nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Februar, 2014”

Hallo, schwarzer Hund. Ich habe dich nicht vermisst.

Aber wo du schon mal da bist… setz dich, lass uns reden.

Wieso lässt du mich eigentlich nicht endlich mal in Ruhe? Wieso fühlst du dich wohl bei mir? Ich bekämpfe dich aktiv seit fast 5 Jahren, die unzähligen Jahre vorher nicht mitgerechnet.
Schwarzer Hund – so nannte Winston Churchill die Depression.
Er bellt dich an, knurrt und lässt sich bei dir nieder.
Da denkst du, du stehst voll im Leben, mit beiden beiden relativ fest auf dem Boden. Du willst nur umsetzen, was man dir in 20 Wochen Klinik und 4 Jahren Therapie beigebracht hat. In der Theorie klingt das auch immer ganz gut. Im Kleinen kriegst du das auch oft ganz gut hin. Du hast ja viel gelernt.

Und dann häuft sich wieder was an. So ganz langsam und schleichend. Du verfällst in alte Muster und hast gar nicht mehr im Sinn, dass du selbst was zählst, reagierst einfach, wie es erwartet wird, kümmerst dich und vergisst dich selbst. So lange du beschäftigt bist, mag das noch gut gehen. Keine freie Minute haben, und wenn doch, verbringst du sie schlafend, weil du erschöpft bist oder weil du die Realität nicht erträgst.
Und dann schlagen diejenigen wieder zu, die nur auf deine Schwäche gewartet haben.
Drohungen werden ausgesprochen, Erwartungen und Forderungen gestellt. Ich bin die Älteste, von mir kann man erwarten, dass ich verzichte und damit einverstanden bin, dass andere auf meine Kosten leben. Und ich nicke und die Klappe halte.

Aber ich möchte nicht mehr mitspielen. Es hat mir vielleicht früher weh getan, dass ich nicht dazu gehöre. Heute ist es mir scheißegal.
Und deshalb lasse ich mich auch nicht mehr ausnutzen.
Das auszuhalten, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt.
Es heißt ja so schön, dass man sich den Neid der anderen erst verdienen muss. Dabei will ich gar nicht, dass jemand neidisch auf mich ist. Ich will und wollte immer nur eins: mein Kind nicht auf Staatskosten großziehen, nicht von der Stütze leben müssen, und meine Ruhe haben. Dafür habe ich gearbeitet, gelernt und verzichtet.

Mein schlimmster Fehler, nicht als Sohn zur Welt gekommen zu sein, wird mir ja schon weit über 40 Jahre vorgeworfen. Mein „Egoismus“ (mein Weigern, Schmarotzer finanziell zu unterstützen) wird mir vielleicht auch irgendwann das Genick brechen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr. Ich will mich nicht kleinkriegen lassen, nur damit Ruhe ist, damit ich nicht mehr angefeindet werde. Ich kann nicht mein Leben lang still halten und ertragen. Ich bin kein kleines Kind mehr, das aushalten muss, wie es verprügelt und erniedrigt und verraten wird. Ich bin niemandem zu irgendeinem Dank verpflichtet. Und trotzdem habe ich immer gegeben.
Jetzt reicht es mir.
Das Thema „Konsequenzen ertragen“ fällt Depressiven besonders schwer. Aber wenn wir nicht da durchgehen und es aushalten, wird sich nie etwas ändern.
Ich versuche es mit Geduld. Ich brauche Ruhe und vor allem Zeit für mich, um mir Gedanken zu machen. Um schlechte Gedanken in Gute umzudrehen, um mich zu sammeln, runterzukommen, und wieder zu Kraft zu kommen.
Schwarze Gedanken beherrschen mich. Selbst eine gute Nachricht in der vergangenen Woche konnte mir kaum Erleichterung verschaffen. Ich bin erschöpft, wenn ich nur ein paar Treppen gegangen bin. Das einzige, was ich ertragen kann, ist schlafen. Ich will nicht reden, und wenn meine Lieben mich ablenken wollen, macht mir das extrem nervös. Ich will das Haus nicht verlassen, ich will mich zu Hause einigeln, wobei ich es letzte Woche immerhin als gut für mich empfunden habe, viel zu arbeiten, um keine Zeit zu haben, mir schlimme Gedanken zu machen. Ich will nicht antworten müssen auf Fragen, egal auf welche. Ich schaffe den Haushalt kaum neben der Arbeit, ich habe keinerlei Lust auf Hobbies, selbst lesen fällt mir schwer.
Wenn ich in der Mittagspause durch die Stadt gehe, fühle ich mich unsichtbar. Werde ich in einem Geschäft angesprochen, erschrecke ich und weiß nicht, was ich sagen soll.

Ich habe keine Suizidgedanken. Ich werde die Menschen, die mich wirklich brauchen, nicht alleine lassen. Ich will nur schlafen, aufwachen und „normal“ sein. Wenn ich online lese, an welch schlimmen Krankheiten andere leiden, die sie vielleicht nicht überleben werden, habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen und hasse mich gleich noch mehr.

Noch habe ich dennoch den Gedanken, dass ich mich nicht in die Knie zwingen lassen werde. Nicht komplett.
Wie lange ich durchhalte, weiß ich nicht. Es steht bald ein Arzttermin an. Vielleicht höre ich dann wieder, dass ich Sport machen soll, am besten morgens vor der Arbeit. Wie ich mich dazu motivieren soll, ist mir in all den Jahren nicht klar geworden. Ich kann mich nicht mal zum Malen motivieren.

Es ist eine Phase, die wieder vorbeigehen wird. Wie jede Depression. Mich kotzt diese Passivität an, in die sie einen drängt. Ich muss versuchen, mich zu motivieren, aktiv etwas dagegen zu tun. Mich an das Gelernte zu erinnern, fällt mir gerade verdammt schwer. So lange es noch einen kleinen Funken aus der Kategorie „ich will da wieder rauskommen“ gibt, muss das doch möglich sein.

Der schwarze Hund schnarcht vorm Ofen. Bewegt sich keinen Zentimeter von der Stelle. Ich versuche erst mal, mich mit ihm zu arrangieren.

Alles Gute und viel Kraft an die, denen es im Moment genauso geht.

Menschlichkeit tötet nicht!

Blöde Überschrift, aber eine andere fällt mir nicht ein.
Bisher habe ich fast nur über Depressionen getwittert, die sind in meinem Leben allgegenwärtig, ob gerade akut oder nicht.

Leider gehöre ich nebenbei auch noch in die Risikogruppe der Krebspatientinnen. Als hätten meine Vorfahrinnen mir nicht schon genug Scheiß vererbt, muss ich auch seit über 20 Jahren mit diesem Damoklesschwert kämpfen.
An sich kein Problem, ich gehe regelmäßig zur Krebsvorsorge, hatte schon diverse kleinere Eingriffe, aber eine Malignität hat sich nie bestätigt. Mit den kurzzeitigen Phasen der schlimmeren Befürchtungen konnte ich halbwegs umgehen.
Meine Mutter war 27, als sie an Gebärmutterkrebs erkrankte. Kurz vor Weihnachten ist ihre Schwester, meine Tante, an Brustkrebs gestorben. Neben weiteren Tanten und Kusinen, die das gleiche Schicksal getroffen hat.
Auch wenn ich ein Typ bin, der Flöhe husten hört, und gerne mal in Panik ausbreche, gehöre ich nicht zu den Menschen, die tagein, tagaus damit rechnen an Krebs zu sterben, weil sie in der Risikoklasse sind.
Ganz anders heute.
Seit Wochen tut sich was. Man hat ja das Abtasten gelernt, die Lymphknoten ärgern sich wohl auch.
Nun kam aber akut eine Erkrankung meiner Oma dazwischen, inkl. Klinikaufenthalt, etc. Und ich hatte schlicht keine Zeit, mir meinen Kopf meinetwegen zu zerbrechen, ich musste mich um Oma kümmern. Im Verdrängen unangenehmer Dinge bin ich ganz groß, wenn sie mich betreffen.
Aber am Wochenende hatte ich Zeit. Zeit zum Nachdenken und zum Bemerken, dass ich mich schon längst um mich hätte kümmern müssen. Und um mir die schlimmsten Szenarien auszudenken. Ich könnte sterben und mein Kind wäre allein. Sie käme ohne mich nicht zurecht. Ich würde ihren Abiball nicht mehr erleben, nicht, wie sie heiratet und Kinder bekommt. Ich könnte nicht mehr für sie da sein. Und mein geliebter, allerbester Mann an meiner Seite, der alles für mich aufgegeben hat, um mit mir zusammen zu sein, wäre allein.
Kurzum: mein Nervenkostüm ist dank diverser unschöner interfamiliärer Vorkommnisse ziemlich im Arsch. Von Überarbeitung will ich gar nicht reden. Ich würde ganz gerne einfach sagen: ich kann nicht mehr.
Und so kam es, dass ich die xte Nacht nicht schlafen konnte, wegen Schmerzen, wegen Sorgen, wegen was weiß ich. Und mir vornahm, heute erst mal zum Arzt zu gehen, ehe ich zur Arbeit fahre.
Schon am Telefon war die Arzthelferin not amused darüber, dass ich um einen kurzfristigen Termin bat. Dennoch „durfte“ ich vorbeikommen. Heulanfall Nr. 1.

Ja spinn ich denn? So bin ich doch sonst nicht! Ich habe eine große Klappe, kann mich ganz gut wehren, also was soll das?

Am Empfang traf ich dann persönlich auf Satan. Miese Laune, mieser Gesichtsausdruck, genervt wurde jeder Patient abgefertigt. Im Wartezeimmer Heulanfall Nr. 2. Der wollte erst recht nicht enden, als alle anderen Patientinnen mich angeglotzt haben.
Nach der Untersuchung stand fest, dass ich zum Ausschluss einer Malignität wieder eine Überweisung zur Mammographie bekomme und evtl. ein Eingriff erfolgen muss. Krampfhaft Heulanfall Nr. 3 unterdrückt.
Der kam dann aber, als ich Satan um ein Attest für den Arbeitgeber gebeten habe, um nachzuweisen, dass ich nicht einfach gepennt habe, sondern beim Arzt war, und straight angemault wurde: DAS HÄTTEN SIE GLEICH AM ANFANG SAGEN MÜSSEN! WEGEN DER ZEIT!
Und anstatt ihr in den Hals zu beißen, ihr die Augen auszukratzen, sie am Kragen zu packen und endlich zu schütteln und zu sagen: „Pass mal auf, die dämliche Kuh, ich bin nicht zum Spaß hier, oder weil ich dir den Tag versauen will, ich hab eine Scheißangst davor, dass ein Karzinom in meiner Brust haust, also erwarte ich ein Minimum an Feinfühligkeit und vor allem Freundlichkeit, weil ich verdammt nochmal freundlich zu dir war!….“… genau: fange ich an zu heulen. Tränen laufen in Sturzbächen aus meinen ohnehin schon knallroten Augen und ich möchte einfach nur zusammenbrechen.

Was ich damit sagen will ist: Liebe Mitmenschen, ich verstehe durchaus, wenn jemand gestresst ist und mal einen schlechten Tag hat. In den wenigsten Fällen ist es aber so, dass gerade Patienten einem willentlich auf den Sack gehen. Ich bin selbst Krankenschwester, auch wenn ich nicht mehr direkt an der Krankenhausfront arbeite, habe ich täglich mit Patienten zu tun. In meiner kompletten Laufbahn habe ich versucht, menschlich zu sein und wage zu behaupten, dass mir das gelungen ist, und wenn es mir noch so dreckig ging oder ich schlecht gelaunt war.
Uns begegnen täglich Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten irgendwie aufrecht halten, und sich vielleicht Sorgen um etwas machen. Sei es um sich selbst oder um Angehörige. Ich glaube, man kann Menschen ansehen, ob sie gerade schwach sind und leiden, auch wenn sie versuchen, es zu überspielen, aber gerade dann, wenn sie mit rotgeheulten Augen durch die Welt gehen.
Man muss sie nicht, erst recht nicht wegen einem Furz, dumm von der Seite anmachen, weil man vielleicht mit seinem eigenen Scheißleben gerade unzufrieden ist und niemand anderen hat, den man anfeinden kann.
Jeder hat irgendwelche Probleme. Und jeder entscheidet für sich ganz allein, ob es ein großes oder kleines Problem ist und wie er damit umgeht.
Menschlichkeit bringt niemandem um.
Diese Menschlickeit schlägt mir gerade auf Twitter entgegen. Dafür danke ich euch ❤
Mein letzter Heulanfall ist über eine Stunde her, als mir die nächste Zicke in einer neuen radiologischen Praxis einen Mammographietermin für Anfang April gegeben hat. („Mammographie nur dienstags und da sind bis April alle Termine weg…“)

Danke, aber ich habe mich für die alte Praxis entschieden, die auch Kassenpatienten anbietet, eine mögliche bösartige Erkrankung zeitnah auszuschließen.

Auf diesem Wege möchte ich allen mir bekannten Krebspatienten meinen allerallergrößten Respekt aussprechen, sollte ich das nicht schon persönlich getan haben. Wenn ich täglich über euren Kampf, euren Mut und eure Stärke lese, möchte ich gleich wieder in Tränen ausbrechen, weil ich weiß, dass ich so etwas niemals schaffen würde.

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