nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Oktober, 2013”

Aus gegebenem Anlass

möchte ich auf ein Thema aufmerksam machen, das nicht nur alte Menschen betrifft.

Ich habe heute Abend erfahren, dass ein guter Freund von mir einen schweren Schlaganfall hatte.
Bei ihm ging wohl einige Zeit ins Land, bis er gefunden wurde und man ihm helfen konnte.
Bei einem Schlaganfall zählt jede Sekunde, und je früher reagiert wird, umso besser stehen die Chancen, die Folgen zu behandeln.
Hier ein Text, den ich mal im Web gefunden habe, der aber immer noch aktuell ist und wirklich hilfreich sein kann:

Erkenne einen Schlaganfall:
Es gibt 4 Schritte, an die man sich halten sollte, um einen Schlaganfall zu erkennen.

1. Bitte die Person, zu lächeln (sie wird es nicht schaffen).

2. Bitte die Person, einen ganz einfachen Satz zu sprechen (zum Beispiel: „Es ist heute sehr schön.“).

3. Bitte die Person, beide Arme zu erheben (sie wird es nicht oder nur teilweise können).

4. Bitte die Person, ihre Zunge heraus zu strecken (Wenn die Zunge gekrümmt ist, sich von einer Seite zur anderen windet, ist das ebenfalls ein Zeichen eines Schlaganfalls.)

5. Falls er oder sie Probleme mit einem dieser Schritte hat, rufe sofort den Notarzt und beschreibe die Symptome der Person am Telefon.

“ Schlaganfall “ !!!

Während gegrillt wurde, stolperte Ingrid und fiel hin.
Man bot ihr an, einen Krankenwagen zu rufen, doch sie versicherte allen, dass sie OK war und sie nur wegen ihrer neuen Schuhe über einen Stein gestolpert sei.
Weil sie ein wenig blass und zittrig wirkte, half man ihr, sich zu säubern und brachte ihr einen neuen Teller mit Essen.
Ingrid verbrachte den Rest des Abends heiter und fröhlich.

Ingrids Ehemann rief später an und ließ alle wissen, dass seine Frau ins Krankenhaus gebracht worden war.
Um 23.00 Uhr verstarb Ingrid. Sie hatte beim Grillen einen Schlaganfall erlitten.

Hätten ihre Freunde gewusst, wie man die Zeichen eines Schlaganfalls deuten kann, könnte Ingrid heute noch leben.

Manche Menschen sterben nicht sofort. Sie bleiben oft lange in einer auf Hilfe angewiesenen, hoffnungslosen Situation.

Es dauert nur 1 Minute, das Folgende zu lesen…
Ein Neurologe sagte, dass wenn er innerhalb von 3 Stunden zu einem Schlaganfallopfer kommen kann, er die Auswirkung eines Schlaganfalls aufheben könne.

Er sagte, der Trick wäre, einen Schlaganfall zu erkennen, zu diagnostizieren und den Patienten innerhalb von 3 Stunden zu behandeln, was allerdings nicht leicht ist.

Erkenne einen Schlaganfall: Es gibt 4 Schritte, an die man sich halten sollte, um einen Schlaganfall zu erkennen.

-Bitte die Person, zu lächeln (sie wird es nicht schaffen).

-Bitte die Person, einen ganz einfachen Satz zu sprechen (zum Beispiel: „Es ist heute sehr schön.“).

-Bitte die Person, beide Arme zu erheben (sie wird es nicht oder nur teilweise können).

-Bitte die Person, ihre Zunge heraus zu strecken

(Wenn die Zunge gekrümmt ist, sich von einer Seite zur anderen windet, ist das ebenfalls ein Zeichen eines Schlaganfalls.)

Falls er oder sie Probleme mit einem dieser Schritte hat, rufe sofort den Notarzt und beschreibe die Symptome der Person am Telefon.

Ein Kardiologe hat gesagt, wenn man dieses Wissen sovielen Personen wie möglich nahe bringt, kann man sicher sein, dass irgendein Leben – evtl. auch unseres – dadurch gerettet werden kann.

Wir senden täglich so viel „Schrott“ durch die Gegend, da können wir doch auch die Leitungen mal mit etwas Sinnvollem verstopfen, findet Ihr nicht?

Falls Ihr es ebenso für Wichtig empfindet, kopiert es einfach, damit es so viele evtl. betroffene Personen hoffentlich noch vor Eintreffen jenes Schicksals erreichen kann.

Umso wichtiger ist es, beim geringsten Verdacht die 4 Tests durchzuführen:

1. lächeln lassen,

2. einfachen Satz sprechen lassen,

3. beide Arme erheben lassen,

4. Zunge rausstrecken lassen,

und wenn einer dieser Tests misslingt, den Notarzt anzurufen. (Im Zweifelsfall sowieso immer lieber einmal zu viel den Notarzt rufen, als einmal zu wenig!)

Kann sich jeder leicht merken. Und wenn man damit nur einer einzigen Person helfen kann, hat es sich doch schon gelohnt.

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Hallo Welt, halt endlich mal die Klappe!

Ich habe es so verdammt satt.
Seit Tagen habe ich unzählige Kommentare zu Artikeln über Depressionen gelesen.
Da ich bekanntlich selbst betroffen bin, interessiert mich alles, was darüber geschrieben wird.
Ganz besonders interessieren mich natürlich auch die Erfahrungen der Menschen, die ebenfalls an Depressionen leiden, und die sich aufraffen, Artikel zum Thema zu kommentieren.
Leider nimmt sich auch jeder vertrottelte Bildzeitungsleser die Freiheit, seinen geistigen Dünnschiss abzusondern.
Viele unqualifizierte Aussagen beweisen die Unkenntnis der meisten Menschen, ganz zu schweigen von hirnrissigen Tipps wie „man sollte dem Depressiven einen leichten Klaps geben, um ihn wieder in die Normalität zu lenken“ oder Meinungsmache „die spielen eine Depression doch nur vor, damit sie Frührente kriegen“.
Jedem Schwachmaten würde ich dann gerne ins Gesicht brüllen, dass er seine verdammte Fresse halten soll!

Es kotzt mich an.

Zudem wird mir und anderen Kommentatoren vorgeworfen, dass man gar keine Depressionen haben kann, wenn man öffentlich erzählt, dass man daran erkrankt ist oder war.
Aha.
Schön. Wieso stelle ich mich also so an? Ich hab ja gar nichts. Vielleicht spinne ich nur seit Jahren.
Am Donnerstag hat der Arzt meine Medikamentendosis erneut verdoppelt, weil ich wieder Anzeichen zeige in eine Depression abzurutschen.
Vielleicht sollte ich einfach mal in die Sprechstunde eines Kommentatoren gehen, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, den „Idioten ihre Mätzchen schon auszutreiben.“

Ich könnte oben genannten Vollidioten den Wind aus den Segeln nehmen, wenn ich mich damit verteidige, dass ich überhaupt keine Frührente beantragen will. Dass ich 40 Stunden die Woche arbeite, 3 Ausbildungen abgeschlossen und ein Kind alleine erzogen habe. Dass ich jeden Tag auf dem Zahnfleisch gehe, Tabletten fressen muss, um den Tag zu überstehen. Keinen Lärm ertragen kann, meine Konzentration am seidenen Faden hängt, der reißt, sobald im Büro jemand den Mund aufmacht. Dass ich dauermüde bin, absolut ausgelaugt und erschöpft, egal wie lange ich schlafe. Dass ich kaum Kraft habe, mich zu bewegen. Tagelang Kopfschmerzen habe, bis ich mich übergebe, Rückenschmerzen, die mich lähmen!
Dass ich trotz allem über Depressionen informieren will, dass ich öffentlich zu meiner Krankheit stehe und mich nicht verstecke!
Und dann kommen irgendwelche Hansel daher, die sich dermaßen das Maul zerreißen, sich lustig über einen machen, die Depressive beschuldigen, nur nach Aufmerksamkeit zu streben und andere ins Unglück zu reißen!
Niemand von den Depressiven, die ich aus der Klinik kenne, in der ich vor vier Jahren war, macht sich zu Hause einen schönen Lenz auf Staatskosten! Keiner hat seine Familie in den Abgrund gerissen. Ganz im Gegenteil haben sich alle den Arsch aufgerissen, bis sie nicht mehr konnten! Ihre Krankheit so lange verschwiegen, bis es nicht mehr anders ging und sie zusammengebrochen sind! Dass sie jahrelang ertragen haben, worüber sich Leute jetzt lustig machen und sich dafür schämten anders zu sein! Dass sie immer für andere da waren, herzensgute Menschen sind, sich haben ausnutzen lassen, ihre eigenen Bedüfrnisse in den Hintergrund gestellt haben!

Vermutlich würde mir die Kraft fehlen, diesen Beitrag zu schreiben, hätte ich schwere Depressionen. Da sich alle so gut auskennen, ist ja sicher bekannt, dass es eine Einteilung gibt. Leichte, mittelschwere und schwere Depressionen sind dann ein Begriff, ja? Chronifizierte Depressionen auch. Darf man in einer Welt, in der jeder glaubt, alles zu wissen, voraussetzen, nehme ich an? Sehr schön. Dann wisst ihr ja, wovon ich hier schreibe.

Wir Depressiven liegen, sofern wir nicht in einer schweren Akutphase sind, nicht permanent im Bett und heulen.
Wir können arbeiten gehen, unter schwersten Bedingungen unsere Tage überstehen und öffentlich über unsere Depressionen und Erfahrungen berichten, OBWOHL es uns scheiße geht! Obwohl wir erschöpft sind. Und das ist nicht damit zu vergleichen, wenn ihr ein Wochenende durchgesoffen und nicht genug geschlafen habt! Das ist ein Kampf gegen eine so stake Müdigkeit und ein Ausgelaugtsein, dass du kaum die Augen offenhalten kannst, verlangsamt bist, deine Umwelt gar nicht richtig wahrnehmen kannst, alles vergisst, außer: dir unentwegt die schlimmsten Gedanken zu machen!
Dir fehlt der Antrieb für alles! Das ist nicht einfach nur „ich hab keine Lust“. Das ist ein: ich hab Angst aus dem Haus zu gehen, weil ich mich nur zu Hause sicher fühle. Das ist Herzrasen, wenn du was tun musst, wovor du Angst hast. Und sei es nur zum Bäcker gehen. Unter solchen Bedingungen arbeiten zu gehen, könnt ihr euch das vorstellen? Das ist Schwermut und Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit, wie du es dir als Gesunder an deinem schwärzesten Tag nicht vorstellen kannst!

Wenn ihr kein ehrliches Interesse habt, euch zu informieren, bevor ihr euer gefährliches Halbwissen verbreitet, haltet eure verdammte Klappe und lasst uns in Ruhe!
Meinetwegen sind mir Reaktionen von Dummköpfen eigentlich recht egal. Ich will es nur nicht zulassen, dass Menschen sich getroffen und verletzt fühlen, die sich selbst nicht wehren können, weil sie noch nicht soweit sind. Weil sie keine Kraft haben, gegen soziale Kälte, Egoismus, Gleichgültigkeit, Mobbing einzutreten und sich selbst zu schützen oder zu verteidigen.

Allen Depressiven sei gesagt: lasst die Leute reden und versucht, es nicht persönlich zu nehmen, wenn sie schwafeln. Die Dummheit der Menschen ist grenzenlos. Haltet euch an die, die euch verstehen, und allen voran: versteht euch selber. Lernt alles, was es über Depressionen zu wissen gibt. Lest Bücher, Artikel, Blogs. Und entscheidet, was für euch was taugt und was nicht.
Es wird immer Idioten geben, die ihre vorgefertigte Meinung haben.

Halten wir zusammen und lernen, den Kopf wieder hoch zu tragen.

Allen Dummschwätzern sei gesagt: auch euch kann es treffen. Jederzeit. Ich bin gespannt, was ihr dann dazu zu sagen habt.

Oma, erzähl mir von früher!

Am 1. September 1939, als Polen überfallen wurde, war Oma 11 Jahre alt. Oma war, zu dieser Zeit eine recht ungewöhnliche Familienkonstellation, ein Einzelkind. Sie hat es gehasst und sich nichts mehr gewünscht, als Geschwister zu haben. Da ihre Mutter bei der Entbindung aber fast gestorben wäre, gab ihr Mann ihr das Versprechen, dass sie so eine Prozedur nicht noch einmal durchstehen muss.
So war Oma immer unterwegs bei der Verwandtschaft und in der Nachbarschaft. Mit anderen Kindern spielen, kleine Kinder hüten und freche Buben verdreschen.
Relativ früh hatte sie ein Auge auf einen Jungen in ihrem Alter geworfen. Mit 16 wurde er eingezogen, kam in Gefangenschaft, wo er auch seinen 18. Geburtstag erleben musste. Immerhin bekam er an diesem Tag eine Suppenkelle mehr in seinen Essnapf, hat Opa erzählt.
Opa war das 2. von 3 Kindern einer nicht sonderlich wohlhabenden Familie. Er hatte eine ältere Schwester, der er gerne Vorschriften machen wollte. Unter anderem hat er ihr das Lesen verbieten wollen, weil eine Frau andere Pflichten zu erledigen hatte. Die Schwester war eine Leseratte und hat jede freie Minute genutzt, um Bücher zu verschlingen.
Nach der Gefangenschaft kam Opa nach Hause. Man sagt, er sei mit seiner Mundharmonika durchs Hoftor gelaufen und sei einfach wieder da gewesen.
Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man einen jungen Mann, der genauso gut ein Schauspieler hätte sein können. Volles, schwarzes Haar, eine Figur wie Adonis.
Und Oma hat ihn gekriegt, erzählte sie stolz. Weil sie es so wollte. Ende.
Mein Vater kam als Wunderkind nur 4 Monate nach der Hochzeit zur Welt. (Dieses Phänomen zieht sich durch unsere ganze Familie).
Diese Geschichte ist uns schon als Kindern bekannt gewesen. Eine andere gab es nie.

Seit Oma dement ist, schwelgt sie hauptsächlich in den Erinnerungen, die ihr geblieben sind. Von gestern oder letzter Woche weiß sie heute selten noch etwas. Zwar hat sie manchmal noch helle Tage, aber die werden seltener.
Umso mehr höre ich jetzt von Dingen, die sie nie erzählt hat.
Mehr als überrascht war ich, als sie vor einiger Zeit einen Satz gemurmelt hat: „Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre alles anders gekommen.“
„Sicher, Oma.“
„Dann würde auch unsere Familie ganz anders aussehen.“
„Was meinst du damit, Oma?“

Oma hatte wieder mal etwas gesucht, vermutlich ihr Geld.
Beim Kramen ist ihr ein uralter Kalender in die Hände gefallen. Und darin war ein Foto, das sie mir gezeigt hat.
Auf dem Foto ist ein mir fremder junger Mann zu sehen. Blonde Locken, hübsches Gesicht, Anzug und Krawatte. Auf der Rückseite stand in einer schönen Handschrift „von Deinem Liebling.“
„Mein Vater hätte es gerne gesehen, wenn wir geheiratet hätten“, erzählt Oma mit verklärtem Gesicht. „Er war ein wohlhabender Bauernsohn aus der nächsten Stadt.“ Sie erwähnt einen Namen, den ich nie gehört habe.
„Aber du wolltest ihn nicht, nehme ich an, sonst hättest du dir ja nicht Opa geangelt, oder?“ Ha! Was da für Dinge von der tugendhaften Omi ans Licht kommen, dachte ich grinsend.
„Doch. Ich hätte ihn schon gern genommen. Er hat mir immer so schöne Briefe geschrieben, als er als Soldat an der Front war. Ich hab‘ ihn schon recht gern gehabt. Aber er kam nicht mehr nach Hause. Ich hatte eine Nachricht bekommen. Er ist im Krieg gefallen. Alles wäre heute anders, wäre das nicht passiert.“
Wusste mein Opa davon? Lief das parallel? Wurde ihr so eine Entscheidung abgenommen? Kam Opa erst danach?
Ich hätte zig Fragen gehabt. Aber Oma war mit den Gedanken schon wieder wo anders.

Mein Grinsen war mir vergangen und die Geschichte ging mir tagelang nicht aus dem Kopf.

Dass alte Menschen auch ein Leben hatten, als sie jung waren, und dass wir Enkel davon gar nichts wissen, kam mir erst jetzt in den Sinn. Dass Omas jahrelang schweigen und Erlebnisse verarbeiten mussten, die uns heute fast zerreißen würden.
Es ist selbstverständlich, dass wir ein Leben vor unseren Kindern hatten, aber dass die Kinder vieles von uns gar nicht wissen.
Und für unsere Enkel werden wir auch nur die Großeltern sein, deren Leben erst begann, als sie zur Welt kamen.

 

Demenz, oder wie ich meine Oma verlor

Oma war mein Mittelpunkt. Als ich ein paar Wochen alt war, wurde ich bei ihr abgegeben und kam erst wieder zu meinen Eltern, als ich eingeschult wurde.
Daran, dass ich zwischendurch auch ab und an ein paar Tage bei meinen Eltern verbracht habe, habe ich so gut wie keine Erinnerungen.
Oma hat mir vorgelesen, mich beschützt, mit mir gespielt, mir Schneemänner gebaut und diese dann an mein Krankenlager gebracht, wenn ich nicht raus konnte. Sie hat mich zur Puppenmutti erzogen, mich von der bösen Welt abgeschottet, mir Geschichten von früher erzählt, mir schon im Kindergarten das Lesen beigebracht, mich gepflegt, mir immer mein Lieblingsessen gekocht, mir Märchen nahe gebracht, mir Kleidchen genäht, sich selbst in den Hintergrund gestellt; alles für ihre einzige Prinzessin unter lauter Jungs.
Sie wollte ihr Mädchen beschützt und versorgt wissen, sie hat mir Werte vermittelt wie Rücksicht (auf sie habe ich verzogener Weise selten Rücksicht genommen, bis ich alt genug war), Nächstenliebe, Stärke.
Ich durfte lange aufbleiben und mir gemeinsam mit ihr Miss Marple ansehen, beim Mittagsschlaf musste Oma mit dabei sein, sie lies sich von mir frisieren, ich durfte ihr Gesicht dick mit Creme beschmieren, wenn ich jemanden „schminken“ wollte, ich habe noch mit 10 bei ihr im Bett geschlafen, und sie musste meinen Arm oder mein Bein oder den Kopf kraulen, bis ich eingeschlafen war.
Oma ist nebem ihrem Fahrrad hergerannt, als sie mir das Fahren beibringen wollte. Wir sind dann gemeinsam kilometerweit zum Kaufhaus gefahren, wo sie mir meine ersten Discoroller gekauft hat, in stylischem blau und gelb, auf die ich irre stolz war.
Oma hat mir meine erste Musikkassette geschenkt, sie hat mich zum Abba-Fan gemacht 😉
Oma hat mich nie geschlagen, mich nie einmal hart angefasst. Sie war meine Heldin. Und sie ist es noch.
Ohne sie hätte ich die Jahre, nachdem ich 7 war, kaum überlebt.
Oma wusste bis zu einem gewissen Alter alles von mir, sie kannte meine Ängste und Sorgen, meine Wünsche, sie war immer mein erster Ansprechpartner.
Als ich erwachsen war, habe ich versucht, das alles zum Teil zurück zu geben. Ich habe für sie eingekauft, sie zum Arzt gefahren, ihr jeden Tag Essen gekocht, als sie das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst konnte.
Ich habe für sie darauf verzichtet, in die weite Welt zu verschwinden und bin ihretwegen zu Hause im sicheren Hafen geblieben, weil sie ihre Lieben immer in Reichweite haben wollte.
Nicht zuletzt aus Bequemlichkeit, und weil ich es mir anders nie hätte leisten können, habe ich in ihrem Wohnort ein Haus gebaut und bin immer noch da.

Eine engere Bindung zu seiner Oma als ich, hat in meinem Bekanntenkreis niemand.

Vor ein paar Jahren wurde Oma komisch. Ungewohnt aggressiv hat sie besonders in der Phase gegen mich gekämpft, als ich an Depressionen erkrankte.
Als ich mich endlich zu einem Klinikaufenthalt entschlossen hatte, verlangte sie von mir, die stationäre Behandlung abzubrechen, und nach Hause zu kommen, um mich um sie zu kümmern. (Was ich nicht getan habe.)
Unser Verhältnis bekam Risse, was mir sehr zugesetzt hat. Sie konnte es nicht akzeptieren, dass ich mich mit Ende 30 nicht mehr komplett manipulieren lassen wollte.
Sie hatte wohl Angst, mich zu verlieren.
Mit der Zeit wurde es wieder besser.

Bis sie anfing, Geister zu sehen.
Sie hatte den Tisch gedeckt für die Kinder, die sich besuchten. Diese Kinder konnten durch Wände gehen.
Ihr verstorbener Mann lag entweder auf der Couch oder in ihrem Bett.
Sie sah Bilder an den Wänden, wo keine waren.
Mittlerweile versteckt sie mehrmals am Tag ihr Geld, wenn sie es denn findet. Einkäufe kann sie meistens nicht bezahlen, weil wieder irgendwelche Kerle ihr Geld gestohlen haben.
Wenn man ihr beim Suchen hilft, findet man es an den ungewöhnlichen Stellen wie bspw. bei der Schmutzwäsche im Bad, im Brotschrank oder im Backofen, im Kaffeekannen oder Kochtöpfen.
Immer hat sie Angst, betrogen und belogen zu werden, sie ist misstrauisch geworden, beschuldigt ihren Mann, meinen verstorbenen Opa, ihr Geld verschleudert zu haben, und immer, wenn sie mit ihm reden möchte, verschwindet er, und sagt nicht, wohin.
Sie verwechselt uns Enkel, vergisst unsere Namen.
Das schlimmste für mich ist, dass sie auch mich vergisst. Dass sie nicht mehr weiß, wer ich bin.
In lichten Momenten erinnert sie sich, dass sie mich groß gezogen hat. Dann behauptet sie wieder, das sei nicht ich gewesen, sie könne sich an mich überhaupt nicht erinnern, ich sei eine Fremde.
Sie vergisst meinen Namen. Sie hat vergessen, dass ich hier wohne, und was wir zusammen durchgestanden haben. Sie findet, es sei Zeit für mich, dass ich endlich Kinder bekomme (mein Kind ist längst volljährig) und heirate (ich bin seit Jahren geschieden).

Was sie nicht vergessen hat, ist Geld. Sie ruft bei der Bank an und klärt alles selbst.
Politik vergisst sie auch nicht. Sie kann Angela Merkel nicht leiden, sie ist für den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, sie betitelt Nazis als hirntote Arschlöcher (was mich stolz macht), und findet, Gregor Gysi ist ein genialer Rhetoriker, würde aber niemals die Linken wählen.
Sie berichtet von traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg und darüber, dass ihre Freundin, nachdem sie bei einer Engelmacherin war, vor fast 65 Jahren gestorben ist und Kinder hinterlassen hat, die bei Fremden aufwachsen mussten.

Wenn ich sie zu uns hole, sagt sie jedes mal, hier war sie noch nicht, endlich darf sie das Haus mal sehen. Teilweise nimmt sie an Gesprächen teil, dennoch hat man das Gefühl, sie weiß überhaupt nicht, wo sie gerade ist und was sie hier macht.
Das muss so furchtbar schlimm sein!

Oft versuche ich, das alles einfach weg zu schieben. Sie wird mittlerweile von allen versorgt. Endlich blieb auch nichts anderes mehr übrig, und sie musste ihre Zustimmung geben, dass mehrmals pro Woche ein Pflegedienst ins Haus kommt. Und eine Putzfrau. Beim ersten Versuch, eine Reinemachefrau zu engagieren, hat sie dieser guten Fee das Putzzeug geklaut und es versteckt, und ihr gesagt, sie solle verschwinden.

Was, wenn es noch schlimmer wird, was zweifelsohne irgendwann der Fall sein wird?
Wenn sie nicht mehr alleine essen kann? Nicht mehr zur Toilette gehen kann? Nicht mehr aufstehen?

Wieder schiebe ich den Gedanken weg und hoffe, durch Ignoranz bleibt mir noch etwas Zeit. Und überhaupt, sie hat noch einen Sohn. Und andere Enkel.
Mich als einzige Bezugsperson hat sie vergessen. Vielleicht macht es das für sie leichter.
Für mich nicht. Für mich ist es unerträglich, eine Fremde für Oma zu sein.

Gestern war ich in einem Buchladen. Dort habe ich das Buch „Jahrgang 1902“ gesehen. Und ich dachte, meine Uroma, die Mutter meiner Oma, war Jahrgang 1903. Ich kenne ihr Geburtstdatum, ebenso das meines verstorbenen Urgroßvaters, der 1898 geboren wurde. Ich kenne die Daten aller vier Großeltern, von denen nur noch Oma lebt, die dieses Jahr 86 Jahre alt wird. Und ich habe mich gefragt, wie viele Enkel die Geburtsdaten ihrer Großeltern wohl kennen. Und wieviele Enkel so eine Oma hatten, wie ich. Und ob sie sie so vermissen.

Und plötzlich stand ich in einem Buchladen, und mir sind einfach die Tränen übers Gesicht gelaufen.

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