nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “April, 2014”

Zwischenmeldung

Karfreitag. Der Wecker geht, weil ich vergessen habe, ihn auszuschalten. Ich habe tief geschlafen, nichts schlimmes geträumt. Und dann sowas! Verdammt! Ich versuche, weiter zu schlafen. Bin aber unruhig und stehe auf. Kaffee und Zigarette. Schwermütige Gedanken wie sonst – Fehlanzeige. Nichts. Ich fühle mich gut. Kurz flammt eine Panikattacke auf. Ich frage sie, warum. Ich muss nirgendwo hin, ich kann zu Hause bleiben, das Haus ist noch ruhig, draußen noch kein Lärm. Der Panik ist das wohl zu dumm, und sie verschwindet samt Herzklopfen.

Ich lese meine Timeline durch. Nichts als Ruhe und Freundlichkeit sehe ich. Ich fühle mich wohl. Werde an ein Kinderbuch erinnert und krame im Regal.

Seit bald 4 Wochen bin ich nun in der Klinik. Ich bin gerne dort. Auch wenn ich zeitweise das Gefühl habe, es geht überhaupt nicht bergauf. Ich setze mich leider noch unter Druck, dass ich mich beeilen muss, weil ich nicht ewig da bleiben kann. Es gibt aber schon eine spürbare Besserung.
Nicht jeder Tag ist gleich. Es muss nicht mal bis morgen dauern, und ich kann schon wieder in den Seilen hängen. Aber jetzt eben nicht. Jetzt ist es verhältnismäßig gut.
Deshalb kann ich Depressiven nur raten: werdet aktiv und sucht euch Hilfe! Niemand muss sich schämen, wenn er seine Depressionen in einer Klinik behandeln lässt. Wir hängen dort nicht rum wie die Zombies! Ihr würdet euch wundern, könntet ihr erleben, wie gut es da sein kann.

Lärm kann ich immer noch schlecht aushalten. Aber was ich als lärmend empfinde, hat sich schon immer von dem unterschieden, wie andere mit Lautstärke umgehen. Wenn Mitpatienten durcheinander reden, gehe ich weg, sonst explodiere ich.
Aber mich mit anderen unterhalten geht schon ganz gut. Zeitweise kann ich in der Ergotherapie gut abschalten. Bei weitem noch nicht so, wie das sein kann, aber immerhin schon ein Fortschritt im Vergleich zum Anfang.
Beim Frühstück sitze ich nach wie vor mit einem Glas Wasser dabei und esse nichts. Stehe viel früher als alle anderen vom Tisch auf und will meine Ruhe haben.
An manchen Tagen geht alles besser, an anderen eben nicht.
Eine der Therapeutinnen sagte vorgestern, sie würde mit gerne den Strom ablassen, unter dem ich stehe. Dass ich so aggressiv bin, passe nicht zu mir, ich muss das los werden, diesen Zorn ablegen, den ich in mit trage, und der sich meist gegen mich selbst richtet. Aber wie?
Entspannungstherapien wie PMR oder autogenes Training geht bei mir nicht. Ich muss den Raum verlassen, sonst habe ich das Gefühl, die Fensterscheiben eintreten zu müssen.
Manchmal bin ich unerträglich unruhig, kann nicht still sitzen, muss laufen, und manchmal bin ich so erschöpft, dass mir zwar permanent die Augen zufallen, ich aber dennoch nicht zur Ruhe kommen kann.
Ich muss auf meinen Schlaf achten. Gehe früher ins Bett. Ballere mich dafür allerdings auch mit Medikamenten weg, sonst würde ich mich nachts am liebsten aufs Fahrrad setzen und die Tour de France nachspielen.
Zu Anfang der Tagesklinik hat mich diese Hoffnungslosigkeit eher niedergedrückt, ich hatte kaum Energie und wollte dauernd schlafen.

Mit den Patienten komme ich klar. Es gibt Spannungen, die ich vom letzten mal nicht kenne. Manche giften sich an. Dann mache ich den Abgang, das ist mir zu blöd. Ich bin meinetwegen da. Das will ich mir nicht versauen lassen.
Ein Cliquentyp war ich aber eh noch nie. Ich komme mit den meisten gut aus, die Patientin, die am gleichen Tag kam wie ich, ist mir am liebsten. Obwohl sie so unruhig ist wie ich, strahlt sie für mich eine Ruhe aus, die mir gut tut. Von mir behautptet sie das Gleiche, was ich fast nicht glauben kann, weil ich immer am zappeln bin. Vermutlich sind wir auf gleicher Wellenlänge.

Ich möchte am liebsten nicht mehr weg. Ich freue mich jeden Tag, dass ich in die Klinik kann. Sobald ich auf den Parkplatz fahre, löst sich etwas Spannung in mir.

Über Probleme, die ich lösen muss, möchte ich nicht sprechen. Ich will erst mal kräftiger werden, mir nicht noch mehr Gedanken machen müssen. Kommt dämliche Post vom Anwalt, schiebe ich das beiseite. Nicht jetzt. Ich habe keine Lust, mir meine Tage zu versauen, wo ich gerade damit beginne, sie wieder erträglich zu finden.

Vor Ostern hatte ich die ganze Woche Angst. 4 Tage ohne Klinik. Der heutige hat aber schon mal positiv angefangen.
Vielleicht werde ich malen. Oder lesen. Oder Hausarbeit erledigen. Ich wollte nichts planen.
Der Herzmann ist da, das beruhigt.
Ich kann ausruhen, nichts wird von mir erwartet. Ich habe meine Erwartungen an mich heruntergeschraubt.
Ach ja: für die einen vielleicht nebensächlich, für mich ein Zeichen, dass es besser wird: ich habe gestern ein pinkfarbenes Oberteil getragen. Kein schwarz 😉

Ich kann wieder einige Seiten am Stück lesen, ohne alles vergessen zu haben, wenn ich das Buch nach kurzer Zeit wieder weglege.

Ich werde weiter an mir arbeiten. Ich habe immerhin schon Hoffnung, dass es wieder besser werden kann. Ich schaffe das schon. Ganz bestimmt.

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