nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “September, 2014”

Nebel im Kopf- Stechen im Herzen. So sehen schlechte Tage aus.

Seit meinem letzten Beitrag war ich fast davon überzeugt, eine schnelle Heilung hingelegt zu haben. Ob der Erleichterung des Jobwechsels habe ich mich wirklich gut gefühlt und hatte ein paar richtig normale Tage ohne das ewige Drücken in mir drin und den Wahnsinn im Kopf.

Bis gestern.
Ich hatte nachts schon zum zweiten mal in letzter Zeit enormes Herzstechen. Wenn ich beim ersten mal vor einigen Wochen auch noch dachte, „Schlaf einfach, vielleicht bleibt dir das Herz stehen und du wachst nicht mehr auf“, war es in dieser Nacht schlimmer. Ich konnte nur schwer atmen, das Stechen im Herzen tat wirklich irre weh, aber da ich es ja gewohnt bin, auszuhalten, wollte ich keine Wellen schlagen. Was sollte ich da auch machen? Den Notarzt rufen? Und wenn dann doch nichts wäre, was für Folgen hätte das? Ausgelacht werden? Neuer Stoff fürs Dorfgespräch?
Ich hatte nur kurz und schlecht geschlafen und musste einen Termin in der Klinik wahrnehmen, es schien mir besser zu gehen, und meine Laune war trotz Müdigkeit ok.
Auch die Fahrt war normal. Bis ich auf dem Parkplatz stand also keine besonderen Vorkommnisse, außer dieses Stechen. Als hielte jemand mein Herz in den Händen und würde es zerquetschen und mit einem Messer darauf einstechen.
Um ins Gebäude zu gelangen, muss man vom Parkplatz ein kleines Stück bergauf gehen. Bei jedem Schritt wurde die Kurzatmigkeit schlimmer, und ich dachte, ich kippe um. Als sei jede Kraft, mich aufrecht zu halten, verloren gegangen, habe ich mich weitergeschleppt. Ich wollte nur bis zur Toilette kommen, um mich da ein wenig auszuruhen, dann würde es schon wieder gehen. So sollte mich keiner sehen. Was, wenn ich umkippe?
Den Tränen nahe, weil sich mein Herz nicht beruhigen konnte und ich es in den Ohren schlagen spürte, setzte ich den Weg fort. Um die Treppe hochzukommen, musste ich mich am Geländer hochziehen. Ich wurde gleich ins Arztzimmer durchgewunken und war mir sicher, keinen Schritt weiter zu schaffen. Mittlerweile war ich überzeugt: es kann nur ein Herzinfarkt sein! Das kommt vom Rauchen. Die Ärztin wird mir helfen, sie muss es mir ansehen, ich bin blass, außer Atem, sicher wird gleich ein EKG angeordnet. Dabei habe ich jetzt so gar keine Zeit für einen Infarkt, mit Krankenhaus und Reha, ich muss doch ab Montag wieder arbeiten.

Ich musste warten, bis sie aus einer Krankenakte etwas in ihren Rechner getippt hatte und wäre in der Zwischenzeit gerne in Tränen ausgebrochen, weil es mir sogar schwerfiel, gerade auf dem Stuhl zu sitzen.
Als ich endlich reden durfte, teilte ich mit, wie schlecht es mir gerade geht. Was der Grund dafür sei, wollte sie wissen. Es gibt keinen Grund. Es ist alles ok. Neue Arbeit in Sicht. Das sei ja gut. Mein Herz spinnt. Vermutlich kriege ich einen Infarkt. So wie es mir jetzt geht, ging es mir in den letzten Monaten nicht. Das ist nicht psychisch, verdammt nochmal, mein Herz gibt auf!
Natürlich wurde ich nicht ernst genommen. Das Grinsen der Ärztin hat mich wütend gemacht. Ich hätte ihr am liebsten ihre Tastatur ins Gesicht gedroschen.
Ich könnte hier verrecken, und es stünde in meiner Akte, das sei nur psychisch.
„Wofor haben  Sie Angst?“
Vor nichts, verdammte Scheiße! Es ist nichts passiert, ich habe gerade alles im Griff, und jetzt gibt mein Herz auf!
Immerhin wurde mein Puls gemessen. 168. Flach.
Und jetzt? Was tun Sie dagegen?
Nichts. Wir haben aneinander vorbeigeredet, ich wurde immer wütender, wollte nur noch nach Hause, mich hinlegen.
Nichts, was ich sagte, schien bei ihr anzukommen. Ich wurde überhört. Dass vor einigen Jahren in der gleichen Klinik festgestellt wurde, dass ich eine Narbe an der Herzwand habe, wurde übergangen. Kein Blutdruck gemessen, kein EKG.
Ich sollte am besten gleich noch ins alte Büro fahren und meine persönlichen Sachen holen. WIE DENN? Bei jedem Schritt schien ich schwächer zu werden. Ich habe mich so hilflos gefühlt und war mir sicher, ich schaffe es nicht zum Auto.
Aber weiter zu reden war sinnlos, ich musste irgendwie zum Parkplatz kommen, aber ich habe den Weg nicht in einem Stück geschafft. Atemnot, zittern, Herzrasen. Der Körperscan, den ich in der Therapie gelernt hatte, brachte nichts. Ich musste mich auf eine Bank setzen. Dort wollte ich mich erholen, um die letzten 50 Meter zum Auto zu kommen. Oder darauf warten, dass mein Herz explodiert.
Im Auto das gleiche. Ehe ich losfahren konnte, erst mal ausruhen. Den Kopf aufs Lenkrad gelegt, habe ich darauf gewartet, dass das Zittern nachlässt und ich wieder atmen kann. Es wurde nicht besser, und doch bin ich losgefahren unter der Prämisse, irgendwo anzuhalten und den Notarzt zu rufen, wenn es gar  nicht besser würde.
Ich war kurz davor, mich zu übergeben, meine Beine und Hände haben gezittert, und doch habe ich mich gezwungen, weiter zu fahren. Zu Hause angekommen, war ich nach dem Treppen steigen wieder so kaputt, dass ich mich erst aufs Bett legen musste, ehe ich weitergehen konnte. Ich war erschlagen. Das Ganze hat sich noch etwa eine Stunde hingezogen, bis sich mein Puls verlangsamt hat. Die Herzschmerzen blieben den ganzen Tag. Heute spüre ich nichts mehr außer Benommenheit von den Beruhigungstabletten.
Es war also eine Panikattacke, sagt die Ärztin.
Aber so heftig ist das selten. So schmerzhaft wie gestern war es noch nie.

Und ich frage mich: wieso jetzt? Wo sich zumindest ein Problem gelöst hatte.
HATTE, weil ich mich jetzt frage, ob ich zu einfach aufgegeben habe. Ob ich mich habe überrumpeln lassen, was die Arbeit angeht. Ob ich darauf hätte bestehen sollen, dass das Gespräch unter vier Augen stattfindet anstatt unter sechs.
Dass ich hätte sagen sollen, wie enttäuscht ich bin, dass trotz des Psychogewäschs durchkommt, dass sich die Vorgesetzten einen Scheißdreck um meine persönliche Situation scheren, dass ich ihnen egal bin. Wobei ich genau weiß, dass ich aus diesem Grund auch besser nichts weiter gesagt habe. Ich hätte vielleicht fragen können, ob ich auch versetzt worden wäre, hätte ich einen Herzinfarkt gehabt oder Krebs. Ob man das so macht mit kranken Mitarbeitern. Weg mit denen, die belasten!
Ich war gut genug, jeden zu vertreten, der, aus welchem Grund auch immer, gefehlt hat. Jahrelang. Ich habe mich für die eingesetzt, über die gelästert wurde, wenn sie nicht da waren. Gerade für die, die psychische Probleme hatten oder überlastet waren. Das war nicht gerne gesehen, dass ich bei Vorgesetzten gesagt habe, wie widerlich es ist, hinter dem Rücken von Kollegen über sie zu hetzen.
Ich habe mich geweigert, andere in die Pfanne zu hauen, Fehler zu sammeln und Kollegen anzuschwärzen, wenn es darum ging, sie aus der Abteilung zu mobben. „Da mache ich nicht mit“, habe ich mehr als einmal gesagt.
Ich habe nicht mal den Vorgestzten angeschwärzt, wenn ich bei noch höheren Vorgesetzen zum Verhör war, der jetzt dafür gesorgt hat, dass ich gehen musste.

Alles, was mir letzte Woche Erleichterung verschafft hatte, ist weg. Es ist nur noch Enttäuschung da, und die Angst vor dem Neuen. Was ist, wenn es mir zu laut ist und ich mich nicht konzentrieren kann? Ich habe kein eigenes Büro mehr, sondern sitzte in einem riesigen Großraumbüro. Von der Arbeit habe ich keinen blassen Schimmer, die neuen Kollegen müssen mich anleiten, ich mache erst mal Widerleingliederung und bringe meinen kompletten Jahresurlaub mit. Und vor allem der Hintergrund: DIE HAT DEPRESSIONEN!
Was, wenn ich nicht kapiere, was die mir erklären? Wenn ich mich nicht einfinde? Wenn ich zu lange brauche?

Und neben der beruflichen Seite bin ich privat noch komplett im Arsch. Mietnomaden, die noch dazu aus der eigenen Familie stammen, haben mich in den finanziellen Ruin getrieben, wer weiß, was für Kosten noch auf mich zukommen? Ich sehe kein Land mehr.
Was, wenn ich mein Darlehen nicht weiter zahlen kann, weil mir alles über den Kopf wächst?
Die Studienkosten fürs Kind rauben mir den Schlaf, ich weiß überhaupt nicht mehr, wie ich das alles finanzieren soll. Die monatlichen Kosten erdrücken mich.
Meine eigene Familie wünscht mir den Tod und hat das auch offen ausgesprochen, weil ich mich geweigert habe, sie weiter zu finanzieren, nicht nur, weil ich mich nicht mehr ausnutzen lassen will, sondern auch, weil ich das gar nicht kann. Wie soll ich mit meinem Einkommen, mein Haus abzahlen, Studium finanzieren, und noch eine vierköpfige Familie unterstützen, weil ich mich hochgearbeitet habe, und die keinen Bock haben, irgendwas zu leisten?
Mein eigener Vater hätte mich früher für einen Kasten Bier verkauft und zerstört jetzt alles, was mir gehört, um mich zugrunde zu richten, weil ich nicht mehr spure, wie er sich das vorstellt.

Ich muss ein furchtbarer Mensch sein.
Jedenfalls so einer, der anderen Signale sendet wie „mach mich zum Opfer“, so erklärt das zumindest meine Ärztin.
Ich bin durcheinander, habe Kopfschmerzen, Nebel im Kopf, bin mutlos und sehe gerade kein Land mehr.

Ich dachte, ich habe es endlich geschafft, mich wieder hochzukämpfen, dabei hat mir der Tag gestern gezeigt, ich habe gar nichts geschafft. Ich bekomme bei jedem Scheiß, der ansteht, Panik, bis ich keine Luft mehr bekomme und zusammenbreche. Ich kann meine eigenen Sognale nicht deuten.
Was habe ich also in den letzten Wochen gelernt? Gar nichts?
Mein Motto, nichts mit Gewalt, sondern alles mit Ruhe und Besonnenheit zu regeln, hat mich nicht weiter gebracht. Ich will immer für alle Verständnis zeigen und mit Bedacht handeln. Ich versuche, mich in alle hineinzuversetzen, niemanden zu verletzen und Achtung und Respekt vor allen zu haben, selbst, wenn sie mich wie den letzten Straßenköter behandeln.

Scheinbar habe ich aber nicht mal vor mir selbst genug Respekt und Achtung.

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Neustart

Gestern war es also soweit. Ein Gespräch zu meiner beruflichen Zukunft stand an.
Meine Vorahnung, dass ich nicht zu meinem alten Job zurückkehren werde, hat sich bestätigt.
Es war nicht mein Wunsch, ich war dennoch nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Ich hatte ja damit gerechnet. Meine Vorgesetzten hatten aber nicht damit gerechnet, dass ich damit gerechnet habe.
Eigentlich sollte das dieses sog. Gespräch zur Wiedereingliederung sein, das einem per Gesetz zusteht. Und eigentlich sollte das unter vier Augen stattfinden. Hat es aber nicht. Ich sollte überrascht werden, mit einem dritten Paar Augen, das ich abgelehnt hätte, hätte ich früh genug Bescheid gewusst. Kurz vorm Eintritt in das „Ganz-Oben-Zimmer“ hat mir eine vertrauenswürdige Quelle aber gesteckt, wer da noch dabei sein wird, und so hatte ich zumindest einen kurzen Augenblick Zeit, mich zu fassen und keinen überraschten oder verärgerten Eindruck zu machen. Das war mir sehr wichtig. Ich will keine jammervolle, aufgeregte und hilflose Kreatur abgeben, wenn über meine Zukunft entschieden wird.

Seltsamerweise hat das innerliche Zittern schnell nachgelassen. Ich habe mir die psychologisch geschulte Rede angehört und mich eigentlich nur geärgert, dass Vorgesetzte scheinbar wirklich glauben, die Untergebenen nehmen ihnen ab, was sie da auswendig gelernt haben. Sorry, Folks, aber das beleidigt unsere Intelligenz.
Aber sicher hätte ich mich mit Aussagen wie „man will Sie einfach nicht mehr in der Abteilung haben, in der sich weit über 10 Jahre nie das gemacht haben, was von Ihnen verlangt wurde, Ihre Aufmüpfigkeit geht allen auf den Sack, Sie sind unbeliebt, Sie haben jetzt schon zum 2. mal wegen Depressionen länger gefehlt, und das ist einfach nicht mehr tragbar, deshalb werden Sie versetzt“ auch nicht sonderlich wohl gefühlt.

Natürlich war es schon beschlossene Sache, dennoch wurde ich gefragt, wie ich dazu stehe, dass ich wo anders dringend gebraucht werde, wo nicht so ein Druck auf mir lastet (haha) und wo niemand die Arbeit so erledigen kann wie ich mit meinem Backround und meinen supertollen Ausbildungen (hahaha).

Ich habe, seltsamerweise, ganz ruhig eine einzige Frage gestellt. Und zwar die nach meinem Gehalt. Als die zufriendenstellend beantwortet war, habe ich, ebenfalls ganz ruhig, nur genickt und gesagt: ok, ich mach’s.
Und dann wurde ich noch ruhiger. Der Knoten in meinem Bauch hat nicht mehr so gedrückt. Mir wurde leichter.
Zwar war ich etwas durcheinander und mir ging auch durch den Kopf, ob ich in das neue Aufgabengebiet hineinfinden werde, aber größtenteils war da nichts als Erleichterung. Darüber, dass ich nicht mehr dahin zurück muss. Und die Frage: warum, um Himmels willen, habe ich weit über 10 Jahre gekämpft, um dazu zu gehören, obwohl man mich nicht mochte, meine Arbeit nicht geschätzt hat und mir Steine in den Weg gelegt hat, wo es nur möglich war?
Weil es das war, was ich kannte. Weil ich Angst vor Neuem hatte, vor dem Fremden. Vor anderen Kollegen, vor einem anderen Umfeld, vor anderen Arbeitsweisen. Auch wenn die evtl. viel besser für mich gewesen wären, wollte ich nicht weg aus dem Umfeld, das ich kannte.
Auch wenn ich morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit gefahren bin. Ich hatte mich nie daran gewöhnt, wie es da zugeht. Ich bin mit so vielem nicht zurecht gekommen, und habe mir trotzdem befohlen, zu bleiben, auszuhalten, nicht aufzugeben, nicht schwach zu sein und erst recht nicht die Flucht zu ergreifen, weil das für mich als größte Schwäche gezählt hätte.

Nun wurde mir die Entscheidung abgenommen.
Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, nochmal zu kämpfen, um bleiben zu können. Im Vordergrund stand nicht mehr die Angst vor Neuem, sondern die Freude darüber, dass ich Neues kennenlernen werde und Altes abstreifen kann. Ich habe sofort nachgegeben und losgelassen. (Loslassen ist ja auch so ein Ding, das mir schwerfällt).
Es stand auch nicht im Vordergrund die Enttäuschung darüber, dass man mich nicht weiter haben will, sondern die Tatsache, dass ich doch sowieso nicht mehr dahin zurück wollte. Ich hätte mich nur wieder gezwungen, so weiterzumachen wie bisher und durchzuhalten ohne auf meine Bedürfnisse zu achten und auf mich zu hören.

Der Überraschungsmoment war somit auf meiner Seite. Die beiden Gegenüber waren überrascht, und alles, was noch an Gewäsch einstudiert war, war überflüssig geworden, beide machten den Eindruck, als wären sie aus dem Konzept gebracht worden, weil es nicht wie geplant lief, sondern eigentlich nach 5 Minuten erledigt war.
Es kann nun nicht gesagt werden, ich habe mich gewunden und musste mit Druck geschasst werden.
Es ist viel mehr so, dass es heißen muss: die war sofort einverstanden! Was sollte das denn? Die wollte ja nicht mal bleiben! Als wäre ihr das alles total egal!

Es ist mir egal, was erzählt werden wird.
Ich habe bereits mit den neuen Vorgesetzten geredet und klargestellt, dass man nicht damit rechnen muss, dass ich muffig zur Arbeit kommen werde, weil ich versetzt wurde, sondern dass ich mich auf das neue Team freue und sehr erleichtert bin nun wieder in meiner alten Heimat arbeiten zu können. Und zum ersten mal habe ich von Vorgesetzten gehört, dass sie sich freuen, mich im Team zu haben.

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dermaßen an mir zu zweifeln, dass ich mir gar nichts mehr zutraue. Dass ich alles xmal kontrollieren muss, um Fehler zu suchen, und wenn ich keinen gefunden habe, dann konnte das nicht stimmen, weil ja alles, was ich mache, Fehler beinhalten muss, weil ich nichts kann. Das hat mich fertig gemacht. Ich traue mir nichts mehr zu. Deshalb hatte ich auch Angst, anderswo zu arbeiten, weil man dort dann ja auch sehen würde, dass ich nichts kann.
Meine Menschlichkeit wurde als Schwäche bezeichnet, dass ich Härte abgelehnt habe, hat man als Arbeitsverweigerung betrachtet. Es gab immer irgendetwas, was mit mir nicht stimmte.
Natürlich habe ich deswegen auch Angst, dass das alles der Wahrheit entspricht, und ich auch auf dem neuen Arbeitsplatz versagen werde.

Wobei sich dann wieder die Frage stellt: wieso hat man 12 Jahre so jemanden wie mich ertragen? Etliche haben in der Zeit gekündigt oder sich versetzen lassen. Ich habe durchgehalten.

Mir ist nach heulen zumute. Aber hauptsächlich aus Erleichterung, nicht aus Enttäuschung.

Es heißt ja, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Hoffen wir, dass es kein fauler Zauber ist. Ich muss noch 25 Jahre arbeiten, die sollten zumindest auch beruflich minimal lebenswert sein.

 

Dienstag? Mittwoch? 2014? 2015?

Ich weiß gar nicht genau, welchen Wochentag wir haben, wenn ich nicht im Kalender nachsehe.
Seit ich meine Tage zu Hause verbringe, ist mir das egal. Ist ja eh jeder Tag gleich scheiße.
Heute ist er besonders scheiße, weil ich große Sorgen habe.
Ich wollte mich deshalb beschäftigen und anfangen zu putzen. Dann hat mein Kind gefragt, ob ich mit in die Stadt komme, ein Geschenk besorgen.
Ich habe mich etwas besser gekleidet als in letzter Zeit, meine Haare ordentlich frisiert, sogar Lippenstift benutzt.
Die Ärztin hat mir ja nahegelegt, für mein Selbstbewusstsein mehr zu tun und mich mehr um mich zu kümmern.
Nun gut.
Bin ich deshalb anders durch die Stadt gelaufen? Mag sein. Vielleicht nicht so geduckt wie sonst mit Jeans und Turnschuhen und Rucksack.
Sondern mit Mantel, Pumps, offenen Haaren und eben Lippenstift und Handtasche.
Haben mich die Leute deshalb mehr wahrgenommen? Woher soll ich das wissen, ich habe sie nicht gefragt.
Und es ist mir auch egal. Ich weiß, wenn ich mich herrichte, sehe ich nicht schlecht aus. Aber meistens habe ich dazu keine Lust.
Ich kenne die Aussagen, dass man sich dann selbst ernster nimmt und um sich kümmert und sich selbst gefällt, und wie wichtig das ist. Es ist mir trotzdem egal.
Ich mag Leute nicht deshalb, weil sie gut aussehen, sondern wenn ich gute Gespräche mit ihnen führen kann. Wenn sie was im Kopf haben.
Natürlich kann man gut aussehen und trotzdem was im Kopf haben. Ich habe trotzdem keine Lust auf Schminke und darauf, jeden Tag eine Stunde lang meine Mähne zu stylen. Wobei ich die Zeit vielleicht investieren müsste, jetzt, wo ich die 40 schon einige Zeit überschritten habe und nicht mehr mithalten kann, mit Twens, die sich im Bikini fotografieren und das online stellen, um den Männern zu gefallen.
Aber ich hatte schon vor 20 Jahren keine Lust auf sowas. Da stimmt wohl auch was nicht mit mir.

Dennoch dachte ich, ich müsste vielleicht mal was nettes zum Anziehen kaufen.
In der Umkleide kommt einem ja fast das Kotzen bei dieser Beleuchtung und den Spiegeln, da muss es selbst Claudia Schiffer Elend werden und Kate Moss sieht nach Übergewicht aus.
Ein Kleid anprobiert, nach den Regeln, die für diverse Figutypen so gelten. Weiter Ausschnitt, schmale Taille, geht bis zum Knie. Figurbetont.
Und dann kommt der Gedanke: WAS MACHE ICH HIER ÜBERHAUPT?
Kleid aus. Raus hier. Tränen zurückhalten. Ich will nach Hause.
Ich gehöre hier nicht her. Was, glaube ich, hier finden zu können? Wenn mein beschissenes Leben davon abhängt, ob ich ein Kleid trage, das Vorzüge betont und Nachteile kaschiert, bin ich dann gesund? Wohl nicht.
Ich bekomme kaum noch Luft, schwitze, möchte in Tränen ausbrechen und nach Hause.
Aber da es immer heißt, ich bin zu unruhig und gehe damit meinem Mitmenschen auf die Nerven, warte ich geduldig, bis das Kind fertig ist, alles gefunden hat und wir in normalem Tempo zum Auto laufen können. Statt zu rennen.

Es nützt nichts. Ich finde weiter keine Antworten. Nicht darin, besser auszusehen oder bessere Kleidung zu tragen. Das ist Bullshit, Doc. Es ist ja nicht so, dass ich in Jogginghose das Haus verlasse oder sonst wie ungepflegt bin.

Ein Stadtbummel überfordert mich. Was die Geschäfte anbieten, erschlägt mich, ich blicke nicht mehr durch in der Masse von Angeboten in Klamotten-, Schuh- oder Dekoläden. Überall dröhnt irre Musik, alles gibt es in zig Farben und suggeriert, wenn wir kaufen, werden wir glücklich.
Wenn das so ist, bin ich eine Ausnahme. Mich macht es nicht glücklich.
Ich mag die Menschen nicht, wie sie mit steifen Gesichtern durch die Stadt rennen und nichts wahrnehmen außer Sonderangebote oder Markenware.
Was würde jemand aus dieser Menschenmenge antworten, wenn man ihn oder sie fragt: „Haben Sie Lust, sich mit mir zu unterhalten? Das würde mich freuen, weil ich nach Antworten suche, und vielleicht haben Sie die richtige Antwort für mich parat. Vielleicht möchten Sie sich meine Sorgen anhören oder mir Ihre erzählen, damit ich sehe, so schlimm sind meine gar nicht.“

Natürlich frage ich sowas nicht.

Natürlich gehe ich dann doch lieber in den Buchladen und suche dort weiter. Und da habe ich ein Buch gefunden. Dalai Lama hat es geschrieben und es heißt „Der Sinn des Lebens“. Vielleicht steht ja da was passendes drin.

„Gewaltlosigkeit und Mitgefühl sind die Schlüssel zu einem sinnvollen Leben auf der Erde, zusammen mit allen Lebewesen.“, steht da. Aber so handhabe ich mein Leben doch schon immer. Weit bin ich damit bisher nicht gekommen.
Schließlich schleppe ich immer noch den schwarzen Hund mit mir herum.

Vielleicht stelle ich ja die falschen Fragen. Aber was sind dann die richtigen?

Warum fällt es den einen so schwer, das Leben zu meistern, einfach weiterzumachen, Rückschläge wegzustecken, und warum werden andere nicht genauso krank und verzweifelt, sondern sind viel lebensfroher und mutiger und zuversichtlicher?
Was ist das, tief in einem drin, das sich dagegen wehrt, dass es dir gut geht?
Warum wollen Leute wie ich lieber tiefsinnige als oberflächliche Gespräche führen, obwohl es das Leben viel schwerer macht und man anderen damit auf den Sack geht?
Warum kann ich nicht einfach saudumm sein und warum kann ich nicht einfach meine Haare blondieren, meine Nägel machen lassen und Tittenbilder von mir ins Netz stellen und mich über anzügliche Kommentare geiler Böcke freuen?
Nein, ich muss ja nach dem Sinn des Lebens suchen und denken, dass ich nicht genug bin und noch nicht genug weiß. Und ich hoffe, so gemocht zu werden, wie ich bin, ohne mich groß anstrengen oder verbiegen zu müssen.
Das ist alles so unerträglich anstrengend. Immer diese Scheißkämpferei. Die Tage zu übersstehen, nichts falsch zu machen, deine Mitmenschen nicht zu überanstrengen.

Das macht mich so verdammt müde.

 

 

Was ist verrückt?

Was ist verrückt? Was bedeutet, verrückt zu sein? Und wie merkt man, ob man verrückt wird?
Ich fühle mich seit Monaten, als wäre es bald soweit.

Die Antwort ist nicht 42.

Demnächst gehe ich wieder zur Arbeit. Natürlich fange ich langsam an. Dabei bin ich mir sicher, ich könnte ab morgen wieder in Vollzeit loslegen. Somit hat sich in meinem Kopf nichts geändert. Ich verlange nach wie vor von mir, zu funktionieren und Leistung zu bringen. Und weil ich das nicht kann, fühle ich mich wie ein Versager.
Auch was die ganzen Monate der Behandlung angeht, habe ich versagt. Außer, dass ich weiter an Gewicht zugelegt habe, hat sich nichts geändert. Ich bin weiter müde und erschöpft, meine Stimmung ist meist im Keller.
Eine weitere Erkenntnis ist dazugekommen: ich bin hochempfindlich.
Was für mich nichts neues ist. Lärm macht mich verrückt. Viele Menschen machen mich verrückt. Lautes Reden ertrage ich kaum. Ich bin nervös, wenn ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bin, oder wenn Außenstehende in meine gewohnte Umgebung eindringen und mich davon abhalten, zu tun, was ich gerade will.
Das ist alles nichts neues, so bin ich schon immer. Dabei dachte jeder, allen voran das Umfeld, ich bin eben blöd und übertreibe und „stelle mich an“.
Gerade lese ich ein Buch zum Thema Hochempfindlichkeit von Sylvia Harke. „Hochsensibel. Was tun?“
Darin heißt es, wie in etlichen anderen Texten, die ich gelesen habe, dass das eine Gabe ist. Und meist mit Hochbegabung in Verbindung steht. Hochbegabt bin ich sicher nicht.
Auch wenn man mir in der Klinik dauernd einreden will, wie toll mein Farbverständnis und meine Kreativität ist. Es nützt mir nicht wesentlich, dass mein Wohnzimmer schön eingerichtet ist. Das sind viele andere Wohnzimmer auch. Klar, ich kann ein bisschen malen. Das können andere aber auch. Wenn ich gut drauf bin, passen meine Handtaschen zu meiner Kleidung, aber das ist bei den meisten normalen Frauen so. Meistens habe ich überhaupt keine Lust darauf, etwas aus mir zu machen oder darauf zu achten, wie ich aussehe.

Ich bin belesen. Aber ich setze voraus, dass man belesen ist. Also auch nichts besonderes.
Ich habe ja nicht mal Abitur und erst recht nicht studiert.
Ok, ich habe drei abgeschlossene Berufsausbildungen, aber das hat sich eben so ergeben. Mein Traumjob ist trotzdem nicht dabei.
Auch in der Schule hat sich keinerlei Hochbegabung gezeigt. Dass ich desinteressiert und gelangweilt war und meistens aus dem Fenster geglotzt habe, warf ja auch ein schlechtes Bild auf mich. Regelmäßig haben Lehrer sich bei den Erziehungsberechtigten beschwert, und es hat Strafen gehagelt. Das widerum hat mich zum Hinschmeißen des Gymnasiums getrieben, und den Abschluss auf der Realschule hätte ich mir durch schwänzen fast auch noch versaut.
Ich war auch so ein Teenie, der sich anders gefühlt hat. Ich habe diesen ganzen oberflächlichen Scheiß nicht verstanden, und während andere auf Boygroups standen, hat mich der Bolero von Ravel fasziniert, ich habe mir Mozart reingezogen und stand auf die Beatles und wurde von den anderen dafür als Idiotin betitelt.
Ich war damals schon dauermüde, habe Nächte aber durchgelesen, Gedichte geschrieben, bin im Weltschmerz versunken, habe mich unverstanden gefühlt und gehofft, dass das alles nach der Pubertät verschwindet oder mir meinen Suizid vorgestellt. Ich war anders, durfte es aber nicht sein, habe versucht, mich anzupassen, und weil das nicht funktioniert hat, habe ich mich zurückgezogen, bis ich als seltsam galt.
Noch heute wundert sich die ganze Dorfwelt darüber, dass ich nicht so offen und feierfreudig bin wie meine Vorfahren, und Mutter will mich seit 20 Jahren dazu antreiben „rauszugehen“ und „Spaß zu haben“. Laute Scheißmusik in beengten Räumen mit verschwitzten Menschen, die sich anschreien, weil der Bass alles übertönt ist für mich kein Spaß sondern Folter.
Dafür ist es für Mutter ein Beweis, dass ich nicht ganz sauber ticke, weil mein Spaß darin besteht, zu Hause zu sein und stille Nächte durchzulesen oder klassische Musik, Jazz oder John Lennon zu hören, alte Filme zu sehen und keinen Kontakt mit der Außenwelt zu haben.

Was soll ich mit der Scheißgabe Hochempfindlichkeit also bitte anfangen? Auf der Arbeit habe ich damit nur Stress, weil ich den hohen Lärmpegel kaum ertrage, mich schlecht konzentrieren kann und schnell abgelenkt bin oder Fehler mache. Dadurch verschlechtert sich meine Laune, ich bitte erst um Ruhe, dann werde ich zickig oder ziehe mich extrem zurück.

Meine Intuition, vor allem die, dass ich eine Stimmung sofort spüre, wenn ich einen Raum betrete, oder dass ich merke, wenn demnächst irgendein Horrorszenario losgehen wird, nützt mir bisher auch nichts. Ich höre ja nicht auf mein Bauchgefühl, weil ich das im Job gar nicht kann, sondern Anordnungen befolgen muss, die mir oft bescheuert erscheinen.

Meine Nerven sind scheinbar so mies ausgebildet, dass ich nichts ertragen kann, ohne kurz vor einem Infarkt zu stehen. Streit, Ärger, Schicksalsschläge haben mich mürbe gemacht, und dazu geführt, dass ich dauerangespannt bin und so zart besaitet, dass diese Saiten immer kurz vorm Zerreißen sind.

Also habe ich die blöden Seiten der Hochempfindlichkeit vorzuweisen, aber keine Hochbegabung. Mit Mathe stehe ich seit der 5. Klasse auf Kriegsfuß, ich habe keine Inselbegabung, kann nicht in wenigen Tagen eine Sprache wie Finnisch oder Isländisch lernen, ich kann immer noch keine Noten lesen und habe Instrumente stets nur nach Gehör gespielt. Aber nie eine Klaviersonate, sondern eher die Richtung Kinderlieder auf der Melodica.
Also, Hochbegabung, wo bist du?

Meine Begabung besteht darin, mich zu verausgaben und nicht zu bemerken, dass ich in eine Depression rutsche, bevor ich wieder mal voll drinstecke. Und in die Klinik muss.
Da bin ich jetzt seit Ende März.
Erst Tagesklinik, dann stationär, weil ich das Tagespensum nicht schaffen konnte. Seither ambulant.
Gebracht hat es dieses mal gefühlt überhaupt nichts. Es war mir zu laut, ich habe Ruhe und Antworten gesucht und keine gefunden. Mitpatienten gingen mir permanent auf die Nerven, Medikamente haben paradox gewirkt, Therapeuten haben mich mit Fragen gelöchert, dabei wollte ich Antworten haben. Die habe ich weder bei Ärzten gefunden, noch bei Psychologen, noch in Gruppengesprächen oder in Büchern.
Die Zeit drängt. Der Arbeitgeber ruft, und ich habe auch keine Lust mehr, mich unnütz zu fühlen, weil ich nichts leiste, und außerdem brauche ich langsam wieder mein Gehalt. Zwar hätte ich noch weit über ein Jahr Anspruch auf Krankengeld, aber ich will es nicht ausreizen, weil ich nicht weiß, was es noch bringen soll, weiter in die Klinik zu latschen. Ich fühle mich zu Hause relativ sicher und habe Angst vor der Arbeit bzw. vor dem Arbeitsumfeld, ich weiß nicht, was mich erwarten wird, ob ich versetzt werde, weil es einfach reicht, dass ich so lange krank war. Aber ich muss raus hier. Ich muss mich selbst wieder nützlich fühlen.
Meine Arbeit zu wechseln, steht nicht zur Debatte. Auch wenn ich einen weiteren Versuch mit neuer Ausbildung starten würde, wenn ich das nötige Geld hätte. So lange ich eine Studentin finanzieren muss, ist das aber eben nicht drin.

Familiäre Querelen inkl. Anwalt und Drohungen muss ich erst mal weiter ertragen. Das schwarze Schaf war ich ja schon immer. Ich habe mich zum ersten Mal gewehrt und sehe ein, dass ich nicht azugehören kann, wo das nicht gewünscht wird.

Ich habe aber eine wundervolle Tochter und einen Mann, der hinter mir steht. Das ist mehr, als andere haben, die alleine durch alles durch müssen.
Und dennoch bin ich nicht gesund. Trotzdem ist der schwarze Hund nach wie vor hinter mir her.
Es geht mir besser, ja. Aber ich bin nicht stark. Ich habe nach wie vor keine Antworten auf die Fragen: wie werde ich stark? Wie werde ich gelassen? Wie kann ich dafür sorgen, dass mir belastende Ereignisse nicht so zusetzen, dass ich daran kaputt gehe? Wie werde ich belastbarer? Wie kann ich meine Gedanken ausschalten, die dazu führen, dass es mir schlecht geht? Wie werde ich diesen beschissenen Weltschmerz los? Wie begreife ich, dass ich nicht die Welt retten kann? Wie lerne ich, mich selbst zu achten, zu respektieren, zu akzeptieren? Wie werde ich meine Angst los? Wie werde ich mein schlechtes Gewissen los, wenn ich nicht genug leiste? Wieso habe ich überhaupt ein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir einmal gutgehen lassen will? Wieso lasse ich es so an mich heran, wenn ich kritisiert werde, dass ich mich selbst für einen Versager halte und mir überhaupt nichts mehr zutraue? Die Liste der Fragen kann beliebig weitergeführt werden.

Die Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist eben nicht 42!

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