nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Neustart

Gestern war es also soweit. Ein Gespräch zu meiner beruflichen Zukunft stand an.
Meine Vorahnung, dass ich nicht zu meinem alten Job zurückkehren werde, hat sich bestätigt.
Es war nicht mein Wunsch, ich war dennoch nicht überrascht, dass es so gekommen ist. Ich hatte ja damit gerechnet. Meine Vorgesetzten hatten aber nicht damit gerechnet, dass ich damit gerechnet habe.
Eigentlich sollte das dieses sog. Gespräch zur Wiedereingliederung sein, das einem per Gesetz zusteht. Und eigentlich sollte das unter vier Augen stattfinden. Hat es aber nicht. Ich sollte überrascht werden, mit einem dritten Paar Augen, das ich abgelehnt hätte, hätte ich früh genug Bescheid gewusst. Kurz vorm Eintritt in das „Ganz-Oben-Zimmer“ hat mir eine vertrauenswürdige Quelle aber gesteckt, wer da noch dabei sein wird, und so hatte ich zumindest einen kurzen Augenblick Zeit, mich zu fassen und keinen überraschten oder verärgerten Eindruck zu machen. Das war mir sehr wichtig. Ich will keine jammervolle, aufgeregte und hilflose Kreatur abgeben, wenn über meine Zukunft entschieden wird.

Seltsamerweise hat das innerliche Zittern schnell nachgelassen. Ich habe mir die psychologisch geschulte Rede angehört und mich eigentlich nur geärgert, dass Vorgesetzte scheinbar wirklich glauben, die Untergebenen nehmen ihnen ab, was sie da auswendig gelernt haben. Sorry, Folks, aber das beleidigt unsere Intelligenz.
Aber sicher hätte ich mich mit Aussagen wie „man will Sie einfach nicht mehr in der Abteilung haben, in der sich weit über 10 Jahre nie das gemacht haben, was von Ihnen verlangt wurde, Ihre Aufmüpfigkeit geht allen auf den Sack, Sie sind unbeliebt, Sie haben jetzt schon zum 2. mal wegen Depressionen länger gefehlt, und das ist einfach nicht mehr tragbar, deshalb werden Sie versetzt“ auch nicht sonderlich wohl gefühlt.

Natürlich war es schon beschlossene Sache, dennoch wurde ich gefragt, wie ich dazu stehe, dass ich wo anders dringend gebraucht werde, wo nicht so ein Druck auf mir lastet (haha) und wo niemand die Arbeit so erledigen kann wie ich mit meinem Backround und meinen supertollen Ausbildungen (hahaha).

Ich habe, seltsamerweise, ganz ruhig eine einzige Frage gestellt. Und zwar die nach meinem Gehalt. Als die zufriendenstellend beantwortet war, habe ich, ebenfalls ganz ruhig, nur genickt und gesagt: ok, ich mach’s.
Und dann wurde ich noch ruhiger. Der Knoten in meinem Bauch hat nicht mehr so gedrückt. Mir wurde leichter.
Zwar war ich etwas durcheinander und mir ging auch durch den Kopf, ob ich in das neue Aufgabengebiet hineinfinden werde, aber größtenteils war da nichts als Erleichterung. Darüber, dass ich nicht mehr dahin zurück muss. Und die Frage: warum, um Himmels willen, habe ich weit über 10 Jahre gekämpft, um dazu zu gehören, obwohl man mich nicht mochte, meine Arbeit nicht geschätzt hat und mir Steine in den Weg gelegt hat, wo es nur möglich war?
Weil es das war, was ich kannte. Weil ich Angst vor Neuem hatte, vor dem Fremden. Vor anderen Kollegen, vor einem anderen Umfeld, vor anderen Arbeitsweisen. Auch wenn die evtl. viel besser für mich gewesen wären, wollte ich nicht weg aus dem Umfeld, das ich kannte.
Auch wenn ich morgens mit Bauchschmerzen zur Arbeit gefahren bin. Ich hatte mich nie daran gewöhnt, wie es da zugeht. Ich bin mit so vielem nicht zurecht gekommen, und habe mir trotzdem befohlen, zu bleiben, auszuhalten, nicht aufzugeben, nicht schwach zu sein und erst recht nicht die Flucht zu ergreifen, weil das für mich als größte Schwäche gezählt hätte.

Nun wurde mir die Entscheidung abgenommen.
Ich habe keinen Gedanken daran verschwendet, nochmal zu kämpfen, um bleiben zu können. Im Vordergrund stand nicht mehr die Angst vor Neuem, sondern die Freude darüber, dass ich Neues kennenlernen werde und Altes abstreifen kann. Ich habe sofort nachgegeben und losgelassen. (Loslassen ist ja auch so ein Ding, das mir schwerfällt).
Es stand auch nicht im Vordergrund die Enttäuschung darüber, dass man mich nicht weiter haben will, sondern die Tatsache, dass ich doch sowieso nicht mehr dahin zurück wollte. Ich hätte mich nur wieder gezwungen, so weiterzumachen wie bisher und durchzuhalten ohne auf meine Bedürfnisse zu achten und auf mich zu hören.

Der Überraschungsmoment war somit auf meiner Seite. Die beiden Gegenüber waren überrascht, und alles, was noch an Gewäsch einstudiert war, war überflüssig geworden, beide machten den Eindruck, als wären sie aus dem Konzept gebracht worden, weil es nicht wie geplant lief, sondern eigentlich nach 5 Minuten erledigt war.
Es kann nun nicht gesagt werden, ich habe mich gewunden und musste mit Druck geschasst werden.
Es ist viel mehr so, dass es heißen muss: die war sofort einverstanden! Was sollte das denn? Die wollte ja nicht mal bleiben! Als wäre ihr das alles total egal!

Es ist mir egal, was erzählt werden wird.
Ich habe bereits mit den neuen Vorgesetzten geredet und klargestellt, dass man nicht damit rechnen muss, dass ich muffig zur Arbeit kommen werde, weil ich versetzt wurde, sondern dass ich mich auf das neue Team freue und sehr erleichtert bin nun wieder in meiner alten Heimat arbeiten zu können. Und zum ersten mal habe ich von Vorgesetzten gehört, dass sie sich freuen, mich im Team zu haben.

In den letzten Jahren habe ich gelernt, dermaßen an mir zu zweifeln, dass ich mir gar nichts mehr zutraue. Dass ich alles xmal kontrollieren muss, um Fehler zu suchen, und wenn ich keinen gefunden habe, dann konnte das nicht stimmen, weil ja alles, was ich mache, Fehler beinhalten muss, weil ich nichts kann. Das hat mich fertig gemacht. Ich traue mir nichts mehr zu. Deshalb hatte ich auch Angst, anderswo zu arbeiten, weil man dort dann ja auch sehen würde, dass ich nichts kann.
Meine Menschlichkeit wurde als Schwäche bezeichnet, dass ich Härte abgelehnt habe, hat man als Arbeitsverweigerung betrachtet. Es gab immer irgendetwas, was mit mir nicht stimmte.
Natürlich habe ich deswegen auch Angst, dass das alles der Wahrheit entspricht, und ich auch auf dem neuen Arbeitsplatz versagen werde.

Wobei sich dann wieder die Frage stellt: wieso hat man 12 Jahre so jemanden wie mich ertragen? Etliche haben in der Zeit gekündigt oder sich versetzen lassen. Ich habe durchgehalten.

Mir ist nach heulen zumute. Aber hauptsächlich aus Erleichterung, nicht aus Enttäuschung.

Es heißt ja, dass jedem Anfang ein Zauber innewohnt. Hoffen wir, dass es kein fauler Zauber ist. Ich muss noch 25 Jahre arbeiten, die sollten zumindest auch beruflich minimal lebenswert sein.

 

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6 Gedanken zu „Neustart

  1. MrsCgn sagte am :

    Ein sehr bewegender Blogpost. Vieles davon kam mir sehr bekannt vor; ich kann Dich daher gut verstehen. Für Deine neue Aufgabe wünsche ich Dir das Beste, Deine Einstellung wirkt auf mich sehr gereift und positiv. Alles Gute!

  2. Alle guten Wünsche für den Neustart ❤

  3. Wohlan denn, Herz, nehme Abschied und gesunde!

    Es ist ein hoffnungsvoller Weg, den du da einschlägst oder einschlagen musstest. Ich hoffe, er kommt dir und deiner Besonderheit, dem Hochsensiblen, entgegen. Ich warte gespannt darauf, wie es dir an deiner neuen Position ergeht und ich bin mir sehr, sehr sicher, dass du viel mehr richtig machst, als du so ahnst!
    Alles Liebe!

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