nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Februar, 2012”

Kleiner Mutmachbeitrag bei Depressionen

Seit meinem letzten Beitrag hier im Blog haben mich etliche Kommentare und Nachrichten erreicht. Sehr traurige und teilweise hilflose Kommentare. Und bei Twitter lese ich täglich mehrfach, wie schlecht es einzelnen geht, die an Depressionen leiden und jeden Mut verloren haben, gegen diese abgrundtiefe Traurigkeit, Mut- und Hoffnungslosigkeit irgendwie ankommen zu können.
Ich kann jeden einzelnen verstehen und nachempfinden, wie es euch geht.
Und ich fühle mich hilflos, weil ich euch nicht einfach sagen kann, es wird alles gut, ihr glaubt daran, und seid geheilt.

Ich kann euch Tipps geben, die aber oft nicht so ganz ankommen. Auch das kann ich verstehen. Manchmal kann man einfach nicht umsetzen, was einem geraten wird.
Vor allem kann man in gewissen Phasen einfach auch nicht glauben, dass es besser werden soll.

Ich kann nicht viel mehr tun, als euch von meinen Erfahrungen berichten und euch Tipps geben, und heute will ich euch einfach nur Mut machen.
Mut für den Kampf gegen die Depression. Und Hoffnung darauf, dass ihr aus dem schwarzen Loch rausfinden könnt.

Wie ich das geschafft habe, dass es mir so gut geht, konntet ihr im vorigen Beitrag verfolgen. Auch, dass es kein Zuckerschlecken war. Und dass es seine Zeit gebraucht hat.
Aber ich versichere euch, dass es das einfach wert ist, darauf hinzuarbeiten und daran zu glauben, dass man wieder gesund wird und ein gutes Leben führen kann.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass es mir so gut gehen würde, wie das jetzt der Fall ist.
Ich habe meine Lebensfreude wieder gefunden, ich bin mit mir selbst und damit, wer und wie ich bin zufrieden, ich setze mich nicht mehr unter Druck, ich muss nicht mehr perfekt sein, ich genieße das Leben und finde es einfach toll.
Die, die mich von Twitter kennen, wissen, dass ich mittlerweile auch in einer Beziehung lebe, die einfach klasse ist. Aber das ist definitiv nicht der Grund für meine Gesundung gewesen. Der Grund war ich alleine und dass ich mich ganz auf mich konzentriert habe. Darauf, was ich wollte, was ich ändern musste, um zufrieden mit mir zu sein.
Ich musste erst richtig gesund werden, um mich überhaupt auf jemanden einlassen zu können. Und ich musste lernen, mit mir alleine zufrieden zu sein. Und das war ich wirklich.

Jeder von euch ist es wert, dass er sich ernst nimmt, dass er sich wichtig nimmt und sich um sich kümmert!

Und das könnt ihr auch! Habt keine Angst davor, etwas in eurem Leben zu ändern, was schlecht ist oder euch krank macht. Nur weil etwas zur Gewohnheit geworden ist, heißt es nicht, dass es gut ist oder euch gut tut.

Nehmt Hilfe an, scheut euch nicht, darum zu bitten.

Und vertraut eurem Arzt. Solltet ihr das nicht tun, sucht euch einen anderen, bei dem ihr das könnt.
Bringt unbedingten Willen mit, wieder gesund werden zu wollen. Lügt eure Ärzte und Therapeuten nicht an, weil das absolut nichts bringt, seid ehrlich zu ihnen und somit zu euch selbst.
Informiert euch unbedingt über die Krankheit. Erst seit ich alles darüber weiß, kann ich mit ihr umgehen, sie akzeptieren und reagieren, wenn ich merke, etwas läuft nicht so, wie es soll.

Glaubt wieder an euch! Gebt euch nicht auf! Und werft euer Leben nicht weg! Bitte!
Vielleicht könnt ihr diese Krise irgendwann wirklich als Chance sehen, etwas zum Positiven verändert zu haben, so wie das bei mir war.

Ich könnte in endlose Litaneien verfallen und euch ununterbrochen vorbeten, wie toll das Leben sein kann.
Was ich euch mitgeben kann, ist auf jeden Fall, dass ich ein ziemlich geniales Stück meines Lebens verpasst hätte, wenn ich meine Suizidgedanken bzw. meine Todessehnsucht in die Tat umgesetzt hätte.
Tut es nicht!
Jeder einzelne von euch sollte sich selbst wertschätzen! Glaubt nicht daran, was die miesen Gedanken euch vormachen! Wenn ihr euch einredet, ihr seid nicht gut genug, ihr könnt nicht mehr, keiner mag euch, entspricht das NICHT der Realität. Das sind eure Gedanken, aber nicht die Wahrheit.
Die Wahrheit sieht so aus, dass es Menschen gibt, die euch brauchen, die sich um euch sorgen. Und einer davon solltet ihr selber sein!
Wenn ihr euch auskotzen wollt, wenn ihr Hilfe braucht und nicht wisst, wie der erste Schritt aussehen soll, wendet euch an Freunde, Familie, Ärzte, und gerne auch an mich per Nachricht oder Kommentar.

Ich wünsche jedem alles erdenklich Gute und allen Mut, Hoffnung, Kraft und Ausdauer die Depressionen zu überwinden und wieder gesund zu werden!

Gebt euch nicht auf! Depressionen sind definitiv heilbar!
Ich wünsche euch alles Gute!

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Als ich einmal eine Depression überlebte und erst nicht wusste, dass es eine ist.

Heute geht es um ein Thema, das die Gesellschaft betrifft, und dennoch gerne, gut und oft totgeschwiegen wird.
Weil es peinlich, tragisch, in vielen Augen übertrieben oder nicht existent ist.
Nicht nur heute betrifft mich und viele andere, die ich kenne oder auch nicht persönlich kenne das Thema Depressionen.
Eine Volkskrankheit, die leider nur oder zumindest meist nur Anerkennung findet, wenn sie „Burnout“ genannt wird.
Dabei ist ein Burnout genau das: eine Depression.
So sagt auch Florian Holsboer, Arzt und einer der führenden Depressionsexperten bei einem Interview in Spiegel WISSEN, Ausgabe 1/2011 auf die Frage ob Burnout oft nur der schickere Begriff für einen Zustand sei, den er als Depression bezeichne :
“Das trifft für leichtere Depressionen zu. Es gibt aber ganz verschiedene Formen und Schweregrade der Depression. Leider ist die Diagnose Depression mit einem Stigma behaftet, immer noch. Im Begriff Burnout hingegen steckt ein Stück Schuldzuweisung an andere mit drin: Ich tue doch alles, gebe mein Bestes, erhalte aber nicht die angemessene Anerkennung dafür. Das haben Sie bei der Depression nicht.“

Doch ich sollte nicht zu weit vorgreifen.
Zwar dachte ich, ich setze einfach voraus, dass jeder weiß, worum es sich bei der Erkrankung Depression handelt, bin mir aber sicher, dass der Großteil glaubt, es handele sich um eine Geisteskrankheit. Die Gesellschaft ist nicht informiert, weil sie sich nicht interessiert.
Depressive haben nach wie vor keine Lobby.

Wo fange ich also am besten an?
Vielleicht bei mir.
Heute bin ich gesund, aber ich war genauso uninformiert, als es mich vor zweieinhalb Jahren so sehr getroffen hat, dass ich komplett ausgeknocked war und mich nicht mehr länger dagegen wehren konnte, in einer Klinik stationär behandelt werden zu müssen.
Natürlich kam das nicht von heute auf morgen.

Die Gründe, die dazu geführt haben, sind zahlreich und würden den Rahmen sprengen, tun hier auch gar nichts zur Sache. Denn eine Depression kann jeden treffen. Man muss keine schreckliche Kindheit gehabt haben, um einmal im Leben die Diagnose Depression zu erhalten. Aber man kann. Man kann auch später viele unschöne Dinge erleben, die einen krank machen.
Auslöser kann es viele geben.
Von hormonellen Störungen im Gehirn, über Veranlagung, Krankheiten, Lebensereignisse, Überlastung, etc. Man spricht dabei auch von „Vulnerabilität.“
Was bedeutet, wie anfällig bin ich für die Erkrankung? Wie gehe ich mit gewissen Ereignissen um bzw. wie verarbeite ich diese. Da jeder Mensch anders ist, ist auch sein Verhalten und sein Umgang evtl. mit Trauer oder anderen, einschneidenden Lebensereignissen anders.

Perfektionismus habe ich selbst mir am allermeisten abverlangt. Schwäche zeigen war schwach und mir unmöglich. Ich wollte unmögliches möglich machen und dabei übersehen, was leben eigentlich wirklich bedeutet. Auf Spaß habe ich verzichtet, weil ich meine Zeit dafür einsetzen musste, etwas zu leisten, zumindest größtenteils. Durch Leistung vergessen, was nicht gut war. Totschweigen sollte helfen ein normales Leben führen zu können.

Es war ein schleichender Prozess.

In diversen Phasen meines Lebens habe ich anders als normal reagiert. Ich selbst hatte das Gefühl, gebremst zu werden, nicht mehr am Leben teilnehmen zu können, wie andere das taten.
Erste medikamentöse Erfahrungen mit Psychopharmaka habe ich mit Mitte/ Ende 20 gemacht. Ich war allerdings weder über Depressionen informiert, noch habe ich die Tabletten regelmäßig eingenommen und relativ schnell wieder abgesetzt.
Zwar hatte ich einige Zeit in der Psychiatrie gearbeitet, war aber damals viel zu jung, um die Patienten überhaupt annähernd verstehen zu können. Selbst speziell geschultes Personal hat Depressive nicht ernst genommen und oft mit Unverständnis reagiert.

Durch eine Behandlung aus anderen Gründen beim Neurologen, kam die Sprache bald auf Depressionen, was von mir nicht akzeptiert wurde. Ich habe mich nicht darum gekümmert, jede Hilfe abgelehnt, erst recht, was eine Klinik anging.
Da ich eine kleine Tochter hatte, war es für mich ausgeschlossen, eine stationäre Behandlung zuzulassen. Auch dass ich das Kind hätte mitnehmen können, habe ich abgelehnt.
Weiter Funktionieren war die Devise. Nicht zuletzt, weil mein Umfeld in keiner Weise damit umgehen konnte.
Schwach. Lächerlich. Reiß dich zusammen.
Ganz besonders habe ich mich an Aussagen meine damaligen Freundes gehalten: Jeder muss sein Leben selbst im Griff haben. Hör auf, diese Scheißtabletten zu fressen. Depressionen gibt‘ s nicht, das bildest du dir nur ein.

Aber wenn ich schon selbst kein Verständnis für mich haben konnte, wie hätte ich das von anderen verlangen können?
Somit wurde der Sumpf immer tiefer.
Zwar war ich immer unendlich müde, hatte aber ein Pensum zu leisten, das einerseits kaum noch zu schaffen war, aber Ruhe gönnen konnte ich mir nicht. Selbst wenn ich sonntags mal Zeit gehabt hätte, war ich unruhig wie ein Tiger im Käfig.
Der Schlaf wurde immer schlechter. Am Ende waren nicht mal mehr 3 Stunden pro Nacht drin. Nicht am Stück, versteht sich.
Der Appetit ging erheblich zurück und somit auch mein Gewicht. Ich wurde kraftloser und schwächer.
Mich zu konzentrieren war fast unmöglich, ich konnte meine Arbeit kaum noch schaffen.
Oft hatte ich das Gefühl, als sitze ich in einem Karton und sehe nur noch durch einen Schlitz nach draußen.
Ich habe mein Spiegelbild nicht mehr ertragen und mich selbst mit jedem Gedanken abgelehnt. Freude war unmöglich. Überhaupt waren Gefühle jeder Art mir fremd geworden.
Aktiv an Suizid dachte ich zunächst nicht.
Ich hatte zu funktionieren. Wozu war mir allerdings nicht mehr ganz klar. Der einzige Grund war, meine Tochter soweit zu bringen, dass sie sich irgendwann selbst würde versorgen können.
Zukunftsaussichten für mich hatte ich keine mehr.
Wie lange sich dieser Zustand hinzog, kann ich nicht mehr genau sagen. Monate jedenfalls.
Schließlich habe ich einen Termin beim Arzt vereinbart. Darauf sollte ich über 4 Wochen warten müssen.
Doch ich hatte spät reagiert.

Mit der Aussicht auf den baldigen Arzttermin habe ich mich weiter zur Arbeit geschleppt. Ich konnte mich kaum noch wach halten. Falls ich überhaupt irgendetwas gegessen habe, habe ich es erbrochen.
Mein Gesicht war wie gelähmt, ich hatte keine Mimik mehr.
Meine Bewegungen waren verlangsamt, obwohl ich innerlich furchtbar unruhig war. Ich hatte dabei dennoch das Gefühl, als bewege ich mich in Zeitlupe.
Wortfindungsstörungen kamen hinzu. Ich vergaß alles.
Anstatt auf die Warnsignale zu reagieren, bin ich nach der Arbeit durchs Haus gelaufen und habe versucht, Gedichte auswendig zu lernen, um mein Gedächtnis zu trainieren. Es hat nicht mehr funktioniert, ich war am Verzweifeln. Und ich dachte, so muss es sich anfühlen, wenn man verrückt wird.
Und was tue ich meinem Kind an, das mit einer irren Mutter aufwachsen muss!
Es wäre doch besser, sie müsste das nicht mehr mit ansehen.

Stunden habe ich versucht, abzuwägen, was besser für meine Tochter ist.
Ein Leben ohne mich, bei ihrem Vater, der gesund ist und lebensfroh, der ihr eine Familie bieten kann oder eine verrückte und kranke Mutter, die keine Kraft mehr hat, sich um sie zu kümmern, wie das sein muss.

Bis mir ein anderer Gedanke kam: Willst du, dass dein Kind dich hasst, weil du sie allein gelassen hast? Wie soll sie damit fertig werden, dass ihre Mutter sich umgebracht hat? Vielleicht stürzt du sie damit ins gleiche Unglück!

Erschöpft bin ich irgendwann eingeschlafen.
Und konnte einige Stunden später plötzlich nicht mehr aufstehen.
Ich war wie gelähmt. Wie lange ich gebraucht habe, ins Bad zu kriechen, weiß ich nicht mehr.
Dort bin ich auf dem Fliesenboden erneut eingeschlafen.
Die wenige Kraft, die ich aufbringen konnte, konnte ich nutzen, um meinem Arbeitgeber Bescheid zu geben, dass ich krank bin und er nicht so bald mit meiner Rückkehr rechnen sollte.
Und dafür mich bei der Hexe von Sprechstundenhilfe um einen Notfalltermin bei meinem Arzt zu kümmern. Erst als ich in Tränen ausgebrochen bin, lies sie zu, dass ich sofort vorbeikommen konnte.
Die Worte des Arztes bei meinem Anblick habe ich nicht vergessen: „Wie sehen Sie aus?! Hier reicht eine Blickdiagnose. Und jetzt gehen Sie in eine Klinik, ich will keine Widerworte mehr hören.“
„Ich will weg. Ich kann nicht mehr. Dieses Mal schaffe ich es nicht mehr alleine.“

Wir haben eine Klinik ausgesucht und glücklicherweise konnte ich schon 14 Tage später eingewiesen werden.
Ich hatte mich darauf eingelassen, stationär behandelt zu werden und war damit einverstanden, allerhöchstens 3 Wochen, die Zeit, in der meine Tochter die Sommerferien bei ihrem Vater verbringen würde, dort zu bleiben.

Aus drei Wochen wurden 20.
Und diese Zeit sollte mit die beste Zeit in meinem Leben werden. Auch wenn ich das bis dahin noch nicht wusste.

Scham wie die ganzen Jahre davor, habe ich zu dem Zeitpunkt als ich in die Klinik kam, nicht mehr empfunden.

Nach Startschwierigkeiten, die normal zu sein scheinen, hatte ich mich eingelebt.
Erst wollte ich nicht essen und nicht am Programm teilnehmen, ich wollte nach Hause. Hier gehörte ich nicht hin.
Mir wurden Fragen gestellt. Was ich gerne mache. „Weiß nicht.“ Wann haben Sie zuletzt etwas getan, was Ihnen Spaß macht? „Weiß nicht.“
Was sind Ihre positiven Eigenschaften? „Weiß nicht.“
In den ersten Tagen ließ man mich noch in Ruhe.
Ich lernte also zuerst andere Patienten kennen und war überrascht, dass es noch viel mehr Menschen gab, die das gleiche Problem hatten, wie ich. Die das gleiche dachten.
Es war wie ein Aufwachen. „Ich bin gar nicht alleine verrückt.“

Zur Pflicht der Patienten gehörte es, an Schulungen zum Krankheitsbild teilzunehmen.
Während wir in Vorträgen verständlich darüber aufgeklärt wurden, was eine Depression ist und wodurch sie ausgelöst werden kann, habe ich Rotz und Wasser geheult, weil mir klar wurde, was mit mir nicht stimmte. Und dass ich nichts dafür konnte, dass es mich getroffen hat.
Dass eine Depression eine potenziell tödliche Krankheit ist, und dass ich kurz davor gewesen war, diesen Kapf zu verlieren.
Ich wollte mich nun einzig und allein darauf konzentrieren, mehr zu erfahren und gesund zu werden und mich nicht weiter dagegen wehren, mir helfen zu lassen. Durch all die Schulungen und Informationen war ich  nun aufgeklärt genug, die Krankheit anzuerkennen und damit umzugehen, mich nicht mehr zu verstecken.
Einzig mein Kind wollte ich schützen. Daher habe ich ihr freigestellt, mit ihren Freunden darüber zu reden oder nicht. Ich wollte nicht, dass sie mit einer irren Mutter aufgezogen und geächtet wird.
Beim ersten ihrer Besuche in der Klinik war auch diese Angst schnell beseitigt.
Durch die Offenheit, mit der sie den anderen Patienten begegnete, hat sie uns allen geholfen.

Unter der Käseglocke wurde mir in der Klinik jede Verantwortung abgenommen. Das kannte ich nicht. Und es war eine Erleichterung. Ebenso die Therapie. Egal, ob es sich um Einzelgespräche mit einem Therapeuten, um Gruppengespräche oder um die Ergotherapie gehandelt hat, alles war hilfreich. Weil ich endlich mal dazu bereit war, mich darauf einzulassen.

Es war nicht immer leicht. Es war kein Ferienlager, in dem man nur Spaß hat. Aber der Sommer in der Klinik hat mir erstens das Leben gerettet und es zweitens verändert.
Der Aufenthalt wurde mehrfach verlängert. Nach 9 Wochen stationärer Behandlung waren meine neuen Freunde schon entlassen, und schließlich wollte auch ich gehen.
Man hatte sich darauf geeinigt, dass ich weiter in die Tagesklinik gehen würde, um gefestigter und wieder auf den Alltag vorbereitet werden sollte.
Also besuchte ich noch weitere 11 Wochen die Tagesklink.
Insgesamt habe ich 2009 somit 20 Wochen in einer Klinik verbracht.
Und ich würde es jederzeit wieder tun.
Nur würde ich es nie wieder soweit kommen lassen, ganz unten zu sein. Ich würde früher reagieren.
Hoffe ich.
Die Zeit war kein Zuckerschlecken, bei weitem nicht.
Aber ich bin dankbar um jeden einzelnen Tag in der Klinik.
Nach Abschluss der Behandlung habe ich eine Wiedereingliederung ins Berufsleben gemacht und arbeite seit Mai 2010 wieder Vollzeit. Ich ging und gehe nach wie vor offen mit der Depression um.
Das hat mich beruflich ins Aus geschossen. Ich werde nichts weiter erreichen und werde oft nicht ernst genommen. Das nehme ich hin. Allerdings nehme ich keine Hänseleien und kein Mobbing deshalb mehr hin. Ich wehre mich.
Auch meine Familie, die zumindest zum Teil anfangs hinter mit stand, wenn auch relativ überrascht von meinem Zusammenbruch, fand, dass es irgendwann reicht und ich doch bitte wieder wie früher werden sollte.
D.h. Funktionieren. Mich um alles kümmern. Es anderen damit bequem machen.
Mich wieder vergessen? Never!
Es ist nach wie vor nicht leicht. Einige haben sich von mir abgewendet, oder ich mich von ihnen.

Irgendwann kann es das Umfeld nicht mehr hören. Und ist angepisst, wenn da jemand im Vordergrund stehen soll, der jahrelang ein Mitläufer war, der schön den Mund gehalten und alles hingenommen hat. Der das Wort NEIN weder kannte und schon gar nicht benutzte. Der sich nicht durchsetzen konnte.

Ich bin nach wie vor darauf bedacht, immer erst den bequemeren Weg gehen zu wollen. Bitte keine Diskussionen führen müssen, bitte nicht nein sagen müssen. Um ja jeden Ärger zu vermeiden.
Dabei habe ich die Wahl- kann ich wieder Everybodys Darling werden und selber vor die Hunde gehen oder stehe ich hinter dem, was ich will und setze mich durch. Notfalls mit dem Verlust von Freundschaft.

Wisst ihr jetzt, was eine Depression ist?
Nein?
Na gut.

Andreas Steinhöfel erklärt es in einem Kinderbuch sehr schön:
„Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie
haben keine Arme mehr und es ist leider auch gerade niemand zum Schieben
da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt. Macht sehr müde.”

Eine Depression ist die Krankheit der Losigkeiten.

Freudlosigkeit
Lustlosigkeit
Appetitlosigkeit
Hoffnungslosigkeit
Mutlosigkeit

Von einer Depression spricht man dann, wenn der Zustand dieser tiefen Traurigkeit mindestens zwei Wochen und länger anhält.
Man sollte sich rechtzeitig Hilfe suchen. Und vor allem ist es keine Schande, sich Hilfe zu suchen.
Man muss sich auch nicht schämen, an einer Depression erkrankt zu sein.
Es gibt Hilfe!

Eine Selbstdiagnose via Internet oder Ratgebern bzw. Tests in einschlägigen – oder Frauenzeitschriften halte ich für nicht ausreichend und vor allem für gefährlich. Die Diagnose sollte von einem Facharzt gestellt werden.
Wenn ihr allerdings den Verdacht habt, an einer Depression erkrankt zu sein, reagiert! Und zwar schnell. Die Wartezeiten auf einen Termin bei einem Facharzt können sehr lang sein. Vor allem im ländlichen Bereich sind Psychiater und Neurologen rar gesät. Aber gebt nicht auf und drängt darauf, eine adäquate Behandlung zu bekommen.
Evtl. kann auch eine Beratungsstelle eine erste Hilfe sein.

 

Ich nehme seit über zwei Jahren meine Medikamente immer noch, und ich gedenke auch nicht, damit aufzuhören.
Oft werden Psychopharmaka verteufelt. Warum – ist mir ein Rätsel. Niemand käme auf die Idee einem Diabetiker davon abzuraten, sich Insulin zu spritzen.
Antidepressiva machen nicht abhängig!
Es kann dauern, bis das passende Medikament gefunden wird. Daher sollte man Geduld haben. Und man sollte sich auch wirklich an die vom Arzt verschriebene Dosierung halten.
Überhaupt sollte man offen und ehrlich zu seinem Arzt sein.
Ihn zu belügen, bringt überhaupt nichts, wenn man ernsthaft daran interessiert ist, etwas gegen seine Erkrankung zu unternehmen.

Des Weiteren halte ich es für enorm wichtig, über die Erkrankung informiert zu sein.
Diverse Links werde ich im Anschluss an den Text einfügen.
Ich habe für mich selbst herausgefunden, welche Bücher hilfreich sind und welche einfach nur Mist.

Seit der Klinik befasse ich mich zudem mit Yoga.
Allerdings habe ich für Meditation nicht die nötige Ruhe. Meine Meditation besteht also aus den Körperübungen, bei denen ich abschalten kann.
Diese Übungen führen nicht nur dazu, dass ich ausgeglichener bin und besser atmen kann.

Ich habe diverse andere Entspannungstechniken ausprobiert und für mich ausgeschlossen.

PMR – ist für mich absolut ungeeignet, weil ich nicht die nötige Ruhe habe und als Zappelphillip selbst in der Klinik ausgeschlossen wurde, um die anderen Patienten nicht zu stören.
Bei autogenem Training bin ich eingeschlafen, das ist mir schlicht zu langweilig.

Soweit zu den Entspannungstechniken.
Die zu Beginn einer schweren Depression undenkbar durchzuführen sind.

Eine Depression sollte ernst genommen werden.
Mir ist klar, dass man als Angehöriger hilflos zusehen muss und keine Macht hat, an den Depressiven herankommen zu können.
Vorwürfe bringen allerdings gar nichts, im Gegenteil.
Ein Depressiver lässt sich nicht mutwillig hängen und will Mitleid.
ER KANN NICHT ANDERS! ER IST KRANK!
Unverständnis und Vorwürfe treiben ihn nur noch tiefer in Selbstzweifel und Depression.

Medikamente können Erleichterung verschaffen und zumindest soweit stabilisieren, dass an eine weitere Therapie gedacht werden kann.
Doch ist Vorsicht geboten! Zu Beginn der Therapie zeigt sich zwar noch keine Wirkung, was die Stimmung angeht, allerdings besteht die Gefahr, dass zumindest der Antrieb gesteigert wird und so ein Suizid, der während der antriebslosen Phase nicht durchgeführt werden konnte, nun in Angriff genommen werden könnte.

Ich kann hier nicht für alle sprechen.
Jede Depression mag anders sein.
Ich kann nur von meinen Erfahrungen berichten und darauf hinweisen, dass in jedem Fall ein Arzt aufgesucht werden sollte.

Es ist mir ein Anliegen, einige Links einzufügen, die ich für hilfreich und lesenswert erachte.

Schattendasein – Das unverstandene Leiden Depression

Das Monster, die Hoffnung und ich

Sein Leben neu erfinden

Stigma Depression

Robert Enke/ Spiegel

Ich weiß, dass dieser Bericht unvollständig ist. Den Text habe ich relativ unvorbereitet und aus dem Gedächtnis geschrieben.
Ich werde nach und nach weitere Informationen einfügen, die wichtig sind.

Falls ihr selbst betroffen seid, sucht euch bitte dringend Hilfe!

Danke fürs Lesen.

Und alles Gute!

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