nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Aller Anfang ist schwer

2 Tage Klinik liegen nun hinter mir und das verhasste Wochenende vor mir, bis es Montag weitergehen kann.
Für mich ist es kein Problem, dass ich in einer psychiatrischen Klinik behandelt werde. Ich schäme mich nicht dafür und kann offen darüber reden. Anders als andere Patienten, die zum ersten mal dort sind und sich noch nicht trauen, offen darüber zu sprechen, weil sie sich vor dem Stigma fürchten und somit davor, geächtet werden. Oder Außenstehende, die sich für mich fremdschämen.
Ist mir egal.
Rückblickend auf mein Leben ist es kein Wunder, dass ich nicht „normal ticke“. Missbrauch, körperliche und psychische Gewalt –  ich habe einiges durch. Und es ist wohl ein Wunder, dass ich dafür doch noch „verhältnismäßig“ normal ticke.  Es wäre nicht untypisch, würde ich mich ritzen, hätte ich schon Suizidversuche hinter mir oder Psychosen, etc.
Also sollte ich dankbar sein, dass ich „nur“ unter schweren Depressionen leide.
Allerdings hatte ich in der Vergangenheit auch Ess-Störungen, litt unter Fress-Attacken und habe mir danach den Finger in den Hals gesteckt, um zu kotzen.  Irgendwann habe ich von alleine damit aufgehört.

Vorgestern war also der erste Tag. Alles war fremd, vieles ging schief wegen meiner Tollpatschigkeit und Vergesslichkeit. Für alle anderen kein Problem, für mich war aber klar: Versagerin! Kann mir nichts merken, höre nicht richtig zu, verstehe falsch.
Mit den Patienten kam ich nicht ins Gespräch, ich hatte auch nicht wirklich Interesse daran, wollte meine Ruhe haben und alleine sein. Außer rauchen, durch den Park spazieren oder auf einer Bank sitzen, habe ich nicht viel gemacht. Die Gespräche mit Personal und Arzt sind mir schwer gefallen. Immer alles wiederholen hat mich angestrengt.

Gestern war es schon etwas anders. Ich habe mich mit Patienten unterhalten. Die erste Ergotherapie mitgemacht. Aber beim Essen sitzen bleiben und mit den anderen am Tisch reden, war unmöglich. Ich konnte nicht still sitzen.
Das Therapiegespräch hat mich dermaßen fertig gemacht, dass ich so unruhig war, wie die Tage zuvor nicht. Die Ärztin hat mich erschreckt. Ich weiß, das meine Situation schlimm ist. Aber sie hat es noch viel, viel schlimmer gesehen. Sie sieht mich in Gefahr, ist der Meinung, ich schütze mich nicht gut genug und hätte das nie getan, weshalb mir alles, was passiert ist, eben passiert ist. Sie hält mich für leichtsinnig.
Was gut sein kann. Ich gehe z. Bsp. blind zwischen eine Schlägerei, wenn ich jemanden gefährdet sehe und will ihn schützen, ohne darauf zu achten, ob mir etwas passiert. Ich habe mich in der Vergangenheit schützend vor andere gestellt, denen Gefahr drohte, obwohl ich nicht unbedingt die körperliche Konstitution habe, die andere abschreckt. Ich bin klein und nicht besonders kräftig. Trotzdem ist mir nie etwas passiert, wenn ich andere beschützt habe. Ich kann schreien und drohen und ziemlich asi werden. Ich habe mir Schlüssel zwischen die Finger geklemmt und hätte sie als Schlagring benutzt, was ich auch angedroht habe, als ein Fremder meine Freundin bedroht hat.

Das alles tue ich aber nicht für mich, wenn ich in Gefahr bin. Es ist mir unerklärlich, warum nicht.
Schläge, andere Gewalt, Psychoterror habe ich gelähmt ertragen und konnte mich nicht schützen. Als Kind nicht. Als Erwachsene nicht.
Rückzieher, aushalten, nachgeben, aufgeben, andere ihren Willen lassen, damit Ruhe ist, war meine Devise.
Aktuell gibt es einen heftigen Streit im Umfeld, in den Anwälte involviert sind.
Nun fürchtet die Ärztin, es könnte auch andere Gewalt gegen mich geplant sein. Das klingt logisch, wenn man die Vergangenheit bedenkt, war mir so aber nicht klar. Ich bin, wie immer, blind für sowas, weil ich mich nicht in Gewalttäter hineinversetzen konnte und kann.
Es stehe zu befürchten, dass ich bei verbalen und erst recht bei körperlichen Angriffen in eine Schockstarre fallen könnte, die eine langwierige stationäre Behandlung erforderlich machen könnte.
Das ist doch alles nur ein schlechter Film, dachte ich. Muss man denn so übertreiben? Und wenn ich selbst in letzter Zeit solche Befürchtungen hatte, dachte ich immer, ich darf das nicht aussprechen, das ist doch paranoid.
Scheinbar habe ich aber aus meinen Erfahrungen nichts gelernt, denn es ist ja oft genug auch das Schlimmste, Unfassbare eingetroffen.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Die Ratschläge als übertrieben beiseite schieben? Angst haben und aufgeben, davonlaufen?
Ich will kein Opfer sein! Das wollte ich nie, und ich habe mich immer hochgekämpft, egal was passiert ist. Auch, wenn ich kaum was ertragen kann, wenn es um mich geht, ich will kein Jammerlappen sein!

Es arbeitet in mir. Ganz gewaltig.
Bei der Gesprächsrunde am Nachmittag wurde mir wegen meiner Unruhe Bedarfsmedikation verordnet. Hatte ich nie. Ich habe immer ausgehalten, dachte, das geht schon irgendwann wieder weg. Weil: auch wenn ich was zur Beruhigung bekomme, ändert das nichts an meiner Situation.
Dennoch habe ich gestern Abend eine Tablette genommen. Ergebnis: Null. Weder war ich ruhiger, noch konnte ich besser schlafen. Dann sollte ich noch eine nehmen, hatte man mir gesagt. Habe ich aber nicht getan. Das Wochenende ist ja noch lang. Wer weiß, was passiert, wie es mir geht. Vielleicht brauche ich dann die restlichen Tabletten.

Wird diese verdammte Scheiße je ein Ende haben?!
Ist das alles eine Strafe dafür, dass ich Dinge erreicht habe, die andere mir neiden?
Bin ich einfach nur schwach und absolut lebensunfähig?
Werde ich den Rest meines Lebens immer wieder in Kliniken verbringen, weil ich nicht klarkomme?
Aber auch: ich bin doch immer stark gewesen! Ich komme da wieder raus! Ich brauche nur Zeit!
Und ich werde wohl vieles ändern müssen. Dauerhaft kann wohl nur eine Besserung eintreten, wenn ich schwerwiegende Entscheidungen treffe, die unser Leben stark verändern. Heute kann ich das aber nicht. In meiner jetzigen Situation kann ich das nicht.

Bleibt abzuwarten, wie und ob ich Fortschritte mache.
Ich bin froh, wenn es am Montag mit der Klinik weitergeht.

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Ein Gedanke zu „Aller Anfang ist schwer

  1. Lilian sagte am :

    Ich nochmal 🙂 für mich wirkst du menschlicher als alle „normal“ geltenden Menschen. Die Irren sind die, die anderen so etwas antun, nicht du. Und die stehen wahrscheinlich selbstsicher und aussenscheinlich „gesund“ im Leben. Ich halte von Therapien nur bedingt was, das gute rausfiltern ist ok, aber vieles muss man auch irgendwie an sich vorbeiziehen lassen. Das sind studierte Schubladensysteme die kaum Individualität lassen. Am hilfreichsten finde ich zu wissen, dass es noch mehr von uns gibt, die mitfühlend, intelligent sind und trotz der schweren Sachen gibt es Menschen die genau dies schätzen. Mach dich nie weniger wert als du bist! Auch wenn es nicht für ein normales Leben reicht, kann es doch schön oder zumindest besser werden.

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