nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Januar, 2014”

Depressionen und Vorurteile

„Depressive tun nichts, außer den ganzen Tag im Bett liegen und rumheulen“ ist ja leider ein weit verbreitetes Vorurteil in der Gruppe der Vollpfosten, die zu allem was zu sagen haben, ohne dabei den Hauch einer Ahnung zu haben.

Oft denke ich, ich müsste längst abgebrüht genug sein, um so etwas einfach an mir abperlen zu lassen. Ich kann Wut ganz gut in mich reinfressen. Ist dann nur mein Herz, das rast. Ich bin es leid, andere davor zu bewahren, dumm sterben zu müssen.
Allerdings finde ich dumme Anmachen gegenüber kranken Menschen, die sich nicht wehren können, ungerecht, und lasse diese Leute ungern im Regen stehen.

Persönlich kenne ich keinen Depressiven, der es sich leisten kann, den ganzen Tag im Bett zu liegen, es sei denn, er ist akut schwerstdepressiv und hat nicht mal körperlich genug Kraft, aufzustehen. Das liegt aber nur daran, dass mein Klinikaufenthalt und die dabei entstandenen Freundschaften schon fast 5 Jahre zurück liegen. (Oh Gott… fast 5 Jahre… die Zeit rennt.). Wir sind also „gefestigt“. Wenn ich auch vor kurzem erfahren habe, dass zwei von uns wieder stationär behandelt wurden. Allerdings haben beide rechtzeitig reagiert und nicht gewartet, bis sie soweit unten waren wie „beim ersten mal“.

Um Unwissenden den Tag bzw. das (Er-)Leben mal näher zu bringen, lest folgenden Zeilen.

Ich gehe vollzeit arbeiten. Liege also niemandem auf der Tasche. Aber gesetzt den Fall, ich wäre wieder so krank, dass ich nicht arbeiten könnte und Krankengeld beantragen müsste, hätte ich deshalb kein schlechtes Gewissen, weil: ich wäre ja krank! Zwar ohne Gipsarm, Verband, Hämatome, aber krank!
In meinem Job habe ich mit Vorurteilen, Hetze, Witzeleien und Stress zu kämpfen. Und ich meistere das immer irgendwie. Denn ich habe mich geoutet. Verständnis zeigen wenige bis keiner. Egal. Ich muss Geld verdienen.
Ich muss mich gegen Anfeindungen beruflicher wie privater Natur wehren oder sie ertragen. Ich werde mich deshalb nicht umbringen, aber ich fühle mich zeitweise extrem scheiße und verdammt schwach. Und ja! Genau deshalb möchte ich manchmal aufgeben! Von einer Brücke springen, einfach nicht mehr aufwachen, Hauptsache, die Welt lässt mich einfach in Ruhe oder hält die Fresse.
Natürlich könnte ich es leichter haben, und mich einfach wieder so ausnutzen und behandeln lassen wie vor meiner Therapie. Das hätten viele Mitmenschen gerne. Aber was hätte ich davon? Ich wäre wieder in der gleichen Misere gelandet, in die ich mich erfolgfreich habe drücken lassen, bis ich todkrank geworden bin. (Stimmt! Ich war selbst Schuld! Hätte mich ja wehren und egoistischer sein können.Ha!)
Und wenn schon leben, dann will ich auch was davon haben! Und zwar so, wie ICH mir das vorstelle.
Wir Depressiven kämpfen auch nach einer Akutphase und wenn wir „austherapiert“ sind, immer, immer, immer (!) dagegen, wieder einen Rückfall zu erleiden.
Wir machen Yoga, Achtsamkeitstraining, Autogenes Training, wir rufen uns tagtäglich in Erinnerung, was wir gelernt haben und üben weiter, nicht wieder in antrainierte schlechte Verhaltensmuster zu fallen. Wir machen jahrelang Therapie, um endlich ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Wir informieren uns über neue Forschungsergebnisse.
Wir stehen jeden Tag auf, obwohl es uns unerträglich schwer fällt (Klappe halten! Das hat nichts mit keine Lust haben oder ein bißchen müde sein zu tun!!), weil wir dermaßen erschöpft sind, weil wir miserabel schlafen, Nächte durchschwitzen, mit Monstern kämpfen und gerädert sind. Wir gehen unserer Arbeit nach, manche trotz unerträglichem Stress, Lärm, Herzrasen, Panikattacken, Atemnot und einfach: Angst. Trotzdem verlassen wir den Schutz unserer Wohnung. Die einen unter Medikamenten, die anderen ohne.
Wir wenden Atemtechniken und Entspannungstechniken an, wenn es prenzlig wird.
Wir versuchen, unserem Alltag Struktur zu geben, und kein Mensch, der sich großspurig erlaubt, meine Aussagen als „Heulsusen-Scheißdreck“ abzutun, kann nachempfinden, was das für einen Depressiven bedeutet.
Sich zu motivieren, Arbeiten zu erledigen, einzukaufen, jemanden zu besuchen, Hobbies nachzugehen, sich zu beschäftigen, Musik zu machen, zu malen, oder gar Sport zu machen! Das Haus zu verlassen kann für manchen Depressiven bedeuten, in den Krieg ziehen zu müssen.
Wir versuchen, unser Leben wieder, oder sogar zum ersten mal überhaupt in den Griff zu bekommen, nicht mehr aufzugeben, obwohl wir ununterbrochen gegen den riesigen schwarzen Hund kämpfen müssen.
Viele von uns machen das ohne jede Unterstützung. Denn Depressive merken, wer wirklich hinter ihnen steht, und wer das zwar behauptet, sich aber niemals öffentlich dazu bekennen würde. Gerade das macht mich immer noch furchtbar traurig. Und trotzdem kämpfe ich für mich und für andere durch Aufklärung gegen Ablehnung oder Desinteresse und Gleichgültigkeit. Es ist oft ein Kampf gegen Windmühlen. Aber wenn wir das nicht mehr tun, wenn wir aufgeben, werden die Dummköpfe nie verstummen, und was viel schlimmere wäre, man müsste sich als Depressiver weiter verstecken, schämen und still sein.
Und gerade das, müssen wir NICHT!
Wir haben geschuftet, waren für alle da, haben uns ausnutzen lassen, uns aufgegeben, überfordert, haben Gewalt erlebt, selten bis nie ein nettes Wort gehört, haben im Hintergrund agiert, Kinder erzogen, Alte versorgt, waren von Geldsorgen oder Sorge um den Arbeitsplatz geplagt, wurden gemobbt, geschnitten, ausgegrenzt, verlassen, waren schwer krank, haben Menschen verloren, haben still gelitten, für Schwache gekämpft, uns ausgepowert, alles ertragen, uns selbst verloren, und vermutlich selbst nicht einmal gemerkt, wo wir da reinschlittern.

Jede Depression ist anders. Jede Depression kann andere Auslöser haben. Niemand sagt, oh, ich hätte gerne mal eine Depression, um mich ein paar Tage krankschreiben zu lassen. (höchstens Spinner). Eine Depression ist kein verdammter Schnupfen!

Ich habe keinen Bock mehr, mich dafür entschuldigen zu müssen, dass ich oft müde bin, weil ich meinen Job ja trotzdem mache. Ich finde es zum Kotzen, dass man sich lustig darüber macht, dass ich mollig geworden bin, weil ich diese Scheißtabletten nehme, die mich haben zunehmen lassen, obwohl ich nicht anders esse als vorher. Leute, die mich belächeln, weil ich Yoga mache und alles lese, was mir in die Finger kommt, um über alles, was gegen Depressionen hilft, informiert zu sein, kotzen mich an. Dass ich Ruhe brauche, um mich zu konzentrieren, oder abschalten zu können- auch deshalb werde ich genervt und ausgelacht.
Mein Haus sieht nicht mehr steril aus, weil das nicht wichtig ist. Von mir aus kann auch mal was liegen bleiben. Deshalb bin ich keine Schlampe. Erwartungen erfülle ich nicht mehr, weil ich keinen Bock mehr habe, jedem zu Diensten zu sein. Mit den Folgen muss ich ja auch leben. Noch mehr Ächtung.

Wir leben damit, anderen nicht mehr (gut) genug zu sein. Wir gehen weiter arbeiten, erziehen weiter Kinder, sind weiter für andere da, klären auf, kämpfen, arbeiten an uns. Aber jetzt alles mit Maß und Ziel.
Die sog. Gegner der Depressiven sind ja oft diejenigen, denen es jetzt nicht mehr möglich ist, uns weiter auszunutzen. Mit Gegenwind kommt nun mal nicht jeder klar.
Wie oft hören wir denn „wann wirst du eigentlich wieder normal?“, weil wir unbequem für ehemals dankbare Abnehmer unserer unendlichen Freundlichkeit geworden sind? Oft. Sehr oft.
Nicht selten müssen wir uns deswegen massiven Anfeindungen entgegen setzen, weil wir nicht mehr „spuren“ und völlig überzogene Erwartungen nicht mehr erfüllen möchten.
Ehrlichgesagt werde ich lieber dafür gehasst und verachtet, nicht mehr zu gehorchen und ertrage es lieber, nicht mehr dazu zu gehören, als mich selbst wieder zu verachten und nicht mehr in den Spiegel sehen zu können, weil ich mich für andere aufgebe.

Ja. Heute ist SO ein Tag.
Morgen kann mir jeder, der dumm schwätzt, schon längst wieder scheißegal sein. Vielleicht lache ich ihn aus. Vielleicht nenne ich ihn eine arme Sau. Aber heute, ja, heute würde ich jedem, der mir dumm kommt, gerne richtig ins Gesicht…. lächeln und sagen: wenn du das erlebt und überlebt hast, was wir erlebt haben, sprechen wir uns wieder. Bis dahin: Halt’s Maul!

 

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