nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Hallo, schwarzer Hund. Ich habe dich nicht vermisst.

Aber wo du schon mal da bist… setz dich, lass uns reden.

Wieso lässt du mich eigentlich nicht endlich mal in Ruhe? Wieso fühlst du dich wohl bei mir? Ich bekämpfe dich aktiv seit fast 5 Jahren, die unzähligen Jahre vorher nicht mitgerechnet.
Schwarzer Hund – so nannte Winston Churchill die Depression.
Er bellt dich an, knurrt und lässt sich bei dir nieder.
Da denkst du, du stehst voll im Leben, mit beiden beiden relativ fest auf dem Boden. Du willst nur umsetzen, was man dir in 20 Wochen Klinik und 4 Jahren Therapie beigebracht hat. In der Theorie klingt das auch immer ganz gut. Im Kleinen kriegst du das auch oft ganz gut hin. Du hast ja viel gelernt.

Und dann häuft sich wieder was an. So ganz langsam und schleichend. Du verfällst in alte Muster und hast gar nicht mehr im Sinn, dass du selbst was zählst, reagierst einfach, wie es erwartet wird, kümmerst dich und vergisst dich selbst. So lange du beschäftigt bist, mag das noch gut gehen. Keine freie Minute haben, und wenn doch, verbringst du sie schlafend, weil du erschöpft bist oder weil du die Realität nicht erträgst.
Und dann schlagen diejenigen wieder zu, die nur auf deine Schwäche gewartet haben.
Drohungen werden ausgesprochen, Erwartungen und Forderungen gestellt. Ich bin die Älteste, von mir kann man erwarten, dass ich verzichte und damit einverstanden bin, dass andere auf meine Kosten leben. Und ich nicke und die Klappe halte.

Aber ich möchte nicht mehr mitspielen. Es hat mir vielleicht früher weh getan, dass ich nicht dazu gehöre. Heute ist es mir scheißegal.
Und deshalb lasse ich mich auch nicht mehr ausnutzen.
Das auszuhalten, steht wieder auf einem ganz anderen Blatt.
Es heißt ja so schön, dass man sich den Neid der anderen erst verdienen muss. Dabei will ich gar nicht, dass jemand neidisch auf mich ist. Ich will und wollte immer nur eins: mein Kind nicht auf Staatskosten großziehen, nicht von der Stütze leben müssen, und meine Ruhe haben. Dafür habe ich gearbeitet, gelernt und verzichtet.

Mein schlimmster Fehler, nicht als Sohn zur Welt gekommen zu sein, wird mir ja schon weit über 40 Jahre vorgeworfen. Mein „Egoismus“ (mein Weigern, Schmarotzer finanziell zu unterstützen) wird mir vielleicht auch irgendwann das Genick brechen. Aber ich habe einfach keine Lust mehr. Ich will mich nicht kleinkriegen lassen, nur damit Ruhe ist, damit ich nicht mehr angefeindet werde. Ich kann nicht mein Leben lang still halten und ertragen. Ich bin kein kleines Kind mehr, das aushalten muss, wie es verprügelt und erniedrigt und verraten wird. Ich bin niemandem zu irgendeinem Dank verpflichtet. Und trotzdem habe ich immer gegeben.
Jetzt reicht es mir.
Das Thema „Konsequenzen ertragen“ fällt Depressiven besonders schwer. Aber wenn wir nicht da durchgehen und es aushalten, wird sich nie etwas ändern.
Ich versuche es mit Geduld. Ich brauche Ruhe und vor allem Zeit für mich, um mir Gedanken zu machen. Um schlechte Gedanken in Gute umzudrehen, um mich zu sammeln, runterzukommen, und wieder zu Kraft zu kommen.
Schwarze Gedanken beherrschen mich. Selbst eine gute Nachricht in der vergangenen Woche konnte mir kaum Erleichterung verschaffen. Ich bin erschöpft, wenn ich nur ein paar Treppen gegangen bin. Das einzige, was ich ertragen kann, ist schlafen. Ich will nicht reden, und wenn meine Lieben mich ablenken wollen, macht mir das extrem nervös. Ich will das Haus nicht verlassen, ich will mich zu Hause einigeln, wobei ich es letzte Woche immerhin als gut für mich empfunden habe, viel zu arbeiten, um keine Zeit zu haben, mir schlimme Gedanken zu machen. Ich will nicht antworten müssen auf Fragen, egal auf welche. Ich schaffe den Haushalt kaum neben der Arbeit, ich habe keinerlei Lust auf Hobbies, selbst lesen fällt mir schwer.
Wenn ich in der Mittagspause durch die Stadt gehe, fühle ich mich unsichtbar. Werde ich in einem Geschäft angesprochen, erschrecke ich und weiß nicht, was ich sagen soll.

Ich habe keine Suizidgedanken. Ich werde die Menschen, die mich wirklich brauchen, nicht alleine lassen. Ich will nur schlafen, aufwachen und „normal“ sein. Wenn ich online lese, an welch schlimmen Krankheiten andere leiden, die sie vielleicht nicht überleben werden, habe ich ein furchtbar schlechtes Gewissen und hasse mich gleich noch mehr.

Noch habe ich dennoch den Gedanken, dass ich mich nicht in die Knie zwingen lassen werde. Nicht komplett.
Wie lange ich durchhalte, weiß ich nicht. Es steht bald ein Arzttermin an. Vielleicht höre ich dann wieder, dass ich Sport machen soll, am besten morgens vor der Arbeit. Wie ich mich dazu motivieren soll, ist mir in all den Jahren nicht klar geworden. Ich kann mich nicht mal zum Malen motivieren.

Es ist eine Phase, die wieder vorbeigehen wird. Wie jede Depression. Mich kotzt diese Passivität an, in die sie einen drängt. Ich muss versuchen, mich zu motivieren, aktiv etwas dagegen zu tun. Mich an das Gelernte zu erinnern, fällt mir gerade verdammt schwer. So lange es noch einen kleinen Funken aus der Kategorie „ich will da wieder rauskommen“ gibt, muss das doch möglich sein.

Der schwarze Hund schnarcht vorm Ofen. Bewegt sich keinen Zentimeter von der Stelle. Ich versuche erst mal, mich mit ihm zu arrangieren.

Alles Gute und viel Kraft an die, denen es im Moment genauso geht.

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Ein Gedanke zu „Hallo, schwarzer Hund. Ich habe dich nicht vermisst.

  1. Ich wünsche Dir Kraft, Kraft und Kraft! Alles Gute…

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