nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “November, 2014”

Vier Wochen später

Mittlerweile sind schon vier Wochen um seit dem ersten Tag im neuen Job.
Es gab noch keinen Tag, an dem ich nicht hin wollte. Klar, manchmal bin ich sehr müde, bedingt durch die Tabletten, und ich würde gerne noch eine Weile schlafen, drücke den Wecker mehrfach aus, allerdings überliste ich mich dadurch, dass ich ihn eine halbe Stunde früher stelle.
Vier Stunden täglich habe ich die letzten beiden Wochen gearbeitet, danach war ich meistens auch ziemlich erschlagen. Aber zufrieden.
Nur einmal bin ich bisher in mein altes Verhaltensmuster gefallen. Ich wurde auf einen angeblichen Fehler angesprochen, den ich gemacht habe. Nach Prüfung hat sich herausgestellt, dass es gar kein Fehler war. Das hat mich stinksauer gemacht und ziemlich aufgeregt, ich bin innerlich sofort an die Decke gegangen, weil ich befürchtet habe, es könne so laufen, wie bei der alten Stelle – sofort wird alles auf mich abgewälzt, ohne genau zu prüfen, was eigentlich Sache ist.
Ich habe mich sofort verteidigt und aufgeklärt, dass ich alles richtig gemacht habe, und klargestellt, dass es mich ärgert, mir etwas anzuhängen, was ich nicht verbockt habe. Die Kollegin ist also gewarnt.
Überhaupt fällt auf, dass es dort oft Missverständnisse gibt, weil man nicht richtig zuhört oder ungenau arbeitet. Die Kollegen sehen das allerdings recht locker und sagen von sich selbst, dass oft Fehler gemacht werden, die man dann wieder ausbügeln muss, aber das sei normal, das passiere allen Kollegen.
Das ist mir absolut fremd. Fehler eingestehen, und überhaupt, Fehler machen – das kenne ich nicht von den alten Kollegen, das wurde grundsätzlich mir in die Schuhe geschoben.

Mittlerweile haben mir die meisten das „Du“ angeboten, jeder erzählt viel Privates von sich, was ich auch nicht kenne. Es wird gelacht, gescherzt, die ganze Stimmung ist äußerst familiär, und der Respekt, der mir entgegen gebracht wird, ist unglaublich.
Selbst der Chef hat mich gefragt, ob es irgendjemanden gibt, mit dem „ich nicht kann“, das würde er bei der Teameinteilung berücksichtigen. Es gibt niemanden, ich komme bisher mit allen klar, und ich habe ich nicht das Gefühl, dass jemand mich ablehnt. Ich fühle mich voll integriert und aufgenommen.

Wenn man meine früheren Beiträge aus den letzten Monaten liest, ist es sogar für mich sebst unfassbar, dass ich seit meinem ersten Arbeitstag keine depressiven Gedanken mehr habe.
Privat ist jetzt wohl auch alles geklärt, Erbverzicht erledigt, Kontakte abgebrochen. Ich habe enorm hohe Kosten am Hals und Rechnungen hier liegen, die mir eigentlich den Magen umdrehen. Aber auch das wird irgendwie funktionieren und treibt mich jetzt nicht wieder in die Tiefen der Depression. (Ehrlichgesagt habe ich das die letzten Tage eher verdrängt.)

Nur körperlich fühle ich mich noch nicht wieder hergestellt. Meine Müdigkeit nervt mich, aber auch da gestehe ich mir zu, eben zu schlafen oder auszuruhen. Das Pensum, das ich geleistet habe, bis ich vor 5 Jahren die Krätsche gemacht habe, werde ich nie wieder erreichen können, aber das muss auch nicht sein.
Wenn ich vom Arbeiten komme, muss ich erst mal schlafen. Dass es hier aussieht, wie Sau, belastet mich, aber ich habe nicht die Kraft, auch noch einen perfekten Haushalt zu führen, und so mache ich nach und nach das Nötigste, und, wenn ich genug Energie habe, auch mal etwas mehr. Was bisher zu selten der Fall war.
Ein anderes Thema ist das Essen. Ich bin von Kleidergröße 32/34 in den extremsten Zeiten auf eine Kleidergröße von aktuell 40 gekommen!! Das kotzt mich ehrlichgesagt etwas an, macht mich jetzt aber auch nicht mehr so fertig, dass ich deswegen Heulkrämpfe bekomme. Ich kann es nicht lassen. Es ist, als würden die Tabletten meinem Hirn den Befehl zum Essen geben. Hauptsächlich Süßes natürlich. Zwischenzeitlich hatte ich den Gedanken, die Medikamente deshalb einfach abzusetzen. ALARM!!!!
Ich kann also entweder dünn und depressiv oder gesund und etwas kräftiger sein. Böse Falle. Derzeit ist es mir wichtiger, dass ich nicht depressiv bin.

In zwei Wochen werde ich wieder Vollzeit arbeiten. Davor habe ich Schiss, muss ich gestehen. Aber es muss wieder vorwärts gehen, und ich brauche mein Gehalt, um auch finanziell wieder auf die Beine zu kommen.

Also kommen wir zum Fazit: Du wirst so lange von Depressionen gebeutelt, bis du kapierst, was dir schadet und das änderst? Bei mir kommt das vermutlich hin.
Ich habe eine Arbeit gemacht, von der ich wusste, es wird sich nie was ändern. Ich habe es gehasst, dort zu arbeiten, es hat mich kaputt gemacht. Aber ich habe 12 Jahre nichts geändert, weil ich keinen Ausweg gesehen habe. Ich dachte, ich kann nichts anderes, und ich hatte Angst vor Neuem. Das alles hat sich auch auf mein Privatleben ausgewirkt und mich immer kleiner werden lassen.
Dennoch kann ich niemandem raten, seine Arbeit einfach hinzuschmeißen, wenn sie ihn krank macht, denn das habe ich selbst nicht getan. Mir wurde die Entscheidung abgenommen und ich habe nachgegeben. Zum Glück!

Für mich heißt das nicht, dass ich wie durch ein Wunder geheilt bin. Ich trage diese Anlage in mir. Es kann, sei es durch einen äußeren Auslöser oder weil mein Serotonin wieder spinnt, jederzeit wieder soweit sein.
Aber aktuell geht es mir gut. Ich warte nicht panisch darauf, dass es wieder losgehhen könnte, und ich habe auch keine Angst davor, dass es bald wieder soweit sein könnte. Ich bin mir sicher, dass das nicht meine letzte Depression war. Aber wann die nächste kommt, weiß ich ja jetzt noch nicht. Deshalb mache ich mich nicht weiter verrückt. Vielleicht dauert es ja viele Jahre, vor allem, wenn ich kapiere, dass ich mich nicht wieder selbst bis weit über meine Grenzen treibe.
Dass ich an mir arbeiten muss, wird nie aufhören. Ich bin so auf Leistung und Schnelligkeit und Verantwortung getrimmt, dass ich wie in der Schule ständig Hausaufgaben machen muss, um mir ins Gedächtnis zu rufen, mich zu bremsen, zu entspannen, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen, usw.

Was mir selbst und auch anderen auffällt, ist mein verändertes Auftreten. Ich verstecke mich nicht mehr, und das kannte ich seit Jahren nicht mehr.

Kämpfen wir also weiter.

To be continued….

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