nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Der einzige Mensch, der an mir zweifelte, war ich.

Und dann musste ich mich in meiner Rolle als Vertretung des Chefs beweisen. Und ich bin immer noch überwältigt.
Die drei Wochen, in denen ich alleine als Führungskraft das Team unter mir hatte, sind um. Jetzt habe ich eine Woche Pause, bis ich wieder die Rolle übernehmen muss.
Die Ängste, die mich zu Beginn geplagt hatten, sind verschwunden. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass es so gut läuft und ich tatsächlich alle Hürden so nehme, mit Ruhe und Besonnenheit und mit Stärke. Ohne Angst vor der Herausforderung und vor allem bei Problemen von außen, die quasi an der Tagesordnung waren. Ich habe alles geschafft, was verlangt wurde, ohne über Leichen zu gehen. Das Team war einfach nur ein Traum und hat mir zu jeder Zeit Respekt entgegengebracht.

Ich wollte so gerecht sein wie möglich, niemanden bevorzugen, niemanden vernachlässigen, und ich habe mich so verhalten, wie ich mir einen Vorgesetzten wünsche, und es hat geklappt. Ich habe meine Launen nicht an den Mitarbeitern ausgelassen, ich habe versucht, sehr viel Humor einzubringen, was mir gelungen ist. Und dabei war dennoch klar, ich lasse mir nicht auf der Nase herumtanzen. Ich habe keine Diskussionen gescheut und kein Streitgespräch.

Und das größte Geschenk waren die Rückmeldungen der Kollegen und Vorgesetzten ganz oben, die durchweg positiv waren.

Wie kann das sein? Nachdem ich 12 Jahre in einer anderen Position so klein gehalten wurde, bis ich mir selbst rein gar nichts mehr zugetraut habe und wirklich dachte, ich bin einfach nur dumm und kann gar nichts. Erst recht keine Leistung bringen, die zufriedenstellend ist.
Ich hatte keinen Hehl daraus gemacht, weshalb ich krank war, als ich den neuen Job angetreten habe. Und dennoch hat man mir die Chance gegeben, mich zu beweisen. Der einzige Mensch, der Zweifel an meinen Führungsqualitäten hatte, war ich. Deshalb konnte ich kaum noch schlafen, als man mir mitgeteilt hatte, ich werde künftig den Chef vertreten. Am liebsten hätte ich mich aus dem Staub gemacht. Und ich war mir sicher: das wird gewaltig schief gehen. Ich würde bestimmt beweisen, dass ich nicht in der Lage bin, ein Team zu leiten oder eine ganze Abteilung. Wie können die mir das antun, wo sie doch wissen, was mit mir los ist?
Diese Zweifel habe ich auch laut geäußert, allerdings ging der Chef überhaupt nicht darauf ein. „Ich weiß, dass du das kannst, und du machst das schon! Ende der Diskussion!“

Ich hatte fest damit gerechnet, dass während seiner Abwesenheit alles zusammenbrechen wird und ich die Abteilung herunterwirtschafte und dann mit der Schande leben muss.

Aber nichts dergleichen ist passiert.
Ich bin davon überzeugt, dass meine Kollegen die gößte Rolle bei allem gespielt haben. Hätten Sie mir nicht dieses übermäßige Vertrauen und den Respekt entgegen gebracht, wäre alles niemals so perfekt gelaufen. Sie hätten sich weigern können, mich anzuerkennen, schließlich bin ich noch nicht lange dabei. Sie hätten mir ans Bein pinkeln können, anstatt so hinter mir zu stehen. Dafür bin ich unendlich dankbar, und das habe ich auch so kommuniziert.
Vor allem „nach oben“. Ich stand hinter jedem Mitarbeiter, der seine Arbeit korrekt erledigt hat, wenn von ganz oben irgendwas geprüft wurde und ein Kollege angegriffen wurde. Ich habe kein Blatt vor den Mund genommen, auch die höheren Tiere zu bremsen, ist mir nicht schwergefallen.
Wie kommt das? Woher habe ich auf einmal diese Sicherheit und dieses Selbstbewusstsein? Warum schien anderen von vornherein klar, dass ich diesen Job schaffe, nur mir nicht? Vermutlich, weil jetzt alles stimmt. In meinem alten Job hätte ich erstens niemals diese Chance bekommen und zweitens wäre ich boykottiert worden, da bin ich sicher.
Es spielt also doch eine Rolle, wie das Umfeld mit einem umgeht.

Ich bin unendlich dankbar, dass man mir diese Chance gegeben hat, und dass ich mich beweisen konnte. Nach meiner Vergangenheit mit den Depressionen ist das nicht seblstverständlich und ich hätte nie damit gerechnet. Es ist ein Glücksfall, dass ich in diesem Job und diese Möglichkeit bekommen habe.

Dabei war mir immer klar: du bist nichts, du kannst nichts, man nimmt dich nicht ernst.
Und dann kam ich in diese Abteilung und meine Depressionen haben auf einmal keine Rolle mehr gespielt. Die Kollegen sagen lediglich: Wenn man dich sieht, rechnet man niemals damit, dass du so krank warst.
Kollegen wie Vorgesetzte reden mit mir über ihre Sorgen und sind davon überzeugt, dass es jeden treffen kann. Stellenweise schüttet man mir sein Herz aus, gibt zu, dass man auch Medikamente nimmt oder Angst davor hat, vor lauter Überlastung auch krank zu werden. In Gesprächen mit den Herren der Führungsebene behandelt man mich, als stünde ich auf gleicher Stufe, einer hat mir sein Lob ausgesprochen darüber, wie ich mit der Direktion kommuniziere und Stellung zu meinen Kollegen beziehe.
Oft dachte ich einfach nur: WTF?! Wann reißt ihr euch die Masken runter und schreit: HAHA! Verarscht! Du Null!

Jemand, der nicht in meiner Lange war, kann vermutlich nicht nachvollziehen, was mir die letzten Wochen bedeutet haben und was mir die Arbeit mit den Kollegen bedeutet. Und wenn wir ehrlich sind, ist das vermutlich eine absolute Ausnahme.

Andererseits habe ich aber sehr viel gelernt. Aus den Therapien der vergangenen Jahre, aus den unzähligen Büchern, die ich gelesen habe, aus Gesprächen mit anderen Patienten und Ärzten. Vermutlich ist also auch ein großes Stück mein eigener Verdienst und meine Arbeit an mir selbst.
Nicht zuletzt muss ich mich aber auch fragen: welchen Anteil haben die Medikamente? Hätte ich ohne meine Tabletten auch so ruhig bleiben können? Wäre mein Hirnstoffwechsel ohne chemische Hilfsmittel in der Lage, das alles zu stemmen?

Fakt ist: mein Leben braucht Struktur. Ich brauche Schlaf (der hat gelitten in den vergangenen Wochen, das gebe ich zu, und daran muss ich noch arbeiten).
Alle negativen Einflüsse, wie z. B. Menschen, die mir nicht gut taten, habe ich aus meinem Leben gestrichen.
Ich umgebe mich nicht mehr mit Leuten, die mich permanent schlecht machen und manipulieren wollen. Ich tue nichts mehr, nur weil es von mir verlangt wird, mich aber insgeheim ankotzt.
Ich nehme mir die Freiheit, nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will.
Ich verhalte mich in jeder Situation menschlich, bringe Verständnis auf, verlange das aber auch für mich.
Ich achte darauf, dass ich mich wohl fühle, dann kann ich auch schwere Tage gut überstehen. (Nicht zuletzt, und das mag lächerlich klingen, achte ich darauf, dass ich Klamotten und Schuhe trage, in denen ich mich nicht unwohl fühle und mich ein bisschen Schminke.)
Wenn man selbst mit sich zufrieden ist, fühlt man sich sicherer und zeigt das auch nach außen.
Ich bleibe auch in schwierigen Situationen ruhig, weil ich z.B. Beschwerden von Kunden nicht als persönlichen Angriff auffasse. (Erstaunlich, wie ich in Gesprächen den Kunde am Ende davon überzeugt habe, dass er eigentlich doch zufrieden ist.)

Ich will euch Mut machen mit meinem Bericht, und ich will euch zeigen, dass alles wieder ganz anders werden kann. Dass man nicht für immer in der Depressionshölle schmoren muss.
Ich weiß, wenn man Arschgeigen um sich hat, ist das schwer oder es klappt einfach nicht, das habe ich ja selbst jahrelang erlebt. Aber man MUSS eben was ändern. Eine Depression verschwindet vermutlich so lange nicht, bis man alles, was schädlich ist, aus seinem Leben entfernt hat. Das ist ein langer und verdammt schwerer Weg. Es bedeutet erst mal Verlust und Schmerz, sich von Dingen, Menschen oder Verhaltensweisen, an die man gewöhnt ist, zu verabschieden.
Aber so lange man an Situationen festhält, die einem mehr schaden als nutzen, wird sich genau gar nichts ändern.

Ich wünsche jedem einzelnen, der an Depressionen leidet, dass er gesund werden kann, dass er entdeckt, was ihm schadet, und dass er die Kraft aufbringen kann, das zu ändern.
Und ich wünsche ihm das Glück, das ich hatte, dass solche Menschen in sein Leben treten, wie das bei mir passiert ist.
Nur treten die erst dann in ein Leben, wenn Platz für sie geschaffen wurde – heißt: wenn die schlechten verschwunden sind, weil man sich von ihnen verabschiedet hat.

Klingt esoterisch, ist es aber nicht. Es ist logisch. Ich stehe mit beiden Beinen im Leben und habe mich selbst in der Depression nicht einlullen lassen von „höheren Mächten“ oder was auch immer.

Geht in eine Kinik, lasst euch helfen, besucht einen Facharzt, macht eine Therapie, sucht euch Hilfe, redet mit Betroffenen, gebt nicht auf! Schämt euch nicht!
(Auch jetzt nicht, bei gegebenem Anlass: wir sind depressiv, keine Killer, die Flugzeuge abstürzen lassen)

Eine Depression ist eine schwere Krankheit, die euch das Leben kosten kann. Auch ich hatte keine Lust mehr, zu leben.
Aber es kann immer alles wieder gut werden. Nehmt den Kampf auf! Er ist es verdammt nochmal wert.

Ich wünsche euch alles, alles, alles erdenklich Gute!

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2 Gedanken zu „Der einzige Mensch, der an mir zweifelte, war ich.

  1. Habe deinen Blog heute entdeckt, ich habe nicht jeden Eintrag gelesen, aber du sprichst mir aus der Seele…. und ich frage mich, wie geht es dir heute, dein letzter Post ist von vor einem Jahr…

    • nonanic sagte am :

      Danke für deinen Beitrag und deine Nachfrage, wie es mir geht.
      Ich habe lange nicht geschrieben, das stimmt. Ich bin sehr eingebunden in mein „depressionsloses“ Leben. Zeitweise wohl auch in die Spirale – viel Arbeit, wenig Zeit, etc.
      Ich habe mir oft vorgenommen, wieder einen Beitrag zu schreiben, aber es kommt immer etwas dazwischen.
      In den letzten Wochen hätte ich Zeit gehabt. Dank einer OP (nichts schlimmes, Hand kaputt). Und gerade als ich soweit war, habe ich das neue Buch von Matt Haig „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ angelesen. Und war schockiert. Jedes seiner Worte, mit denen er die Depression beschreibt hat mich mitten ins Gesicht getroffen. Und einen Schalter umgelegt, getriggert, erinnert. Ich musste es weglegen, konnte nicht weiterlesen, wollte nur noch Abstand haben.

      Durch meine sieben Wochen andauernde Arbeitsunfähigkeit, den ganzen Tag nur zu Hause sein, ging es mir psychisch nicht sonderlich gut, obwohl ich mir das anfangs ganz gemütlich vorgestellt hatte. Viel Zeit zum Lesen und so… von wegen. Endlich ist ein Ende in Sicht und die Arbeit ruft laut 😉

      Schlechte Tage habe ich zwischendurch ab und an. Aber vereinzelt. Im Großen und Ganzen ist es ok, wie es ist.
      Dennoch bin ich weiter in Behandlung bei meiner Ärztin aus der Klinik, in der ich vor 2 Jahren war. Alle paar Wochen (der Zeitraum vergrößert sich, mittlerweile sind es eher Monate, zuletzt war ich im Januar dort) gibt es ein Gespräch und ein neues Rezept für Tabletten.
      Die habe ich mittlerweile zwar reduziert, nehme sie aber weiter ein.

      Wenn alles so bleibt, ist es ok.

      Alles Gute für dich und liebe Grüße ❤

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