nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Archiv für den Monat “März, 2015”

Der einzige Mensch, der an mir zweifelte, war ich.

Und dann musste ich mich in meiner Rolle als Vertretung des Chefs beweisen. Und ich bin immer noch überwältigt.
Die drei Wochen, in denen ich alleine als Führungskraft das Team unter mir hatte, sind um. Jetzt habe ich eine Woche Pause, bis ich wieder die Rolle übernehmen muss.
Die Ängste, die mich zu Beginn geplagt hatten, sind verschwunden. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es so gut läuft und ich tatsächlich alle Hürden so nehme, mit Ruhe und Besonnenheit und mit Stärke. Ohne Angst vor der Herausforderung und vor allem bei Problemen von außen, die quasi an der Tagesordnung waren. Ich habe alles geschafft, was verlangt wurde, ohne über Leichen zu gehen. Das Team war einfach nur ein Traum und hat mir zu jeder Zeit Respekt entgegengebracht.

Ich wollte so gerecht sein wie möglich, niemanden bevorzugen, niemanden vernachlässigen, und ich habe mich so verhalten, wie ich mir einen Vorgesetzten wünsche, und es hat geklappt. Ich habe meine Launen nicht an den Mitarbeitern ausgelassen, ich habe versucht, sehr viel Humor einzubringen, was mir gelungen ist. Und dabei war dennoch klar, ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Ich habe keine Diskussionen gescheut und kein Streitgespräch.

Und das größte Geschenk waren die Rückmeldungen der Kollegen und Vorgesetzten ganz oben, die durchweg positiv waren.

Wie kann das sein? Nachdem ich 12 Jahre in einer anderen Position so klein gehalten wurde, bis ich mir selbst rein gar nichts mehr zugetraut habe und wirklich dachte, ich bin einfach nur dumm und kann gar nichts. Erst recht keine Leistung bringen, die zufriedenstellend ist.
Ich hatte keinen Hehl daraus gemacht, weshalb ich krank war, als ich den neuen Job angetreten habe. Und dennoch hat man mir die Chance gegeben, mich zu beweisen. Der einzige Mensch, der Zweifel an meinen Führungsqualitäten hatte, war ich. Deshalb konnte ich kaum noch schlafen, als man mir mitgeteilt hatte, ich werde künftig den Chef vertreten. Am liebsten hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Und ich war mir sicher: das wird gewaltig schief gehen. Ich würde bestimmt beweisen, dass ich nicht in der Lage bin, ein Team zu leiten oder eine ganze Abteilung. Wie können die mir das antun, wo sie doch wissen, was mit mir los ist?
Diese Zweifel habe ich auch laut geäußert, allerdings ging der Chef überhaupt nicht darauf ein. „Ich weiß, dass du das kannst, und du machst das schon! Ende der Diskussion!“

Ich hatte fest damit gerechnet, dass während seiner Abwesenheit alles zusammenbrechen wird und ich die Abteilung herunterwirtschafte und dann mit der Schande leben muss.

Aber nichts dergleichen ist passiert.
Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegen die gößte Rolle bei allem gespielt haben. Hätten Sie mir nicht dieses übermäßige Vertrauen und den Respekt entgegen gebracht, wäre alles niemals so perfekt gelaufen. Sie hätten sich weigern können, mich anzuerkennen, schließlich bin ich noch nicht lange dabei. Sie hätten mir ans Bein pinkeln können, anstatt so hinter mir zu stehen. Dafür bin ich unendlich dankbar, und das habe ich auch so kommuniziert.
Vor allem „nach oben“. Ich stand hinter jedem Mitarbeiter, der seine Arbeit korrekt erledigt hat, wenn von ganz oben irgendwas geprüft wurde und ein Kollege angegriffen wurde. Ich habe kein Blatt vor den Mund genommen, auch die höheren Tiere zu bremsen, ist mir nicht schwergefallen.
Wie kommt das? Woher habe ich auf einmal diese Sicherheit und dieses Selbstbewusstsein? Warum schien anderen von vornherein klar, dass ich diesen Job schaffe, nur mir nicht? Vermutlich, weil jetzt alles stimmt. In meinem alten Job hätte ich erstens niemals diese Chance bekommen und zweitens wäre ich boykottiert worden, da bin ich sicher.
Es spielt also doch eine Rolle, wie das Umfeld mit einem umgeht.

Ich bin unendlich dankbar, dass man mir diese Chance gegeben hat, und dass ich mich beweisen konnte. Nach meiner Vergangenheit mit den Depressionen ist das nicht seblstverständlich und ich hätte nie damit gerechnet. Es ist ein Glücksfall, dass ich in diesem Job und diese Möglichkeit bekommen habe.

Dabei war mir immer klar: du bist nichts, du kannst nichts, man nimmt dich nicht ernst.
Und dann kam ich in diese Abteilung und meine Depressionen haben auf einmal keine Rolle mehr gespielt. Die Kollegen sagen lediglich: Wenn man dich sieht, rechnet man niemals damit, dass du so krank warst.
Kollegen wie Vorgesetzte reden mit mir über ihre Sorgen und sind davon überzeugt, dass es jeden treffen kann. Stellenweise schüttet man mir sein Herz aus, gibt zu, dass man auch Medikamente nimmt oder Angst davor hat, vor lauter Überlastung auch krank zu werden. In Gesprächen mit den Herren der Führungsebene behandelt man mich, als stünde ich auf gleicher Stufe, einer hat mir sein Lob ausgesprochen darüber, wie ich mit der Direktion kommuniziere und Stellung zu meinen Kollegen beziehe.
Oft dachte ich einfach nur: WTF?! Wann reißt ihr euch die Masken runter und schreit: HAHA! Verarscht! Du Null!

Jemand, der nicht in meiner Lange war, kann vermutlich nicht nachvollziehen, was mir die letzten Wochen bedeutet haben und was mir die Arbeit mit den Kollegen bedeutet. Und wenn wir ehrlich sind, ist das vermutlich eine absolute Ausnahme.

Andererseits habe ich aber sehr viel gelernt. Aus den Therapien der vergangenen Jahre, aus den unzähligen Büchern, die ich gelesen habe, aus Gesprächen mit anderen Patienten und Ärzten. Vermutlich ist also auch ein großes Stück mein eigener Verdienst und meine Arbeit an mir selbst.
Nicht zuletzt muss ich mich aber auch fragen: welchen Anteil haben die Medikamente? Hätte ich ohne meine Tabletten auch so ruhig bleiben können? Wäre mein Hirnstoffwechsel ohne chemische Hilfsmittel in der Lage, das alles zu stemmen?

Fakt ist: mein Leben braucht Struktur. Ich brauche Schlaf (der hat gelitten in den vergangenen Wochen, das gebe ich zu, und daran muss ich noch arbeiten).
Alle negativen Einflüsse, wie z. B. Menschen, die mir nicht gut taten, habe ich aus meinem Leben gestrichen.
Ich umgebe mich nicht mehr mit Leuten, die mich permanent schlecht machen und manipulieren wollen. Ich tue nichts mehr, nur weil es von mir verlangt wird, mich aber insgeheim ankotzt.
Ich nehme mir die Freiheit, nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will.
Ich verhalte mich in jeder Situation menschlich, bringe Verständnis auf, verlange das aber auch für mich.
Ich achte darauf, dass ich mich wohl fühle, dann kann ich auch schwere Tage gut überstehen. (Nicht zuletzt, und das mag lächerlich klingen, achte ich darauf, dass ich Klamotten und Schuhe trage, in denen ich mich nicht unwohl fühle und mich ein bisschen Schminke.)
Wenn man selbst mit sich zufrieden ist, fühlt man sich sicherer und zeigt das auch nach außen.
Ich bleibe auch in schwierigen Situationen ruhig, weil ich z.B. Beschwerden von Kunden nicht als persönlichen Angriff auffasse. (Erstaunlich, wie ich in Gesprächen den Kunde am Ende davon überzeugt habe, dass er eigentlich doch zufrieden ist.)

Ich will euch Mut machen mit meinem Bericht, und ich will euch zeigen, dass alles wieder ganz anders werden kann. Dass man nicht für immer in der Depressionshölle schmoren muss.
Ich weiß, wenn man Arschgeigen um sich hat, ist das schwer oder es klappt einfach nicht, das habe ich ja selbst jahrelang erlebt. Aber man MUSS eben was ändern. Eine Depression verschwindet vermutlich so lange nicht, bis man alles, was schädlich ist, aus seinem Leben entfernt hat. Das ist ein langer und verdammt schwerer Weg. Es bedeutet erst mal Verlust und Schmerz, sich von Dingen, Menschen oder Verhaltensweisen, an die man gewöhnt ist, zu verabschieden.
Aber so lange man an Situationen festhält, die einem mehr schaden als nutzen, wird sich genau gar nichts ändern.

Ich wünsche jedem einzelnen, der an Depressionen leidet, dass er gesund werden kann, dass er entdeckt, was ihm schadet, und dass er die Kraft aufbringen kann, das zu ändern.
Und ich wünsche ihm das Glück, das ich hatte, dass solche Menschen in sein Leben treten, wie das bei mir passiert ist.
Nur treten die erst dann in ein Leben, wenn Platz für sie geschaffen wurde – heißt: wenn die schlechten verschwunden sind, weil man sich von ihnen verabschiedet hat.

Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Es ist logisch. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und habe mich selbst in der Depression nicht einlullen lassen von „höheren Mächten“ oder was auch immer.

Geht in eine Kinik, lasst euch helfen, besucht einen Facharzt, macht eine Therapie, sucht euch Hilfe, redet mit Betroffenen, gebt nicht auf! Schämt euch nicht!
(Auch jetzt nicht, bei gegebenem Anlass: wir sind depressiv, keine Killer, die Flugzeuge abstürzen lassen)

Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die euch das Leben kosten kann. Auch ich hatte keine Lust mehr, zu leben.
Aber es kann immer alles wieder gut werden. Nehmt den Kampf auf! Er ist es verdammt nochmal wert.

Ich wünsche euch alles, alles, alles erdenklich Gute!

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Depressionsstatus: Sie ist weg

Ganz schön viel Zeit vergangen seit dem letzten Post. Und auch ganz schön viel passiert. Leider nicht ausschließlich schönes. Das vergangene Jahr hat genauso beschissen aufgehört, wie es angefangen hatte, und das neue begann mindestens genauso mies, wenn nicht schlimmer. Jedoch, und das ist das hüpfende Komma: ich habe auf die unschönen, niederschmetternden Ereignisse NICHT MIT EINER DEPRESSION reagiert. Auch wenn ich irre Angst davor hatte, wieder einen Rückfall zu erleiden. Ich gebe zu, ich war zeitweise geschwächt, hätte mich lieber verkrochen, wäre lieber nicht aufgestanden, hätte mich lieber mit Tabletten weggeballert, um das Elend nicht ständig im Kopf zu haben. Das Entscheidende ist aber: ich habe es nicht getan. Ich habe gelitten, und bin dennoch nicht daran zerbrochen. Ich habe stressige Zeiten überstanden und zeitweise nicht zuletzt für mich erstaunlich gelassen reagiert.
Zwar will ich den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, mit ab und an einem schlechten Tag oder auch zwei oder drei, kann ich gut damt leben. Denn: das ist keine Depression mehr, glaube ich. Das sind normale Reaktionen auf Verletzungen, Stress, Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und meinetwegen auch auf hormonelle Schwankungen.
Das Leben ist nicht immer nur Spaß, Friede, Freude, Eierkuchen. Manchmal kriegt man was auf die Fresse. Wenn einen das nicht mehr komplett aus der Bahn wirft, und man alleine wieder aufstehen kann, hat man es evtl. geschafft.

Ich habe zum Ende des Jahres nochmal einiges beenden müssen, was mir nicht gut getan hat. Zum einen hieß das, zum Großteil der Verwandtschaft den Kontakt abzubrechen, mit einem extrem harten Schnitt, sehr unschön. Ich habe auf mein Erbe verzichtet, um Ruhe zu haben und endlich frei zu sein. Die Aktion beim Notar war beschämend, allerdings nicht für mich. Als ich die Kanzlei verlassen hatte, war ein weiterer Knoten in mir drin weg. Ich bin nun kein Teil dieser krankmachenden Seite mehr. Ich bin quasi Halbwaise geworden, obwohl noch niemand gestorben ist. An manchen Tagen tut es noch etwas weh, wenn in meinen Gedanken Fragen auftauchen, warum man sein Kind so sehr hasst, nur weil es ein Mädchen geworden ist und nicht der ersehnte Thronfolger. (Ich gestehe, auch jetzt füllen sich meine Augen mit einer unangenehmen Flüssigkeit).
Gerade, weil ich selbst Mutter bin und meine Tochter über alles liebe, ihr niemals irgendetwas schlechtes wünsche oder antun könnte, kommen mir manchmal Ideen davon, was für ein schrecklicher Mensch ich sein muss, weil der eigene Erzeuger mich schon immer ablehnt. Dabei habe ich doch immer Leistung gezeigt. Geschuftet, es als Frau alleine zu einigem gebracht. Drei Berufe gelernt, mehr verdient als meine Brüder, ein Kind allein erzogen, Haus gebaut, Depressionen überstanden.
Leider hat das nie ausgereicht. Höchstens für Neid, weil man dachte, mir sei alles zugeflogen. Aber das ist nur meine Theorie und muss mit der Wirklichkeit ja nicht unbedingt etwas zu tun haben.

Beruflich sieht es da anders aus. Der neue Job ist um ein vielfaches stressiger als der alte, allerdings gehe ich darin auf. Der Respekt, den man mir immer noch entgegenbringt, ist ein Zugpferd für mich, und immer noch unglaublich. Nicht zuletzt die Tatsache, dass man mich, nachdem ich nach einer langen Arbeitsunfähigkeit wegen Depressionen neu in die Abteilung gekommen bin, zur Vertretung des Chefs gemacht hat, ist für mich einfach unfassbar. Dabei war mir all die Jahre klar, ich werde es nie wieder zu irgendwas bringen und immer nur als die mit den Depressionen bekannt sein. So war es im alten Job. Und jetzt heißt es nur: na und? Jetzt bist du wieder da, und du machst deine Sache gut.
Ich mag die Chefrolle nicht. Ich möchte nicht delegieren und Kollegen, die viel länger da arbeiten und älter sind als ich sagen, was sie zu tun haben. Ich sehe mich nicht aus Autorität. Umso erstaunlicher ist es, dass ich so gesehen werde. Die nächsten Wochen muss ich die Chefin sein, ich hatte panische Angst davor. Aber die Kollegen stehen hinter mir, fragen mich und respektieren meine Entscheidungen. Neben der Chefrolle muss ich noch meinen eigentlichen Arbeitsplatz betreuen, ich bin also ziemlich geschlaucht, wenn ich nach Hause komme. Und ich muss aufpassen, mich nicht wieder dahin drängen zu lassen, woher ich gerade gekommen bin. Ich halte Überstunden in überschaubaren Grenzen, und gehe nach Hause, wenn ich nicht mehr kann. Das ist für die Arbeit nicht förderlich, aber für mich notwendig. Ich werde Fehler machen, das wird nicht ausbleiben. Die werden mich aber nicht umbringen, schlimmstenfalls für Ärger sorgen, den ich dann eben ausbügeln muss.
Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen, sondern motze zurück, wenn ich angezickt werde und habe deshalb auch mal miese Laune.
Was mir aber sehr hilft, ist mein Humor. Egal, wie stressig der Tag ist, wie ernst irgendeine Tagesordnung, oder wie angepisst ein Kunde ist – ich versuche menschlich zu bleiben und ab und an einen Spaß zu machen, die Kollegen zum Lachen zu bringen, und oft gelingt mir das auch bei Kunden.
Mit meinen Depressionen gehe ich nach wie vor offen um, und auch hier sehe ich mittlerweile ab und an Humorpotential. D.h. eigentlich glaube ich, dass ich keine Depressionen mehr habe. Zumindest derzeit nicht.

Was nach wie vor einen großen Teil in meinem Lebenausmacht, sind Bücher. Die helfen in jeder Lebenslage, die sind ein Muss für mich, die brauche ich, wie ich Luft brauche. Wenn ich einen Tag nicht lesen kann, fehlt mir was, und ich bin unzufrieden. Als es mir so schlecht ging, waren Bücher das einzige, was ich ertragen konnte. Gedichte, Biographien, Sachbücher, Krimis, an Büchern habe ich mich festgehalten, egal zu welchem Thema. Bücher tragen einen großen Teil dazu bei, dass es mir gut geht, selbst, wenn es mir schlecht geht.

Ich gehe auch immer noch zu meiner Ärztin in die Klinik und weigere mich, wieder zu dem Arzt zu gehen, bei dem ich die letzten Jahre war. Wir haben quasi nicht mehr zueinander gepasst.
Die Ärztin sagt, sie ist ein Fan von mir, obwohl ich ihr oft widerspreche und dauernd damit ankomme, wann ich endlich die Tabletten reduzieren kann. Zwar bin ich immer noch Anhänger der  unterstützdenden medikamentösen Behandlung, dennoch glaube ich, bei mir ist es nach mittlerweile 6 Jahren Dauermedikation an der Zeit, es einmal ohne zu versuchen. Leider traut sich die Ärztin noch nicht, die Dosis zu verringen, sondern besteht darauf, dass ich bis mindestens ein Jahr nach Klinikentlassung die Tabletten so einnehme, wie in der Klinik verordnet.
D.h. bis Juni.
Nun… man sollte nicht selbst experimentieren, da ich aber fast die Höchstdosis nehmen musste, habe ich beschlossen, von 225gm (letztes Jahr waren es noch 300mg) auf 150 zu reduzieren. Ganz langsam versteht sich. Geschadet hat es nicht. Absetzerscheinungen hatte ich keine, weil ich eben vorsichtig war und das über Wochen gemacht habe. Die 150mg muss ich aber zwingend nehmen, bis ich weiter ausschleichen und auf 75 gehen kann.
Ich hätte das nicht gemacht, wenn es mir nicht so gut ginge!
Ich bin mir sicher, dass die Medikamente letztes Jahr einen noch schwereren Totalabsturz verhindert haben, wobei der erlebte ja schon schlimm genug war. Mag sein, dass ich niemals ganz ohne Antidepressiva auskommen kann. Um das herauszufinden, muss ich es aber versuchen. Ich weiß seit 2009 nicht mehr, wie ich ohne Tabletten agiere und reagiere. Ich will es wissen! Nicht zuletzt deshalb, weil ich mit meinem gestiegenen Gewicht hadere, das gebe ich zu. Ich fühle mich nicht mehr wohl, aber abnehmen fällt mir irre schwer.
Es steht nicht fest, ob die Tabletten an der Gewichtszunahme Schuld haben (die mich zum Fressen bringen), oder ob das jetzt einfach mit dem Alter zusammenhängt, dass ich nicht mehr, wie früher, alles essen kann, ohne dicker zu werden.
Ich möchte auch wissen, ob ich ohne Tabletten fitter bin. Zwar gab es schon viele Tage in Folge, an denen ich nicht dringend nach der Arbeit erst mal schlafen musste, weil ich mich einfach nicht mehr wachhalten konnte, aber Müdigkeit plagt mich eigentlich nach wie vor. Vereinzelt spüre ich schon sehr viel mehr Energie, aber dann muss ich wirklich ein paar Nächte durchgeschlafen und ein Pensum von mindestens 7 Stunden Schlaf pro Nacht erreicht haben. Was nicht einfach ist, da die Tage einfach zu wenig Zeit für ausreichend Schlaf bieten. Oder um den Haushalt ordentlich zu machen. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Oft frage ich mich, wie ich früher alles unter einen Hut bekommen habe. Vollzeitjob, Nebenjob, nebenberufliche Ausbildung, Hausbau, Oma versorgen, Kind erziehen, Haushalt. Nun… irgendwann gar nicht mehr, weil der Zusammenbruch kam.

Fazit: es geht mir viel, viel, viel besser. Ich bin stabil (meistens), lebe ganz gerne (auch meistens), bin belastbarer geworden, sehe aber nicht ein, meine Grenzen komplett auszureizen. Tage mit Struktur sind besser als ohne (im Urlaub oder während der letzten Grippeerkrankung zu Hause, lasse ich mich hängen und komme schneller wieder ins Grübeln). Panikattacken halten sich in Grenzen, die letzte ist eine Weile her. Ängste habe ich nach wie vor, aber die sind zu händeln, bzw. zu verdrängen. Die haben aber meist mit dem ganz normalen Leben zu tun und dürften sich durch die komplette Menschheit ziehen.
Ich weiß nicht, ob es für dieses mal ausgestanden ist, aber ich glaube schon.
Die Depression wird wiederkommen, das ist so gut wie sicher. Ich hatte schon zu viele Rückfälle, als dass man behaupten könnte, ich werde nicht wieder eine Depression durchmachen, bzw. mir wurde ja letztes Jahr schon gesagt, dass das bei mir eine chronische Sache ist.
Dennoch genieße ich jetzt mal eine depressionsfreie Zeit und das Leben als (fast) normaler Mensch. Mit Höhen und Tiefen.

Ich wünschte, ich könnte allen Depressiven sagen, dass alles wieder gut wird. Und dass ihr euch Zeit geben müsst. Ich werde oft gefragt, wie lange es denn noch dauern wird, bis es einem wieder besser geht… und ich kann immer nur die eine Antwort geben: Es dauert so lange, wie es dauert.

Alles Gute für euch ❤

 

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