nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Nebel im Kopf- Stechen im Herzen. So sehen schlechte Tage aus.

Seit meinem letzten Beitrag war ich fast davon überzeugt, eine schnelle Heilung hingelegt zu haben. Ob der Erleichterung des Jobwechsels habe ich mich wirklich gut gefühlt und hatte ein paar richtig normale Tage ohne das ewige Drücken in mir drin und den Wahnsinn im Kopf.

Bis gestern.
Ich hatte nachts schon zum zweiten mal in letzter Zeit enormes Herzstechen. Wenn ich beim ersten mal vor einigen Wochen auch noch dachte, „Schlaf einfach, vielleicht bleibt dir das Herz stehen und du wachst nicht mehr auf“, war es in dieser Nacht schlimmer. Ich konnte nur schwer atmen, das Stechen im Herzen tat wirklich irre weh, aber da ich es ja gewohnt bin, auszuhalten, wollte ich keine Wellen schlagen. Was sollte ich da auch machen? Den Notarzt rufen? Und wenn dann doch nichts wäre, was für Folgen hätte das? Ausgelacht werden? Neuer Stoff fürs Dorfgespräch?
Ich hatte nur kurz und schlecht geschlafen und musste einen Termin in der Klinik wahrnehmen, es schien mir besser zu gehen, und meine Laune war trotz Müdigkeit ok.
Auch die Fahrt war normal. Bis ich auf dem Parkplatz stand also keine besonderen Vorkommnisse, außer dieses Stechen. Als hielte jemand mein Herz in den Händen und würde es zerquetschen und mit einem Messer darauf einstechen.
Um ins Gebäude zu gelangen, muss man vom Parkplatz ein kleines Stück bergauf gehen. Bei jedem Schritt wurde die Kurzatmigkeit schlimmer, und ich dachte, ich kippe um. Als sei jede Kraft, mich aufrecht zu halten, verloren gegangen, habe ich mich weitergeschleppt. Ich wollte nur bis zur Toilette kommen, um mich da ein wenig auszuruhen, dann würde es schon wieder gehen. So sollte mich keiner sehen. Was, wenn ich umkippe?
Den Tränen nahe, weil sich mein Herz nicht beruhigen konnte und ich es in den Ohren schlagen spürte, setzte ich den Weg fort. Um die Treppe hochzukommen, musste ich mich am Geländer hochziehen. Ich wurde gleich ins Arztzimmer durchgewunken und war mir sicher, keinen Schritt weiter zu schaffen. Mittlerweile war ich überzeugt: es kann nur ein Herzinfarkt sein! Das kommt vom Rauchen. Die Ärztin wird mir helfen, sie muss es mir ansehen, ich bin blass, außer Atem, sicher wird gleich ein EKG angeordnet. Dabei habe ich jetzt so gar keine Zeit für einen Infarkt, mit Krankenhaus und Reha, ich muss doch ab Montag wieder arbeiten.

Ich musste warten, bis sie aus einer Krankenakte etwas in ihren Rechner getippt hatte und wäre in der Zwischenzeit gerne in Tränen ausgebrochen, weil es mir sogar schwerfiel, gerade auf dem Stuhl zu sitzen.
Als ich endlich reden durfte, teilte ich mit, wie schlecht es mir gerade geht. Was der Grund dafür sei, wollte sie wissen. Es gibt keinen Grund. Es ist alles ok. Neue Arbeit in Sicht. Das sei ja gut. Mein Herz spinnt. Vermutlich kriege ich einen Infarkt. So wie es mir jetzt geht, ging es mir in den letzten Monaten nicht. Das ist nicht psychisch, verdammt nochmal, mein Herz gibt auf!
Natürlich wurde ich nicht ernst genommen. Das Grinsen der Ärztin hat mich wütend gemacht. Ich hätte ihr am liebsten ihre Tastatur ins Gesicht gedroschen.
Ich könnte hier verrecken, und es stünde in meiner Akte, das sei nur psychisch.
„Wofor haben  Sie Angst?“
Vor nichts, verdammte Scheiße! Es ist nichts passiert, ich habe gerade alles im Griff, und jetzt gibt mein Herz auf!
Immerhin wurde mein Puls gemessen. 168. Flach.
Und jetzt? Was tun Sie dagegen?
Nichts. Wir haben aneinander vorbeigeredet, ich wurde immer wütender, wollte nur noch nach Hause, mich hinlegen.
Nichts, was ich sagte, schien bei ihr anzukommen. Ich wurde überhört. Dass vor einigen Jahren in der gleichen Klinik festgestellt wurde, dass ich eine Narbe an der Herzwand habe, wurde übergangen. Kein Blutdruck gemessen, kein EKG.
Ich sollte am besten gleich noch ins alte Büro fahren und meine persönlichen Sachen holen. WIE DENN? Bei jedem Schritt schien ich schwächer zu werden. Ich habe mich so hilflos gefühlt und war mir sicher, ich schaffe es nicht zum Auto.
Aber weiter zu reden war sinnlos, ich musste irgendwie zum Parkplatz kommen, aber ich habe den Weg nicht in einem Stück geschafft. Atemnot, zittern, Herzrasen. Der Körperscan, den ich in der Therapie gelernt hatte, brachte nichts. Ich musste mich auf eine Bank setzen. Dort wollte ich mich erholen, um die letzten 50 Meter zum Auto zu kommen. Oder darauf warten, dass mein Herz explodiert.
Im Auto das gleiche. Ehe ich losfahren konnte, erst mal ausruhen. Den Kopf aufs Lenkrad gelegt, habe ich darauf gewartet, dass das Zittern nachlässt und ich wieder atmen kann. Es wurde nicht besser, und doch bin ich losgefahren unter der Prämisse, irgendwo anzuhalten und den Notarzt zu rufen, wenn es gar  nicht besser würde.
Ich war kurz davor, mich zu übergeben, meine Beine und Hände haben gezittert, und doch habe ich mich gezwungen, weiter zu fahren. Zu Hause angekommen, war ich nach dem Treppen steigen wieder so kaputt, dass ich mich erst aufs Bett legen musste, ehe ich weitergehen konnte. Ich war erschlagen. Das Ganze hat sich noch etwa eine Stunde hingezogen, bis sich mein Puls verlangsamt hat. Die Herzschmerzen blieben den ganzen Tag. Heute spüre ich nichts mehr außer Benommenheit von den Beruhigungstabletten.
Es war also eine Panikattacke, sagt die Ärztin.
Aber so heftig ist das selten. So schmerzhaft wie gestern war es noch nie.

Und ich frage mich: wieso jetzt? Wo sich zumindest ein Problem gelöst hatte.
HATTE, weil ich mich jetzt frage, ob ich zu einfach aufgegeben habe. Ob ich mich habe überrumpeln lassen, was die Arbeit angeht. Ob ich darauf hätte bestehen sollen, dass das Gespräch unter vier Augen stattfindet anstatt unter sechs.
Dass ich hätte sagen sollen, wie enttäuscht ich bin, dass trotz des Psychogewäschs durchkommt, dass sich die Vorgesetzten einen Scheißdreck um meine persönliche Situation scheren, dass ich ihnen egal bin. Wobei ich genau weiß, dass ich aus diesem Grund auch besser nichts weiter gesagt habe. Ich hätte vielleicht fragen können, ob ich auch versetzt worden wäre, hätte ich einen Herzinfarkt gehabt oder Krebs. Ob man das so macht mit kranken Mitarbeitern. Weg mit denen, die belasten!
Ich war gut genug, jeden zu vertreten, der, aus welchem Grund auch immer, gefehlt hat. Jahrelang. Ich habe mich für die eingesetzt, über die gelästert wurde, wenn sie nicht da waren. Gerade für die, die psychische Probleme hatten oder überlastet waren. Das war nicht gerne gesehen, dass ich bei Vorgesetzten gesagt habe, wie widerlich es ist, hinter dem Rücken von Kollegen über sie zu hetzen.
Ich habe mich geweigert, andere in die Pfanne zu hauen, Fehler zu sammeln und Kollegen anzuschwärzen, wenn es darum ging, sie aus der Abteilung zu mobben. „Da mache ich nicht mit“, habe ich mehr als einmal gesagt.
Ich habe nicht mal den Vorgestzten angeschwärzt, wenn ich bei noch höheren Vorgesetzen zum Verhör war, der jetzt dafür gesorgt hat, dass ich gehen musste.

Alles, was mir letzte Woche Erleichterung verschafft hatte, ist weg. Es ist nur noch Enttäuschung da, und die Angst vor dem Neuen. Was ist, wenn es mir zu laut ist und ich mich nicht konzentrieren kann? Ich habe kein eigenes Büro mehr, sondern sitzte in einem riesigen Großraumbüro. Von der Arbeit habe ich keinen blassen Schimmer, die neuen Kollegen müssen mich anleiten, ich mache erst mal Widerleingliederung und bringe meinen kompletten Jahresurlaub mit. Und vor allem der Hintergrund: DIE HAT DEPRESSIONEN!
Was, wenn ich nicht kapiere, was die mir erklären? Wenn ich mich nicht einfinde? Wenn ich zu lange brauche?

Und neben der beruflichen Seite bin ich privat noch komplett im Arsch. Mietnomaden, die noch dazu aus der eigenen Familie stammen, haben mich in den finanziellen Ruin getrieben, wer weiß, was für Kosten noch auf mich zukommen? Ich sehe kein Land mehr.
Was, wenn ich mein Darlehen nicht weiter zahlen kann, weil mir alles über den Kopf wächst?
Die Studienkosten fürs Kind rauben mir den Schlaf, ich weiß überhaupt nicht mehr, wie ich das alles finanzieren soll. Die monatlichen Kosten erdrücken mich.
Meine eigene Familie wünscht mir den Tod und hat das auch offen ausgesprochen, weil ich mich geweigert habe, sie weiter zu finanzieren, nicht nur, weil ich mich nicht mehr ausnutzen lassen will, sondern auch, weil ich das gar nicht kann. Wie soll ich mit meinem Einkommen, mein Haus abzahlen, Studium finanzieren, und noch eine vierköpfige Familie unterstützen, weil ich mich hochgearbeitet habe, und die keinen Bock haben, irgendwas zu leisten?
Mein eigener Vater hätte mich früher für einen Kasten Bier verkauft und zerstört jetzt alles, was mir gehört, um mich zugrunde zu richten, weil ich nicht mehr spure, wie er sich das vorstellt.

Ich muss ein furchtbarer Mensch sein.
Jedenfalls so einer, der anderen Signale sendet wie „mach mich zum Opfer“, so erklärt das zumindest meine Ärztin.
Ich bin durcheinander, habe Kopfschmerzen, Nebel im Kopf, bin mutlos und sehe gerade kein Land mehr.

Ich dachte, ich habe es endlich geschafft, mich wieder hochzukämpfen, dabei hat mir der Tag gestern gezeigt, ich habe gar nichts geschafft. Ich bekomme bei jedem Scheiß, der ansteht, Panik, bis ich keine Luft mehr bekomme und zusammenbreche. Ich kann meine eigenen Sognale nicht deuten.
Was habe ich also in den letzten Wochen gelernt? Gar nichts?
Mein Motto, nichts mit Gewalt, sondern alles mit Ruhe und Besonnenheit zu regeln, hat mich nicht weiter gebracht. Ich will immer für alle Verständnis zeigen und mit Bedacht handeln. Ich versuche, mich in alle hineinzuversetzen, niemanden zu verletzen und Achtung und Respekt vor allen zu haben, selbst, wenn sie mich wie den letzten Straßenköter behandeln.

Scheinbar habe ich aber nicht mal vor mir selbst genug Respekt und Achtung.

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Ein Gedanke zu „Nebel im Kopf- Stechen im Herzen. So sehen schlechte Tage aus.

  1. Hey,

    ich kenne deine momentane Situation nur zu gut.

    Erst einmal schenke ich dir ein Gedicht von Hermann Hesse, das ganz gut zu deiner Überschrift dieses Posts passt:

    Im Nebel

    Seltsam, im Nebel zu wandern!
    Einsam ist jeder Busch und Stein,
    Kein Baum sieht den anderen,
    Jeder ist allein.

    Voll von Freunden war mir die Welt,
    Als noch mein Leben licht war;
    Nun, da der Nebel fällt,
    Ist keiner mehr sichtbar.

    Wahrlich, keiner ist weise,
    Der nicht das Dunkel kennt,
    Das unentrinnbar und leise
    Von allem ihn trennt.

    Seltsam, im Nebel zu wandern!
    Leben ist Einsamsein.
    Kein Mensch kennt den andern,
    Jeder ist allein.

    Ich wünsche dir für deinen weiteren Weg alles Gute – vor allem viel Kraft. Vertraue dir selbst – nur du allein weißt, was gut für dich ist.

    Nachdem ich in dem Post oben etwas mehr über dich erfahren habe frage ich mich schon die ganze Zeit, ob du den Begriff der Hochsensibilität gehört hast?
    15-20% aller Menschen besitzen diese Charaktereigenschaft – allerdings kommt diese wissenschaftliche Erkenntnis nach der Wissenschaftlerin Elaine Aron erst so langsam ins Rollen.

    Falls du mehr Infos dazu haben möchtest, lade ich dich gerne auf meine WordPress-Seite ein:
    https://hochsensibel1753.wordpress.com/herzlich-willkommen/

    Oder hier eine gute Beschreibung, was Hochsensibilität überhaupt ist:
    http://www.hochsensibel.org/startseite/infotext.html

    Du schreibst, dass du bei jedem Scheiß, der gerade ansteht, Panik bekommst. Genau so war das bei mir auch! Und ich konnte meine Signale ebensowenig deuten. BurnOut war bei mir die Folge – obwohl ich spürte, da ist noch irgendwas anderes.

    Hier ein kleiner Tipp von mir um für dich mal auszutesten, ob es eventuell die immense Reizflut von außen ist, die dich selbst irritiert:
    Wenn zuviel los ist – nimm dir 30 Minuten Zeit und setze dich an einen schönen Platz, wo du Ruhe hast. Kein Handy, kein Fernsehen, keine lauten Geräusche. Am besten Natur oder gar keine Geräusche. Und dann mache nichts. Mache einfach nichts. Doch, eines solltest du tun: Nimm wahr was in dir und außerhalb passiert.
    Wie fühlst du dich nach diesen 30 Minuten? Es werden auch negative Gedanken an dir vorbeischießen oder dableiben. Aber das ist normal. Versuche am Ende mal zu beurteilen, was mit dir passiert ist.

    Ich wünsche dir von Herzen alles erdenklich Gute – vertraue dir selbst und bleibe ein solcher Gutmensch, wie du schon immer warst!

    Ganz liebe Grüße,
    Julia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: