nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Die Antwort ist nicht 42.

Demnächst gehe ich wieder zur Arbeit. Natürlich fange ich langsam an. Dabei bin ich mir sicher, ich könnte ab morgen wieder in Vollzeit loslegen. Somit hat sich in meinem Kopf nichts geändert. Ich verlange nach wie vor von mir, zu funktionieren und Leistung zu bringen. Und weil ich das nicht kann, fühle ich mich wie ein Versager.
Auch was die ganzen Monate der Behandlung angeht, habe ich versagt. Außer, dass ich weiter an Gewicht zugelegt habe, hat sich nichts geändert. Ich bin weiter müde und erschöpft, meine Stimmung ist meist im Keller.
Eine weitere Erkenntnis ist dazugekommen: ich bin hochempfindlich.
Was für mich nichts neues ist. Lärm macht mich verrückt. Viele Menschen machen mich verrückt. Lautes Reden ertrage ich kaum. Ich bin nervös, wenn ich nicht in meiner gewohnten Umgebung bin, oder wenn Außenstehende in meine gewohnte Umgebung eindringen und mich davon abhalten, zu tun, was ich gerade will.
Das ist alles nichts neues, so bin ich schon immer. Dabei dachte jeder, allen voran das Umfeld, ich bin eben blöd und übertreibe und „stelle mich an“.
Gerade lese ich ein Buch zum Thema Hochempfindlichkeit von Sylvia Harke. „Hochsensibel. Was tun?“
Darin heißt es, wie in etlichen anderen Texten, die ich gelesen habe, dass das eine Gabe ist. Und meist mit Hochbegabung in Verbindung steht. Hochbegabt bin ich sicher nicht.
Auch wenn man mir in der Klinik dauernd einreden will, wie toll mein Farbverständnis und meine Kreativität ist. Es nützt mir nicht wesentlich, dass mein Wohnzimmer schön eingerichtet ist. Das sind viele andere Wohnzimmer auch. Klar, ich kann ein bisschen malen. Das können andere aber auch. Wenn ich gut drauf bin, passen meine Handtaschen zu meiner Kleidung, aber das ist bei den meisten normalen Frauen so. Meistens habe ich überhaupt keine Lust darauf, etwas aus mir zu machen oder darauf zu achten, wie ich aussehe.

Ich bin belesen. Aber ich setze voraus, dass man belesen ist. Also auch nichts besonderes.
Ich habe ja nicht mal Abitur und erst recht nicht studiert.
Ok, ich habe drei abgeschlossene Berufsausbildungen, aber das hat sich eben so ergeben. Mein Traumjob ist trotzdem nicht dabei.
Auch in der Schule hat sich keinerlei Hochbegabung gezeigt. Dass ich desinteressiert und gelangweilt war und meistens aus dem Fenster geglotzt habe, warf ja auch ein schlechtes Bild auf mich. Regelmäßig haben Lehrer sich bei den Erziehungsberechtigten beschwert, und es hat Strafen gehagelt. Das widerum hat mich zum Hinschmeißen des Gymnasiums getrieben, und den Abschluss auf der Realschule hätte ich mir durch schwänzen fast auch noch versaut.
Ich war auch so ein Teenie, der sich anders gefühlt hat. Ich habe diesen ganzen oberflächlichen Scheiß nicht verstanden, und während andere auf Boygroups standen, hat mich der Bolero von Ravel fasziniert, ich habe mir Mozart reingezogen und stand auf die Beatles und wurde von den anderen dafür als Idiotin betitelt.
Ich war damals schon dauermüde, habe Nächte aber durchgelesen, Gedichte geschrieben, bin im Weltschmerz versunken, habe mich unverstanden gefühlt und gehofft, dass das alles nach der Pubertät verschwindet oder mir meinen Suizid vorgestellt. Ich war anders, durfte es aber nicht sein, habe versucht, mich anzupassen, und weil das nicht funktioniert hat, habe ich mich zurückgezogen, bis ich als seltsam galt.
Noch heute wundert sich die ganze Dorfwelt darüber, dass ich nicht so offen und feierfreudig bin wie meine Vorfahren, und Mutter will mich seit 20 Jahren dazu antreiben „rauszugehen“ und „Spaß zu haben“. Laute Scheißmusik in beengten Räumen mit verschwitzten Menschen, die sich anschreien, weil der Bass alles übertönt ist für mich kein Spaß sondern Folter.
Dafür ist es für Mutter ein Beweis, dass ich nicht ganz sauber ticke, weil mein Spaß darin besteht, zu Hause zu sein und stille Nächte durchzulesen oder klassische Musik, Jazz oder John Lennon zu hören, alte Filme zu sehen und keinen Kontakt mit der Außenwelt zu haben.

Was soll ich mit der Scheißgabe Hochempfindlichkeit also bitte anfangen? Auf der Arbeit habe ich damit nur Stress, weil ich den hohen Lärmpegel kaum ertrage, mich schlecht konzentrieren kann und schnell abgelenkt bin oder Fehler mache. Dadurch verschlechtert sich meine Laune, ich bitte erst um Ruhe, dann werde ich zickig oder ziehe mich extrem zurück.

Meine Intuition, vor allem die, dass ich eine Stimmung sofort spüre, wenn ich einen Raum betrete, oder dass ich merke, wenn demnächst irgendein Horrorszenario losgehen wird, nützt mir bisher auch nichts. Ich höre ja nicht auf mein Bauchgefühl, weil ich das im Job gar nicht kann, sondern Anordnungen befolgen muss, die mir oft bescheuert erscheinen.

Meine Nerven sind scheinbar so mies ausgebildet, dass ich nichts ertragen kann, ohne kurz vor einem Infarkt zu stehen. Streit, Ärger, Schicksalsschläge haben mich mürbe gemacht, und dazu geführt, dass ich dauerangespannt bin und so zart besaitet, dass diese Saiten immer kurz vorm Zerreißen sind.

Also habe ich die blöden Seiten der Hochempfindlichkeit vorzuweisen, aber keine Hochbegabung. Mit Mathe stehe ich seit der 5. Klasse auf Kriegsfuß, ich habe keine Inselbegabung, kann nicht in wenigen Tagen eine Sprache wie Finnisch oder Isländisch lernen, ich kann immer noch keine Noten lesen und habe Instrumente stets nur nach Gehör gespielt. Aber nie eine Klaviersonate, sondern eher die Richtung Kinderlieder auf der Melodica.
Also, Hochbegabung, wo bist du?

Meine Begabung besteht darin, mich zu verausgaben und nicht zu bemerken, dass ich in eine Depression rutsche, bevor ich wieder mal voll drinstecke. Und in die Klinik muss.
Da bin ich jetzt seit Ende März.
Erst Tagesklinik, dann stationär, weil ich das Tagespensum nicht schaffen konnte. Seither ambulant.
Gebracht hat es dieses mal gefühlt überhaupt nichts. Es war mir zu laut, ich habe Ruhe und Antworten gesucht und keine gefunden. Mitpatienten gingen mir permanent auf die Nerven, Medikamente haben paradox gewirkt, Therapeuten haben mich mit Fragen gelöchert, dabei wollte ich Antworten haben. Die habe ich weder bei Ärzten gefunden, noch bei Psychologen, noch in Gruppengesprächen oder in Büchern.
Die Zeit drängt. Der Arbeitgeber ruft, und ich habe auch keine Lust mehr, mich unnütz zu fühlen, weil ich nichts leiste, und außerdem brauche ich langsam wieder mein Gehalt. Zwar hätte ich noch weit über ein Jahr Anspruch auf Krankengeld, aber ich will es nicht ausreizen, weil ich nicht weiß, was es noch bringen soll, weiter in die Klinik zu latschen. Ich fühle mich zu Hause relativ sicher und habe Angst vor der Arbeit bzw. vor dem Arbeitsumfeld, ich weiß nicht, was mich erwarten wird, ob ich versetzt werde, weil es einfach reicht, dass ich so lange krank war. Aber ich muss raus hier. Ich muss mich selbst wieder nützlich fühlen.
Meine Arbeit zu wechseln, steht nicht zur Debatte. Auch wenn ich einen weiteren Versuch mit neuer Ausbildung starten würde, wenn ich das nötige Geld hätte. So lange ich eine Studentin finanzieren muss, ist das aber eben nicht drin.

Familiäre Querelen inkl. Anwalt und Drohungen muss ich erst mal weiter ertragen. Das schwarze Schaf war ich ja schon immer. Ich habe mich zum ersten Mal gewehrt und sehe ein, dass ich nicht azugehören kann, wo das nicht gewünscht wird.

Ich habe aber eine wundervolle Tochter und einen Mann, der hinter mir steht. Das ist mehr, als andere haben, die alleine durch alles durch müssen.
Und dennoch bin ich nicht gesund. Trotzdem ist der schwarze Hund nach wie vor hinter mir her.
Es geht mir besser, ja. Aber ich bin nicht stark. Ich habe nach wie vor keine Antworten auf die Fragen: wie werde ich stark? Wie werde ich gelassen? Wie kann ich dafür sorgen, dass mir belastende Ereignisse nicht so zusetzen, dass ich daran kaputt gehe? Wie werde ich belastbarer? Wie kann ich meine Gedanken ausschalten, die dazu führen, dass es mir schlecht geht? Wie werde ich diesen beschissenen Weltschmerz los? Wie begreife ich, dass ich nicht die Welt retten kann? Wie lerne ich, mich selbst zu achten, zu respektieren, zu akzeptieren? Wie werde ich meine Angst los? Wie werde ich mein schlechtes Gewissen los, wenn ich nicht genug leiste? Wieso habe ich überhaupt ein schlechtes Gewissen, wenn ich es mir einmal gutgehen lassen will? Wieso lasse ich es so an mich heran, wenn ich kritisiert werde, dass ich mich selbst für einen Versager halte und mir überhaupt nichts mehr zutraue? Die Liste der Fragen kann beliebig weitergeführt werden.

Die Antwort auf alle Fragen nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest ist eben nicht 42!

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2 Gedanken zu „Die Antwort ist nicht 42.

  1. hach, da kommt mir doch manches sehr bekannt vor, auch speziell so Schilderungen deiner Jugend und die Lärmemfindlichkeit. Es gibt einen freine Therapeuten, Sellin heißt er, der hat 2 Bücher über Hsp geschrieben. Das eine kenne ich und finde es sehr gut weil es eben viel zum Umgang von uns HSP´s mit der Umwelt thematisiert und beim Zweiten geht es um unsere Grenzen, das brauch ich unbedingt noch und vermute das es ähnlich gut sein wird.
    Alles Liebe für Dich und schau echt mal nach dem Veit Lindaubuch… Selbstliebe statt Funktionswahn (an dem ich auch immer mal wieder scheitere… aber Entwicklung ist nicht ausgeschlossen) 😀

  2. nonanic sagte am :

    Danke für deine Tipps 🙂
    Immer schön, wenn man hört, dass es auch andere gibt, die besonders, was die Lärmempfindlichkeit angeht, ähnlich ticken. ❤

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