nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Menschlichkeit tötet nicht!

Blöde Überschrift, aber eine andere fällt mir nicht ein.
Bisher habe ich fast nur über Depressionen getwittert, die sind in meinem Leben allgegenwärtig, ob gerade akut oder nicht.

Leider gehöre ich nebenbei auch noch in die Risikogruppe der Krebspatientinnen. Als hätten meine Vorfahrinnen mir nicht schon genug Scheiß vererbt, muss ich auch seit über 20 Jahren mit diesem Damoklesschwert kämpfen.
An sich kein Problem, ich gehe regelmäßig zur Krebsvorsorge, hatte schon diverse kleinere Eingriffe, aber eine Malignität hat sich nie bestätigt. Mit den kurzzeitigen Phasen der schlimmeren Befürchtungen konnte ich halbwegs umgehen.
Meine Mutter war 27, als sie an Gebärmutterkrebs erkrankte. Kurz vor Weihnachten ist ihre Schwester, meine Tante, an Brustkrebs gestorben. Neben weiteren Tanten und Kusinen, die das gleiche Schicksal getroffen hat.
Auch wenn ich ein Typ bin, der Flöhe husten hört, und gerne mal in Panik ausbreche, gehöre ich nicht zu den Menschen, die tagein, tagaus damit rechnen an Krebs zu sterben, weil sie in der Risikoklasse sind.
Ganz anders heute.
Seit Wochen tut sich was. Man hat ja das Abtasten gelernt, die Lymphknoten ärgern sich wohl auch.
Nun kam aber akut eine Erkrankung meiner Oma dazwischen, inkl. Klinikaufenthalt, etc. Und ich hatte schlicht keine Zeit, mir meinen Kopf meinetwegen zu zerbrechen, ich musste mich um Oma kümmern. Im Verdrängen unangenehmer Dinge bin ich ganz groß, wenn sie mich betreffen.
Aber am Wochenende hatte ich Zeit. Zeit zum Nachdenken und zum Bemerken, dass ich mich schon längst um mich hätte kümmern müssen. Und um mir die schlimmsten Szenarien auszudenken. Ich könnte sterben und mein Kind wäre allein. Sie käme ohne mich nicht zurecht. Ich würde ihren Abiball nicht mehr erleben, nicht, wie sie heiratet und Kinder bekommt. Ich könnte nicht mehr für sie da sein. Und mein geliebter, allerbester Mann an meiner Seite, der alles für mich aufgegeben hat, um mit mir zusammen zu sein, wäre allein.
Kurzum: mein Nervenkostüm ist dank diverser unschöner interfamiliärer Vorkommnisse ziemlich im Arsch. Von Überarbeitung will ich gar nicht reden. Ich würde ganz gerne einfach sagen: ich kann nicht mehr.
Und so kam es, dass ich die xte Nacht nicht schlafen konnte, wegen Schmerzen, wegen Sorgen, wegen was weiß ich. Und mir vornahm, heute erst mal zum Arzt zu gehen, ehe ich zur Arbeit fahre.
Schon am Telefon war die Arzthelferin not amused darüber, dass ich um einen kurzfristigen Termin bat. Dennoch „durfte“ ich vorbeikommen. Heulanfall Nr. 1.

Ja spinn ich denn? So bin ich doch sonst nicht! Ich habe eine große Klappe, kann mich ganz gut wehren, also was soll das?

Am Empfang traf ich dann persönlich auf Satan. Miese Laune, mieser Gesichtsausdruck, genervt wurde jeder Patient abgefertigt. Im Wartezeimmer Heulanfall Nr. 2. Der wollte erst recht nicht enden, als alle anderen Patientinnen mich angeglotzt haben.
Nach der Untersuchung stand fest, dass ich zum Ausschluss einer Malignität wieder eine Überweisung zur Mammographie bekomme und evtl. ein Eingriff erfolgen muss. Krampfhaft Heulanfall Nr. 3 unterdrückt.
Der kam dann aber, als ich Satan um ein Attest für den Arbeitgeber gebeten habe, um nachzuweisen, dass ich nicht einfach gepennt habe, sondern beim Arzt war, und straight angemault wurde: DAS HÄTTEN SIE GLEICH AM ANFANG SAGEN MÜSSEN! WEGEN DER ZEIT!
Und anstatt ihr in den Hals zu beißen, ihr die Augen auszukratzen, sie am Kragen zu packen und endlich zu schütteln und zu sagen: „Pass mal auf, die dämliche Kuh, ich bin nicht zum Spaß hier, oder weil ich dir den Tag versauen will, ich hab eine Scheißangst davor, dass ein Karzinom in meiner Brust haust, also erwarte ich ein Minimum an Feinfühligkeit und vor allem Freundlichkeit, weil ich verdammt nochmal freundlich zu dir war!….“… genau: fange ich an zu heulen. Tränen laufen in Sturzbächen aus meinen ohnehin schon knallroten Augen und ich möchte einfach nur zusammenbrechen.

Was ich damit sagen will ist: Liebe Mitmenschen, ich verstehe durchaus, wenn jemand gestresst ist und mal einen schlechten Tag hat. In den wenigsten Fällen ist es aber so, dass gerade Patienten einem willentlich auf den Sack gehen. Ich bin selbst Krankenschwester, auch wenn ich nicht mehr direkt an der Krankenhausfront arbeite, habe ich täglich mit Patienten zu tun. In meiner kompletten Laufbahn habe ich versucht, menschlich zu sein und wage zu behaupten, dass mir das gelungen ist, und wenn es mir noch so dreckig ging oder ich schlecht gelaunt war.
Uns begegnen täglich Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten irgendwie aufrecht halten, und sich vielleicht Sorgen um etwas machen. Sei es um sich selbst oder um Angehörige. Ich glaube, man kann Menschen ansehen, ob sie gerade schwach sind und leiden, auch wenn sie versuchen, es zu überspielen, aber gerade dann, wenn sie mit rotgeheulten Augen durch die Welt gehen.
Man muss sie nicht, erst recht nicht wegen einem Furz, dumm von der Seite anmachen, weil man vielleicht mit seinem eigenen Scheißleben gerade unzufrieden ist und niemand anderen hat, den man anfeinden kann.
Jeder hat irgendwelche Probleme. Und jeder entscheidet für sich ganz allein, ob es ein großes oder kleines Problem ist und wie er damit umgeht.
Menschlichkeit bringt niemandem um.
Diese Menschlickeit schlägt mir gerade auf Twitter entgegen. Dafür danke ich euch ❤
Mein letzter Heulanfall ist über eine Stunde her, als mir die nächste Zicke in einer neuen radiologischen Praxis einen Mammographietermin für Anfang April gegeben hat. („Mammographie nur dienstags und da sind bis April alle Termine weg…“)

Danke, aber ich habe mich für die alte Praxis entschieden, die auch Kassenpatienten anbietet, eine mögliche bösartige Erkrankung zeitnah auszuschließen.

Auf diesem Wege möchte ich allen mir bekannten Krebspatienten meinen allerallergrößten Respekt aussprechen, sollte ich das nicht schon persönlich getan haben. Wenn ich täglich über euren Kampf, euren Mut und eure Stärke lese, möchte ich gleich wieder in Tränen ausbrechen, weil ich weiß, dass ich so etwas niemals schaffen würde.

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4 Gedanken zu „Menschlichkeit tötet nicht!

  1. Ich sende Dir alle guten Wünsche ❤

    Herzlich! Stachelvieh

  2. Mina sagte am :

    Du putzt Deine Wohnung doch auch?!

    Heulen ist auch „Seele putzen“ – also ran 🙂 🙂

    Alles Gute für Dich, wir bleiben in Kontakt 🙂

  3. Mina sagte am :

    Mir fällt gerade noch ein:
    Man kann das Heulen auch zelebrieren: So mit Taschentücher zurecht legen, noch ein Kissen in den Sessel, schöne Tischdecke, für danach ein Stückchen irgendwas, was Du normalerweise gern isst.
    Für mich muss Heulen immer mit einem „Häppchen“ abgeschlossen werden. Das Häppchen öffnet dann vielleicht nochmal die Schleusen. Dann ist noch mehr Adrenalin raus und das tut gut.
    Wenn die Tränen dann fürs Erste alle sind…

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