nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Demenz, oder wie ich meine Oma verlor

Oma war mein Mittelpunkt. Als ich ein paar Wochen alt war, wurde ich bei ihr abgegeben und kam erst wieder zu meinen Eltern, als ich eingeschult wurde.
Daran, dass ich zwischendurch auch ab und an ein paar Tage bei meinen Eltern verbracht habe, habe ich so gut wie keine Erinnerungen.
Oma hat mir vorgelesen, mich beschützt, mit mir gespielt, mir Schneemänner gebaut und diese dann an mein Krankenlager gebracht, wenn ich nicht raus konnte. Sie hat mich zur Puppenmutti erzogen, mich von der bösen Welt abgeschottet, mir Geschichten von früher erzählt, mir schon im Kindergarten das Lesen beigebracht, mich gepflegt, mir immer mein Lieblingsessen gekocht, mir Märchen nahe gebracht, mir Kleidchen genäht, sich selbst in den Hintergrund gestellt; alles für ihre einzige Prinzessin unter lauter Jungs.
Sie wollte ihr Mädchen beschützt und versorgt wissen, sie hat mir Werte vermittelt wie Rücksicht (auf sie habe ich verzogener Weise selten Rücksicht genommen, bis ich alt genug war), Nächstenliebe, Stärke.
Ich durfte lange aufbleiben und mir gemeinsam mit ihr Miss Marple ansehen, beim Mittagsschlaf musste Oma mit dabei sein, sie lies sich von mir frisieren, ich durfte ihr Gesicht dick mit Creme beschmieren, wenn ich jemanden „schminken“ wollte, ich habe noch mit 10 bei ihr im Bett geschlafen, und sie musste meinen Arm oder mein Bein oder den Kopf kraulen, bis ich eingeschlafen war.
Oma ist nebem ihrem Fahrrad hergerannt, als sie mir das Fahren beibringen wollte. Wir sind dann gemeinsam kilometerweit zum Kaufhaus gefahren, wo sie mir meine ersten Discoroller gekauft hat, in stylischem blau und gelb, auf die ich irre stolz war.
Oma hat mir meine erste Musikkassette geschenkt, sie hat mich zum Abba-Fan gemacht 😉
Oma hat mich nie geschlagen, mich nie einmal hart angefasst. Sie war meine Heldin. Und sie ist es noch.
Ohne sie hätte ich die Jahre, nachdem ich 7 war, kaum überlebt.
Oma wusste bis zu einem gewissen Alter alles von mir, sie kannte meine Ängste und Sorgen, meine Wünsche, sie war immer mein erster Ansprechpartner.
Als ich erwachsen war, habe ich versucht, das alles zum Teil zurück zu geben. Ich habe für sie eingekauft, sie zum Arzt gefahren, ihr jeden Tag Essen gekocht, als sie das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selbst konnte.
Ich habe für sie darauf verzichtet, in die weite Welt zu verschwinden und bin ihretwegen zu Hause im sicheren Hafen geblieben, weil sie ihre Lieben immer in Reichweite haben wollte.
Nicht zuletzt aus Bequemlichkeit, und weil ich es mir anders nie hätte leisten können, habe ich in ihrem Wohnort ein Haus gebaut und bin immer noch da.

Eine engere Bindung zu seiner Oma als ich, hat in meinem Bekanntenkreis niemand.

Vor ein paar Jahren wurde Oma komisch. Ungewohnt aggressiv hat sie besonders in der Phase gegen mich gekämpft, als ich an Depressionen erkrankte.
Als ich mich endlich zu einem Klinikaufenthalt entschlossen hatte, verlangte sie von mir, die stationäre Behandlung abzubrechen, und nach Hause zu kommen, um mich um sie zu kümmern. (Was ich nicht getan habe.)
Unser Verhältnis bekam Risse, was mir sehr zugesetzt hat. Sie konnte es nicht akzeptieren, dass ich mich mit Ende 30 nicht mehr komplett manipulieren lassen wollte.
Sie hatte wohl Angst, mich zu verlieren.
Mit der Zeit wurde es wieder besser.

Bis sie anfing, Geister zu sehen.
Sie hatte den Tisch gedeckt für die Kinder, die sich besuchten. Diese Kinder konnten durch Wände gehen.
Ihr verstorbener Mann lag entweder auf der Couch oder in ihrem Bett.
Sie sah Bilder an den Wänden, wo keine waren.
Mittlerweile versteckt sie mehrmals am Tag ihr Geld, wenn sie es denn findet. Einkäufe kann sie meistens nicht bezahlen, weil wieder irgendwelche Kerle ihr Geld gestohlen haben.
Wenn man ihr beim Suchen hilft, findet man es an den ungewöhnlichen Stellen wie bspw. bei der Schmutzwäsche im Bad, im Brotschrank oder im Backofen, im Kaffeekannen oder Kochtöpfen.
Immer hat sie Angst, betrogen und belogen zu werden, sie ist misstrauisch geworden, beschuldigt ihren Mann, meinen verstorbenen Opa, ihr Geld verschleudert zu haben, und immer, wenn sie mit ihm reden möchte, verschwindet er, und sagt nicht, wohin.
Sie verwechselt uns Enkel, vergisst unsere Namen.
Das schlimmste für mich ist, dass sie auch mich vergisst. Dass sie nicht mehr weiß, wer ich bin.
In lichten Momenten erinnert sie sich, dass sie mich groß gezogen hat. Dann behauptet sie wieder, das sei nicht ich gewesen, sie könne sich an mich überhaupt nicht erinnern, ich sei eine Fremde.
Sie vergisst meinen Namen. Sie hat vergessen, dass ich hier wohne, und was wir zusammen durchgestanden haben. Sie findet, es sei Zeit für mich, dass ich endlich Kinder bekomme (mein Kind ist längst volljährig) und heirate (ich bin seit Jahren geschieden).

Was sie nicht vergessen hat, ist Geld. Sie ruft bei der Bank an und klärt alles selbst.
Politik vergisst sie auch nicht. Sie kann Angela Merkel nicht leiden, sie ist für den Rückzug der Bundeswehr aus Afghanistan, sie betitelt Nazis als hirntote Arschlöcher (was mich stolz macht), und findet, Gregor Gysi ist ein genialer Rhetoriker, würde aber niemals die Linken wählen.
Sie berichtet von traumatischen Erlebnissen aus dem Krieg und darüber, dass ihre Freundin, nachdem sie bei einer Engelmacherin war, vor fast 65 Jahren gestorben ist und Kinder hinterlassen hat, die bei Fremden aufwachsen mussten.

Wenn ich sie zu uns hole, sagt sie jedes mal, hier war sie noch nicht, endlich darf sie das Haus mal sehen. Teilweise nimmt sie an Gesprächen teil, dennoch hat man das Gefühl, sie weiß überhaupt nicht, wo sie gerade ist und was sie hier macht.
Das muss so furchtbar schlimm sein!

Oft versuche ich, das alles einfach weg zu schieben. Sie wird mittlerweile von allen versorgt. Endlich blieb auch nichts anderes mehr übrig, und sie musste ihre Zustimmung geben, dass mehrmals pro Woche ein Pflegedienst ins Haus kommt. Und eine Putzfrau. Beim ersten Versuch, eine Reinemachefrau zu engagieren, hat sie dieser guten Fee das Putzzeug geklaut und es versteckt, und ihr gesagt, sie solle verschwinden.

Was, wenn es noch schlimmer wird, was zweifelsohne irgendwann der Fall sein wird?
Wenn sie nicht mehr alleine essen kann? Nicht mehr zur Toilette gehen kann? Nicht mehr aufstehen?

Wieder schiebe ich den Gedanken weg und hoffe, durch Ignoranz bleibt mir noch etwas Zeit. Und überhaupt, sie hat noch einen Sohn. Und andere Enkel.
Mich als einzige Bezugsperson hat sie vergessen. Vielleicht macht es das für sie leichter.
Für mich nicht. Für mich ist es unerträglich, eine Fremde für Oma zu sein.

Gestern war ich in einem Buchladen. Dort habe ich das Buch „Jahrgang 1902“ gesehen. Und ich dachte, meine Uroma, die Mutter meiner Oma, war Jahrgang 1903. Ich kenne ihr Geburtstdatum, ebenso das meines verstorbenen Urgroßvaters, der 1898 geboren wurde. Ich kenne die Daten aller vier Großeltern, von denen nur noch Oma lebt, die dieses Jahr 86 Jahre alt wird. Und ich habe mich gefragt, wie viele Enkel die Geburtsdaten ihrer Großeltern wohl kennen. Und wieviele Enkel so eine Oma hatten, wie ich. Und ob sie sie so vermissen.

Und plötzlich stand ich in einem Buchladen, und mir sind einfach die Tränen übers Gesicht gelaufen.

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7 Gedanken zu „Demenz, oder wie ich meine Oma verlor

  1. Ach. So schön und so traurig. *schnief*
    Herzliche Umarmung – und viel Kraft wünsche ich für die kommende Zeit, mit und ohne Oma.

  2. Dein Bericht treibt mir die Zränen in den Augen 😥
    Ich hatte und habe nicht mal zu meiner Mutter so ein schönes Verhältnis, geschweige zu meiner Oma! Ich beneide dich etwas um die schöne Kindheit, die schönen Erinnerungen, ich wünsche dir viel Kraft für die Zeit die kommen wird!
    Mit einer Umarmung lass ich dir herzliche Grüße da
    Janice (Lesen_ist)

  3. Deine Situation kann ich total gut nachvollziehen! Bei mir war es ähnlich! Ich wünsche Dir viel Kraft und falls Du Lust auf einen Erfahrungsaustausch hast, melde Dich gerne.

  4. Lilian sagte am :

    Hallo, das hat mich sehr berührt! Vieles hätte von mir sein können. Aufschreiben ist doch schonmal hilfreich und vielleicht habt ihr ja inzwischen Hilfe von außen. Bei mir ist Opa vor kurzem gegangen, so wie er war, bis zum Schluss bei scharfem Verstand und humorvoll. Aber sich von einem Menschen zu verabschieden der eigentlich noch da ist, durch die Demenz, ist viel schwerer. Viel Kraft und gute Gedanken an die schöne Zeit wünsch ich dir, die meisten Menschen erleben so ein festes Verhältnis wie du es mit Oma hattest nie..

  5. Danke für Deinen berührenden Bericht. Bei der Stelle mit den noch immer vorhandenen politischen Ansichten deiner Oma konnte ich sogar schmunzeln. =)

    Demenz kann so seltsam sein: manche Charaktereigenschaften verändern sich komplett, andere bleiben sehr lange erhalten. Wie ein merkwürdig verschobener Kern der Persönlichkeit.
    Meine Mutter änderte in ihren letzten Jahren ihre Essgewohnheiten völlig. Sie wollte die Speisen, die sie ein Leben lang begleitet hatten, nicht mehr anrühren. Schob sie nur weg und meinte, ich solle sie in die Oder schmeißen, Pferdefleisch sei es. Ihre Ernährung stellte ein großes Problem dar und wir mussten ihr viel Zusatznahrung in den Pudding schmuggeln. Dabei hatte sie Süßspeisen gehasst…

    Ich wünsche dir Kraft und dass du auch die guten Zeiten mit deiner Oma in Erinnerung behältst.

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