nonalicious

Buchstabensuppe, Wortfetzen, Gedankengänge.

Depressionen für Fortgeschrittene

Es ist ja nicht so, dass es einen Knall gibt und du dich plötzlich in einer Depression wieder findest.
Die Mauer wächst langsam und stetig, während dir gar nicht bewusst ist, dass sich etwas anbahnt. Während du schuftest, dich vergisst, bei der Arbeit über- oder unterfordert bist, dir auch privat viel zu viel aufgehalst hast, dir alles sehr zu Herzen nimmst, von einem Erfolg zum nächsten hetzt, und dich nicht mehr darüber freuen kannst, Niederlagen hinnimmst, du immer müder wirst und deine Energie verschwindet, fällt dir eines Abends vielleicht auf, dass dein Leben aus nichts weiter als aus Arbeit und schlafen besteht.
Der Gedanke bohrt sich wochenlang jeden Abend vorm Einschlafen in dein Gehirn, er weckt dich auf oder lässt dich wach liegen.
Aber ändern kannst du nichts, es muss ja alles gemacht werden, was gemacht werden muss.
Du hast alles gegeben und trotzdem keine Anerkennung im Job bekommen, die Kinder werden groß und brauchen dich nicht mehr, die Alten werden alt und brauchen dich umso mehr. Und du tust nichts mehr für dich, machst keinen Sport mehr, hast alle Hobbies längst aufgegeben, du wüsstest ja derzeit auch gar nicht, was dir Spaß machen würde und dich ablenken könnte. Und außerdem ist da dieses schlechte Gewissen, wie kann ich es mir erlauben, Spaß zu haben, es ist ja so viel zu tun, das bleibt doch alles liegen. Und außerdem sollte es dir ja gut gehen, weil du hast ja alles, dir ist ja quasi alles zugeflogen. Die Schufterei dahinter erkennt keiner, und so wird dir alles geneidet, dass du dich hochgearbeitet hast als alleinerziehende Mutter, und du glaubst irgendwie auch an das, was die sagen, die dir nichts Gutes wollen, du bist unzufrieden und undankbar, denk doch an die Kinder in Afrika oder an andere Alleinerziehende, da geht’s dir doch gut! Du nagst ja nicht am Hungertuch, du hast ein Dach überm Kopf und einen Job, und einen Mann, den du vertreiben wirst, wenn du so weitermachst und dich so hängen lässt.
Und soziale Kontakte liegen auf Eis, weil du für sowas einfach keine Zeit hast.
Und du kannst dich nicht mal mehr daran erinnern, wann du zum letzten Mal im Kino warst, mit Freunden gelacht und gefeiert hast, und ob du dich jemals so richtig leicht gefühlt hast.
Und während dir bewusst wird, dass da was im Argen liegt, ist es längst zu spät und du steckst wieder drin. Nicht zum ersten mal, nein, du bist ja ein alter Hase, und das wird schon wieder, wurde es beim letzten mal ja auch. Du kennst dich ja jetzt schon gut aus, hast viel gelesen, Therapie gemacht, warst sogar in einer Klinik, in der du gelernt hast, was man machen muss, um da wieder rauszukommen.
Im Bekanntenkreis bist du der Depriguru, der allen Betroffenen Tipps geben und ihnen helfen kann, sich Hilfe zu suchen.
Du hast dich geoutet, manche waren überrascht, manche sind verschwunden, im Büro wird getuschelt, und doch warst du der beste Beweis dafür, dass Depressionen heilbar sind.
Und nach etlichen Monaten gibst du nach, weil alles, was dir aufgebürdet wurde, dich erdrückt hat. Du bist langsam geworden, du vergisst viel, du überprüfst tausendmal, ob du die Arbeit richtig gemacht hast und hast doch Angst, irgendwo einen Fehler zu übersehen.
Du kannst dich nicht mehr freuen, du bist genervt, aggressiv, suchst nach Ruhe, bist schreckhaft, ausgelaugt, weinerlich. Du siehst kein Licht mehr, alles ist grau und trist und trüb.
Du hast Zukunftsängste, und doch wäre es dir recht, wenn du gar keine Zukunft hättest, vor allem nicht, wenn sie so aussieht, wie sie jetzt aussieht.
Aber du bist ja ein braves Mädchen, und du suchst dir Hilfe, wenn auch reichlich spät.
Und du lässt dich krankschreiben und drängst auf einen baldigen Aufnahmetermin in der Klinik, weil du ja bald wieder fit sein musst für die Arbeit.

Als Neuling in der Klinik hörst du gespannt zu, was die zu sagen haben, die schon bald entlassen werden. Und in den Gesprächen erfährst du, dass es bei nahezu jedem irgendwann „klick“ gemacht hat, und von da an wurde alles besser.
Eigentlich bist du viel zu müde, aber du machst jede Therapie mit, um dein „klick“ nicht zu verpassen. Tagsüber Klinik, abends zu Hause, das wolltest du so, und das machst du sechs Wochen, nichts passiert, du wirst immer trauriger und aggressiver und der Knoten in dir drin löst sich nicht auf. Man sagt dir, du nimmst Bedrohungen nicht ernst genug, du bist in Gefahr, und du weißt überhaupt nichts mehr, kannst nicht mehr einschätzen, ob du nicht vielleicht doch paranoid wirst. Die Ängste werden erdrückender, und dann heißt es, Sie müssen stationär, die Tagesklinik reicht nicht aus.
Also packst du seine Sachen und bist sicher: aber das wird jetzt ja wohl helfen. Wenn ich zackig lerne, zu entspannen und die Dinge anders zu sehen, auf mich zu achten, dann werde ich wieder stärker und kann wieder funktionieren.
Und du hast nur Leute um dich, die permanent am Motzen sind, das Klientel ist kein Vergleich zum ersten stationären Aufenthalt vor 5 Jahren. Und weil dir das alles so auf die Nerven geht, machst du wochenlang nichts anderes als flüchten. Damit du nicht reden musst und nicht zuhören, damit du Ruhe hast und es endlich „klick“ machen kann. Und es tut sich nichts, und die Alltagserprobung zu Hause geht schief, weil du zu viel erwartest und schon ganz fremd geworden bist.
Die Therapeuten gehen dir auf die Nerven, weil du keine Antworten auf ihre Fragen hast. Die Ärzte schauen irgendwann ratlos, weil Medikamente paradox wirken. Arznei, die Elefanten umhauen würde, sorgt dafür, dass du nächtelang durch die Klinik wanderst. Ist aber gar nicht schlecht, vielleicht kommt das „klick“ ja nachts, wenn außer dir niemand wach ist.
Und nichts passiert, und du wirst immer wütender. Auf deine Eltern und auf Menschen, die dir angetan haben, was sie dir angetan haben, und dass du deshalb mit über 40 immer noch an Erlebnissen zu kauen hast, die schon Jahrzente zurückliegen. Und aufgefrischt wurden von der sog. Familie, die seit Jahr und Tag auf dich pfeift. Und man wirft dir Worte um die Ohren wie Retraumatisierung und Posttraumatische Belastungsstörung, als wäre diese fucking Major-Depression nicht schon schlimm genug.
Und wenn du nicht traurig bist, dann bist du wütend, auf andere ihrer Taten wegen, auf dich, weil es nicht vorwärts geht, weil du versagst und nicht wieder stärker wirst, so wie es in den Lehrbüchern steht, und weil das alles so lange dauert.
Und du sollst dir Zeit geben, aber Zeit ist etwas, was man nicht im Überfluss hat, man muss ja zeitig wieder fit sein, man muss ja zeitig wieder arbeiten gehen, sonst ist irgendwann der Job futsch und das Einkommen ist weg, und man rutscht wieder nach unten auf der sozialen Leiter, vielleicht viel tiefer als man hochgekommen ist.
Und du stellst Ärzte und Therapeuten infrage, du hast ohnehin nach kurzer Zeit wieder vergessen, was sie dir gesagt haben.
Was bleibt, ist die Angst, sie ist immerwährend, ihretwegen traust du dich nicht aus dem Haus, und du weiß nicht mal, ob sie gerechtfertigt ist oder nicht. Und deshalb kotzt du dich immer mehr an. Und du hast Angst vor der Umwelt, vor anderen Menschen, vor Nachrichten, vorm Einkaufen, vor Fragen, vorm Reden, vor falschen Antworten, vor den Ansichten anderer und vor allem vor deinen, und vor den eigenen Ansprüchen und denen der Ärzte und Therapeuten, du hast Angst, dass dich jemand sieht, jemand anspricht, und du hast Angst, nie wieder gesund zu werden, Angst, alles zu verlieren, Angst, verrückt zu werden.
Und immer, wenn du gefragt wirst, wie es dir geht, platzt dir fast der Kragen, und du möchtest schreien, wenn sie dir antworten, dass es jetzt doch endlich mal besser werden müsste.

Und du liest Bücher, in jedem steht was anderes, und es gibt hunderte von Studien, und du kannst aufgeklärt sein, wie du willst, wenn du in der Scheiße steckst, dann steckst du drin.
Du willst ja niemanden entmutigen und du freust dich, wenn es jemand geschafft hat, wenn er wirklich wieder gesund ist, einmal hast du das ja auch schon hinbekommen, aber oft fragst du dich einfach, wie lange der ganze Mist noch dauern soll. Du willst ja, aber es geht nicht, manchmal bist du sogar motiviert, und du willst immer noch nicht aufgeben, dir bleibt ja nichts anderes übrig, als weiter an dir zu arbeiten, weil du das so wie es ist gar nicht willst.
Und du schreibst Tagebuch, du malst blöde Bilder, häkelst Mützen, tippst Blogartikel.

Ach, Yoga hast du lange nicht mehr gemacht. Dann mach das doch mal wieder. Bestimmt hilft das. Ganz bestimmt. Vielleicht kommt dann bald mal dieses sogenannte „klick. Ja, ganz bestimmt. Und das machste jetzt.

… to be continued…

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… kommt ein Lichtlein her

Guten Morgen.
Nachdem ich gestern versucht habe, mich selbst zu motivieren, und mir das auch gelungen ist, fühle ich mich heute etwas besser.
Nach meinem gestrigen Blogartikel habe ich ein Buch entdeckt, das zwischen all den Ratgebern stand, mit dem ich mich aber nach dem Kauf nicht weiter beschäftigt hatte.
„Feeling good – Depressionen überwinden“ von David D. Burns.
Obwohl ich mich in den letzten Wochen auf Fachliteratur absolut nicht konzentrieren konnte, ist mir das gestern dann zum Glück gelungen.
Ich wollte eine sog. Bibliotherapie beginnen, von der ich vor ein paar Tagen im web gelesen hatte.
Dabei handelt es sich um nichts weiter, als darum, sich mithilfe von Literatur zu therapieren. Diese Methode wird auch von Therapeuten, vor allem in den USA empfohlen.
Das ist allerdings nichts neues für mich. Zwar habe ich jetzt einen Namen, eben „Bibliotherapie“, aber ich habe mich, quasi unwissentlich, schon jahrelang damit beschäftigt, indem ich viele Fachbücher und andere Literatur, nicht nur zum Them Depressionen gelesen habe.

Beim Lesen gingen mir die ersten Seiten echt auf die Nerven – man kennt das ja: diese Eigenwerbung für das betreffende Buch, die Selbstbeweihräucherung des Autors, und dass das Lesen des Buches soundso vielen Menschen bereits geholfen hat. Eine endlos scheinende Einführung, wie das Buch entstanden ist, welche Studien es dazu gibt, etc.
Glücklicherweise bin ich am Ball geblieben, wobei mir schon fast danach war, das Ding in die Ecke zu pfeffern. Irgendwann schaffte es der Autor dann aber, auch mich anzusprechen.
Behandelt wird hier schlicht und ergreifend die Kognitive Therapie, also die kognitive Verhaltenstherapie. Was mich auch erst enttäuscht hat, da ich eine mehrjährige Verhaltenstherapie erst letztes Jahr abgeschlossen habe. Ich war den Tränen nahe, weil ich ja – trotz dieser Therapie jetzt wieder in einen Strudel geraten war, aus dem ich keinen Ausweg finde.
Dann fiel mir wieder ein, was ich auf die Frage, die mir in der Klinik gestellt wurde: „Was haben Sie in der Therapie denn gelernt?“ mit „Ich weiß es nicht mehr. Ich habe alles vergessen.“ antworten musste.
(Die Ärztin versicherte mir, ich habe es nicht vergessen, es sei alles noch da, ich kann nur gerade nicht darauf zugreifen.)
Es kann also nicht schaden, sich wieder in Erinnerung zu rufen, was ich gelernt habe.
Zumindest ist jetzt der Ansporn da, auch etwas zu tun, nicht nur darauf zu warten, bis die Depression von alleine vorbeigeht. Wo sie jetzt ohnehin schon wieder viel zu lange andauert.

Und siehe da: es fällt mir wieder ein, was ich lese, ist mir nicht fremd.
Thema: kognitive Verzerrungen. Ich denke „alles oder nichts“, übertreibe oder untertreibe, schlussfolgere voreilig, suche mir aus jeder Situation ein negtives Detail heraus und verallgemeinere, etc. Hauptsache negativ!
Ich habe ein Notizheft neben mir liegen und mache mir während des Lesens Notizen.

Ich weiß nicht, wie weit mich das Buch bringt, aber ich will die Chance nutzen.
Für heute hatte/ habe ich immerhin Pläne. Wir wollten wandern gehen, was wegen des Wetters nicht hinhaut. Also habe ich mir Rezepte herausgesucht und werde backen. Und dabei ein Hörbuch anhören.

Im Moment fühle ich mich ok. (<—- Erst stand da „nicht so schlecht“- klingt mir aber zu negativ 😉
Klar, unterschwellig versuchen die niederdrückenden Gedanken, an die Oberfläche zu kommen. Aber ich versuche, heute schöne Dinge zu tun, die mir gut tun. Ohne Druck.
Ich weiß nicht, wie es in einer Stunde aussehen wird. Erst recht nicht, was morgen ist. Es muss eben jetzt erst mal der Moment reichen.

Gedanken wie Bremsklötze

Guten Morgen, Welt.
Nach einer Nacht mit beknackten Träumen, sitze ich seit dem Aufwachen wieder mal nur herum und mache mir Gedanken. Ich frage mich, wo die Starke geblieben ist, wie ich je alles schaffen konnte, was ich geschafft habe, wie ich je zur Arbeit gehen und alles ertragen konnte, wie ich im Leben unterwegs war. Und sei es nur einkaufen gehen.
Gedanken sind die Bremsklötze, die mich niederdrücken, zurückhalten, schwach machen. Ich hasse das.
War es in der Klinik noch unbändige Wut, die mich durch den Tag begleitet hat, ist es jetzt diese Niedergeschlagenheit, die mir auf die Nerven geht und mich bremst. Ich kann nicht mal sagen, was ich gerne wie ändern würde, damit es mir besser geht, weil schwarze Gedanken mich dermaßen blockieren, dass nicht mal der winzigste Fetzen Mut oder Zuversicht durch diese dunkle Wand dringen könnte.
So kann das doch nicht weitergehen! Ich weiß, was ich ändern müsste. Ich sollte raus gehen, unter Menschen, mein Leben wieder in die Hand nehmen. Allein die Gedanken daran, wie anstrengend die Umsetzung ist, erschöpft mich schon wieder.
Wenn früher Lehrbücher dabei geholfen haben, mich zu informieren, mir Antrieb zu geben, etwas zu ändern, wieder ich zu werden, macht mich heute jedes Wort einfach nur fertig.
Wer bin ich überhaupt? Ich kenne mich nicht mehr. Ich weiß nicht mal mehr, wer ich war.
Ich weiß wohl, dass meine  Wut berechtigt ist. Das ändert aber nichts, wenn ich nichts ändere.
Die Ärztin sagte mir, ich sende wohl Signale aus, die anderen zeigen, ich bin bereit, mich fertigmachen und ausnutzen zu lassen.
Bisher habe ich das als Hilfbereitschaft und Gutmütigkeit verstanden. Jetzt verstehe ich gar nichts mehr.

Gestern kam mir die Frage in den Sinn, was mich ausmacht. Wofür stehe ich? Was kann ich? Mir fiel nichts ein. Kein einziger Punkt.
Wie soll ich weiterkommen, wenn ich nicht mal weiß, wo ich ansetzen soll? Ich kann nichts besonders gut. Ich habe keine verborgenen Talente. Ich bin nichts besonderes. Also muss ich bei meinem Job bleiben. Den ich verlieren könnte, wenn ich mich nicht beeile, gesund und arbeitsfähig zu werden. Dann würde nicht nur ich verlieren, sondern auch meine Familie. Aber schon beim Gedanken daran, bald wieder täglich ins Büro zu müssen, dreht sich mir der Magen um und Panik steigt auf.
Menschen ertragen, reden müssen, Leistung zeigen, wie soll ich das schaffen?
Aber auch zu Hause fühle ich mich nicht geschützt. Der einzige Punkt, der mir hier gut tut, ist die Tatsache, dass ich mit niemandem sprechen muss. Ich gehe nicht mal mehr ans Telefon. Die einzigen Menschen, die ich um mich haben will, sind Mann und Kind.

Alles, wofür ich geschuftet habe, löst sich in Luft auf.
Nichts hat mehr Bedeutung.

Ich möchte nicht als alter Zausel enden, der sich selbst wegsperrt. Aber im Moment sehe ich keinen Weg nach draußen. Kein Wort dringt zu mir durch. Nichts, was die Ärztin sagt, erreicht mich. Ihre Fragen beantworte ich stotternd und zusammenhangslos. Ich fühle mich nicht verstanden. Wie auch, wenn ich mich selbst nicht verstehe?
Worte prallen an mir ab. Im Höchstfall verärgern sie mich. „Machen Sie doch einfach, blabla…. Sie müssen blablabla…. Gesprächszeit zu Ende.“
Ich fühle mich wie eine Laus, die man zwischen zwei Fingern zerquetschen kann.

 

Das kann so nicht weitergehen. Ich will so ein Leben nicht. Ich will, dass es wieder anders wird. Ich will am Ende nicht vereinsamt zu mir selber sagen „hätte ich doch nur…“.
Ich muss irgendwie diese Mauer einreißen können. Ich weiß nicht, wie ich das machen soll. Aber ich werde daran arbeiten, es herauszufinden. Auf ein nicht lebenswertes Leben habe ich keinen Bock mehr. Deshalb wird es Zeit, etwas zu ändern. Und wenn es nur kleine Schritte sind.

Nächste Woche fange ich wieder an zu leben. Ganz bestimmt.

Ich habe verschlafen. Nachdem ich gestern Abend eine Beruhigungstablette genommen habe, weil die Panikattacke kein Ende nehmen wollte, wurde ich nach 9 Stunden immer noch nicht von alleine wach und wurde zum Glück aus bescheuerten Träumen geweckt.
Seither habe ich die Küche geputzt. Und warte – wie jeden Tag- darauf, dass sich etwas tut.
Als wüsste ich nicht, dass es nicht von alleine verschwindet, hoffe ich ununterbrochen, dass der Knoten in mir drin sich in Luft auflöst, und alles wieder gut ist.
Ich versuche, mir die Gespräche mit den Ärzten in Erinnerung zu rufen, was nicht funktioniert. Ich habe längst wieder vergessen, was mir die Ärztin gestern alles gesagt hat. Ich sitze vor ihr und verstehe nichts. Außer „gehen Sie raus, sperren Sie sich nicht ein, zeigen Sie, dass sie stark sind und keine Angst haben, machen Sie etwas aus sich“. Was für mich alles gleich klingt: Bla bla bla. Jedes Wort setzt mich noch mehr unter Druck. Den ich mir selbst schon zur Genüge mache, und wenn ich, wie jeden Tag, versage, geht es mir noch schlechter.
Ich kann die Ärztin nicht einschätzen. Ihre Mimik verrät nichts über sie. Ich kann aber auch keinen anderen Menschen mehr einschätzen, ich verstehe nur Bahnhof, selbst, wenn man fragt, wie es mir geht. Ich kann ohnehin nur eine Antwort geben: „Geht so.“ Ich habe nicht das Gefühl, dass es jemanden interessiert, dass es mir unterirdisch scheiße geht, dass ich das Gefühl habe, überhaupt nicht mehr zu meinem Leben zu gehören, dass ich nicht mal mehr weiß, was mein Leben überhaupt ist. Was mich ausmacht. Außer zu jammern.
Ich bin unfähig, an mir zu arbeiten, ich kann nicht mal mehr Bücher lesen zum Thema Depression oder Trauma, weil ich nichts davon behalten kann. Schon beim nächsten Satz ist der vorige wieder vergessen.
Vorhin habe ich nach Zitaten zum Thema Depressionen gesucht. Es ist erschreckend, dass jeder Hans Wurst sich dazu äußert und seine bescheuerten Aussagen in einer Zitatendatenbank zu finden sind, obwohl seine hingekotzten Worte zeigen, dass er keinerlei Ahnung hat. Depressionen sind keine Krankheit, steht da u.a.. Also haben wir Depressiven vermutlich nur einfach keinen Bock auf einen geregelten Alltag, in dem normale Menschen aufgehen und Leistung zeigen.

Den gestrigen Tag habe ich nach dem Klinikbesuch verbracht, indem ich unruhig durchs Haus gelaufen bin. Wohnzimmer, Küche, Bad, Terrasse, Couch, Küche, usw. Bis es mir irgendwann gereicht hat, und ich eine Tablette genommen habe, weil ich das Herzrasen und die Unruhe nicht mehr ertragen konnte.
Das Problem bei diesem Beruhigungskram ist allerdings, dass die Probleme ja immer noch da sind, wenn die Arznei nicht mehr wirkt.
Oft verbiete ich mir, über meine Probleme, die mich dahin gebracht haben, wo ich jetzt bin, nachzudenken. Weil es zu schmerzhaft ist. Weil es mich überfordert. Weil ich das Gefühl habe, dass ich Tag für Tag weiter abrutsche. Weil ich nicht ertragen kann, was aus mir geworden ist, wo ich doch alles überstanden habe und immer so stark war.
Ich weiß nicht mal, ob die Ängste, die ich habe, berechtigt sind, oder ob das zum Wahnsinn der Depression gehört, und meine Weltsicht dadurch verschleiert ist: Verliere ich meine Arbeit, verliere ich alles, was ich aufgebaut habe, verliere ich meine Liebsten?
Heute schwänze ich die Therapien. Ich kann einfach nicht raus. Ich kann nicht zuhören, nicht reden, es nicht ertragen, gesehen zu werden. Das schlechte Gewissen, weil ich nicht rausgehe, ist fast so schlimm, wie die Angst. Morgen habe ich regulär frei.
Ab Montag will ich regelmäßiger aus dem Haus gehen. Mich in die Welt und zurück ins Leben trauen. Ganz bestimmt. Hier drin werde ich noch verrückter. Deshalb will ich versuchen, die Angst, vor die Tür zu gehen, zu überwinden. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe. Darüber will ich jetzt nicht nachdenken. Ich bin viel zu müde.

Home, sweet home…

Seit über einer Woche bin ich wieder zu Hause. 5 Wochen Klinik, vollstationär, nachdem ich zuvor 6 Wochen in der Tagesklinik war, liegen hinter mir.
Gebracht hat es dieses mal wenig bis nichts. Nichts stimmt nicht ganz. Eigentlich wache ich nicht mehr in der Hölle auf. Sondern halbwegs normal.
Ich wurde in ein sog. ambulantes Programm aufgenommen, in das Patienten mit scherwiegenden Diagnosen kommen, die man noch nicht wieder komplett ins wirkliche Leben entlassen kann. Ich gehe weiter ab und zu in die Klinik, nehme an Schulungen und Infoveranstaltungen teil. Derzeit hat man mich in die Angst- und Panikgruppe gesteckt. Für die Ergo habe ich keine Lust und muss mich regelrecht zwingen, mitzumachen.
Mir erscheint das alles sinnlos, wo ich schon seit 12 Wochen darauf warte, dass es endlich klick macht, wie andere Patienten berichten, und mir leichter ums Herz wird.
Vor 5 Jahren war alles so anders. Ich hatte fast ausschließlich Patienten um mich, denen es genauso ging wie mir, mit einigen habe ich heute noch Kontakt. Dieses mal waren fast nur Leute da, die an allem rumgemeckert haben, vornehmlich relativ alte Leute. Aber auch die jüngeren haben kaum ein gutes Haar an der Klinik gelassen und vor allem nicht an den anderen Patienten.
So habe ich mich zurückgezogen, kaum geredet, wollte meine Ruhe haben.
Wenn ich ehrlich bin, habe ich mich die meiste Zeit gequält gefühlt. Ich wollte nichts von meiner Geschichte erzählen, und dann Kommentare ernten, wie man sie in der Bildzeitung lesen kann.
Beim Pflegepersonal galt ich ls unproblematisch, kein Wunder, ich habe nichts erzählt, höchstens mal eine Kopfschmerztablette geholt außerhalb der regulären Medikamentenvergabe.

Nun sitze ich zu Hause rum. Kann immer noch nicht wieder arbeiten gehen, weshalb mich das schlechte Gewissen plagt, und ich mich auch relativ nutzlos fühle. Ich kann aber auch nicht wirklich etwas arbeiten, weil ich einfach abartig erschöpft bin.
Ich grüble ununterbrochen, lebe derzeit quasi mehr in meiner (schlimmen) Vergangenheit anstatt in der Gegenwart.
Ich verstehe mich nicht. Wo ist meine Stärke hin? Ich fühle mich wie ein Schwächling, der nichts taugt. Ich kann mich auf kein Gespräch konzentrieren, ich habe an nichts Interesse als an Büchern und am Lesen. Daran kann ich mich festhalten.
Ich traue mich kaum aus dem Haus, es ist eine Tortur an den Kliniktagen ins Auto zu steigen. Nur zu Hause fühle ich mich sicher.
Ich möchte nicht reden, keine Anrufe und keinen Besuch haben. Jedes Wort strengt mich an.
Ich bin unfähig, mir Gedanken zu machen, wie es weitergehen soll und überlege tagein, tagaus, wie ich mich aufrecht halte, um Mann und Kind nicht noch mehr auf die Nerven zu gehen. Es muss schrecklich sein, so jemanden wie mich um sich zu haben.
Zeitweise verlässt mich der Mut. Heute ist wieder so ein Tag.

Jetzt habe ich ein paar wenige Sätze geschrieben und bin so müde, dass ich schlafen muss.
So long.

Zwischenmeldung

Karfreitag. Der Wecker geht, weil ich vergessen habe, ihn auszuschalten. Ich habe tief geschlafen, nichts schlimmes geträumt. Und dann sowas! Verdammt! Ich versuche, weiter zu schlafen. Bin aber unruhig und stehe auf. Kaffee und Zigarette. Schwermütige Gedanken wie sonst – Fehlanzeige. Nichts. Ich fühle mich gut. Kurz flammt eine Panikattacke auf. Ich frage sie, warum. Ich muss nirgendwo hin, ich kann zu Hause bleiben, das Haus ist noch ruhig, draußen noch kein Lärm. Der Panik ist das wohl zu dumm, und sie verschwindet samt Herzklopfen.

Ich lese meine Timeline durch. Nichts als Ruhe und Freundlichkeit sehe ich. Ich fühle mich wohl. Werde an ein Kinderbuch erinnert und krame im Regal.

Seit bald 4 Wochen bin ich nun in der Klinik. Ich bin gerne dort. Auch wenn ich zeitweise das Gefühl habe, es geht überhaupt nicht bergauf. Ich setze mich leider noch unter Druck, dass ich mich beeilen muss, weil ich nicht ewig da bleiben kann. Es gibt aber schon eine spürbare Besserung.
Nicht jeder Tag ist gleich. Es muss nicht mal bis morgen dauern, und ich kann schon wieder in den Seilen hängen. Aber jetzt eben nicht. Jetzt ist es verhältnismäßig gut.
Deshalb kann ich Depressiven nur raten: werdet aktiv und sucht euch Hilfe! Niemand muss sich schämen, wenn er seine Depressionen in einer Klinik behandeln lässt. Wir hängen dort nicht rum wie die Zombies! Ihr würdet euch wundern, könntet ihr erleben, wie gut es da sein kann.

Lärm kann ich immer noch schlecht aushalten. Aber was ich als lärmend empfinde, hat sich schon immer von dem unterschieden, wie andere mit Lautstärke umgehen. Wenn Mitpatienten durcheinander reden, gehe ich weg, sonst explodiere ich.
Aber mich mit anderen unterhalten geht schon ganz gut. Zeitweise kann ich in der Ergotherapie gut abschalten. Bei weitem noch nicht so, wie das sein kann, aber immerhin schon ein Fortschritt im Vergleich zum Anfang.
Beim Frühstück sitze ich nach wie vor mit einem Glas Wasser dabei und esse nichts. Stehe viel früher als alle anderen vom Tisch auf und will meine Ruhe haben.
An manchen Tagen geht alles besser, an anderen eben nicht.
Eine der Therapeutinnen sagte vorgestern, sie würde mit gerne den Strom ablassen, unter dem ich stehe. Dass ich so aggressiv bin, passe nicht zu mir, ich muss das los werden, diesen Zorn ablegen, den ich in mit trage, und der sich meist gegen mich selbst richtet. Aber wie?
Entspannungstherapien wie PMR oder autogenes Training geht bei mir nicht. Ich muss den Raum verlassen, sonst habe ich das Gefühl, die Fensterscheiben eintreten zu müssen.
Manchmal bin ich unerträglich unruhig, kann nicht still sitzen, muss laufen, und manchmal bin ich so erschöpft, dass mir zwar permanent die Augen zufallen, ich aber dennoch nicht zur Ruhe kommen kann.
Ich muss auf meinen Schlaf achten. Gehe früher ins Bett. Ballere mich dafür allerdings auch mit Medikamenten weg, sonst würde ich mich nachts am liebsten aufs Fahrrad setzen und die Tour de France nachspielen.
Zu Anfang der Tagesklinik hat mich diese Hoffnungslosigkeit eher niedergedrückt, ich hatte kaum Energie und wollte dauernd schlafen.

Mit den Patienten komme ich klar. Es gibt Spannungen, die ich vom letzten mal nicht kenne. Manche giften sich an. Dann mache ich den Abgang, das ist mir zu blöd. Ich bin meinetwegen da. Das will ich mir nicht versauen lassen.
Ein Cliquentyp war ich aber eh noch nie. Ich komme mit den meisten gut aus, die Patientin, die am gleichen Tag kam wie ich, ist mir am liebsten. Obwohl sie so unruhig ist wie ich, strahlt sie für mich eine Ruhe aus, die mir gut tut. Von mir behautptet sie das Gleiche, was ich fast nicht glauben kann, weil ich immer am zappeln bin. Vermutlich sind wir auf gleicher Wellenlänge.

Ich möchte am liebsten nicht mehr weg. Ich freue mich jeden Tag, dass ich in die Klinik kann. Sobald ich auf den Parkplatz fahre, löst sich etwas Spannung in mir.

Über Probleme, die ich lösen muss, möchte ich nicht sprechen. Ich will erst mal kräftiger werden, mir nicht noch mehr Gedanken machen müssen. Kommt dämliche Post vom Anwalt, schiebe ich das beiseite. Nicht jetzt. Ich habe keine Lust, mir meine Tage zu versauen, wo ich gerade damit beginne, sie wieder erträglich zu finden.

Vor Ostern hatte ich die ganze Woche Angst. 4 Tage ohne Klinik. Der heutige hat aber schon mal positiv angefangen.
Vielleicht werde ich malen. Oder lesen. Oder Hausarbeit erledigen. Ich wollte nichts planen.
Der Herzmann ist da, das beruhigt.
Ich kann ausruhen, nichts wird von mir erwartet. Ich habe meine Erwartungen an mich heruntergeschraubt.
Ach ja: für die einen vielleicht nebensächlich, für mich ein Zeichen, dass es besser wird: ich habe gestern ein pinkfarbenes Oberteil getragen. Kein schwarz 😉

Ich kann wieder einige Seiten am Stück lesen, ohne alles vergessen zu haben, wenn ich das Buch nach kurzer Zeit wieder weglege.

Ich werde weiter an mir arbeiten. Ich habe immerhin schon Hoffnung, dass es wieder besser werden kann. Ich schaffe das schon. Ganz bestimmt.

Aller Anfang ist schwer

2 Tage Klinik liegen nun hinter mir und das verhasste Wochenende vor mir, bis es Montag weitergehen kann.
Für mich ist es kein Problem, dass ich in einer psychiatrischen Klinik behandelt werde. Ich schäme mich nicht dafür und kann offen darüber reden. Anders als andere Patienten, die zum ersten mal dort sind und sich noch nicht trauen, offen darüber zu sprechen, weil sie sich vor dem Stigma fürchten und somit davor, geächtet werden. Oder Außenstehende, die sich für mich fremdschämen.
Ist mir egal.
Rückblickend auf mein Leben ist es kein Wunder, dass ich nicht „normal ticke“. Missbrauch, körperliche und psychische Gewalt –  ich habe einiges durch. Und es ist wohl ein Wunder, dass ich dafür doch noch „verhältnismäßig“ normal ticke.  Es wäre nicht untypisch, würde ich mich ritzen, hätte ich schon Suizidversuche hinter mir oder Psychosen, etc.
Also sollte ich dankbar sein, dass ich „nur“ unter schweren Depressionen leide.
Allerdings hatte ich in der Vergangenheit auch Ess-Störungen, litt unter Fress-Attacken und habe mir danach den Finger in den Hals gesteckt, um zu kotzen.  Irgendwann habe ich von alleine damit aufgehört.

Vorgestern war also der erste Tag. Alles war fremd, vieles ging schief wegen meiner Tollpatschigkeit und Vergesslichkeit. Für alle anderen kein Problem, für mich war aber klar: Versagerin! Kann mir nichts merken, höre nicht richtig zu, verstehe falsch.
Mit den Patienten kam ich nicht ins Gespräch, ich hatte auch nicht wirklich Interesse daran, wollte meine Ruhe haben und alleine sein. Außer rauchen, durch den Park spazieren oder auf einer Bank sitzen, habe ich nicht viel gemacht. Die Gespräche mit Personal und Arzt sind mir schwer gefallen. Immer alles wiederholen hat mich angestrengt.

Gestern war es schon etwas anders. Ich habe mich mit Patienten unterhalten. Die erste Ergotherapie mitgemacht. Aber beim Essen sitzen bleiben und mit den anderen am Tisch reden, war unmöglich. Ich konnte nicht still sitzen.
Das Therapiegespräch hat mich dermaßen fertig gemacht, dass ich so unruhig war, wie die Tage zuvor nicht. Die Ärztin hat mich erschreckt. Ich weiß, das meine Situation schlimm ist. Aber sie hat es noch viel, viel schlimmer gesehen. Sie sieht mich in Gefahr, ist der Meinung, ich schütze mich nicht gut genug und hätte das nie getan, weshalb mir alles, was passiert ist, eben passiert ist. Sie hält mich für leichtsinnig.
Was gut sein kann. Ich gehe z. Bsp. blind zwischen eine Schlägerei, wenn ich jemanden gefährdet sehe und will ihn schützen, ohne darauf zu achten, ob mir etwas passiert. Ich habe mich in der Vergangenheit schützend vor andere gestellt, denen Gefahr drohte, obwohl ich nicht unbedingt die körperliche Konstitution habe, die andere abschreckt. Ich bin klein und nicht besonders kräftig. Trotzdem ist mir nie etwas passiert, wenn ich andere beschützt habe. Ich kann schreien und drohen und ziemlich asi werden. Ich habe mir Schlüssel zwischen die Finger geklemmt und hätte sie als Schlagring benutzt, was ich auch angedroht habe, als ein Fremder meine Freundin bedroht hat.

Das alles tue ich aber nicht für mich, wenn ich in Gefahr bin. Es ist mir unerklärlich, warum nicht.
Schläge, andere Gewalt, Psychoterror habe ich gelähmt ertragen und konnte mich nicht schützen. Als Kind nicht. Als Erwachsene nicht.
Rückzieher, aushalten, nachgeben, aufgeben, andere ihren Willen lassen, damit Ruhe ist, war meine Devise.
Aktuell gibt es einen heftigen Streit im Umfeld, in den Anwälte involviert sind.
Nun fürchtet die Ärztin, es könnte auch andere Gewalt gegen mich geplant sein. Das klingt logisch, wenn man die Vergangenheit bedenkt, war mir so aber nicht klar. Ich bin, wie immer, blind für sowas, weil ich mich nicht in Gewalttäter hineinversetzen konnte und kann.
Es stehe zu befürchten, dass ich bei verbalen und erst recht bei körperlichen Angriffen in eine Schockstarre fallen könnte, die eine langwierige stationäre Behandlung erforderlich machen könnte.
Das ist doch alles nur ein schlechter Film, dachte ich. Muss man denn so übertreiben? Und wenn ich selbst in letzter Zeit solche Befürchtungen hatte, dachte ich immer, ich darf das nicht aussprechen, das ist doch paranoid.
Scheinbar habe ich aber aus meinen Erfahrungen nichts gelernt, denn es ist ja oft genug auch das Schlimmste, Unfassbare eingetroffen.

Ich weiß nicht, was ich machen soll. Die Ratschläge als übertrieben beiseite schieben? Angst haben und aufgeben, davonlaufen?
Ich will kein Opfer sein! Das wollte ich nie, und ich habe mich immer hochgekämpft, egal was passiert ist. Auch, wenn ich kaum was ertragen kann, wenn es um mich geht, ich will kein Jammerlappen sein!

Es arbeitet in mir. Ganz gewaltig.
Bei der Gesprächsrunde am Nachmittag wurde mir wegen meiner Unruhe Bedarfsmedikation verordnet. Hatte ich nie. Ich habe immer ausgehalten, dachte, das geht schon irgendwann wieder weg. Weil: auch wenn ich was zur Beruhigung bekomme, ändert das nichts an meiner Situation.
Dennoch habe ich gestern Abend eine Tablette genommen. Ergebnis: Null. Weder war ich ruhiger, noch konnte ich besser schlafen. Dann sollte ich noch eine nehmen, hatte man mir gesagt. Habe ich aber nicht getan. Das Wochenende ist ja noch lang. Wer weiß, was passiert, wie es mir geht. Vielleicht brauche ich dann die restlichen Tabletten.

Wird diese verdammte Scheiße je ein Ende haben?!
Ist das alles eine Strafe dafür, dass ich Dinge erreicht habe, die andere mir neiden?
Bin ich einfach nur schwach und absolut lebensunfähig?
Werde ich den Rest meines Lebens immer wieder in Kliniken verbringen, weil ich nicht klarkomme?
Aber auch: ich bin doch immer stark gewesen! Ich komme da wieder raus! Ich brauche nur Zeit!
Und ich werde wohl vieles ändern müssen. Dauerhaft kann wohl nur eine Besserung eintreten, wenn ich schwerwiegende Entscheidungen treffe, die unser Leben stark verändern. Heute kann ich das aber nicht. In meiner jetzigen Situation kann ich das nicht.

Bleibt abzuwarten, wie und ob ich Fortschritte mache.
Ich bin froh, wenn es am Montag mit der Klinik weitergeht.

Letzter Tag vor Klinik

Der Tag ist halb um. Und für meine Verhältnisse habe ich schon viel geschafft. Ich habe erfolgreich das Haus verlassen, weil niemand da ist, der mich anfeinden kann. Oma besucht, Probleme gelöst, Telefonat geführt.
Hinter meinen Augen hat es böse gerappelt, und stellenweise drohte der Tränenfluss überzulaufen, ich hatte mich dann aber wieder im Griff.

Leider muss ich heute nochmal aus dem Haus. Dass ich mich so anstelle, geht mir abartig auf die Nerven. Meine Angst frisst mich von innen auf. Ich kämpfe dagegen an und gehe ja raus, aber bis dieser Schritt getan ist, bin ich Tausend Tode gestorben.
Jetzt nur nicht wieder reinsteigern.
Morgen geht es los. Raus hier. Mit Fachleuten sprechen. Mit anderen, die genauso sind wie ich, den Tag verbringen. Dieses mal wird es anders sein, weil ich niemanden kenne, mit dem ich, wie letztes mal (vor 5 Jahren) schon wochenlang in stationärer Behandlung war, ehe es in der Tagesklinik weiterging. Oder den ich schon vom Sehen kannte, weil man sich beim Rauchen getroffen hatte oder im Café auf dem Klinikgelände.
Alle werden fremd sein. Darüber habe ich bisher am wenigsten nachgedacht, weil ich nur eins im Kopf hatte: Hilfe naht.
Auch über meinen Job habe ich mir in den letzten Tagen nicht den Kopf zerbrochen. Aber jetzt. Wie soll es weitergehen?
Ich habe keine Ahnung. Wenn ich Lösungen hätte, wäre ich nicht an diesem Punkt angelangt.
Es gilt, viele Probleme zu lösen, für die ich im Moment keine Kraft habe.
Ich muss erst wieder stärker werden.
Ich weiß, dass es einen Ausweg geben muss.
Und das weiß ich, weil es nicht das erste mal ist, dass es mir so geht, und weil ich so ziemlich alles gelesen habe, was mir zum Thema Depressionen in die Finger kam.
Warum konnte ich mich dann nicht schützen, warum kam es wieder so weit?
Ganz einfach: es kam schleichend. Du vergisst dich immer ein bisschen mehr. Vernachlässigst dich ein bisschen mehr, zweigst von deiner Zeit für dich Zeit für andere ab, die Hilfe brauchen. Oder für die Arbeit. Kümmerst dich mehr um andere Belange als um deine.
Gibst Hobbies auf, weil du keine Zeit mehr hast. Beginnst wieder, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.
Dass es wieder losgehen könnte, habe ich daran gemerkt, dass ich beim Blick in den Spiegel nur noch abwertende Gedanken hatte. Nur noch dunkle Kleidung trug. Keine Lust mehr auf irgendwelche Aktivitäten hatte. Keine Freude mehr empfinden konnte. Mir alles zu viel wurde, und ich permanent erschöpft war. Jedes Geräusch mich fahrig werden ließ. Ich wurde unruhig. Konnte das Grübeln nicht mehr lassen. Hatte nur noch schwarze Gedanken. Fühlte mich nicht mehr dazugehörig. Nirgends. Immense Zukunftsängste quälen mich. Ständig habe ich Schmerzen. Kopf, Rücken, sonst wo. Ich wurde immer stiller. Wollte nicht mehr reden.
Den Rest gaben mir Anfeindungen, mit denen ich nicht fertig werden konnte. Ich kann nichts mehr aushalten. Alles macht mich fertig.

Das kam alles nicht über Nacht.
Aber als ich es bemerkt habe, was es zu spät, und ich steckte schon wieder in der Abwärtsspirale.
Wenn Ihr solche Anzeichen bei euch bemerkt, sucht euch rechtzeitig Hilfe.
Lasst es nicht so weit kommen.
Aber selbst wenn es euch schon genauso geht: werdet aktiv oder bittet jemanden, euch zu helfen. Niemand sollte das Leiden ertragen müssen in dem Glauben, ihm sei nicht zu helfen!

Alles Gute für euch ❤

Depressive wollen kein Mitleid. Verständnis wäre aber nett.

Guten Morgen.

Dienstag. Heute und Morgen noch, dann naht der Aufnahmetag. Endlich. Die Rumhockerei zu Hause macht es nicht besser. Ich fühle mich fehl am Platz. Wobei ich dieses Gefühl überall habe. Nicht nur zu Hause. Ich bin erst ein paar Tage krank geschrieben, aber ich habe das Gefühl, es ist schon eine Ewigkeit so.
Gestern war ein ganz schrecklicher Tag, es wurde bis abends nicht besser. Dennoch habe ich es geschafft, bei der Vertretungsärztin die Einweisung zu besorgen und einen anderen Termin wahrzunehmen. An meiner Seite: mein Mann. Mit unendlicher Geduld. Stellenweise ist er mein Sprachrohr in die Welt, wenn mir die Worte fehlen. Einerseits ist das eine unendliche Hilfe. Andererseits belastet es mich, dass ich ihn so belaste. Und ich bin es nicht gewohnt, Hilfe und Unterstützung zu bekommen.

Ich versuche, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Klappt nicht.
Ich versuche, zu analysieren und mir korrekte Antworten zu geben: dass ich erwachsen bin, dass mir niemand mehr etwas Böses kann, dass ich mich wehren kann, etc. Klappt nicht.
Ich versuche, mich zu beschäftigen. Klappt nur bedingt. Aber immerhin. Meistens sitze oder liege ich auf der Couch. Eingehüllt in Decken. Lesen geht nicht. Musik hören geht nicht. An was schönes denken geht nicht. Entspannen geht also auch nicht.
Mich aufmuntern lassen geht auch nicht. Ich kann weder über Späße lachen noch „gute Ratschläge“ umsetzen, die lauten: mach dich doch nicht so verrückt. Denk einfach nicht so viel nach. Halte dir Probleme vom Leib.
Um mir dann später mit neuen Problemen in den Ohren zu liegen, die ja doch wieder ich lösen muss.

Ich verstehe eine Situation selbst nicht. Ich habe viel erreicht, musste immer kämpfen und habe es geschafft, und dennoch hauen mich diverse Dinge einfach so um, dass ich in die nächste Depression rutsche.

Mitleid will ich nicht. Verständnis wäre aber nett.
Hohn und Spott ernten wir zur Genüge. Wobei das ja meist von Idioten kommt, die ohnehin nicht wirklich wichtig sind. Eigentlich. Schlimm genug, wenn man die aber nicht so einfach los wird.
Ich muss tiefgreifende Entscheidungen treffen in nächster Zeit. Eine Depression ist dafür der denkbar schlechteste Zeitpunkt.

Versuchen wir, trotz allem ein bisschen stolz auf uns zu sein. Dass wir aushalten können. Immer wieder. Und uns nicht aufgeben.
Das ist keine Option. Das zu schreiben, ist einfach. Das Umsetzen fällt da schon schwerer. Aber es ist eben so.

Aufgeben ist keine Option.

Irrer Sonntag.

Aufwachen ist, als hätte mich jemand mit dem Vorschlaghammer in die Realität geholt.
Die Hühner vom Nachbarn sind so laut, als schrien sie durch ein Megaphon. Kirchenglocken dröhnen. Sonntag, 7 Uhr.
Sofort fühlst du, wie unruhig du bist, und die verdammte Hilf- und Hoffnungslosigkeit ist wieder da.

Gestern war doch ein guter Tag!

Heute macht mich jedes Geräusch wahnsinnig. Jedes an mich gerichtete Wort überfordert mich. Ich muss alle Kräfte aufbringen, zu überspielen, wie weinerlich ich bin.
Ich muss heute raus. Ich muss noch diverse Dinge zusammen suchen, weil morgen ein wichtiger Termin ansteht. Ich habe Dinge zu erledigen, die mich überfordern. Und ich muss kommende Woche in die Klinik. Jemandem ins Gesicht sagen, was los ist und warum. Und fremde Menschen in meine Welt lassen.

Das Kind hat furchtbare Angst, seit es erfahren hat, dass ich in die Klinik gehe. Selbst das Herunterspielen, dass ich nur früh genug reagieren will, hat nicht gefruchtet. Es gab Tränen und Wutausbrüche und Schuldzuweisungen gegen die, denen sie jede Schuld an meinen Depressionen gibt. Ihre Reaktion war zu erwarten. Und genau deshalb ist eine stationäre Behandlung unmöglich und Tagesklinik muss reichen. Ich kann nicht von ihr weg. Ich will es auch nicht. Ich will sie schützen und alles dafür tun, dass es bei ihr nicht soweit kommt. Dass sie ein zu Hause hat, wie ich es nicht kannte, dass sie eine Mutter hat, die hinter ihr steht. Egal, wie tief depressiv ich war, und wie sehr sie sich um mich kümmern wollte, ich habe immer klarstellen wollen, dass ich die Mutter bin, und nicht sie.
Es ist schlimm für ein Kind, diese Rolle übernehmen zu müssen, ich spreche da aus Erfahrung. Das wollte und will ich ihr ersparen.
Seit ich vor ein paar Tagen meine Krankmeldung bekommen habe, und die Diagnosen gesehen habe, bin ich zeitweise noch verzweifelter. Doppeldepression.
F34.1, F33.9, F32.2.
Im Moment kann ich nicht schrittweise denken. Im Moment denke ich nur: welche Hoffnung soll ich da noch haben, dass ich je ein normales Leben führen kann?
Wie soll das mit meinem Job weitergehen? Was soll aus uns werden, wenn es nicht so weitergehen kann?
Wie soll ich das Theater, das ich am Hals habe, mit Anwälten usw. aushalten, wie wird das enden?
Wie soll ich die Tage ertragen, die Angst überwinden? Diese Dünnhäutigkeit ist ein einziger Horrorfilm! Den möchte ich meinen Lieben so gerne ersparen. Und mir auch.

Durchatmen.

Ich bin nicht allein. Ich bin nicht allein.
Ich habe Menschen, die mich lieben, und die ich liebe.
Ich habe Freunde.
Es wird irgendwie weitergehen. Ich kann im Moment nur keine Lösung finden. Aber es wird Hilfe geben, und ich werde Schritt für Schritt wieder stärker werden. Ganz bestimmt.

Mein Mantra für heute.

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