nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Weiter im Trott

„Eine Depression ist, wenn all deine Gefühle im Rollstuhl sitzen. Sie haben keine Arme mehr und es ist leider auch gerade niemand zum Schieben da. Womöglich sind auch noch die Reifen platt. Macht sehr müde.”

Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Rico, Oscar und die Tieferschatten von Andreas Steinhöfel. Es ist ein Kinderbuch, und ich habe nie eine passendere Definition von Depressionen gefunden.

Eine Woche ist seit dem letzten Post vergangen, jeder Tag lief im gleichen Schema ab.
Aufwachen in der Hölle, mit Magenschmerzen, Angst vor dem, was der Tag bringt. Kaum fähig zu einem anderen Gedanken als dem, was mir gerade das Leben schwer macht, habe ich mich doch immer aufgerafft, zur Arbeit zu gehen. Völlig überfordert, und doch hat das Pfllichtgefühl gesiegt. Zwischendurch musste ich wegfahren, um im Altersheim oder Krankenhaus etwas für Oma zu erledigen, dann wieder zur Arbeit, die verlorenen Stunden nachholen. Nach Feierabend nochmal Oma besuchen, damit sie nicht allein ist unter all den Fremden.
Zu sehen, dass sie oft xmal fragen muss, wer ich bin, hat mir noch mehr zugesetzt. Und erst recht die Tatsache, dass es bisher keinerlei Besserung gibt.
Und ich kann ihr nicht mal sagen, streng dich doch wenigstens an, mach du mir nicht auch noch solche irren Sorgen, wie soll das alles denn weitergehen? Sie kapiert es ohnehin nicht. Sie will nach Hause in ihre Wohnung, dabei kann sie nicht mal alleine aufstehen. Eine 24h-Betreuung lehnt sie ab. Ich weiß nicht, wie das alles weitergehen soll. Vor allem hängt alles an mir. In klaren Momenten dankt sie mir. „Du bist so ein liebes Ding, ich danke dir so sehr, das du dich so sehr um mich kümmerst.“ „Das hab ich doch von dir Oma, dass man sich um andere kümmert, denen es nicht gut geht.“
„Dann hab ich ja wenigstens etwas Gutes erreicht im Leben, wenn du meinetwegen so geworden bist“, sagt Oma dann.
Und mir dreht sich der Magen um, wenn ich gehen und sie in dem Heim zurücklassen muss, wo sie überhaupt nicht sein will. Es mieft nach Urin, die alten Leute sitzen im Essensraum und starren vor sich hin. 2 Schwestern sind für eine ganze Station zuständig. Ab und zu schreit jemand oder ruft „Hallo!“
Oma hat es wenigstens mit ihrer Zimmernachbarin gut getroffen. Die ist mit 88 2 Jahre älter als Oma und kümmert sich, wenn Oma was braucht. Zwar ist sie stocktaub, aber ansonsten noch fit.
Hätte ich Platz genug, und müsste ich nicht arbeiten gehen, ohne Frage, ich würde Oma zu mir nehmen. Aber ich kann es mir nicht leisten, zu Hause zu bleiben, nicht mal ein paar Wochen.
Alle Probleme wären gelöst, wenn Oma sich auf eine Pflegerin einließe, die bei ihr wohnen kann.
Aber da ist sie stur. Und blauäugig.
Und so sehe ich in den letzten Tagen nicht nur, dass alles allgemein scheiße ist, und mich überfordert und fertig macht, ich denke auch oft darüber nach, wie ich mal enden werde. Alt sein ist scheiße, wie mir die Menschen im Heim täglich zeigen. Alt, blind, taub, gelähmt durch einen Schlaganfall, bettlägerig. Keine Sau interessiert sich für dich. Seit Dienstag war ich täglich 2x (außer gestern, da durfte ich mir frei nehmen) dort. Ich habe kein einziges Mal gesehen, dass jemand der Bewohner Besuch hatte. Wie traurig. Und erbärmlich. Ein Armutszeugnis für alle Angehörigen, denn bei weitem sind nicht alle Alten dort alleinstehend. Omas Nachbarin wurde vor 5 Jahren abgeschoben. Stolz erzählt sie mir von ihrer Tochter. Wo die gearbeitet hat, und dass sie jetzt in Rente ist und mit einer Frau aus unserem Dorf befreundet ist. Und in ihrem Gesicht kann man sehen, dass die alte Frau todünglichlich ist und einsam. Sie hatte sich so gefreut, dass sie mit Oma jetzt jemanden zum Reden hat.
Keine Frage – es gibt sicher Menschen, die es verdient haben, alleine irgendwo zu verrotten, weil es schlechte Menschen waren, die ihre Kinder schlecht behandelt haben (ihr wisst, worauf ich hinaus will…). Aber Oma ist nicht so ein Mensch. Sie hat immer nur gegeben und sich gesorgt. Manches hätte sie anderes machen müssen, niemand ist perfekt. Aber für ihre Kinder und Enkel hat sie sich ein Bein ausgerissen.
Gerade habe ich mir ihr telefoniert. Sie hört sich besser an als gestern. Immerhin. Später werde ich zu ihr fahren und sie aus ihrem Gitterbett (bei dem Anblick wird mir auch schlecht) holen. Und spazieren gehen, Kaffee trinken, Kuchen essen.
Und tun, als sei alles in Ordnung.
Zwar möchte ich heulen und meinen Kopf in ihren Schoß legen und sagen „Oma, ich kann nicht mehr, das Leben macht mich fertig“. Aber sie kann mir nicht mehr helfen. Weil sie alles, was ich ihr sage, in Kürze wieder vergessen haben wird.

Dennoch ist heute nicht ein ganz so schlechter Tag wie alle vergangenen in den letzten Wochen. Wir hatten gestern einen tollen Abend, ich hätte nicht gedacht, noch so lachen zu können. Das wirkt noch ein bisschen nach. Aber das Grau schimmert schon wieder durch, und der schwarze Hund lauert.
Heute Abend, wenn es dunkel ist, wird es mir wieder besser gehen. Dann ist der Tag geschafft, und ich kann etwas zur Ruhe kommen. Das ist typisch für eine Depression.

Ich weiß nicht, wie es weitergehen wird. Vorerst muss ich in dem Trott weitermachen. Zwar erwäge ich, in eine Klinik zu gehen, aber nur teilstationär. Ich versuche immer noch, abzuwägen, ob ich es nicht doch ganz bleiben lassen kann, und einfach darauf hoffen soll, dass es irgendwann von alleine wieder besser wird. Schließlich geht es mir noch nicht so schlecht, wie vor meinem Klinikaufenthalt vor 5 Jahren. Ich kann noch aufstehen und arbeiten. Wenn ich aber ehrlich bin, muss ich mir eingestehen, dass das den Medikamenten geschuldet ist, die mir wenigstens genug Antrieb geben, die Tage nicht ausschließlich schlafend zu verbringen. Die Gedanken sind die gleichen wie damals. Außerdem bin ich nervös und unkonzentriert. Nicht, dass das sonst viel besser wäre, meine Aufmerksamkeitsspanne ist nie besonders lang.
Ich sollte mir eingestehen, dass ich alleine aus diesem Teufelskreis nicht mehr herausfinden kann. Es geht nicht mit Liebe und nicht mit guten Worten, nicht mit Druck. Ich habe alles, was ich in der Klinik und in der Therapie gelernt habe, scheinbar wieder vergessen. Wenn ich mich an etwas erinnere, kann ich es nicht umsetzen. Es ist unmöglich. Ich kann nicht entspannen, ich kann mich nicht entschleunigen, ich rase durch die Tage, und bin schon nach kurzem erschöpft.

Dass ich nicht ernst genommen werde, zeigen mir Reaktionen auf der Arbeit. Was ich sage, wird ignoriert, bestenfalls belächelt oder mit Provokationen beantwortet.
Ich werde sehen, was die nächsten Tage bringen. Zum Glück weiß ich, dass es nur einen Anruf bei meinem Arzt braucht, der über die Situation Bescheid weiß.
Ich muss lernen, auszuhalten, dass man mir Schwäche, Schauspielerei und Egoismus vorwirft. Mir geht nur dieses verdammte Kämpfen allmählich auf den Zeiger. Aufgeben zu können, wäre mir recht. Sich einfach treiben lassen, alle Verantwortung abgeben.
Aber das geht einfach nicht.

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