nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Gedanken zum Aufschrei

Auch ich kann meine Finger nicht mehr still halten, und muss meinen Senf dazu geben.

Es geht auch bei mir seit gestern hauptsächlich um das Thema, das heute bei Twitter aktuell ist und unter dem Hashtag „Aufschrei“ Beachtung findet.

Mir dreht sich zeitweise der Magen um. Häme ist hier unangebracht! Aber Diskussionen und die Bitte um Verständnis bringen scheinbar nichts. Alteingefahrene Denkweisen verhindern, dass alle jene Frauen verstehen, die sich verletzt und beschmutzt fühlen, und die leider, leider, eure gutgemeinten Ratschläge wie „wehrt euch, wenn euch jemand blöd anmacht“, nicht ohne weiteres umsetzen können.

Ich bin ganz froh, behaupten zu können, dass mittlerweile jeder, der mich blöd anmacht, verbal dermaßen eine in die Fresse bekommt, dass ihm hören und sehen vergeht. Und ich würde auch nicht davor zurück schrecken, zuzuschlagen, wenn es sein muss.
Aber bis dahin war es ein weiter Weg.
Mag sein, dass es u.a. am Alter liegt, oder daran, wie mein bisheriger Lebensweg ausgesehen hat.
Leider haben solche Anmachen von Kotzbrocken zu meinem Alltag gehört. Die Schuld habe ich sogar oft bei mir gesucht. Ich war mal ganz nett anzusehen, sehr schlank, lange Mähne, und was Männern eben sonst noch gleich ins Auge fällt. Mag sein, dass auch ich mich mehr über mein Aussehen definiert habe, als das mittlerweile der Fall ist. Leider hat das damals zu meinem Selbstbewusstsein nicht viel beigetragen.
Oft hätte ich dem Pisser, der mir Widerlichkeiten nachgerufen, mir nachgepfiffen, dämliche Emails geschickt oder unmissverständliche Angebote zugeraunt hat, am liebsten vor die Füße gekotzt. Aber man wurde gut erzogen. Zum Mädchen, das nicht aufmuckt.

Ängstlichkeit, Schwäche, Zurückhaltung, und schlechte Erfahrungen, (mitunter gefährliche oder lebensbedrohliche) lassen sich nicht einfach mal mit einem „Wehr dich halt“ wegpusten und vergessen machen.

Dazu gehört mehr.

Natürlich würde ich die Mädchen und Frauen, die sich nicht trauen, zu einem Typen zu sagen, dass man ihm gleich seine dicken Eier abreißt und von einem LKW überfahren lässt, wenn er nicht den verdienten Respekt zeigt, an die Hand nehmen und ihnen zeigen wie das geht.

Aber so funktioniert das nun mal nicht.

Man muss schon auch bereit sein, sich als frigide Kuh beschimpfen zu lassen, oder als Lesbe, der man mal wieder zeigen muss, wie das ist, einen richtigen Mann zu haben.

Was auch immer dazu geführt hat, dass ihr euch nicht traut, euch zur Wehr zu setzen, muss behoben werden!
Nur dann kann man die Sache angehen. Wie diese Hilfe aussieht, muss jede Frau für sich selbst entscheiden. Selbstverteidigungskurse, Therapie, Erfahrungsaustausch, und, und, und.

Stärkt euch! Ihr müsst keine Kampfmaschine werden, um auszustrahlen, dass ihr Respekt verdient habt und dass euch was nicht passt!
Lernt laut NEIN! zu sagen und zu zeigen, dass ihr es ernst meint, auch die Körperhaltung muss das austrahlen. Ein Nein flüstern oder weglachen nimmt niemand ernst! Auch ich musste das lernen.

Steht selbst zu euch und hinter euch. Duckt euch nicht!

All diese Tipps werden euch nicht helfen und euch nicht stärker machen und nicht euer Problem lösen, aber vielleicht einen kleinen Denkanstoß liefern, hoffe ich.

Es ist sehr schade, aber ihr könnt euch nicht auf die Gesellschaft verlassen, und darauf, dass jemand kommt, und euch in jeder Situation beschützt. Ihr müsst das selbst in die Hand nehmen! Auch wenn zu hoffen bleibt, dass die Menschheit irgendwann sensibler reagiert.

Was die männliche Seite angeht: ich habe keinen einzigen Bekannten in meinem privaten Umfeld, der so eine idiotische Einstellung Frauen gegenüber hat, die wenigsten Frauen umgeben sich freiwillig mit solchen Widerlingen.
Hört also auf, zu flennen und zu behaupten, wir scheren alle Männer über einen Kamm! Sorgt lieber dafür, dass eure Kumpanen, die solche Anwandlungen zeigen, darüber aufgeklärt werden, wie sehr frau sich von sowas angegriffen und beleidigt, sogar gedemütigt fühlt! Greift ein, wenn ihr sowas mitbekommt. Und hört auf, euch darüber lustig zu machen. Nehmt das ernst, verdammt nochmal!

Mit einem kurzen Diskurs will ich noch ein Beispiel dafür bringen, dass es dieses Phänomen auch umgekehrt gibt:
Ein Azubi kam vor einigen Jahren zu mir und hat mir berichtet, dass er sich von einer älteren Kollegin belästigt fühlt, weil sie ihn ständig anmacht, ihm Anzüglichkeiten zuflüstert, etc. Ich habe die Sache mit ihm und der Frau geklärt, und ihr versichert, dass ich als Zeugin für den Jungen aussagen werde, wenn sie das nicht sein lässt. Seither kam sowas nicht mehr vor.

Und jetzt ein paar Anekdoten der noch eher harmoseren Art aus meinem Leben zum Thema:
Ich war vor Jahren mit Freundinnen unterwegs in einer Disco. Der Türsteher sprach mich an, und ich bat ihn freundlich, das gesagte zu wiederholen, weil ich ihn nicht verstanden hatte. Er sagte zu mir: „Du musst dich einfach nur hinknien und den Mund ganz weit aufmachen.“
Nach etwa einer Sekunde, als mein Hirn umgesetzt hatte, was der Typ da abgelassen hat, BIN ICH SOWAS VON AUSGERASTET…. Ich habe ihn dermaßen zur Sau gemacht, dass er das sein Lebtag nicht mehr vergessen wird. Ich wollte den Geschäftsführer sprechen, nachdem ich mit diesem Lappen fertig war. Ergebnis: Freier Eintritt, Getränke frei. Winselnde Entschuldigungen.
Ob die hinter meinem Rücken dann über mich gelästert haben, war mir egal. Ich hatte mich gewehrt, und zwar nicht zu knapp! Tolles Gefühl!

Nächste: Ich trug früher am liebsten Kleider und Röcke. Das hat sich mittlerweile geändert. Man sieht mich selten in etwas anderem, als Jeans. Dennoch habe ich ab und an die Anwandlung, mich etwas weiblicher anzuziehen. Ich komme in Rock und Pumps zur Arbeit, da hagelt es von ersten Kollegen gleich Emails. „Wow, diese Beine machen mich verrückt, wie soll ich da arbeiten? Mir ist schon ganz heiß… laberlaber“ Aus einem anderen Büro ertönt affiges Gebrüll vom nächsten Kollegen: „Heute hat sie es wohl drauf angelegt…“ WORAUF GENAU? Ich rufe den Kollegen über den Flur zu, dass ich gleich mal einen Rundruf starte und bei den Ehefrauen anrufe, denen ich dann vom Benehmen ihrer notgeilen Penner auf der Arbeit erzähle. Ruhe kehrt ein. Aber muss sowas denn sein?

Noch einer: Der Freund meines Ex gräbt mich an. Eindeutige und sehr aufdringliche Angebote lehne ich ab. Er will nicht akzeptieren, dass ich kein Interesse an ihm habe, ein Nein will er nicht gelten lassen. Die ganze Nacht werde ich mit SMS bombardiert. „Du blöde Nutte“ ist unter anderem eine der Bezeichnungen, die ich lesen muss.
„Gut, dass ich deinen ganzen Schrott schriftlich habe. Übertreib es weiter, und ich zeige dich wegen Stalking an.“
Ende.

Drei Beispiele, in denen ich mich gewehrt habe. Glücklicherweise mit Erfolg.

Weitaus unangenehmer sind andere Vorfälle gewesen:

– Als Mädchen jedem alten Sack zeigen müssen, wie schön man Küsschen geben kann. Meine Brüder mussten das nicht.

– Als Krankenschwester zum Dank dafür, dass man dem alten Mann den Hintern abgewischt hat, an Brüsten oder Hintern betatscht werden.

– Einen Zettel unterm Scheibenwischer finden, auf dem detailliert aufgeführt wird, dass man dich beobachtet hat und was man gerne mit dir machen würde u.a., dass man sich wünscht, von dir angepinkelt zu werden.

– Auf einem Straßenfest vom dörflichen Cliquenchef begrapscht werden, der gröhlt, dass er dich auch noch kriegt, und versucht, dir seine Zunge in dem Mund zu stecken. Seine Anhänger stehen dabei und greifen nicht ein. Erst, als ich ihm ins Gesicht geboxt habe, lässt er ab.

– Nachts durch die Stadt laufen und von einem Typen verfolgt werden, der schon seine Kumpels anruft, um ihnen zu sagen, dass sie kommen sollen, er habe Nachschub gefunden. In dieser Situation konnte ich ihn mit Schlüsseln zwischen meinen Fingern und meine Freundin mit Pfefferspray vertreiben.

– Silvester in Berlin am Brandenburger Tor. In der Menge von einem Rudel Typen bedrängt werden, die mir und meiner Freundin gezielt zwischen die Beine fassen. Zumindest einem konnte ich mit einer Plastikgabel davon überzeugen, das sein zu lassen. Ich hoffe, er hat Narben, die ihn daran erinnern, dass er ein Arschloch ist.

Nur ein paar wenige Beispiele. Schriebe ich über alle, würde das den Rahmen sprengen.
Aus allen o.g. Situationen konnte ich mich retten und mich wehren. Leider gab es auch andere.
Wie erwähnt, manchmal kann man sich wehren, manche Frauen können sich wehren. Bei weitem nicht alle. Schockierend ist jede Situation. Zumindest für mich. Ich bin nicht abgebrüht genug, dass mich das kalt lässt, wenn mich einer blöd anlabert.

Beim Wehren (können) spielt auch die Tagesform eine Rolle. Manchmal ist man so wütend, dass man ohne mit der Wimper zu zucken den Mistkerl zerfleischen würde, an anderen Tagen ist einem danach, in Tränen auszubrechen, wenn man im Rock zur Arbeit kommt und anzügliche Äußerungen zu hören bekommt. Wobei man Frauen durchaus zutrauen kann, dass sie differenzieren können zwischen einem nett gemeinten Kompliment und dem geistigen Dünnschiss eines notgeilen Vorstadtaffen, der gerade mal aufrecht gehen kann, mehr aber auch nicht.

Es tut mir unendlich leid, wenn ich von jungen Frauen lese, die sich nicht mehr aus dem Haus trauen und Angst haben, oder weinen, sich beschmutzt fühlen, etc., wenn ein Widerling ihnen zu nahe tritt.

Ich wünsche euch wirklich, dass ihr aus diesem Teufelskreis herausfindet. Nicht zuletzt, weil ich auch eine Tochter habe. Auch ihr ist sowas schon passiert. Sie kann zum Glück anders damit umgehen und feuert passend zurück. Ich wünsche mir und ihr, dass das so bleibt und sie immer diese Stärke haben wird. Ich hoffe, dass sie sich immer daran erinnern wird, was ich ihr beigebracht habe.

Aber nicht alle Mädchen sind gleich. Jede Frau hat das Recht, für sich selbst zu entscheiden, wann und von wem sie sich widerlich angemacht oder belästigt fühlt. Und NIEMAND hat das Recht, das in Frage zu stellen oder herunter zu spielen.
Nicht alle Menschen sind gleich. Und niemand behauptet, alle Männer sind gleich.

Also macht eure Augen auf, schärft eure Sinne, Männlein wie Weiblein.

Ich weiß, dass mein Ton scharf ist und von manchen für unangebracht angesehen wird. Aber ich bin es leid. Ich bin es leid, immer brav um Verständnis zu bitten, weil das überhaupt nichts bringt. Ich bin wütend und werde mit jedem Aufschrei wütender.

Alles Gute.

Hier noch einige Beipiele anderer Schreiberinnen:

von meet_lisa

von NiniaLaGrande

Aufschreisammlung

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2 Gedanken zu „Gedanken zum Aufschrei

  1. Pingback: Mädels, join the #Aufschrei! « robins urban life stories

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