nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Depressionsstatus: Sie ist weg

Ganz schön viel Zeit vergangen seit dem letzten Post. Und auch ganz schön viel passiert. Leider nicht ausschließlich schönes. Das vergangene Jahr hat genauso beschissen aufgehört, wie es angefangen hatte, und das neue begann mindestens genauso mies, wenn nicht schlimmer. Jedoch, und das ist das hüpfende Komma: ich habe auf die unschönen, niederschmetternden Ereignisse NICHT MIT EINER DEPRESSION reagiert. Auch wenn ich irre Angst davor hatte, wieder einen Rückfall zu erleiden. Ich gebe zu, ich war zeitweise geschwächt, hätte mich lieber verkrochen, wäre lieber nicht aufgestanden, hätte mich lieber mit Tabletten weggeballert, um das Elend nicht ständig im Kopf zu haben. Das Entscheidende ist aber: ich habe es nicht getan. Ich habe gelitten, und bin dennoch nicht daran zerbrochen. Ich habe stressige Zeiten überstanden und zeitweise nicht zuletzt für mich erstaunlich gelassen reagiert.
Zwar will ich den Tag nicht vor dem Abend loben, aber wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, mit ab und an einem schlechten Tag oder auch zwei oder drei, kann ich gut damt leben. Denn: das ist keine Depression mehr, glaube ich. Das sind normale Reaktionen auf Verletzungen, Stress, Ungerechtigkeiten, Beleidigungen und meinetwegen auch auf hormonelle Schwankungen.
Das Leben ist nicht immer nur Spaß, Friede, Freude, Eierkuchen. Manchmal kriegt man was auf die Fresse. Wenn einen das nicht mehr komplett aus der Bahn wirft, und man alleine wieder aufstehen kann, hat man es evtl. geschafft.

Ich habe zum Ende des Jahres nochmal einiges beenden müssen, was mir nicht gut getan hat. Zum einen hieß das, zum Großteil der Verwandtschaft den Kontakt abzubrechen, mit einem extrem harten Schnitt, sehr unschön. Ich habe auf mein Erbe verzichtet, um Ruhe zu haben und endlich frei zu sein. Die Aktion beim Notar war beschämend, allerdings nicht für mich. Als ich die Kanzlei verlassen hatte, war ein weiterer Knoten in mir drin weg. Ich bin nun kein Teil dieser krankmachenden Seite mehr. Ich bin quasi Halbwaise geworden, obwohl noch niemand gestorben ist. An manchen Tagen tut es noch etwas weh, wenn in meinen Gedanken Fragen auftauchen, warum man sein Kind so sehr hasst, nur weil es ein Mädchen geworden ist und nicht der ersehnte Thronfolger. (Ich gestehe, auch jetzt füllen sich meine Augen mit einer unangenehmen Flüssigkeit).
Gerade, weil ich selbst Mutter bin und meine Tochter über alles liebe, ihr niemals irgendetwas schlechtes wünsche oder antun könnte, kommen mir manchmal Ideen davon, was für ein schrecklicher Mensch ich sein muss, weil der eigene Erzeuger mich schon immer ablehnt. Dabei habe ich doch immer Leistung gezeigt. Geschuftet, es als Frau alleine zu einigem gebracht. Drei Berufe gelernt, mehr verdient als meine Brüder, ein Kind allein erzogen, Haus gebaut, Depressionen überstanden.
Leider hat das nie ausgereicht. Höchstens für Neid, weil man dachte, mir sei alles zugeflogen. Aber das ist nur meine Theorie und muss mit der Wirklichkeit ja nicht unbedingt etwas zu tun haben.

Beruflich sieht es da anders aus. Der neue Job ist um ein vielfaches stressiger als der alte, allerdings gehe ich darin auf. Der Respekt, den man mir immer noch entgegenbringt, ist ein Zugpferd für mich, und immer noch unglaublich. Nicht zuletzt die Tatsache, dass man mich, nachdem ich nach einer langen Arbeitsunfähigkeit wegen Depressionen neu in die Abteilung gekommen bin, zur Vertretung des Chefs gemacht hat, ist für mich einfach unfassbar. Dabei war mir all die Jahre klar, ich werde es nie wieder zu irgendwas bringen und immer nur als die mit den Depressionen bekannt sein. So war es im alten Job. Und jetzt heißt es nur: na und? Jetzt bist du wieder da, und du machst deine Sache gut.
Ich mag die Chefrolle nicht. Ich möchte nicht delegieren und Kollegen, die viel länger da arbeiten und älter sind als ich sagen, was sie zu tun haben. Ich sehe mich nicht aus Autorität. Umso erstaunlicher ist es, dass ich so gesehen werde. Die nächsten Wochen muss ich die Chefin sein, ich hatte panische Angst davor. Aber die Kollegen stehen hinter mir, fragen mich und respektieren meine Entscheidungen. Neben der Chefrolle muss ich noch meinen eigentlichen Arbeitsplatz betreuen, ich bin also ziemlich geschlaucht, wenn ich nach Hause komme. Und ich muss aufpassen, mich nicht wieder dahin drängen zu lassen, woher ich gerade gekommen bin. Ich halte Überstunden in überschaubaren Grenzen, und gehe nach Hause, wenn ich nicht mehr kann. Das ist für die Arbeit nicht förderlich, aber für mich notwendig. Ich werde Fehler machen, das wird nicht ausbleiben. Die werden mich aber nicht umbringen, schlimmstenfalls für Ärger sorgen, den ich dann eben ausbügeln muss.
Ich lasse mir nicht mehr alles gefallen, sondern motze zurück, wenn ich angezickt werde und habe deshalb auch mal miese Laune.
Was mir aber sehr hilft, ist mein Humor. Egal, wie stressig der Tag ist, wie ernst irgendeine Tagesordnung, oder wie angepisst ein Kunde ist – ich versuche menschlich zu bleiben und ab und an einen Spaß zu machen, die Kollegen zum Lachen zu bringen, und oft gelingt mir das auch bei Kunden.
Mit meinen Depressionen gehe ich nach wie vor offen um, und auch hier sehe ich mittlerweile ab und an Humorpotential. D.h. eigentlich glaube ich, dass ich keine Depressionen mehr habe. Zumindest derzeit nicht.

Was nach wie vor einen großen Teil in meinem Lebenausmacht, sind Bücher. Die helfen in jeder Lebenslage, die sind ein Muss für mich, die brauche ich, wie ich Luft brauche. Wenn ich einen Tag nicht lesen kann, fehlt mir was, und ich bin unzufrieden. Als es mir so schlecht ging, waren Bücher das einzige, was ich ertragen konnte. Gedichte, Biographien, Sachbücher, Krimis, an Büchern habe ich mich festgehalten, egal zu welchem Thema. Bücher tragen einen großen Teil dazu bei, dass es mir gut geht, selbst, wenn es mir schlecht geht.

Ich gehe auch immer noch zu meiner Ärztin in die Klinik und weigere mich, wieder zu dem Arzt zu gehen, bei dem ich die letzten Jahre war. Wir haben quasi nicht mehr zueinander gepasst.
Die Ärztin sagt, sie ist ein Fan von mir, obwohl ich ihr oft widerspreche und dauernd damit ankomme, wann ich endlich die Tabletten reduzieren kann. Zwar bin ich immer noch Anhänger der  unterstützdenden medikamentösen Behandlung, dennoch glaube ich, bei mir ist es nach mittlerweile 6 Jahren Dauermedikation an der Zeit, es einmal ohne zu versuchen. Leider traut sich die Ärztin noch nicht, die Dosis zu verringen, sondern besteht darauf, dass ich bis mindestens ein Jahr nach Klinikentlassung die Tabletten so einnehme, wie in der Klinik verordnet.
D.h. bis Juni.
Nun… man sollte nicht selbst experimentieren, da ich aber fast die Höchstdosis nehmen musste, habe ich beschlossen, von 225gm (letztes Jahr waren es noch 300mg) auf 150 zu reduzieren. Ganz langsam versteht sich. Geschadet hat es nicht. Absetzerscheinungen hatte ich keine, weil ich eben vorsichtig war und das über Wochen gemacht habe. Die 150mg muss ich aber zwingend nehmen, bis ich weiter ausschleichen und auf 75 gehen kann.
Ich hätte das nicht gemacht, wenn es mir nicht so gut ginge!
Ich bin mir sicher, dass die Medikamente letztes Jahr einen noch schwereren Totalabsturz verhindert haben, wobei der erlebte ja schon schlimm genug war. Mag sein, dass ich niemals ganz ohne Antidepressiva auskommen kann. Um das herauszufinden, muss ich es aber versuchen. Ich weiß seit 2009 nicht mehr, wie ich ohne Tabletten agiere und reagiere. Ich will es wissen! Nicht zuletzt deshalb, weil ich mit meinem gestiegenen Gewicht hadere, das gebe ich zu. Ich fühle mich nicht mehr wohl, aber abnehmen fällt mir irre schwer.
Es steht nicht fest, ob die Tabletten an der Gewichtszunahme Schuld haben (die mich zum Fressen bringen), oder ob das jetzt einfach mit dem Alter zusammenhängt, dass ich nicht mehr, wie früher, alles essen kann, ohne dicker zu werden.
Ich möchte auch wissen, ob ich ohne Tabletten fitter bin. Zwar gab es schon viele Tage in Folge, an denen ich nicht dringend nach der Arbeit erst mal schlafen musste, weil ich mich einfach nicht mehr wachhalten konnte, aber Müdigkeit plagt mich eigentlich nach wie vor. Vereinzelt spüre ich schon sehr viel mehr Energie, aber dann muss ich wirklich ein paar Nächte durchgeschlafen und ein Pensum von mindestens 7 Stunden Schlaf pro Nacht erreicht haben. Was nicht einfach ist, da die Tage einfach zu wenig Zeit für ausreichend Schlaf bieten. Oder um den Haushalt ordentlich zu machen. Irgendwas bleibt immer auf der Strecke. Oft frage ich mich, wie ich früher alles unter einen Hut bekommen habe. Vollzeitjob, Nebenjob, nebenberufliche Ausbildung, Hausbau, Oma versorgen, Kind erziehen, Haushalt. Nun… irgendwann gar nicht mehr, weil der Zusammenbruch kam.

Fazit: es geht mir viel, viel, viel besser. Ich bin stabil (meistens), lebe ganz gerne (auch meistens), bin belastbarer geworden, sehe aber nicht ein, meine Grenzen komplett auszureizen. Tage mit Struktur sind besser als ohne (im Urlaub oder während der letzten Grippeerkrankung zu Hause, lasse ich mich hängen und komme schneller wieder ins Grübeln). Panikattacken halten sich in Grenzen, die letzte ist eine Weile her. Ängste habe ich nach wie vor, aber die sind zu händeln, bzw. zu verdrängen. Die haben aber meist mit dem ganz normalen Leben zu tun und dürften sich durch die komplette Menschheit ziehen.
Ich weiß nicht, ob es für dieses mal ausgestanden ist, aber ich glaube schon.
Die Depression wird wiederkommen, das ist so gut wie sicher. Ich hatte schon zu viele Rückfälle, als dass man behaupten könnte, ich werde nicht wieder eine Depression durchmachen, bzw. mir wurde ja letztes Jahr schon gesagt, dass das bei mir eine chronische Sache ist.
Dennoch genieße ich jetzt mal eine depressionsfreie Zeit und das Leben als (fast) normaler Mensch. Mit Höhen und Tiefen.

Ich wünschte, ich könnte allen Depressiven sagen, dass alles wieder gut wird. Und dass ihr euch Zeit geben müsst. Ich werde oft gefragt, wie lange es denn noch dauern wird, bis es einem wieder besser geht… und ich kann immer nur die eine Antwort geben: Es dauert so lange, wie es dauert.

Alles Gute für euch ❤

 

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Ein Gedanke zu „Depressionsstatus: Sie ist weg

  1. es dauert so lange wie es dauert, ich komme damit inzwischen recht gut zurecht bis auf ein paar Einbrüche, das System um mich rum aber nicht. Leider. Belastend is das.

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