nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “April, 2013”

Über das Abschließen oder Abfinden.

Guten Morgen, Depressive und Nichtdepressive.
Meine Vorgeschichte setze ich hier mal als allgemein bekannt voraus, jedenfalls unter denen, die die Artikel gelesen haben, in denen ich über mein Hauptthema schreibe.
Jetzt hätte ich gerne meinen „Abschlussbericht“ verfasst und darüber berichtet, wie weit das jetzt alles zurückliegt.
Von meinem letzten erfolgreichen Erlebnis wollte ich schreiben, voller Euphorie: Ich habe bei meinem Arzt erreicht, dass er mich als geheilt in die weite Welt entlässt, mich meine Medis ausschleichen lässt, und dass die ganze Scheiße endlich überstanden ist. Dass ich „normal“ bin, frei von Therapie und Medikamenten.
Meine Therapie wird in zwei Sitzungen nach fast 4 Jahren beendet sein. Überaus erfolgreich, wie ich behaupten möchte. Mein Klinikaufenthalt, der 20 Wochen dauerte, liegt dann ebenfalls vier Jahre zurück. Meine letzte Hürde, die Tabletten sollten auch nicht durchhalten dürfen. Ich wollte sie weg haben.
Mein größtes Anliegen war, die Dinger endlich absetzen zu können, weil ich wissen wollte, wie ticke ich ohne sie? Meine Dosis ist schon recht gering, und auch, dass ich im Herbst nochmals umgestellt werden musste, weil sich ein Depressionsschub ankündigte, war für mich kein Grund, weiter daran festzuhalten.
Ein Riesenthema, wenn nicht sogar das allerallergrößte, ist mein Gewicht. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel zugenommen. (Wobei ich sehr mager war, zumindest in Depressionszeiten.)
Manchmal schaffe ich es, mir zu sagen, lieber ein paar Pfund mehr auf den Rippen, als so krank zu sein, wie ich es war. Bis ich in der nächsten Umkleidekabine stehe und sehe, was für eine Größe ich mittlerweile brauche, und wie beschissen diese Klamotten an mir aussehen. Ich bin nicht dick, aber ich bin auf dem Weg dahin.
Ich weiß sehr wohl, dass ich Sport machen muss. Dass ich aufhören musste zu tanzen, weil meine Hüfte nicht mehr mitgespielt hat, war natürlich auch nicht hilfreich.
Ich bin nun auch endlich aus meiner Lethargie aufgewacht und habe mehr Energie, und somit die Hoffnung, mich mit meinem inneren Schweinehund auf irgendeine Sportart einigen zu können.
Mein Alter, (ich werde bald 41) wird auch eine Rolle dabei spielen, dass ich nicht mehr so ohne weiteres essen kann, was ich will, ohne zuzunehmen.

Lange Rede, kurzer Sinn: meinem Arzttermin vergangene Woche hatte ich lange entgegengefiebert. Endlich würde ich diese Scheißdinger los sein. Klar, sie haben mir geholfen. Sie haben wohl einen Riesenanteil daran, dass ich noch lebe. Sie haben mir die Kraft und die Energie gegeben, mich darauf vorbereitet, ernsthaft an einer Therapie mitarbeiten zu können. Mein Gehirn war so leer, so dermaßen augelaugt, so unfähig, auch nur irgendeine Art von Gefühl zu erzeugen (außer Angst), dass die Medis eine Heidenarbeit hatten.
Aber jetzt reicht es doch bitte.
Freudestrahlend habe ich dem Arzt berichtet, wie fit ich bin. Wie stark, Wie froh. Endlich ist die Therapie zu Ende, ich habe auch gar keine Lust mehr, ich habe so viel gelernt, so viel verändert. Also, bitte weg mit den Dingern, dann bin ich endlich frei. Ich kann den Kranken ja weiter helfen. Von meinen Erfahrungen berichten. Aber ich selbst bin frei von dem ganzen Kram.

Geduldig hat Herr Doktor sich alles angehört. Ohne in seinem Gesicht irgendwas lesen zu können, wollte ich ihn anstecken mit meiner Euphorie. Und habe auf die Antwort gewartet: „Gut. Sie haben Recht. Sie brauchen die Tabletten nicht mehr.“
Was war, war Schweigen.
Und dann: „Ich kenne und begleite Sie schon so viele Jahre. Ich weiß, Sie sind stark. Ich bin unendlich froh, dass es Ihnen gut geht.“
Mir wurde schlecht. Ich ahnte, es würde ein Einspruch kommen.
„Ich habe Sie in ihren schlimmsten Phasen gesehen. So schlimm, wie ich das bei anderen Patienten selten gesehen habe. Ihre Depressionen waren immer äußerst schwer ausgeprägt und äußerst lang anhaltend. Bei der letzten Depression hatte ich Befürchtungen, Sie würden sie nicht überleben. Und wenn Sie zwei solche schweren Depressionen hatten, müssen wir davon ausgehen, dass eine dritte kommen wird, die, so schwer vorstellbar das ist, noch schwerer sein wird. Ich möchte Sie so nie wieder sehen. Und ich möchte für Sie, dass Sie das nie wieder erleben müssen. Deshalb kann von mir nicht das OK dafür kommen, dass Sie die Tabletten absetzen dürfen.
Ich bin nicht Ihr Chef, und nicht ihr Befehlshaber, es ist letztendlich Ihre Entscheidung. Ich kann Ihnen nur sagen, dass davon auszugehen ist, dass Ihre Depressionen durch eine Stoffwechselstörung im Gehirn ausgelöst werden, weniger durch äußere Einflüsse, die zweifelsohne mit ein Grund sind. Ich kann nicht davon ausgehen, dass Sie jemals ohne Medikamente ein Leben führen können, wie Sie es mit den Tabletten tun.“

Wut. Enttäuschung. Zorn. Ich weiß nicht, was noch alles in mir explodiert ist.
Tränen krochen mir den Hals hoch. Mir ist nicht mal ein Aber eingefallen, im Grunde hatte ich ein bißchen damit gerechnet. Was rate ich anderen denn immer… wer Diabetes hat, braucht Insulin, dagegen sagt auch keiner was. Aber ich selbst… wollte doch endlich GESUND sein und keine Hilfsmittel mehr brauchen.

Mit dem neuen Rezept verließ ich die Praxis. Und wie so oft, musste ich mich zum Nachdenken einfach ans Rheinufer setzen.
Nach ein, zwei Tränchen der Enttäuschung kamen mir Gedanken wie „es könnte doch viel schlimmer sein! Du hast keinen Krebs! Du braucht ein paar Tablettchen, zur Vorbeugung, damit du nicht wieder auf den Gedanken kommst, dir die Lichter auszublasen! Du hast keinen Herzfehler, du bist nicht todkrank. Wie ungerecht bist du eigentlich?! Du warst sehr krank. Jetzt nicht mehr. Diese Dinger helfen dir dabei, dass es so bleiben kann. Es ist ein Luxus, dass es sowas gibt! Lebenslange Medikamenteneinnahme zur Vorbeugung, nicht an einer beschissenen Krankheit einzugehen – wie gerne hätten anderen Menschen diese Chance! Du bist undankbar!“

Mittlerweile sind ein paar Tage vergangen. Ich nehme meine Tabletten weiter. Das Rezept werde ich in der Apotheke abgeben und mir neue holen. Mit meinem Gewicht werde ich weiter kämpfen. Teilweise bin ich froh, dass ich so einen Appetit habe, und gerne esse.
Ich werde weiter damit hadern, dass ich Tabletten brauche, weil mein Serotonin und Noradrenalin nicht will, wie es soll. Depressionen werden in meinem Leben immer ein Thema bleiben müssen.
Niemand, der nicht daran leidet, kann sich annähernd vorstellen, wie es mir vor vier Jahren ging, in der schlimmsten aller Depressionen, die ich seit meiner Kindheit durchmachen musste. Und so oft bin ich geneigt, das auch zu vergessen, wenn es mir gut geht.

Ich hasse die Tabletten, weil sie mich zum Fressen bringen. (Und weil ich dem nachgebe). Und weil sie mich daran erinnern, was für eine furchtbare Zeit ich erlebt habe.
Aber ich bin ihnen dankbar, dass sie mir das Leben gerettet haben. Dass sie mein Gehirn wieder soweit gebracht haben, zu sehen, dass Depressionen eine schwere Krankheit sind. Keine Charakterschwäche, keine Faulheit. Dass sie mir Energie geben, aufzustehen, arbeiten zu gehen, Geld zu verdienen, meiner Tochter eine Mutter zu sein, Freude zu empfinden, auszuflippen, zornig zu sein, traurig, fröhlich, witzig, wütend, mutig zu sein.

Ich freue mich für alle, die erfolgreich eine Depression bekämpft haben und frei sind und keine Medikamente mehr nehmen müssen.
Und sage allen, bei denen es so aussieht, wie bei mir: bleiben wir am Ball. Es nützt ja nichts, aufzugeben, nur aus Stolz oder aus Bequemlichkeit. Oder um auf die Frage „welche Medikamente nehmen Sie?“ antworten zu können: „Keine.“

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