nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Keine Angst vor Antidepressiva

Hallo, ihr Lieben.

Wie im vorletzten Post erwähnt, wurde ich vor einigen Wochen auf ein anderes Depressivum eingestellt (Venlafaxin), weil die alten Tabletten, die ich 3,5 Jahre genommen hatte, keine Wirkung mehr zeigten, und ich auf dem Weg war, wieder in eine Depression zu rutschen. Mittlerweile hat sich das alles ganz gut eingependelt. Die Nebenwirkungen, mit denen ich die ersten zwei, drei Wochen zu kämpfen hatte, sind gänzlich verschwunden. Übelkeit, Schwindel, Bauchschmerzen, alles weg.
Dafür zeigen die Tabletten eine andere, enorme Wirkung. Nicht nur mir selbst, vor allem Freunden fällt auf, dass ich nicht mehr aggressiv bin. Das war auch eins meiner größten Probleme. Es hat nicht viel gebraucht, mich zum Aurasten zu bringen, vorrangig haben sich diese Aggressionen erst mal gegen mich selbst gerichtet. Dann auch gegen andere, was sich im Umgang gezeigt hat. Biestige Antworten. Rückzug, die Tendenz, dass mich alle am besten am Arsch lecken mögen. Ich wollte nur schlafen, hatte keine Kraft und keine Energie mehr, grübeln war an der Tagesordnung, Konzentration unmöglich.
Jetzt bin ich ruhiger geworden. Fühle mich nicht mehr, als sei ich kurz vorm Zusammenbruch, kann mich besser konzentrieren, bin wacher und nicht mehr dauermüde, kann meine Arbeit besser erledigen, habe mehr Energie.
Ich bin überaus froh und dankbar, dass mein Leben jetzt wieder mehr Qualität hat. Dass ich wieder Interesse an allem möglichen zeige. Mich nicht mehr durch die Tage kämpfen muss, nicht mehr sofort schlafen muss, wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, und vor allem, dass ich meine Arbeit schaffe, mich darauf konzentrieren kann, kurz: dass ich wieder zurück bin.
Für einen Depressiven, der mehr als sein halbes Leben mit all den bekannten Symptomen zu kämpfen hatte, ist ein Stück weit Normalität, wie sie andere kennen, schlichtweg das Paradies.

Jaja, ich höre die Unkenrufe der Medikamentengegner…. Aber ich bin nun mal ein Befürworter der Schulmedizin und ich bin Befürworter von Antidepressiva, wenn die nachweislich nun mal nötig sind, um am Leben teilnehmen zu können.
Bei mir ist das so, bei unzähligen anderen ist das so, dass der Stoffwechselhaushalt im Gehirn eben nicht auf Dauer funktioniert, wenn keine Serotoninunterstützung kommt.
Man rät Diabetikern nicht von Insulin ab, man rät Herzpatienten nicht von Marcumar ab.
Warum Depressiven also von Antidepressiva?
Mir egal, warum. Ich bitte euch, die ihr euch nicht sicher seid, was ihr tun sollt, sprecht mit eurem Arzt. Stellt euch nicht grundsätzlich gegen Madikamente. Klar sind Medikamente alleine keine Lösung und keine Allzweckwaffe gegen Depressionen.
Der Kampf gegen die Krankheit beinhaltet zudem Themen wie Therapie, Änderung der schädigenden Verhaltensweisen und vieles mehr.
Aber um das alles in Angriff nehmen zu können, braucht es doch erst mal die nötige Energie!
Ich stand Medikamenten viel zu lange ablehnend gegenüber. Und habe mir selbst dadurch wertvolle Jahre gestohlen.
Habt keine Angst vor Antidepressiva. Habt Geduld. Schmeißt es nicht gleich hin, wenn sich anfangs Nebenwirkungen zeigen (wie bei mir), das ist in den meisten Fällen normal, weil schließlich der Hormonhaushalt im Gehirn umgestellt wird. Und gebt nicht auf, wenn nicht gleich das richtige Medikament gefunden wird. Was beim einen wirkt, muss dem anderen noch lange nicht genauso gut helfen.

Ich kann natürlich nur für mich sprechen. Ich bin froh, dass sich etwas getan hat. Ich bin froh, dass ich nach Monaten des Kampfes wieder Licht sehe und mich wohler fühle, lesen kann, schlafen kann, arbeiten kann, mich freuen kann, Hoffnung haben kann, Lust auf das Leben habe, Ängste verschwunden sind, ich mich leichter fühle, der Schwermut sich verpisst hat.

Ich wünsche euch alles Gute. Immer.

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

3 Gedanken zu „Keine Angst vor Antidepressiva

  1. cosima1973 sagte am :

    Schön, von dieser positiven Wendung hin zu mehr Lebensqualität, überhaupt mehr Leben im Leben, zu lesen. Ich sehe es wie du auch, dass egal ob Körper oder Geist, alle Hilfe brauchen können, wenn sie die von ihnen zum Leben benötigte Leistung nicht mehr ohne leisten können. Beim Beinbruch sind es Krücken, beim schwachen Herzen oder zu dickem Blut Medikamente. Wieso also der Seele, dem Hirn die Hilfe versagen, die so viel Erleichterung bringen kann? Leider sind da noch viele Tabus und auch oft Scham. Wenn Menschen wie dazu stehen, sich öffnen und die positiven Effekte aufzeigen, kann das anderen Mut machen, die vielleicht noch zögern und in ihrer Starre verharren, keinen Ausweg finden.

    Danke für diesen Artikel und dir alles Liebe und dass es so weiter geht.

    • nonanic sagte am :

      Danke für deinen Kommentar und die guten Wünsche 🙂
      Sehe ich genau wie du.
      Früher hätte ich aber auch nicht darüber gesprochen. Mittlerweile schäme ich mich aber nicht mehr dafür, zum Kreis der Depressiven zu gehören. Und wenn ich nur einem Menschen mit meiner Offenheit helfen kann, bin ich schon zufrieden.

  2. Raodrunner sagte am :

    Du sprichst mir aus der Seele, ich habe ich lange gegen Antidepressiva gewehrt. Habe es ein Jahr mit Johanniskraut versucht. Ich merkte, dass es mir immer schlechter ging. Dann habe ich die Dinger genommen und schon nach einigen Tage merkte ich eine leichte Besserung. Dann kam die Hölle: Kopfweh, Bauchschmerzen, Übelkeit. Viele Menschen in den Foren haben gesagt, man soll durchhalten, das geht wieder weg.
    Ich hielt durch, ich hatte keine Wahl. Und es wurde besser, die Nebenwirkungen sind verschwunden und ich bin wieder ruhig geworden. Hätte ich schon früher machen sollen, war die beste Entscheidung seit langem.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: