nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Depressionen und Glaube

In einer meiner schweren Depressionen, es war 2005 und 2006, außer Tabletten habe ich jede weitere Therapie nicht mal in Erwägung gezogen, einen Klinikaufenthalt abgelehnt, tat ich nichts, als zu Hause zusammengekauert auf der Couch zu sitzen und nach vorne und hinten zu wippen und mich davon abzuhalten, ins Bad zu gehen und mir die Pulsadern aufzuschneiden.
Kam das Kind nach Hause, habe ich versucht, mich zusammenzureißen. Für sie gekocht, mir ihr Karten gespielt, englische Vokabeln abgefragt, Playmobil gespielt, mit ihr gepuzzelt. Dabei war mir nach nichts anderem als nach weinen.
Auch damals hatte ich das Gefühl, verrückt zu werden. Ich hatte mich längst verloren, mein Leben schien ein Scherbenhaufen. Und doch wollte ich, dass mein Kind nicht mit mir in den Abgrund gerissen wird. Für sie habe ich versucht, mich wieder aufzurichten.
Was in jeder Depression auffällig ist, ist mein Gedächtnis. Ich vergesse alles, ich kann mir nichts merken, was aktuell wichtig ist. Dann versuche ich, durch auswendig lernen, meine Konzentration zu verbessern.
Es war kurz vor Weihnachten, und die Schule veranstaltete einen Weihnachtsgottesdienst mit einem Konzert. Der Besuch der Kirche hatte mich enorme Überwindung gekostet, dennoch fühlte ich mich nicht schlechter, im Gegenteil. In der Kirche war ich ruhiger. Ich bin kein gläubiger Mensch, habe mich in der Kirche aber wohl gefühlt. Es war eine unbeschreibliche Ruhe, kein lautes Geräusch hat mich erschreckt.
Zu Hause kam ich dann auf die Idee, ich könne das Ave Maria auswendig lernen. Ich bin evangelisch getauft, kannte die katholischen Gebete nicht, und machte mich ans Werk, bis es klappte. Nur zur Konzentrationsübung. Und doch auch in der Hoffnung, ich könne vielleicht von dem, der Gott genannt wird, erhört werden. Aber passiert ist nichts. Dennoch suchte ich danach noch einige Male eine Kirche auf, nur um darin zu sitzen und die Ruhe zu fühlen, die es sonst nicht gab. Ich fühlte mich sicher, wer sollte mir hier schon etwas tun, wer sollte mich zu irgendwas zwingen, mir Gewalt antun oder mich bedrohen.
Ich habe versucht, mit Gott zu reden, aber funktioniert hat es nicht. Es kam keinerlei Antwort.
Und so habe ich mich weiter daran gehalten, Gedichte zu lesen und zu lernen. Von Mascha Kaléko, Rilke, Ringelnatz, Kästner. Die wurden zu meinem Gott, zu etwas, an dem ich mich festhalten konnte.
Irgendwann habe ich mich dazu überreden lassen, mitzukommen in eine „freie Kirche“, zu einem einmaligen Besuch. Man hat dort durch eine Glaskuppel Gott gerufen und ihm für die Knie-Operation gedankt oder für andere Dinge, und die Anhänger riefen bei dem Satz ein Haleuja aus. Ich habe mich unwohl gefühlt. Die Show ging mir zu weit. Und es dauerte nicht lange, bis ich begrüßt wurde und einen Mitgliedsantrag erhielt, auf dem ich meine Kontonummer angeben sollte, den ich dankend ablehnte, weil ich nicht wiederkommen würde. Auf weitere Diskussionen wollte ich micht nicht einlassen.
Schon in dieser Kirche fragte ich mich, wieso ich es bin, die Tabletten nehmen muss, wo es viele andere hier vermutlich nötiger hätten, behandelt zu werden. Das Erlebte war für mich nichts weiter als Klamauk, mit dem ich nichts anfangen konnte. In Gesprächen mit demjenigen, der mich mit in diese Kirche genommen hatte, habe ich zu beweisen versucht, dass es Gott nicht gibt, denn gäbe es ihn, wieso lässt er Menschen leiden, Kinder hungern und sterben, wieso gibt es Kriege, Unfälle, Tragödien?
Nächstenliebe heißt für mich nicht, einer fragwürdigen Institution Geld in den Rachen zu werfen, Nächstenliebe zeigt doch eher derjenige, der z. Bsp. kranke Menschen pflegt, auch sonntags, während andere eine Halelujashow abziehen und an seltsame Dinge glauben.
Die Aussage, dass mein Onkel, der vor kurzem gestorben war, wohl nur deshalb nicht geheilt wurde, weil er nicht genug an Gott geglaubt hätte, machte mich wütend, und ich nahm Abstand von allem, was mit dieser „Sekte“ zu tun hatte mit einem letzten „Ihr tickt ja wohl alle nicht richtig.“

Die nächste Depression kam 2009. Sie war noch um einiges schwerer, als die vergangene. Ich kann mich nicht daran erinnern, ein einziges mal versucht zu haben, Hilfe bei Gott zu finden, mir war klar, dass es ihn nicht gibt. Aus der Kirche ausgetreten war ich dennoch nicht.
Nach vielen Wochen Klinik kam eine neue Patientin zu uns, die tief gläubig war und uns aufforderte, mit ihr zu beten. Es sei ihr wichtig, das Gespräch mit Gott zu suchen. Für mich war das kein Thema. Wieso bist du hier, wenn Gott so gut ist, dachte ich, wieso lässt er es zu, dass es dir so scheiße geht, dass du Hilfe in einer Klinik suchen musst?, und gebetet habe ich nicht mir ihr.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich die Menschen, die so glauben können, und vor allem behaupten, Gott rede mit ihnen, bewundern soll oder bedauern? Vielleicht bin ich neidisch oder enttäuscht, weil ich nicht glauben kann und keine Antworten bekommen habe.
Dass ich immer noch so rational denken kann, wundert mich. Und die Ärzte in der Klinik sagten, es ist ein Wunder, dass ich bei allem erlebten „nur“ eine Depression habe.

Nun stecke ich nach fast 5 Jahren erneut in einer Depression. Alles, was ich gelernt habe, scheint verschwunden zu sein. Ich weiß zwar, dass ich durch die Kraft meiner Gedanken eine Besserung erzielen könnte, aber ich kann es nicht umsetzen.
Alle Depressionen, die ich bisher erlebt habe, hatten einen Auslöser von außen. So auch jetzt wieder.
Ich kann mit Anfeindungen schlecht umgehen. Drohungen, Lügen, unvorstellbare Aktionen scheinen mein gewohntes Leben zerstören zu können, und daran hängt vor allem auch das künftige Leben meiner Tochter. Es steht zu befürchten, dass alles, wofür ich gekämpft habe, mir einfach genommen werden kann und ich so ruiniert werde. Kein Tag vergeht, ohne dass ich mir die schlimmsten Dinge ausmale. Verschuldet bis an mein Lebensende und dafür mit leeren Händen dastehe. Damit andere sich bereichern, die nie etwas geleistet haben.
Dieses mal habe ich wieder gefragt: Was soll das eigentlich immer? Ich habe jedes mal bewiesen, dass ich wieder aufstehe und ein Stück weiter gekommen bin. Dass ich ertragen habe, was mir geschadet hat. Körperliche und seelische Gewalt habe ich ausgehalten und versucht, dagegen anzukämpfen. Hätte ich es nicht endlich einmal verdient, mit über 40 Jahren Ruhe zu haben?
Aber die Antwort muss ich mir wieder selbst geben. Das Leben ist nicht gerecht. Es wird immer wieder Menschen geben, die es nicht ertragen, was du erreicht hast. Den Kampf dahinter sieht niemand.
Ich verstehe es nicht. Wieder wird mir abverlangt, zu kämpfen, dieses mal wird es vermutlich der schlimmste Kampf, in den ich ziehen muss. Dabei ist mir nach aufgeben. Nach abhauen, verschwinden, denn im Moment glaube ich, nur wenn ich alle Brücken zu meinem alten Leben abreiße, kann ich Ruhe finden. Aber es geht eben nicht nur um mein Leben.
Ich habe keinen Mut mehr. Aber aufgeben ist auch nicht drin. Und kein Gott wird mir dabei helfen. Jeder kämpft für sich allein. Mit sich selbst. Denn im Moment bin ich selbst einer meiner größten Feinde.
Kein gutes Wort dringt zu mir durch. Keine gutgemeinten Ratschläge kommen bei mir an. Die schlechten dagegen schon. Die setzen sich in mein Hirn und bohren weiter am schwindenden Selbstvertrauen. Beweisen meine Ansicht von mir selbst und von meinem Leben.
Und manchmal schafft es ein Gedanke, mich soweit zu bringen, mich zu fragen, wofür ich eigentlich bestraft werden soll. Also glaube ich nun, oder nicht? Es wäre ja tröstlich, zu wissen, dass da jemand ist, der es dir zwar scheiße gehen lässt, aber am Ende eben doch sagt, na, werfen wir ihr ein Zuckerchen hin, damit sie weitermacht.
Ist es aber nicht. Ich werde nicht getröstet, ich sehe und höre keinen Gott, keine Stimme sagt mir irgendwas, keine Zeichen kommen „von oben“ oder sonst woher. Ich habe schlicht und ergreifend schwache Nerven, begründet durch meine Erziehung, die miesen Erlebnisse haben mich ausgelaugt, ich habe nie gelernt, richtig zu reagieren, wenn man mir irgendetwas, egal welcher Art angetan hat. Ich habe gelernt, zu gehorchen, mich zu ducken, Angst zu haben vor Schlägen und anderen Reaktionen.
Mit das Schlimmste ist dieses Negieren derer, die eine Mitschuld tragen. Dieses das ist alles nicht wahr. Oder wir haben unser bestes versucht. Schläge, Drohungen, einsperren, ausgrenzen, Lügen sind nichts das Beste.

Ich habe in der Klinik gelernt, mich zu wehren. Das habe ich auch getan. Jahrelang. Ich bin zurückgefahren, habe darauf bestanden, dass ich nicht mehr für alles alleine verantwortlich bin und andere helfen müssen, vor allem beim Oma versorgen. Und mich ausnutzen. Mit der Gegenwehr hätte ich nicht gerechnet. Nicht so. Eine Zeitlang wird einem zugestanden, depressiv zu sein und was ändern zu wollen. Aber dann bitteschön, kann es doch weitergehen wie vorher.
Kann es nicht. Sonst gehe ich kaputt.
Ich habe mir mein Leben anders vorgestellt. Ich war auf gutem Weg. Steine, die man mir hingelegt hat, habe ich weggeräumt. Im Moment sind es Felsen, die ich nicht einfach so wegtragen kann. Ich muss nur wieder stärker werden. „Nur“ ist gut. Ich habe mir ja nicht ausgesucht, so zu reagieren. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass ich so reagiere.
Ich habe mir zu viel zugemutet, ich habe mich wieder in Stress treiben lassen. Es muss auch dieses mal einen Weg da raus geben. Im Moment finde ich ihn nur nicht. Aber das werde ich bestimmt. Nur nicht heute.

Alles Gute für euch.

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7 Gedanken zu „Depressionen und Glaube

  1. Mueller7de sagte am :

    Ich glaube, im Moment ist vielleicht nur überleben dran.

    Jeden neuen Tag (und sei er auch noch so beschissen) empfinde ich als Sieg: Ich lebe. Alle Peinigung habe ich überlebt und ich lebe immer weiter. Ich lebe aus eigener Kraft: Kein Gott, kein Guru, keine Geister oder Engel, ich habe das gemacht (auch das Hilfe holen) und ich bin sehr stolz darauf.

    Was ich zum Thema Familie denke, weißt Du ja.
    Ich habe seit 1989 keinen Kontakt mehr zu ihr und vermisse nichts, auch nicht in den schlechtesten Phasen.

    Ich empfinde es nicht als allein sein, sondern als eigenes Handeln. Das ist mir sehr wichtig.

    🙂

  2. nonanic sagte am :

    Das stimmt. Überleben ist im Moment das einzige, das ich tue. Schreiben hilft mir, das zu ertragen. Und Kommentare wie deiner.
    Danke dir ❤

  3. Ich wünsche Dir alles Gute ❤

  4. Dazu sage ich nur „Halleluja“ oder besser fullACK.

  5. Hallo. Ich kam gerade über twitter, Lisa Figas. Was du da schreibst, verstehe ich ganz gut. Ich habe mir mein Leben auch anders vorgestellt, immer wieder Steine aus dem Weg geräumt, Felsbrocken und sogar Erdrutsche. Manchmal, heute, macht mich das so unendlich müde. Aber aufgeben ist nicht drin mit drei Kindern. Ich werde dich weiter lesen. Viele Grüsse! Christine

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