nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Jetzt bin ich dran!

Heute war er also gekommen – der große Tag, an dem ich von meiner Therapeutin in die weite Welt entlassen wurde.
Nach 60 Stunden in 4 Jahren ist meine Therapie beendet. Tränenreich, wenn ich an den Anfang denke, mit vielen mehr oder minder schweren Hausaufgaben, die es zu erledigen galt, aber auch mit Lachen und Spaß.
Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich mich mit der Therapeutin so gut verstehe, aber es hat von Anfang an geklappt.
Von meiner 1. Therapie, die ich vor mehr als 10 Jahren abgebrochen habe, kann man das nicht behaupten. Mindestens eine schlechte Erfahrung muss wohl jeder machen.

Um einen Therapieplatz hatte ich mich bereits bemüht, als ich noch stationär in der Klinik war. Da die meisten Therapeuten lange Wartelisten haben, wollte ich mich rechtzeitig darum kümmern.
Ich hatte mir eine Liste mit Therapeuten in der Umgebung zusammengestellt, den meisten auf den AB gesprochen und um Rückruf gebeten. Einige haben sich gleich gar nicht zurück gemeldet, manche haben mir gesagt, dass es aussichtslos ist auf einen Termin zu warten oder mindestens ein Jahr dauert, nur wenige hatten Wartezeiten von „nur“ ca. 6 Monaten. Bei letzteren wollte ich auf die Warteliste.
Dass ich noch weitere 6 Monate in der Klinik verbringen sollte, wusste ich damals nicht. Und so war es fast perfektes Timing, dass ich lückenlos nach der Entlassung aus der Klinik mit der Therapie beginnen konnte.

Da ich ein recht bodenständiger Mensch bin, konnte ich mit der ersten Therapie so überhaupt nichts anfangen. Esotherik ist nicht meine Welt, und schon die versiffte Matratze, auf die man sich legen sollte und der stinkende Riesenhund der in wallendes Gewand gehüllten Dame haben mich abgeschreckt. Nach einigen Sitzungen teilte die Frau mir Anfang der 2000er Jahre mit, dass es bei mir wohl so ist wie bei manchen Frauen, die keine Kinder bekommen können – so könne ich eben kein glückliches Leben führen.
Na gut, das hatte ich ja vermutet. Für mich war somit der ganze Psychoscheiß erledigt.

Wie man in früheren Beiträgen hier lesen kann, war 2009 mein großes Depressionsjahr, in dem ich knapp mit dem Leben davon gekommen bin. Eine weitere Therapie nach der Behandlung in der Klinik (die 20 Wochen dauern sollte) war unausweichlich.
Ich hatte große Bedenken und fürchtete, dass ich wieder an so eine Trulla geraten könnte.
Aber schon nach der ersten Sitzung stand fest: alles passt!
Und so ging Frau T. mit mir durch dick und dünn, hat mir manches Mal die Augen geöffnet, wenn ich nicht weiter wusste, mich gelobt, geschimpft, aufgemuntert, mir Sicherheit gegeben.
Dass die letzte Stunde anstand, wusste ich seit langem, und heute war mir den ganzen Morgen schlecht. Da ich zwischenzeitlich einen Termin absagen musste, hatten wir uns fast 6 Monate nicht gesehen. So eine lange Zeitspanne war bisher nie zwischen den Stunden. Und da es mir in den letzten Wochen nicht sonderlich gut ging, wartete ich brennend auf das Gespräch.

Es lief gut. Vertraut wie immer. Kein großer Abschiedsschmerz, denn mir wurde versichert, wenn ich gar nicht zurecht kommen sollte und überhaupt nicht mehr weiter weiß, kann ich sie anrufen. Natürlich werde ich mein Bestes geben und alles, was sie mir heute wieder in Erinnerung gerufen hat, weiß ich prinziell ja eh, nur denke ich oft gar nicht an einfachste Lösungen sondern zermatere mir so lange das Hirn, bin ich das Gefühl habe, überhaupt nichts mehr zu wissen.

Ich bin schon ok so wie ich bin. Ich weiß es nur nicht immer.

Und vor allem, hat sie mir mit auf den Weg gegeben, dass jetzt ich mal dran bin.
Sie hat mich bestärkt in meinem Vorhaben, beruflich nochmal einen ganz anderen Weg einzuschlagen. Ich werde noch einige Zeit brauchen, um zu einem Entschluss zu kommen, aber ich finde den Gedanken schon sehr verlockend.
Sie traut mir alles zu, was ich selbst tun möchte, und ich habe mittlerweile alle Möglichkeiten zu tun, was ich will.
Mein Kind ist groß und nabelt sich ab. Ich kann mit meiner Zeit machen, was ich will. Es kann mir egal sein, was andere von mir halten, erst recht diejenigen, die nicht hinter mir stehen.

Ich habe unsagbar viel mitgenommen in den letzten vier Jahren, obwohl ich weiß, dass ich nie aufhören kann zu lernen, und obwohl ich aufpassen muss, nicht wieder in alte Verhaltensmuster zu rutschen, die mir schaden.

Heute habe ich einen kleinen Höhenflug. Ein kleines bißchen Hoffnung, dass bald mal alles „normal“ laufen könnte.
Dass man manchmal über seinen Schatten springen und Angst überwinden muss, weiß ich. Und ich weiß auch, dass das geht, und dass ich das kann. Man darf ja Angst haben, man darf auch traurig sein, man darf aber nie aufgeben. Dass man sich auf die Menschen konzentrieren soll, die einen mögen und die zu einem stehen.
Es bringt nichts, über Dinge, die einem schaden, nur zu jammern. Wenn man etwas ändern will, muss man aktiv werden, auch wenn es schwer fällt. Menschen, die einem nicht gut tun, meidet man am besten. Und man soll sich selbst achten und achtsam sein und sich um sich kümmern.

Wer weiß, ob ich das morgen noch alles weiß. Oder ob ich wieder graue Wolken im Kopf habe.
Aber für heute bezeichne ich mich erst mal als erfolgreiche Absolventin einer Verhaltenstherapie, die so viel zum Guten und überhaupt gar nichts zum schlechten verändert hat.

Wo ist nur mein Diplom?

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2 Gedanken zu „Jetzt bin ich dran!

  1. Das liest sich sehr positiv – trotz allem.
    Alles Gute weiterhin.

  2. Esther sagte am :

    Hallo!
    Ich wünsche dir von Herzen, dass es dir gut gelingen wird, auch an grau-bewölkten Tagen deine neuen Verhaltens- und Gedankenmuster zu finden!
    Eine Freundin sagte mal zu mir: Die neuen Wege sind ja im Dickicht nur kleine Pfade, die manchmal auch wieder zuwuchern, die mühsam zu laufen sind. Deswegen latscht man manchmal unbedacht auf den alten, breiten und ausgetretenen Wegen. Ich habe mir da manchmal eine Machete für mich vorgestellt, um die neuen Pfade breiter zu machen… Vielleicht kannst du mit diesem Bild etwas anfangen?
    Hat mir aber leider auch nicht dauerhaft geholfen und ich muss nun eingestehen, dass ich eine rezidivierende Depression habe, aus der ich nur langsam wieder rausfinde (und manchmal auch irgendwie nicht). Bin aber in Behandlung und naja….
    Ich schreibe auch manchmal in einem Blog, falls es dich interessiert, schick ich dir mal die Adresse. Alles Liebe dir!
    Esther

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