nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “Juni, 2014”

Depressionen für Fortgeschrittene

Es ist ja nicht so, dass es einen Knall gibt und du dich plötzlich in einer Depression wieder findest.
Die Mauer wächst langsam und stetig, während dir gar nicht bewusst ist, dass sich etwas anbahnt. Während du schuftest, dich vergisst, bei der Arbeit über- oder unterfordert bist, dir auch privat viel zu viel aufgehalst hast, dir alles sehr zu Herzen nimmst, von einem Erfolg zum nächsten hetzt, und dich nicht mehr darüber freuen kannst, Niederlagen hinnimmst, du immer müder wirst und deine Energie verschwindet, fällt dir eines Abends vielleicht auf, dass dein Leben aus nichts weiter als aus Arbeit und schlafen besteht.
Der Gedanke bohrt sich wochenlang jeden Abend vorm Einschlafen in dein Gehirn, er weckt dich auf oder lässt dich wach liegen.
Aber ändern kannst du nichts, es muss ja alles gemacht werden, was gemacht werden muss.
Du hast alles gegeben und trotzdem keine Anerkennung im Job bekommen, die Kinder werden groß und brauchen dich nicht mehr, die Alten werden alt und brauchen dich umso mehr. Und du tust nichts mehr für dich, machst keinen Sport mehr, hast alle Hobbies längst aufgegeben, du wüsstest ja derzeit auch gar nicht, was dir Spaß machen würde und dich ablenken könnte. Und außerdem ist da dieses schlechte Gewissen, wie kann ich es mir erlauben, Spaß zu haben, es ist ja so viel zu tun, das bleibt doch alles liegen. Und außerdem sollte es dir ja gut gehen, weil du hast ja alles, dir ist ja quasi alles zugeflogen. Die Schufterei dahinter erkennt keiner, und so wird dir alles geneidet, dass du dich hochgearbeitet hast als alleinerziehende Mutter, und du glaubst irgendwie auch an das, was die sagen, die dir nichts Gutes wollen, du bist unzufrieden und undankbar, denk doch an die Kinder in Afrika oder an andere Alleinerziehende, da geht’s dir doch gut! Du nagst ja nicht am Hungertuch, du hast ein Dach überm Kopf und einen Job, und einen Mann, den du vertreiben wirst, wenn du so weitermachst und dich so hängen lässt.
Und soziale Kontakte liegen auf Eis, weil du für sowas einfach keine Zeit hast.
Und du kannst dich nicht mal mehr daran erinnern, wann du zum letzten Mal im Kino warst, mit Freunden gelacht und gefeiert hast, und ob du dich jemals so richtig leicht gefühlt hast.
Und während dir bewusst wird, dass da was im Argen liegt, ist es längst zu spät und du steckst wieder drin. Nicht zum ersten mal, nein, du bist ja ein alter Hase, und das wird schon wieder, wurde es beim letzten mal ja auch. Du kennst dich ja jetzt schon gut aus, hast viel gelesen, Therapie gemacht, warst sogar in einer Klinik, in der du gelernt hast, was man machen muss, um da wieder rauszukommen.
Im Bekanntenkreis bist du der Depriguru, der allen Betroffenen Tipps geben und ihnen helfen kann, sich Hilfe zu suchen.
Du hast dich geoutet, manche waren überrascht, manche sind verschwunden, im Büro wird getuschelt, und doch warst du der beste Beweis dafür, dass Depressionen heilbar sind.
Und nach etlichen Monaten gibst du nach, weil alles, was dir aufgebürdet wurde, dich erdrückt hat. Du bist langsam geworden, du vergisst viel, du überprüfst tausendmal, ob du die Arbeit richtig gemacht hast und hast doch Angst, irgendwo einen Fehler zu übersehen.
Du kannst dich nicht mehr freuen, du bist genervt, aggressiv, suchst nach Ruhe, bist schreckhaft, ausgelaugt, weinerlich. Du siehst kein Licht mehr, alles ist grau und trist und trüb.
Du hast Zukunftsängste, und doch wäre es dir recht, wenn du gar keine Zukunft hättest, vor allem nicht, wenn sie so aussieht, wie sie jetzt aussieht.
Aber du bist ja ein braves Mädchen, und du suchst dir Hilfe, wenn auch reichlich spät.
Und du lässt dich krankschreiben und drängst auf einen baldigen Aufnahmetermin in der Klinik, weil du ja bald wieder fit sein musst für die Arbeit.

Als Neuling in der Klinik hörst du gespannt zu, was die zu sagen haben, die schon bald entlassen werden. Und in den Gesprächen erfährst du, dass es bei nahezu jedem irgendwann „klick“ gemacht hat, und von da an wurde alles besser.
Eigentlich bist du viel zu müde, aber du machst jede Therapie mit, um dein „klick“ nicht zu verpassen. Tagsüber Klinik, abends zu Hause, das wolltest du so, und das machst du sechs Wochen, nichts passiert, du wirst immer trauriger und aggressiver und der Knoten in dir drin löst sich nicht auf. Man sagt dir, du nimmst Bedrohungen nicht ernst genug, du bist in Gefahr, und du weißt überhaupt nichts mehr, kannst nicht mehr einschätzen, ob du nicht vielleicht doch paranoid wirst. Die Ängste werden erdrückender, und dann heißt es, Sie müssen stationär, die Tagesklinik reicht nicht aus.
Also packst du seine Sachen und bist sicher: aber das wird jetzt ja wohl helfen. Wenn ich zackig lerne, zu entspannen und die Dinge anders zu sehen, auf mich zu achten, dann werde ich wieder stärker und kann wieder funktionieren.
Und du hast nur Leute um dich, die permanent am Motzen sind, das Klientel ist kein Vergleich zum ersten stationären Aufenthalt vor 5 Jahren. Und weil dir das alles so auf die Nerven geht, machst du wochenlang nichts anderes als flüchten. Damit du nicht reden musst und nicht zuhören, damit du Ruhe hast und es endlich „klick“ machen kann. Und es tut sich nichts, und die Alltagserprobung zu Hause geht schief, weil du zu viel erwartest und schon ganz fremd geworden bist.
Die Therapeuten gehen dir auf die Nerven, weil du keine Antworten auf ihre Fragen hast. Die Ärzte schauen irgendwann ratlos, weil Medikamente paradox wirken. Arznei, die Elefanten umhauen würde, sorgt dafür, dass du nächtelang durch die Klinik wanderst. Ist aber gar nicht schlecht, vielleicht kommt das „klick“ ja nachts, wenn außer dir niemand wach ist.
Und nichts passiert, und du wirst immer wütender. Auf deine Eltern und auf Menschen, die dir angetan haben, was sie dir angetan haben, und dass du deshalb mit über 40 immer noch an Erlebnissen zu kauen hast, die schon Jahrzente zurückliegen. Und aufgefrischt wurden von der sog. Familie, die seit Jahr und Tag auf dich pfeift. Und man wirft dir Worte um die Ohren wie Retraumatisierung und Posttraumatische Belastungsstörung, als wäre diese fucking Major-Depression nicht schon schlimm genug.
Und wenn du nicht traurig bist, dann bist du wütend, auf andere ihrer Taten wegen, auf dich, weil es nicht vorwärts geht, weil du versagst und nicht wieder stärker wirst, so wie es in den Lehrbüchern steht, und weil das alles so lange dauert.
Und du sollst dir Zeit geben, aber Zeit ist etwas, was man nicht im Überfluss hat, man muss ja zeitig wieder fit sein, man muss ja zeitig wieder arbeiten gehen, sonst ist irgendwann der Job futsch und das Einkommen ist weg, und man rutscht wieder nach unten auf der sozialen Leiter, vielleicht viel tiefer als man hochgekommen ist.
Und du stellst Ärzte und Therapeuten infrage, du hast ohnehin nach kurzer Zeit wieder vergessen, was sie dir gesagt haben.
Was bleibt, ist die Angst, sie ist immerwährend, ihretwegen traust du dich nicht aus dem Haus, und du weiß nicht mal, ob sie gerechtfertigt ist oder nicht. Und deshalb kotzt du dich immer mehr an. Und du hast Angst vor der Umwelt, vor anderen Menschen, vor Nachrichten, vorm Einkaufen, vor Fragen, vorm Reden, vor falschen Antworten, vor den Ansichten anderer und vor allem vor deinen, und vor den eigenen Ansprüchen und denen der Ärzte und Therapeuten, du hast Angst, dass dich jemand sieht, jemand anspricht, und du hast Angst, nie wieder gesund zu werden, Angst, alles zu verlieren, Angst, verrückt zu werden.
Und immer, wenn du gefragt wirst, wie es dir geht, platzt dir fast der Kragen, und du möchtest schreien, wenn sie dir antworten, dass es jetzt doch endlich mal besser werden müsste.

Und du liest Bücher, in jedem steht was anderes, und es gibt hunderte von Studien, und du kannst aufgeklärt sein, wie du willst, wenn du in der Scheiße steckst, dann steckst du drin.
Du willst ja niemanden entmutigen und du freust dich, wenn es jemand geschafft hat, wenn er wirklich wieder gesund ist, einmal hast du das ja auch schon hinbekommen, aber oft fragst du dich einfach, wie lange der ganze Mist noch dauern soll. Du willst ja, aber es geht nicht, manchmal bist du sogar motiviert, und du willst immer noch nicht aufgeben, dir bleibt ja nichts anderes übrig, als weiter an dir zu arbeiten, weil du das so wie es ist gar nicht willst.
Und du schreibst Tagebuch, du malst blöde Bilder, häkelst Mützen, tippst Blogartikel.

Ach, Yoga hast du lange nicht mehr gemacht. Dann mach das doch mal wieder. Bestimmt hilft das. Ganz bestimmt. Vielleicht kommt dann bald mal dieses sogenannte „klick. Ja, ganz bestimmt. Und das machste jetzt.

… to be continued…

… kommt ein Lichtlein her

Guten Morgen.
Nachdem ich gestern versucht habe, mich selbst zu motivieren, und mir das auch gelungen ist, fühle ich mich heute etwas besser.
Nach meinem gestrigen Blogartikel habe ich ein Buch entdeckt, das zwischen all den Ratgebern stand, mit dem ich mich aber nach dem Kauf nicht weiter beschäftigt hatte.
„Feeling good – Depressionen überwinden“ von David D. Burns.
Obwohl ich mich in den letzten Wochen auf Fachliteratur absolut nicht konzentrieren konnte, ist mir das gestern dann zum Glück gelungen.
Ich wollte eine sog. Bibliotherapie beginnen, von der ich vor ein paar Tagen im web gelesen hatte.
Dabei handelt es sich um nichts weiter, als darum, sich mithilfe von Literatur zu therapieren. Diese Methode wird auch von Therapeuten, vor allem in den USA empfohlen.
Das ist allerdings nichts neues für mich. Zwar habe ich jetzt einen Namen, eben „Bibliotherapie“, aber ich habe mich, quasi unwissentlich, schon jahrelang damit beschäftigt, indem ich viele Fachbücher und andere Literatur, nicht nur zum Them Depressionen gelesen habe.

Beim Lesen gingen mir die ersten Seiten echt auf die Nerven – man kennt das ja: diese Eigenwerbung für das betreffende Buch, die Selbstbeweihräucherung des Autors, und dass das Lesen des Buches soundso vielen Menschen bereits geholfen hat. Eine endlos scheinende Einführung, wie das Buch entstanden ist, welche Studien es dazu gibt, etc.
Glücklicherweise bin ich am Ball geblieben, wobei mir schon fast danach war, das Ding in die Ecke zu pfeffern. Irgendwann schaffte es der Autor dann aber, auch mich anzusprechen.
Behandelt wird hier schlicht und ergreifend die Kognitive Therapie, also die kognitive Verhaltenstherapie. Was mich auch erst enttäuscht hat, da ich eine mehrjährige Verhaltenstherapie erst letztes Jahr abgeschlossen habe. Ich war den Tränen nahe, weil ich ja – trotz dieser Therapie jetzt wieder in einen Strudel geraten war, aus dem ich keinen Ausweg finde.
Dann fiel mir wieder ein, was ich auf die Frage, die mir in der Klinik gestellt wurde: „Was haben Sie in der Therapie denn gelernt?“ mit „Ich weiß es nicht mehr. Ich habe alles vergessen.“ antworten musste.
(Die Ärztin versicherte mir, ich habe es nicht vergessen, es sei alles noch da, ich kann nur gerade nicht darauf zugreifen.)
Es kann also nicht schaden, sich wieder in Erinnerung zu rufen, was ich gelernt habe.
Zumindest ist jetzt der Ansporn da, auch etwas zu tun, nicht nur darauf zu warten, bis die Depression von alleine vorbeigeht. Wo sie jetzt ohnehin schon wieder viel zu lange andauert.

Und siehe da: es fällt mir wieder ein, was ich lese, ist mir nicht fremd.
Thema: kognitive Verzerrungen. Ich denke „alles oder nichts“, übertreibe oder untertreibe, schlussfolgere voreilig, suche mir aus jeder Situation ein negtives Detail heraus und verallgemeinere, etc. Hauptsache negativ!
Ich habe ein Notizheft neben mir liegen und mache mir während des Lesens Notizen.

Ich weiß nicht, wie weit mich das Buch bringt, aber ich will die Chance nutzen.
Für heute hatte/ habe ich immerhin Pläne. Wir wollten wandern gehen, was wegen des Wetters nicht hinhaut. Also habe ich mir Rezepte herausgesucht und werde backen. Und dabei ein Hörbuch anhören.

Im Moment fühle ich mich ok. (<—- Erst stand da „nicht so schlecht“- klingt mir aber zu negativ 😉
Klar, unterschwellig versuchen die niederdrückenden Gedanken, an die Oberfläche zu kommen. Aber ich versuche, heute schöne Dinge zu tun, die mir gut tun. Ohne Druck.
Ich weiß nicht, wie es in einer Stunde aussehen wird. Erst recht nicht, was morgen ist. Es muss eben jetzt erst mal der Moment reichen.

Gedanken wie Bremsklötze

Guten Morgen, Welt.
Nach einer Nacht mit beknackten Träumen, sitze ich seit dem Aufwachen wieder mal nur herum und mache mir Gedanken. Ich frage mich, wo die Starke geblieben ist, wie ich je alles schaffen konnte, was ich geschafft habe, wie ich je zur Arbeit gehen und alles ertragen konnte, wie ich im Leben unterwegs war. Und sei es nur einkaufen gehen.
Gedanken sind die Bremsklötze, die mich niederdrücken, zurückhalten, schwach machen. Ich hasse das.
War es in der Klinik noch unbändige Wut, die mich durch den Tag begleitet hat, ist es jetzt diese Niedergeschlagenheit, die mir auf die Nerven geht und mich bremst. Ich kann nicht mal sagen, was ich gerne wie ändern würde, damit es mir besser geht, weil schwarze Gedanken mich dermaßen blockieren, dass nicht mal der winzigste Fetzen Mut oder Zuversicht durch diese dunkle Wand dringen könnte.
So kann das doch nicht weitergehen! Ich weiß, was ich ändern müsste. Ich sollte raus gehen, unter Menschen, mein Leben wieder in die Hand nehmen. Allein die Gedanken daran, wie anstrengend die Umsetzung ist, erschöpft mich schon wieder.
Wenn früher Lehrbücher dabei geholfen haben, mich zu informieren, mir Antrieb zu geben, etwas zu ändern, wieder ich zu werden, macht mich heute jedes Wort einfach nur fertig.
Wer bin ich überhaupt? Ich kenne mich nicht mehr. Ich weiß nicht mal mehr, wer ich war.
Ich weiß wohl, dass meine  Wut berechtigt ist. Das ändert aber nichts, wenn ich nichts ändere.
Die Ärztin sagte mir, ich sende wohl Signale aus, die anderen zeigen, ich bin bereit, mich fertigmachen und ausnutzen zu lassen.
Bisher habe ich das als Hilfbereitschaft und Gutmütigkeit verstanden. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Gestern kam mir die Frage in den Sinn, was mich ausmacht. Wofür stehe ich? Was kann ich? Mir fiel nichts ein. Kein einziger Punkt.
Wie soll ich weiterkommen, wenn ich nicht mal weiß, wo ich ansetzen soll? Ich kann nichts besonders gut. Ich habe keine verborgenen Talente. Ich bin nichts besonderes. Also muss ich bei meinem Job bleiben. Den ich verlieren könnte, wenn ich mich nicht beeile, gesund und arbeitsfähig zu werden. Dann würde nicht nur ich verlieren, sondern auch meine Familie. Aber schon beim Gedanken daran, bald wieder täglich ins Büro zu müssen, dreht sich mir der Magen um und Panik steigt auf.
Menschen ertragen, reden müssen, Leistung zeigen, wie soll ich das schaffen?
Aber auch zu Hause fühle ich mich nicht geschützt. Der einzige Punkt, der mir hier gut tut, ist die Tatsache, dass ich mit niemandem sprechen muss. Ich gehe nicht mal mehr ans Telefon. Die einzigen Menschen, die ich um mich haben will, sind Mann und Kind.

Alles, wofür ich geschuftet habe, löst sich in Luft auf.
Nichts hat mehr Bedeutung.

Ich möchte nicht als alter Zausel enden, der sich selbst wegsperrt. Aber im Moment sehe ich keinen Weg nach draußen. Kein Wort dringt zu mir durch. Nichts, was die Ärztin sagt, erreicht mich. Ihre Fragen beantworte ich stotternd und zusammenhangslos. Ich fühle mich nicht verstanden. Wie auch, wenn ich mich selbst nicht verstehe?
Worte prallen an mir ab. Im Höchstfall verärgern sie mich. „Machen Sie doch einfach, blabla…. Sie müssen blablabla…. Gesprächszeit zu Ende.“
Ich fühle mich wie eine Laus, die man zwischen zwei Fingern zerquetschen kann.

 

Das kann so nicht weitergehen. Ich will so ein Leben nicht. Ich will, dass es wieder anders wird. Ich will am Ende nicht vereinsamt zu mir selber sagen „hätte ich doch nur…“.
Ich muss irgendwie diese Mauer einreißen können. Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Aber ich werde daran arbeiten, es herauszufinden. Auf ein nicht lebenswertes Leben habe ich keinen Bock mehr. Deshalb wird es Zeit, etwas zu ändern. Und wenn es nur kleine Schritte sind.

Nächste Woche fange ich wieder an zu leben. Ganz bestimmt.

Ich habe verschlafen. Nachdem ich gestern Abend eine Beruhigungstablette genommen habe, weil die Panikattacke kein Ende nehmen wollte, wurde ich nach 9 Stunden immer noch nicht von alleine wach und wurde zum Glück aus bescheuerten Träumen geweckt.
Seither habe ich die Küche geputzt. Und warte – wie jeden Tag- darauf, dass sich etwas tut.
Als wüsste ich nicht, dass es nicht von alleine verschwindet, hoffe ich ununterbrochen, dass der Knoten in mir drin sich in Luft auflöst, und alles wieder gut ist.
Ich versuche, mir die Gespräche mit den Ärzten in Erinnerung zu rufen, was nicht funktioniert. Ich habe längst wieder vergessen, was mir die Ärztin gestern alles gesagt hat. Ich sitze vor ihr und verstehe nichts. Außer „gehen Sie raus, sperren Sie sich nicht ein, zeigen Sie, dass sie stark sind und keine Angst haben, machen Sie etwas aus sich“. Was für mich alles gleich klingt: Bla bla bla. Jedes Wort setzt mich noch mehr unter Druck. Den ich mir selbst schon zur Genüge mache, und wenn ich, wie jeden Tag, versage, geht es mir noch schlechter.
Ich kann die Ärztin nicht einschätzen. Ihre Mimik verrät nichts über sie. Ich kann aber auch keinen anderen Menschen mehr einschätzen, ich verstehe nur Bahnhof, selbst, wenn man fragt, wie es mir geht. Ich kann ohnehin nur eine Antwort geben: „Geht so.“ Ich habe nicht das Gefühl, dass es jemanden interessiert, dass es mir unterirdisch scheiße geht, dass ich das Gefühl habe, überhaupt nicht mehr zu meinem Leben zu gehören, dass ich nicht mal mehr weiß, was mein Leben überhaupt ist. Was mich ausmacht. Außer zu jammern.
Ich bin unfähig, an mir zu arbeiten, ich kann nicht mal mehr Bücher lesen zum Thema Depression oder Trauma, weil ich nichts davon behalten kann. Schon beim nächsten Satz ist der vorige wieder vergessen.
Vorhin habe ich nach Zitaten zum Thema Depressionen gesucht. Es ist erschreckend, dass jeder Hans Wurst sich dazu äußert und seine bescheuerten Aussagen in einer Zitatendatenbank zu finden sind, obwohl seine hingekotzten Worte zeigen, dass er keinerlei Ahnung hat. Depressionen sind keine Krankheit, steht da u.a.. Also haben wir Depressiven vermutlich nur einfach keinen Bock auf einen geregelten Alltag, in dem normale Menschen aufgehen und Leistung zeigen.

Den gestrigen Tag habe ich nach dem Klinikbesuch verbracht, indem ich unruhig durchs Haus gelaufen bin. Wohnzimmer, Küche, Bad, Terrasse, Couch, Küche, usw. Bis es mir irgendwann gereicht hat, und ich eine Tablette genommen habe, weil ich das Herzrasen und die Unruhe nicht mehr ertragen konnte.
Das Problem bei diesem Beruhigungskram ist allerdings, dass die Probleme ja immer noch da sind, wenn die Arznei nicht mehr wirkt.
Oft verbiete ich mir, über meine Probleme, die mich dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin, nachzudenken. Weil es zu schmerzhaft ist. Weil es mich überfordert. Weil ich das Gefühl habe, dass ich Tag für Tag weiter abrutsche. Weil ich nicht ertragen kann, was aus mir geworden ist, wo ich doch alles überstanden habe und immer so stark war.
Ich weiß nicht mal, ob die Ängste, die ich habe, berechtigt sind, oder ob das zum Wahnsinn der Depression gehört, und meine Weltsicht dadurch verschleiert ist: Verliere ich meine Arbeit, verliere ich alles, was ich aufgebaut habe, verliere ich meine Liebsten?
Heute schwänze ich die Therapien. Ich kann einfach nicht raus. Ich kann nicht zuhören, nicht reden, es nicht ertragen, gesehen zu werden. Das schlechte Gewissen, weil ich nicht rausgehe, ist fast so schlimm, wie die Angst. Morgen habe ich regulär frei.
Ab Montag will ich regelmäßiger aus dem Haus gehen. Mich in die Welt und zurück ins Leben trauen. Ganz bestimmt. Hier drin werde ich noch verrückter. Deshalb will ich versuchen, die Angst, vor die Tür zu gehen, zu überwinden. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Ich bin viel zu müde.

Home, sweet home…

Seit über einer Woche bin ich wieder zu Hause. 5 Wochen Klinik, vollstationär, nachdem ich zuvor 6 Wochen in der Tagesklinik war, liegen hinter mir.
Gebracht hat es dieses mal wenig bis nichts. Nichts stimmt nicht ganz. Eigentlich wache ich nicht mehr in der Hölle auf. Sondern halbwegs normal.
Ich wurde in ein sog. ambulantes Programm aufgenommen, in das Patienten mit scherwiegenden Diagnosen kommen, die man noch nicht wieder komplett ins wirkliche Leben entlassen kann. Ich gehe weiter ab und zu in die Klinik, nehme an Schulungen und Infoveranstaltungen teil. Derzeit hat man mich in die Angst- und Panikgruppe gesteckt. Für die Ergo habe ich keine Lust und muss mich regelrecht zwingen, mitzumachen.
Mir erscheint das alles sinnlos, wo ich schon seit 12 Wochen darauf warte, dass es endlich klick macht, wie andere Patienten berichten, und mir leichter ums Herz wird.
Vor 5 Jahren war alles so anders. Ich hatte fast ausschließlich Patienten um mich, denen es genauso ging wie mir, mit einigen habe ich heute noch Kontakt. Dieses mal waren fast nur Leute da, die an allem rumgemeckert haben, vornehmlich relativ alte Leute. Aber auch die jüngeren haben kaum ein gutes Haar an der Klinik gelassen und vor allem nicht an den anderen Patienten.
So habe ich mich zurückgezogen, kaum geredet, wollte meine Ruhe haben.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich die meiste Zeit gequält gefühlt. Ich wollte nichts von meiner Geschichte erzählen, und dann Kommentare ernten, wie man sie in der Bildzeitung lesen kann.
Beim Pflegepersonal galt ich ls unproblematisch, kein Wunder, ich habe nichts erzählt, höchstens mal eine Kopfschmerztablette geholt außerhalb der regulären Medikamentenvergabe.

Nun sitze ich zu Hause rum. Kann immer noch nicht wieder arbeiten gehen, weshalb mich das schlechte Gewissen plagt, und ich mich auch relativ nutzlos fühle. Ich kann aber auch nicht wirklich etwas arbeiten, weil ich einfach abartig erschöpft bin.
Ich grüble ununterbrochen, lebe derzeit quasi mehr in meiner (schlimmen) Vergangenheit anstatt in der Gegenwart.
Ich verstehe mich nicht. Wo ist meine Stärke hin? Ich fühle mich wie ein Schwächling, der nichts taugt. Ich kann mich auf kein Gespräch konzentrieren, ich habe an nichts Interesse als an Büchern und am Lesen. Daran kann ich mich festhalten.
Ich traue mich kaum aus dem Haus, es ist eine Tortur an den Kliniktagen ins Auto zu steigen. Nur zu Hause fühle ich mich sicher.
Ich möchte nicht reden, keine Anrufe und keinen Besuch haben. Jedes Wort strengt mich an.
Ich bin unfähig, mir Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll und überlege tagein, tagaus, wie ich mich aufrecht halte, um Mann und Kind nicht noch mehr auf die Nerven zu gehen. Es muss schrecklich sein, so jemanden wie mich um sich zu haben.
Zeitweise verlässt mich der Mut. Heute ist wieder so ein Tag.

Jetzt habe ich ein paar wenige Sätze geschrieben und bin so müde, dass ich schlafen muss.
So long.

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