe und Besonnenheit zu regeln, hat mich nicht weiter gebracht. Ich will immer für alle Verständnis zeigen und mit Bedacht handeln. Ich versuche, mich in alle hineinzuversetzen, niemanden zu verletzen und Achtung und Respekt vor allen zu haben, selbst, wenn sie mich wie den letzten Straßenköter behandeln.

Scheinbar habe ich aber nicht mal vor mir selbst genug Respekt und Achtung.

Neustart

Gestern war es also soweit. Ein Gespräch zu meiner beruflichen Zukunft stand an.
Meine Vorahnung, dass ich nicht zu meinem alten Job zurückkehren werde, hat sich bestätigt.
Es war nicht mein Wunsch, ich war dennoch nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Ich hatte ja damit gerechnet. Meine Vorgesetzten hatten aber nicht damit gerechnet, dass ich damit gerechnet habe.
Eigentlich sollte das dieses sog. Gespräch zur Wiedereingliederung sein, das einem per Gesetz zusteht. Und eigentlich sollte das unter vier Augen stattfinden. Hat es aber nicht. Ich sollte überrascht werden, mit einem dritten Paar Augen, das ich abgelehnt hätte, hätte ich früh genug Bescheid gewusst. Kurz vorm Eintritt in das „Ganz-Oben-Zimmer“ hat mir eine vertrauenswürdige Quelle aber gesteckt, wer da noch dabei sein wird, und so hatte ich zumindest einen kurzen Augenblick Zeit, mich zu fassen und keinen überraschten oder verärgerten Eindruck zu machen. Das war mir sehr wichtig. Ich will keine jammervolle, aufgeregte und hilflose Kreatur abgeben, wenn über meine Zukunft entschieden wird.

Seltsamerweise hat das innerliche Zittern schnell nachgelassen. Ich habe mir die psychologisch geschulte Rede angehört und mich eigentlich nur geärgert, dass Vorgesetzte scheinbar wirklich glauben, die Untergebenen nehmen ihnen ab, was sie da auswendig gelernt haben. Sorry, Folks, aber das beleidigt unsere Intelligenz.
Aber sicher hätte ich mich mit Aussagen wie „man will Sie einfach nicht mehr in der Abteilung haben, in der sich weit über 10 Jahre nie das gemacht haben, was von Ihnen verlangt wurde, Ihre Aufmüpfigkeit geht allen auf den Sack, Sie sind unbeliebt, Sie haben jetzt schon zum 2. mal wegen Depressionen länger gefehlt, und das ist einfach nicht mehr tragbar, deshalb werden Sie versetzt“ auch nicht sonderlich wohl gefühlt.

Natürlich war es schon beschlossene Sache, dennoch wurde ich gefragt, wie ich dazu stehe, dass ich wo anders dringend gebraucht werde, wo nicht so ein Druck auf mir lastet (haha) und wo niemand die Arbeit so erledigen kann wie ich mit meinem Backround und meinen supertollen Ausbildungen (hahaha).

Ich habe, seltsamerweise, ganz ruhig eine einzige Frage gestellt. Und zwar die nach meinem Gehalt. Als die zufriendenstellend beantwortet war, habe ich, ebenfalls ganz ruhig, nur genickt und gesagt: ok, ich mach’s.
Und dann wurde ich noch ruhiger. Der Knoten in meinem Bauch hat nicht mehr so gedrückt. Mir wurde leichter.
Zwar war ich etwas durcheinander und mir ging auch durch den Kopf, ob ich in das neue Aufgabengebiet hineinfinden werde, aber größtenteils war da nichts als Erleichterung. Darüber, dass ich nicht mehr dahin zurück muss. Und die Frage: warum, um Himmels willen, habe ich weit über 10 Jahre gekämpft, um dazu zu gehören, obwohl man mich nicht mochte, meine Arbeit nicht geschätzt hat und mir Steine in den Weg gelegt hat, wo es nur möglich war?
Weil es das war, was ich kannte. Weil ich Angst vor Neuem hatte, vor dem Fremden. Vor anderen Kollegen, vor einem anderen Umfeld, vor anderen Arbeitsweisen. Auch wenn die evtl. viel besser für mich gewesen wären, wollte ich nicht weg aus dem Umfeld, das ich kannte.
Auch wenn ich morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit gefahren bin. Ich hatte mich nie daran gewöhnt, wie es da zugeht. Ich bin mit so vielem nicht zurecht gekommen, und habe mir trotzdem befohlen, zu bleiben, auszuhalten, nicht aufzugeben, nicht schwach zu sein und erst recht nicht die Flucht zu ergreifen, weil das für mich als größte Schwäche gezählt hätte.

Nun wurde mir die Entscheidung abgenommen.
Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, nochmal zu kämpfen, um bleiben zu können. Im Vordergrund stand nicht mehr die Angst vor Neuem, sondern die Freude darüber, dass ich Neues kennenlernen werde und Altes abstreifen kann. Ich habe sofort nachgegeben und losgelassen. (Loslassen ist ja auch so ein Ding, das mir schwerfällt).
Es stand auch nicht im Vordergrund die Enttäuschung darüber, dass man mich nicht weiter haben will, sondern die Tatsache, dass ich doch sowieso nicht mehr dahin zurück wollte. Ich hätte mich nur wieder gezwungen, so weiterzumachen wie bisher und durchzuhalten ohne auf meine Bedürfnisse zu achten und auf mich zu hören.

Der Überraschungsmoment war somit auf meiner Seite. Die beiden Gegenüber waren überrascht, und alles, was noch an Gewäsch einstudiert war, war überflüssig geworden, beide machten den Eindruck, als wären sie aus dem Konzept gebracht worden, weil es nicht wie geplant lief, sondern eigentlich nach 5 Minuten erledigt war.
Es kann nun nicht gesagt werden, ich habe mich gewunden und musste mit Druck geschasst werden.
Es ist viel mehr so, dass es heißen muss: die war sofort einverstanden! Was sollte das denn? Die wollte ja nicht mal bleiben! Als wäre ihr das alles total egal!

Es ist mir egal, was erzählt werden wird.
Ich habe bereits mit den neuen Vorgesetzten geredet und klargestellt, dass man nicht damit rechnen muss, dass ich muffig zur Arbeit kommen werde, weil ich versetzt wurde, sondern dass ich mich auf das neue Team freue und sehr erleichtert bin nun wieder in meiner alten Heimat arbeiten zu können. Und zum ersten mal habe ich von Vorgesetzten gehört, dass sie sich freuen, mich im Team zu haben.

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dermaßen an mir zu zweifeln, dass ich mir gar nichts mehr zutraue. Dass ich alles xmal kontrollieren muss, um Fehler zu suchen, und wenn ich keinen gefunden habe, dann konnte das nicht stimmen, weil ja alles, was ich mache, Fehler beinhalten muss, weil ich nichts kann. Das hat mich fertig gemacht. Ich traue mir nichts mehr zu. Deshalb hatte ich auch Angst, anderswo zu arbeiten, weil man dort dann ja auch sehen würde, dass ich nichts kann.
Meine Menschlichkeit wurde als Schwäche bezeichnet, dass ich Härte abgelehnt habe, hat man als Arbeitsverweigerung betrachtet. Es gab immer irgendetwas, was mit mir nicht stimmte.
Natürlich habe ich deswegen auch Angst, dass das alles der Wahrheit entspricht, und ich auch auf dem neuen Arbeitsplatz versagen werde.

Wobei sich dann wieder die Frage stellt: wieso hat man 12 Jahre so jemanden wie mich ertragen? Etliche haben in der Zeit gekündigt oder sich versetzen lassen. Ich habe durchgehalten.

Mir ist nach heulen zumute. Aber hauptsächlich aus Erleichterung, nicht aus Enttäuschung.

Es heißt ja, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Hoffen wir, dass es kein fauler Zauber ist. Ich muss noch 25 Jahre arbeiten, die sollten zumindest auch beruflich minimal lebenswert sein.

 

Dienstag? Mittwoch? 2014? 2015?

Ich weiß gar nicht genau, welchen Wochentag wir haben, wenn ich nicht im Kalender nachsehe.
Seit ich meine Tage zu Hause verbringe, ist mir das egal. Ist ja eh jeder Tag gleich scheiße.
Heute ist er besonders scheiße, weil ich große Sorgen habe.
Ich wollte mich deshalb beschäftigen und anfangen zu putzen. Dann hat mein Kind gefragt, ob ich mit in die Stadt komme, ein Geschenk besorgen.
Ich habe mich etwas besser gekleidet als in letzter Zeit, meine Haare ordentlich frisiert, sogar Lippenstift benutzt.
Die Ärztin hat mir ja nahegelegt, für mein Selbstbewusstsein mehr zu tun und mich mehr um mich zu kümmern.
Nun gut.
Bin ich deshalb anders durch die Stadt gelaufen? Mag sein. Vielleicht nicht so geduckt wie sonst mit Jeans und Turnschuhen und Rucksack.
Sondern mit Mantel, Pumps, offenen Haaren und eben Lippenstift und Handtasche.
Haben mich die Leute deshalb mehr wahrgenommen? Woher soll ich das wissen, ich habe sie nicht gefragt.
Und es ist mir auch egal. Ich weiß, wenn ich mich herrichte, sehe ich nicht schlecht aus. Aber meistens habe ich dazu keine Lust.
Ich kenne die Aussagen, dass man sich dann selbst ernster nimmt und um sich kümmert und sich selbst gefällt, und wie wichtig das ist. Es ist mir trotzdem egal.
Ich mag Leute nicht deshalb, weil sie gut aussehen, sondern wenn ich gute Gespräche mit ihnen führen kann. Wenn sie was im Kopf haben.
Natürlich kann man gut aussehen und trotzdem was im Kopf haben. Ich habe trotzdem keine Lust auf Schminke und darauf, jeden Tag eine Stunde lang meine Mähne zu stylen. Wobei ich die Zeit vielleicht investieren müsste, jetzt, wo ich die 40 schon einige Zeit überschritten habe und nicht mehr mithalten kann, mit Twens, die sich im Bikini fotografieren und das online stellen, um den Männern zu gefallen.
Aber ich hatte schon vor 20 Jahren keine Lust auf sowas. Da stimmt wohl auch was nicht mit mir.

Dennoch dachte ich, ich müsste vielleicht mal was nettes zum Anziehen kaufen.
In der Umkleide kommt einem ja fast das Kotzen bei dieser Beleuchtung und den Spiegeln, da muss es selbst Claudia Schiffer Elend werden und Kate Moss sieht nach Übergewicht aus.
Ein Kleid anprobiert, nach den Regeln, die für diverse Figutypen so gelten. Weiter Ausschnitt, schmale Taille, geht bis zum Knie. Figurbetont.
Und dann kommt der Gedanke: WAS MACHE ICH HIER ÜBERHAUPT?
Kleid aus. Raus hier. Tränen zurückhalten. Ich will nach Hause.
Ich gehöre hier nicht her. Was, glaube ich, hier finden zu können? Wenn mein beschissenes Leben davon abhängt, ob ich ein Kleid trage, das Vorzüge betont und Nachteile kaschiert, bin ich dann gesund? Wohl nicht.
Ich bekomme kaum noch Luft, schwitze, möchte in Tränen ausbrechen und nach Hause.
Aber da es immer heißt, ich bin zu unruhig und gehe damit meinem Mitmenschen auf die Nerven, warte ich geduldig, bis das Kind fertig ist, alles gefunden hat und wir in normalem Tempo zum Auto laufen können. Statt zu rennen.

Es nützt nichts. Ich finde weiter keine Antworten. Nicht darin, besser auszusehen oder bessere Kleidung zu tragen. Das ist Bullshit, Doc. Es ist ja nicht so, dass ich in Jogginghose das Haus verlasse oder sonst wie ungepflegt bin.

Ein Stadtbummel überfordert mich. Was die Geschäfte anbieten, erschlägt mich, ich blicke nicht mehr durch in der Masse von Angeboten in Klamotten-, Schuh- oder Dekoläden. Überall dröhnt irre Musik, alles gibt es in zig Farben und suggeriert, wenn wir kaufen, werden wir glücklich.
Wenn das so ist, bin ich eine Ausnahme. Mich macht es nicht glücklich.
Ich mag die Menschen nicht, wie sie mit steifen Gesichtern durch die Stadt rennen und nichts wahrnehmen außer Sonderangebote oder Markenware.
Was würde jemand aus dieser Menschenmenge antworten, wenn man ihn oder sie fragt: „Haben Sie Lust, sich mit mir zu unterhalten? Das würde mich freuen, weil ich nach Antworten suche, und vielleicht haben Sie die richtige Antwort für mich parat. Vielleicht möchten Sie sich meine Sorgen anhören oder mir Ihre erzählen, damit ich sehe, so schlimm sind meine gar nicht.“

Natürlich frage ich sowas nicht.

Natürlich gehe ich dann doch lieber in den Buchladen und suche dort weiter. Und da habe ich ein Buch gefunden. Dalai Lama hat es geschrieben und es heißt „Der Sinn des Lebens“. Vielleicht steht ja da was passendes drin.

„Gewaltlosigkeit und Mitgefühl sind die Schlüssel zu einem sinnvollen Leben auf der Erde, zusammen mit allen Lebewesen.“, steht da. Aber so handhabe ich mein Leben doch schon immer. Weit bin ich damit bisher nicht gekommen.
Schließlich schleppe ich immer noch den schwarzen Hund mit mir herum.

Vielleicht stelle ich ja die falschen Fragen. Aber was sind dann die richtigen?

Warum fällt es den einen so schwer, das Leben zu meistern, einfach weiterzumachen, Rückschläge wegzustecken, und warum werden andere nicht genauso krank und verzweifelt, sondern sind viel lebensfroher und mutiger und zuversichtlicher?
Was ist das, tief in einem drin, das sich dagegen wehrt, dass es dir gut geht?
Warum wollen Leute wie ich lieber tiefsinnige als oberflächliche Gespräche führen, obwohl es das Leben viel schwerer macht und man anderen damit auf den Sack geht?
Warum kann ich nicht einfach saudumm sein und warum kann ich nicht einfach meine Haare blondieren, meine Nägel machen lassen und Tittenbilder von mir ins Netz stellen und mich über anzügliche Kommentare geiler Böcke freuen?
Nein, ich muss ja nach dem Sinn des Lebens suchen und denken, dass ich nicht genug bin und noch nicht genug weiß. Und ich hoffe, so gemocht zu werden, wie ich bin, ohne mich groß anstrengen oder verbiegen zu müssen.
Das ist alles so unerträglich anstrengend. Immer diese Scheißkämpferei. Die Tage zu übersstehen, nichts falsch zu machen, deine Mitmenschen nicht zu überanstrengen.

Das macht mich so verdammt müde.

 

 

Was ist verrückt?

Was ist verrückt? Was bedeutet, verrückt zu sein? Und wie merkt man, ob man verrückt wird?
Ich fühle mich seit Monaten, als wäre es bald soweit.

Die Antwort ist nicht 42.

Demnächst gehe ich wieder zur Arbeit. Natürlich fange ich langsam an. Dabei bin ich mir sicher, ich könnte ab morgen wieder in Vollzeit loslegen. Somit hat sich in meinem Kopf nichts geändert. Ich verlange nach wie vor von mir, zu funktionieren und Leistung zu bringen. Und weil ich das nicht kann, fühle ich mich wie ein Versager.
Auch was die ganzen Monate der Behandlung angeht, habe ich versagt. Außer, dass ich weiter an Gewicht zugelegt habe, hat sich nichts geändert. Ich bin weiter müde und erschöpft, meine Stimmung ist meist im Keller.
Eine weitere Erkenntnis ist dazugekommen: ich bin hochempfindlich.
Was für mich nichts neues ist. Lärm macht mich verrückt. Viele Menschen machen mich verrückt. Lautes Reden ertrage ich kaum. Ich bin nervös, wenn ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bin, oder wenn Außenstehende in meine gewohnte Umgebung eindringen und mich davon abhalten, zu tun, was ich gerade will.
Das ist alles nichts neues, so bin ich schon immer. Dabei dachte jeder, allen voran das Umfeld, ich bin eben blöd und übertreibe und „stelle mich an“.
Gerade lese ich ein Buch zum Thema Hochempfindlichkeit von Sylvia Harke. „Hochsensibel. Was tun?“
Darin heißt es, wie in etlichen anderen Texten, die ich gelesen habe, dass das eine Gabe ist. Und meist mit Hochbegabung in Verbindung steht. Hochbegabt bin ich sicher nicht.
Auch wenn man mir in der Klinik dauernd einreden will, wie toll mein Farbverständnis und meine Kreativität ist. Es nützt mir nicht wesentlich, dass mein Wohnzimmer schön eingerichtet ist. Das sind viele andere Wohnzimmer auch. Klar, ich kann ein bisschen malen. Das können andere aber auch. Wenn ich gut drauf bin, passen meine Handtaschen zu meiner Kleidung, aber das ist bei den meisten normalen Frauen so. Meistens habe ich überhaupt keine Lust darauf, etwas aus mir zu machen oder darauf zu achten, wie ich aussehe.

Ich bin belesen. Aber ich setze voraus, dass man belesen ist. Also auch nichts besonderes.
Ich habe ja nicht mal Abitur und erst recht nicht studiert.
Ok, ich habe drei abgeschlossene Berufsausbildungen, aber das hat sich eben so ergeben. Mein Traumjob ist trotzdem nicht dabei.
Auch in der Schule hat sich keinerlei Hochbegabung gezeigt. Dass ich desinteressiert und gelangweilt war und meistens aus dem Fenster geglotzt habe, warf ja auch ein schlechtes Bild auf mich. Regelmäßig haben Lehrer sich bei den Erziehungsberechtigten beschwert, und es hat Strafen gehagelt. Das widerum hat mich zum Hinschmeißen des Gymnasiums getrieben, und den Abschluss auf der Realschule hätte ich mir durch schwänzen fast auch noch versaut.
Ich war auch so ein Teenie, der sich anders gefühlt hat. Ich habe diesen ganzen oberflächlichen Scheiß nicht verstanden, und während andere auf Boygroups standen, hat mich der Bolero von Ravel fasziniert, ich habe mir Mozart reingezogen und stand auf die Beatles und wurde von den anderen dafür als Idiotin betitelt.
Ich war damals schon dauermüde, habe Nächte aber durchgelesen, Gedichte geschrieben, bin im Weltschmerz versunken, habe mich unverstanden gefühlt und gehofft, dass das alles nach der Pubertät verschwindet oder mir meinen Suizid vorgestellt. Ich war anders, durfte es aber nicht sein, habe versucht, mich anzupassen, und weil das nicht funktioniert hat, habe ich mich zurückgezogen, bis ich als seltsam galt.
Noch heute wundert sich die ganze Dorfwelt darüber, dass ich nicht so offen und feierfreudig bin wie meine Vorfahren, und Mutter will mich seit 20 Jahren dazu antreiben „rauszugehen“ und „Spaß zu haben“. Laute Scheißmusik in beengten Räumen mit verschwitzten Menschen, die sich anschreien, weil der Bass alles übertönt ist für mich kein Spaß sondern Folter.
Dafür ist es für Mutter ein Beweis, dass ich nicht ganz sauber ticke, weil mein Spaß darin besteht, zu Hause zu sein und stille Nächte durchzulesen oder klassische Musik, Jazz oder John Lennon zu hören, alte Filme zu sehen und keinen Kontakt mit der Außenwelt zu haben.

Was soll ich mit der Scheißgabe Hochempfindlichkeit also bitte anfangen? Auf der Arbeit habe ich damit nur Stress, weil ich den hohen Lärmpegel kaum ertrage, mich schlecht konzentrieren kann und schnell abgelenkt bin oder Fehler mache. Dadurch verschlechtert sich meine Laune, ich bitte erst um Ruhe, dann werde ich zickig oder ziehe mich extrem zurück.

Meine Intuition, vor allem die, dass ich eine Stimmung sofort spüre, wenn ich einen Raum betrete, oder dass ich merke, wenn demnächst irgendein Horrorszenario losgehen wird, nützt mir bisher auch nichts. Ich höre ja nicht auf mein Bauchgefühl, weil ich das im Job gar nicht kann, sondern Anordnungen befolgen muss, die mir oft bescheuert erscheinen.

Meine Nerven sind scheinbar so mies ausgebildet, dass ich nichts ertragen kann, ohne kurz vor einem Infarkt zu stehen. Streit, Ärger, Schicksalsschläge haben mich mürbe gemacht, und dazu geführt, dass ich dauerangespannt bin und so zart besaitet, dass diese Saiten immer kurz vorm Zerreißen sind.

Also habe ich die blöden Seiten der Hochempfindlichkeit vorzuweisen, aber keine Hochbegabung. Mit Mathe stehe ich seit der 5. Klasse auf Kriegsfuß, ich habe keine Inselbegabung, kann nicht in wenigen Tagen eine Sprache wie Finnisch oder Isländisch lernen, ich kann immer noch keine Noten lesen und habe Instrumente stets nur nach Gehör gespielt. Aber nie eine Klaviersonate, sondern eher die Richtung Kinderlieder auf der Melodica.
Also, Hochbegabung, wo bist du?

Meine Begabung besteht darin, mich zu verausgaben und nicht zu bemerken, dass ich in eine Depression rutsche, bevor ich wieder mal voll drinstecke. Und in die Klinik muss.
Da bin ich jetzt seit Ende März.
Erst Tagesklinik, dann stationär, weil ich das Tagespensum nicht schaffen konnte. Seither ambulant.
Gebracht hat es dieses mal gefühlt überhaupt nichts. Es war mir zu laut, ich habe Ruhe und Antworten gesucht und keine gefunden. Mitpatienten gingen mir permanent auf die Nerven, Medikamente haben paradox gewirkt, Therapeuten haben mich mit Fragen gelöchert, dabei wollte ich Antworten haben. Die habe ich weder bei Ärzten gefunden, noch bei Psychologen, noch in Gruppengesprächen oder in Büchern.
Die Zeit drängt. Der Arbeitgeber ruft, und ich habe auch keine Lust mehr, mich unnütz zu fühlen, weil ich nichts leiste, und außerdem brauche ich langsam wieder mein Gehalt. Zwar hätte ich noch weit über ein Jahr Anspruch auf Krankengeld, aber ich will es nicht ausreizen, weil ich nicht weiß, was es noch bringen soll, weiter in die Klinik zu latschen. Ich fühle mich zu Hause relativ sicher und habe Angst vor der Arbeit bzw. vor dem Arbeitsumfeld, ich weiß nicht, was mich erwarten wird, ob ich versetzt werde, weil es einfach reicht, dass ich so lange krank war. Aber ich muss raus hier. Ich muss mich selbst wieder nützlich fühlen.
Meine Arbeit zu wechseln, steht nicht zur Debatte. Auch wenn ich einen weiteren Versuch mit neuer Ausbildung starten würde, wenn ich das nötige Geld hätte. So lange ich eine Studentin finanzieren muss, ist das aber eben nicht drin.

Familiäre Querelen inkl. Anwalt und Drohungen muss ich erst mal weiter ertragen. Das schwarze Schaf war ich ja schon immer. Ich habe mich zum ersten Mal gewehrt und sehe ein, dass ich nicht azugehören kann, wo das nicht gewünscht wird.

Ich habe aber eine wundervolle Tochter und einen Mann, der hinter mir steht. Das ist mehr, als andere haben, die alleine durch alles durch müssen.
Und dennoch bin ich nicht gesund. Trotzdem ist der schwarze Hund nach wie vor hinter mir her.
Es geht mir besser, ja. Aber ich bin nicht stark. Ich habe nach wie vor keine Antworten auf die Fragen: wie werde ich stark? Wie werde ich gelassen? Wie kann ich dafür sorgen, dass mir belastende Ereignisse nicht so zusetzen, dass ich daran kaputt gehe? Wie werde ich belastbarer? Wie kann ich meine Gedanken ausschalten, die dazu führen, dass es mir schlecht geht? Wie werde ich diesen beschissenen Weltschmerz los? Wie begreife ich, dass ich nicht die Welt retten kann? Wie lerne ich, mich selbst zu achten, zu respektieren, zu akzeptieren? Wie werde ich meine Angst los? Wie werde ich mein schlechtes Gewissen los, wenn ich nicht genug leiste? Wieso habe ich überhaupt ein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir einmal gutgehen lassen will? Wieso lasse ich es so an mich heran, wenn ich kritisiert werde, dass ich mich selbst für einen Versager halte und mir überhaupt nichts mehr zutraue? Die Liste der Fragen kann beliebig weitergeführt werden.

Die Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist eben nicht 42!

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