nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Juni, 2012”

Es jährt sich jetzt zum 3. Mal

Seit ein paar Tagen denke ich relativ häufig an eine Zeit, in der es mir, untertrieben gesagt, nicht sonderlich gut ging, wie man in den vorigen Beiträgen lesen kann.
Nun ist mir eingefallen, dass das daran liegen könnte, dass sich gerade in diesen Tagen und Wochen zum 3. Mal die schwerste Depression, die ich je erleben musste, und der beginnende Klinikaufenthalt, der am Ende 20 Wochen dauern sollte, jährt.

Ich denke darüber nach und bin mehr als überglücklich, dass es vorbei ist. Mittlerweile bezeichne ich mich selbst nicht mehr als depressiv. Ich bin nicht mehr krank. Ich bin gesund. Und auch das soll wieder ein Beitrag werden, der allen Betroffenen Mut macht. Nicht aufgeben! Durchhalten, sich helfen lassen, Therapie, Information, Hilfe allgemein in Anspruch nehmen. Es lohnt sich. Auch wenn ich das vor 3 Jahren nicht geglaubt hätte…..

Es war Sommer 2009. Seit Wochen und Monaten hatte ich mich zunehmend unwohl gefühlt. Ich war traurig, wenn auch nicht grundlos. Ich war überfordert, nicht zuletzt durch mich selbst und dadurch, was ich mir aufgebürdet hatte.
Fulltime-Job, Oma versorgen, nebenberufliche Ausbildung, Nebenjob, Hausbau. Das alles habe ich alleine bewerkstelligt als alleinerziehende Mutter. Niemand stand hinter mir, niemand hat mich unterstützt. Die Spirale hatte längst begonnen, sich zu drehen.
Nachdem ich alle Ziele erreicht hatte, hatte ich nichts mehr, worauf ich hätte hinarbeiten können. Ich hatte alleine ein Haus gebaut, ich hatte meine 3. Ausbildung abgeschlossen, ich hatte geregeltes Einkommen, eigentlich hätte es mir gutgehen können.
Und doch hatte ich noch so viel Stress. Meine Tage waren angefüllt mit Dingen, die ich eigentlich nicht wollte und auf die ich keine Lust hatte. Und trotzdem musste ich sie erledigen.
Wenn ich allerdings Zeit hatte, mal zur Ruhe zu kommen, war ich unruhig und begann, mir Gedanken zu machen, wie unzufrieden ich trotz allem mit meinem Leben bin. Mit diesen Gedanken und mit schlechtem Einfluss, alleingelassen und überfordert war ich auf geradem Weg in die nächste Depression, die schlimmer werden sollte, als jede andere, die ich in den letzten Jahren durchmachen musste:

Schlimmer denn je. Es war nicht die erste Depression, in die ich da wieder hineinsteuerte.
Aber ich war zuvor nie bereit, an mir zu arbeiten. Eine Therapie hatte ich Jahre zuvor abgebrochen. Dinge, die ich als Kind und Jugendliche und auch später erlebt hatte, wollte ich ausblenden und einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Tabletten habe ich abgelehnt, weil ich auf andere Leute gehört habe. Allen zuvor auf meinen Ex: Friss diese Scheiße nicht, man muss sein Leben auch so im Griff haben. Depressionen gibt es nicht! Das ist nur Schwäche.
Wie tragisch das alles war, hat sich 2009 in seiner schlimmsten Phase gezeigt.

Schlaflosigkeit hatte sich schon längst eingeschlichen. Jede Nacht punkt 2.30 Uhr war ich wach. Irgendwann hat diese Zeit mir Angst gemacht.
Bleierne Müdigkeit hat mich den ganzen Tag fast lahmgelegt, meine Arbeit war nur noch eine Last. So oft hatte ich das Gefühl, als sitze ich in einem dunklen Karton, aus dem ich nur noch durch einen Schlitz nach draußen sehen kann.
Eine Mimik hatte ich nicht mehr. Mein Gesicht sah immer gleich aus. Ausdruckslos.
Alles was ich wollte, war einschlafen und nie wieder aufwachen.
Meinen Anblick konnte ich weder in einem Spiegel, noch in einem Schaufenster ertragen. Sobald ich mich gesehen habe, hatte ich den Wunsch, mit der Faust den Spiegel oder das Glas zu zertrümmern.
Ich wollte nicht mehr angesprochen werden und hoffte einzig und allein darauf, meinen Arbeitstag zu überstehen, ohne in Gespräche vertieft zu werden. Denken und antworten, zuhören, war schwer für mich.
Ich wollte allein sein. Nichts sehen, nichts hören. Schlafen. Um diese furchtbare Müdigkeit nicht mehr aushalten zu müssen.
Vergesslichkeit kam hinzu, die immer schlimmer wurde. Da mein Opa Alzheimer hatte, fürchtete ich, es könnte mich erwischt haben. Juveniles Alzheimer, gibt’s ja auch. Anstatt mir aber Ruhe zu gönnen, bin ich nach stressigen Tagen abends mit einem Gedichtbuch durchs Haus gelaufen und wollte auswendig lernen, um mein Gehirn zu trainieren. Hatte ich nach Stunden endlich eine Strophe im Kopf, war sie am nächsten Tag wieder weg, was mich noch wahnsinniger gemacht hat und meine Alzheimer-Theorie bestätigte.
Wortfindungsstörungen kamen hinzu. Was auf der Arbeit, vor allem mit Kunden ein Dilemma ist. Aber mir sind einfachste Wörter nicht mehr eingefallen. Das Sprechen fiel mir zusehends schwerer. Meine Zunge schien lahm geworden zu sein.
Wenn ich mich am Schreibtisch irgendwie bewegen musste, schien das nur noch in Zeitlupe zu laufen. Nach etwas greifen, mich umdrehen, alles schien länger zu dauern als gewöhnlich. Ich war nur noch eine kraftlose Hülle.
Ich konnte Hindernissen nicht mehr ausweichen. Überall habe ich mich gestoßen. Meine Beine waren mit blauen Flecken übersät. Regelmäßig bin ich in Türrahmen hängen geblieben und habe mir die Schultern geprellt.
Es kam soweit, dass ich nicht mehr den ganzen Tag wach bleiben konnte. In der Mittagspause habe ich mich in meinem Büro eingeschlossen, um auf dem Boden wenigstens 30 Minuten zu schlafen. Deshalb habe ich mich noch schlechter gefühlt.
Du schaffst das Leben nicht. Du schaffst deine Arbeit nicht. Du taugst nichts. Du bist eine einzige Last.
Ich hasste mich. Und ich war mir sicher, meiner Umwelt gehe es mit mir ganz genauso.
Und dennoch habe ich weiter versucht, alles vor dem Umfeld geheim zu halten und es zu überspielen. Dabei war längst allen klar, dass mit mir etwas nicht stimmt.
Ich war abgemagert bis auf die Knochen. Ich konnte nicht mehr lachen. Ich war dauerabwesend mit meinem Gedanken.
Ich wollte schlafen, schlafen, schlafen. Bei jedem Aufwachen nachts oder am Morgen bin ich in Tränen ausgebrochen, weil ich noch lebte.

Da ich noch Tabletten zu Hause hatte, habe ich mit der Einnahme begonnen, wie es mir Jahre zuvor verordnet wurde. Ich hatte die Hoffnung, damit noch etwas ändern zu können. Aber der Zug war längst abgefahren.
Ich lag nachts im Bett. Wach. Die Tabletten aus den Hüllen gedrückt, im Vorhaben, alle auf einmal zu schlucken, damit ich niemandem mehr zur Last falle, diese Hölle nicht mehr ertragen muss, und um meiner Tochter ein Leben mit einer depressiven Mutter zu ersparen.
Die Gedankenspirale drehte sich ununterbrochen weiter. Ich lag im Bett und habe vor mich hingeglotzt. Die Tabletten in der Hand, abwägend, was besser für mein Kind wäre. Als ich zum Schluss kam, es nicht zu tun, damit mein Kind mich nicht ihr Leben lang hassen muss, weil ich ihr das angetan habe, lies ich die Tabletten fallen und versuchte, einzuschlafen. In der Hoffnung, dass sich meine Todessehnsucht erfüllen würde und man mir so nicht die Schuld geben konnte, mir selbst etwas angetan zu haben.
Am Morgen konnte ich nicht mehr aufstehen.
Ich hatte keine Kontrolle über meine Beine. Ich konnte mich nicht aufsetzen. Panik kam auf.
Nachdem ich es geschafft habe, auf dem Boden ins Bad zu robben, was unendlich lange gedauert hatte, bin ich dort auf den Fliesen vor Erschöpfung eingeschlafen.
Ich musste handeln.
Irgendwie kam ich ans Telefon, gab auf der Arbeit bescheid, dass ich nicht kommen kann und habe einen Notfalltermin bei meinem Neurologen bekommen.
Tränenüberströmt in zusammengesunkener Haltung saß ich im Behandlungszimmer, als der Arzt hereinkam und erschrocken klarstellte, dass eine Blickdiagnose ausreiche, um zu wissen, was los ist, und dass er dieses mal darauf bestehe, dass ich mich in einer Klinik behandeln lasse.
Ich stimmte zu. Ich konnte nicht mehr. Ich hatte aufgegeben.
Endlich.

Diese Einsicht hat mir mein Leben gerettet und alles geändert.
Klar nicht von heute auf morgen. Wie man in den vorigen Beiträgen lesen kann, war ich insgesamt 20 Wochen in der Klinik. Es gab Tränen, Wut, den Wunsch, abzubrechen, harte Arbeit.
Und auch nach der Behandlung, wieder zu Hause, war ich lange nicht geheilt. Die Wiedereingliederung in den Beruf fiel mir schwer. Der Haushalt war eine Last. In der Klinik wurde neben der Depression zudem eine Angsterkrankung diagnostiziert, die ich jahrelang als Kreislaufprobleme abgetan und nicht erkannt hatte, an der es zu arbeiten galt.
Eine ambulante Therapie wurde begonnen, die bis heute andauert, und über die ich mehr über mich selbst und das Leben im Allgemeinen gelernt habe, als je zuvor. Meine Therapeutin ist genial.
Dass ich genial mitgearbeitet habe, zeigt das Ergebnis, wie es mir jetzt geht.
Ich hatte den festen Willen entwickelt, unbedingt gesund werden zu wollen. Ich habe alles gelesen, was es über Depressionen zu lesen gibt. Ich hatte lange Gespräche mit anderen Patienten.
Ich habe mich kennengelernt. Ich habe gelernt, nein zu sagen. Ich habe gelernt, nicht mehr perfekt sein zu wollen. Ich habe gelernt, dass Leben Veränderung bedeutet.
Ich habe gelernt, dass ich ganz ok bin. Dass mein Temperament nicht zu therapieren ist, dass es ok ist, wenn ich manchmal eine Arschgeige bin, andererseits bin ich hilfsbereit und, so denke ich, ein ganz guter Mensch eigentlich.
Ich will nicht mehr krampfhaft beweisen, was ich leisten kann.
Meine Leichen im Keller sind exhumiert und beerdigt. Ich habe akzeptiert, dass das, was passiert ist, nicht rückgängig zu machen ist, dass es schlimm war, aber jetzt nicht mehr passieren kann, weil ich erwachsen bin und auf mich aufpassen kann.
Ich setze mich für mich ein, nicht nur permanent für andere. Ich vergesse mich nicht mehr. Ich höre auf mich. Ich schlucke nicht mehr durchgehend meinen Ärger hinunter und lasse alles mit mir machen, ich wehre mich.
Das mag sich einfach lesen. Der Weg dahin war aber verdammt steil und steinig.
Es gab Rückschläge. Aber tageweise. Nicht mehr Wochen und erst recht nicht monatelang.
Ich bin nicht gefeit vor einer weiteren Depression, das weiß ich. Aber ich warte nicht darauf.

Ich weiß mittlerweile, dass man in einer Depression eine verdrehte Sichtweise hat. Die negativen Gedanken, die sich ins Hirn einnisten, entsprechen nicht der Realität!

Heute habe ich Respekt vor mir. Und vor dem Leben auch.
Anfang des Jahres stand auf der Kippe, ob eine Verdachtsdiagnose sich bei mir als gut- oder bösartig herausstellen wird.
Da war nichts mehr mit ich möchte lieber tot sein. Da dachte ich, wie scheiße ungerecht wäre es, wenn ich jetzt, wo ich nicht mehr sterben will, nicht mehr leben dürfte?!
Ich hatte Glück. Es ging alles gut aus. Und dafür bin ich dankbar.

Ich weiß, dass meine Geschichte hier nicht endet.
Aber die Geschichte meiner Depression endet hier. Ob für immer, weiß ich nicht. Aber für jetzt.
Ich lebe gern. Blöde Gedanken kommen ab und an wieder. Aber ich habe zumindest das Wissen, dass man versuchen kann, dagegen anzugehen.

Letzte Woche habe ich erfahren, dass der Antrag auf Verlängerung meiner Therapie nicht mehr vollständig genehmigt wurde. Ich war sauer, enttäuscht, verängstigt. Obwohl mittlerweile mehrere Wochen zwischen den Gesprächen liegen, will ich das noch nicht beendet wissen. Meine Therapeutin fragte mich: „Glauben Sie, ihr Leben hängt davon ab, ob Sie jetzt noch 10 oder 20 Therapiestunden haben?“
„Das nicht. Aber ich fühle mich noch nicht soweit, dass ich alles perfekt regeln könnte, wenn mir was in den Weg kommt, was da nicht hin soll.“ Ihre Antwort darauf war wichtig: „Es wird nie ein Leben geben, das komplett perfekt läuft. Und das wissen Sie eigentlich genau.“

Ja, das weiß ich schon. Und jetzt, nach einigen Tagen hat der Gedanke, bald ohne sie auskommen zu müssen, an Schrecklichkeit nachgelassen.
Leben heißt ja auch, Niederschläge einstecken zu müssen und damit umzugehen.
Es heißt im Moment vor allem aber, mein Leben ohne Depression zu genießen.
So ganz normal.
Wie ich gelitten habe, will ich nie vergessen. Und meine Erfahrungen möchte ich weitergeben an andere, die von einer Depression betroffen sind. Ich möchte euch zeigen, ihr habt an mir den Beweis, dass alles wieder gut werden kann. Auch wenn ihr glaubt, eine Depression ist das schlimmste, was euch passieren kann (was es zweifelsohne auch ist), könnt ihr wieder gesund werden.

Gebt nicht auf. Ich bitte euch darum, holt euch Hilfe und lasst euch darauf ein.
Hört nicht auf die, die gegen Medikamente wettern, es ist meist zwingend erforderlich, mit einer medikamentösen Therapie zu beginnen, um den Hormonhaushalt in eurem Gehirn wieder auf Normallevel zu bringen, um dann mit einer Therapie weiter zu machen.
Ich komme aus der Schulmedizin (Ex-Krankenschwester) und habe auch in der Psychiatrie gearbeitet.
Es gibt unendlich viele Scharlatane, die kranke Menschen ausnutzen und ihnen irgendwelchen Murks andrehen wollen, die darauf pochen, dass eine Depression mit der richtigen Ernährung (hahaha) und ihren Zusatzprodukten, die sie verkaufen, in den Griff zu bekommen ist. Oder Bücher mit irgendwelchen Verschwörungstheorien (The Secret, usw.), mit denen man euch das Geld aus der Tasche ziehen will.
Glaubt an euch und an euren Arzt! Lasst euch nicht einreden, ihr schafft das nicht, und vor allem REDET ES EUCH NICHT SELBST EIN!
Nehmt euch wichtig. Ihr seid es.

Ich habe in diesem Tagen also allen Grund zu feiern. Vielleicht meinen xten Geburtstag. Auf jeden Fall aber, den Auszug aus der Hölle. Und das wünsche ich jedem einzelnen, der an dieser Krankheit leidet. Ich wünsche euch Erfolg beim Kampf gegen die Depressionen. Bitte gebt nicht auf!

Das Leben nach einer Depression fühlt sich an, als würde man aus einem dunklen Keller nach oben kommen und wieder Licht und Leichtigkeit sehen und gute Luft atmen können.

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