nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Oma, erzähl mir von früher!

Am 1. September 1939, als Polen überfallen wurde, war Oma 11 Jahre alt. Oma war, zu dieser Zeit eine recht ungewöhnliche Familienkonstellation, ein Einzelkind. Sie hat es gehasst und sich nichts mehr gewünscht, als Geschwister zu haben. Da ihre Mutter bei der Entbindung aber fast gestorben wäre, gab ihr Mann ihr das Versprechen, dass sie so eine Prozedur nicht noch einmal durchstehen muss.
So war Oma immer unterwegs bei der Verwandtschaft und in der Nachbarschaft. Mit anderen Kindern spielen, kleine Kinder hüten und freche Buben verdreschen.
Relativ früh hatte sie ein Auge auf einen Jungen in ihrem Alter geworfen. Mit 16 wurde er eingezogen, kam in Gefangenschaft, wo er auch seinen 18. Geburtstag erleben musste. Immerhin bekam er an diesem Tag eine Suppenkelle mehr in seinen Essnapf, hat Opa erzählt.
Opa war das 2. von 3 Kindern einer nicht sonderlich wohlhabenden Familie. Er hatte eine ältere Schwester, der er gerne Vorschriften machen wollte. Unter anderem hat er ihr das Lesen verbieten wollen, weil eine Frau andere Pflichten zu erledigen hatte. Die Schwester war eine Leseratte und hat jede freie Minute genutzt, um Bücher zu verschlingen.
Nach der Gefangenschaft kam Opa nach Hause. Man sagt, er sei mit seiner Mundharmonika durchs Hoftor gelaufen und sei einfach wieder da gewesen.
Auf Fotos aus dieser Zeit sieht man einen jungen Mann, der genauso gut ein Schauspieler hätte sein können. Volles, schwarzes Haar, eine Figur wie Adonis.
Und Oma hat ihn gekriegt, erzählte sie stolz. Weil sie es so wollte. Ende.
Mein Vater kam als Wunderkind nur 4 Monate nach der Hochzeit zur Welt. (Dieses Phänomen zieht sich durch unsere ganze Familie).
Diese Geschichte ist uns schon als Kindern bekannt gewesen. Eine andere gab es nie.

Seit Oma dement ist, schwelgt sie hauptsächlich in den Erinnerungen, die ihr geblieben sind. Von gestern oder letzter Woche weiß sie heute selten noch etwas. Zwar hat sie manchmal noch helle Tage, aber die werden seltener.
Umso mehr höre ich jetzt von Dingen, die sie nie erzählt hat.
Mehr als überrascht war ich, als sie vor einiger Zeit einen Satz gemurmelt hat: „Wäre der Krieg nicht gewesen, wäre alles anders gekommen.“
„Sicher, Oma.“
„Dann würde auch unsere Familie ganz anders aussehen.“
„Was meinst du damit, Oma?“

Oma hatte wieder mal etwas gesucht, vermutlich ihr Geld.
Beim Kramen ist ihr ein uralter Kalender in die Hände gefallen. Und darin war ein Foto, das sie mir gezeigt hat.
Auf dem Foto ist ein mir fremder junger Mann zu sehen. Blonde Locken, hübsches Gesicht, Anzug und Krawatte. Auf der Rückseite stand in einer schönen Handschrift „von Deinem Liebling.“
„Mein Vater hätte es gerne gesehen, wenn wir geheiratet hätten“, erzählt Oma mit verklärtem Gesicht. „Er war ein wohlhabender Bauernsohn aus der nächsten Stadt.“ Sie erwähnt einen Namen, den ich nie gehört habe.
„Aber du wolltest ihn nicht, nehme ich an, sonst hättest du dir ja nicht Opa geangelt, oder?“ Ha! Was da für Dinge von der tugendhaften Omi ans Licht kommen, dachte ich grinsend.
„Doch. Ich hätte ihn schon gern genommen. Er hat mir immer so schöne Briefe geschrieben, als er als Soldat an der Front war. Ich hab‘ ihn schon recht gern gehabt. Aber er kam nicht mehr nach Hause. Ich hatte eine Nachricht bekommen. Er ist im Krieg gefallen. Alles wäre heute anders, wäre das nicht passiert.“
Wusste mein Opa davon? Lief das parallel? Wurde ihr so eine Entscheidung abgenommen? Kam Opa erst danach?
Ich hätte zig Fragen gehabt. Aber Oma war mit den Gedanken schon wieder wo anders.

Mein Grinsen war mir vergangen und die Geschichte ging mir tagelang nicht aus dem Kopf.

Dass alte Menschen auch ein Leben hatten, als sie jung waren, und dass wir Enkel davon gar nichts wissen, kam mir erst jetzt in den Sinn. Dass Omas jahrelang schweigen und Erlebnisse verarbeiten mussten, die uns heute fast zerreißen würden.
Es ist selbstverständlich, dass wir ein Leben vor unseren Kindern hatten, aber dass die Kinder vieles von uns gar nicht wissen.
Und für unsere Enkel werden wir auch nur die Großeltern sein, deren Leben erst begann, als sie zur Welt kamen.

 

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